M 250'
Dienstag, den 29. Oktober 1895
22. Jabraana
uldaer
mit Nuterhaltnngs-Kerlagr „Sterne und Slumeü".
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h „Reinliche Scheidung"
zwischen den Konservativen und den proteftanti- lchen Christlich-Sozialen wird wieder einmal verlangt. Vor tätigerer Zeit bereits veröffentlichte die konservative .Kreuzzeitung' eine lange Reihe von Ar- t»keln, welche sich gegen die „radikale" christlich soziale Richtung des Frankfurter Pastors Naumann, aber auch gegen das Organ der älteren christlich - sozialen Richtung, das ,Volk', in Berlin richteten, das bekannt- lich meistens als Sprachrohr Stöcker'S bezeichnet wird, aber doch unter der gewandten Redaktion des Assessors a. D. v. G e r l a ch oft auch gegenüber Stöcker ferne Unabhängigkeit behauptet. Dieses sehr flott und „schneidig", dabei populär geschriebene Blatt hat einen sehr bedeutenden Leserkieis, den es sicherlich nicht au h tzter Stelle feiner unerschrockenen Sprache und seiner nicht selten von der offiziellen konservativen Parteipolitik abweichenden volksthümüchen Politik verdankt. Stein Wunder, daß es der konservativen Parteileitung häufig recht unbequem geworden ist und daß diese froh wäre, wenn sie dem,Volk' in den konservativen Wählerkreisen den Boden entziehen könnte. Dasselbe gilt von der Naumann'schen Zeitschrift ,Die Hilfe' und der von anderen christlich-fozialen Predigern ndiqirtenZeitschrift ,Das Land'. Es sind das bie Organe der jüngeren christlich - sozialen Richtung, welche das Bestreben hat, die Christlich-Sozialen zu einer von den Konservativen völlig unabhängigen politischen Partei zu wachen, die vorwiegend die Interessen des Arbeiterstandes, namentlich auch des ländlichen Arbeiterstandes, vertreten soll.
Gerade dieses Eintreten für die Landarbeiter wird den christlich - sozialen Predigern (Rauh, Wittenberg u. a.) von den konservativen Parteihäuptern sehr verdacht. Auf den großen Gütern in den protestantischen Gegenden des OstenS liegen die Arbeiter-Verhältnisse thatsächlich ost genug sehr traurig, und wenn auch die Lage der Landwirthschaft gegenwärtig keine weitgehende Lohnverbesserung der Landarbeiter gestattet, so könnte doch seitens der Großgrundbesitzer in anderer Beziehung Mancher geschehen, um das Loos ihrer Taglöhner zu mildern. Es gibt Mißstände, wie z. B. das Wohnungs- Elend, in Bezug auf die Behandlung u. s. w., welche auch ohne größere Geldopfer beseitigt oder wenigstens sehr erheblich eingeschränkt werden könnten. Mögen nun die Bestrebungen jener Prediger vielfach zu weit gehen und namentlich viel zu einseitig sein, so fehlt denselben doch, wie man sieht, nicht ein berechtigter Kern. Die protestantischen Latifundienbesitzer des OstenS verwerfen aber die Bestrebungen zu Gunsten der Landarbeiter in Bausch und Bogen und wehren sich mit Leidenschaft gegen die „unberechtigte Einmischung" der Landgeistlichen in daS „patriarchalische" Berhältniß zwischen den Großgrundbesitzern und ihren Arbeitern. Die .Konserv. Korresp.' wirft z. B. dem pommerschen
Das Testament.
Original-Novelle von C l a r i f s e B o r g e s.
(4 Fortsetzung.)
Irenens Schluchzen übertönte jetzt die Worte des Mannes. Plötzlich hörte der junge Graf einen schweren Fall und mit einem Satz sprang er hervor. Irene lag leblos auf der Erde, und mit irrendem Blick und geballter Faust stand--der Diener Henri da. Mit
kräftiger Hand faßte der junge Graf den Elenden, zog ihn aus dem GlaShause und schleuderte ihn in die tiefe See.
„Ich werde mich schon rächen," zischte er, „ehe die Wellen ihn bedeckten, und da er als ein guter Schwimmer bekannt war, kümmerte sich der Graf nicht weiter nm ihn "
Irene lag noch leblos am Boden. Bruno richtete sie empor und badete ihr Gesicht mit wohlriechendem Waffer. Endlich schlug sie matt die Augen auf.
„O, Bruno rette mich, schütze mich; — ich sterbe, ftenn ich den Elenden wiedersehe."
„Ich kann Dir nicht helfen, wenn Du mir nicht zuvor die volle Wahrheit erzählst; welches Geheimniß kann zwischen meiner Schwester und einem Diener bestehen?" Irene schluchzte krampfhaft.
„O," flehte sie, „es ist nicht meine Schuld, aber ich darf es nicht sagen!"
„Unsinn! Du sollst und mußt sprechen."
Pastor Rauh „ungezügelten Haß gegen das Junker- thum" vor und schreibt, diese neue Landagitation könne für den inneren Frieden verhängnißvoller werden, als der verunglückte Zug der Sozialdemokratie auf die Dörfer.
Die konservative Parteileitung spricht deshalb in der ,Kons. Korr.' jenen Predigern die Zugehörigkeit zur konservativen Partei ad und verlangt, daß die Kirchenbehörde gegen dieselben einschreite. In der Begründung heißt eS u. A.: „Sie erblicken ihren Beruf in der Aufspürung von Mißständen, die sie dann verallgemeinern und in möglichst schwarzen Farben ausgemalt in der Oeffentlichkeit selbstgefällig breit treten..... Durch em solches,
lediglich den Klassenhaß schürendes und Unfrieben säendes Vorgehen wird begreiflicher Weise weder der Allgemeinheit noch auch dem „vierten Stande" etwas genützt, sondern einer Förderung gesunder sozialpolitischer Reformen lediglich entgegen gearbeitet. Diese ftiedens- ftörenbe Thätigkeit beruht einzig auf der verweiflichen Absicht, bie Arbeiter zu umschmeicheln und sich — nach Art der Sozi al bemok raten— einen möglichst zahlreichen Anhang von Unzufriebenen zu schaffen .. . ."
Wir wü'ben uns nicht wundern, wenn die christlich-sozialen Prediger darauf erwidern würden: „Man braucht in dieser Schilderung nur bie Worte „vierten Stande" und „Arbeiter" burch „Bauernstanbe" unb „Bauern" zu ersetzen, so hat man bie treffendste Charakteristik des Treibens beS „Bunbes ber Land wirthe", in bemboch gerade konservative Größen, wie v. Plötz, Graf Kanitz u. a., bie leitende Rolle spielen." Jedenfalls haben diese Herren zu dem Vorwurf, daß sie nur Hetzen, „um sich einen möglichst zahlreichen Anhang von Unzufriedenen zu schaffen," sehr viel mehr Anlaß gegeben, als die christlich-sozialen Prediger, deren guten Willen wir doch nicht so leichtfertig, wie es die ,Kons. Korr.' thut, in Abrede stellen möchten. Die Konfervativen sollten lieber sich bemühen, mäßigend auf diese Heißsporne einzuwirken, indem sie den berechtigten Beschwerden derselben abzu- helfen suchen. Die Abstoßung dieser eifrigen Elemente könnte ihnen dagegen sehr übel bekommen!
Deutsches Reich.
Berlin, 28 Oktober.
* Der Kaiser wohnte gestern Nachmittag dem zu Ehren des Andenkens des Prinzen Friedrich Karl veranstalteten Festessen im Hotel Kaiserhof bei und trat bann bie Reise nach Liebenberg zur Jagb an. — Der preußische Gesandte in Hamburg, Hr.v. K iderlen- W ächt er, ist vom Kaiser zur Theilnahme an der Jagd nach Liebenberg befohlen worden. — Der Kaiser wird, wie ans Groß - Lichterfelde bekannt wird, der Jubelfeier des Tages von Le Bourget bei den Gardeschützen am 30. Oktober Nachmittags beiwohnen.
„Ich muß sterben, wenn Du mich dazu zwingst; er hat geschworen, daß er mich tobten würbe."
„Nein, fürchte nichts, Du bist ganz sicher; ber Schurke ist fort."
Das zitternde Mäbchen schmiegte sich fest an ihren Bruder, bann sagte sie leise:
„Er will mich töbten; er sagte es mir, als ich vor einigen Tagen allein im Parke war; er hätte es gewiß dann schon getbau, wenn nicht Hilba unb Mr. Robinson zu meiner Hilfe gekommen wären. Ich will Dir noch mehr sagen," unb bas geängstigte Mädchen brückte ihre zitternden Lippen fest an bas Ohr ihres BrnberS: „es war Henri, ber in jener schaurigen Nacht mich forlschleppte, nachbem et mich zuerst mit Chloroform betäubt hatte!"
„Henri? unb ich habe ben Schurken entweichen lassen!" Sogleich nahm er bie bebende Gestalt in seine Arme unb eilte mit ihr bem Schlosse zu.
„Laß sie feinen Augenblick allem," rief er seiner Mutter zu, inbem er seine süße Bürde sanft auf ein Ruhebett legte; bann stürzte er hinaus. Fast hätte er seinen Vater umgerannt, ber im Portal des Schlosses stand und ein Telegramm in ber Hanb hielt.
„Warte doch unb lies," rief ihm ber alte Gras zu; bie Depesche war vom Polizei-Inspektor unb lautete:
„DaS Silber unb bie Diebe sind spurlos verschwunden. Ich kehre noch heute nach der Hauptstadt zurück, um die Nachforschungen dort fottzusetzen."
— Der Jagdbesuch des Kaiser« beim $au3mini fteF von Wedel-Piesdorf auf SchloßPiesdorf iftau' den 8. November festgesetzt. Se. Majestät trifft am 7. auf Piesdorf ein und nimmt am 8. an einer Jagd Theil.
* Der König von Portugal wird am Freitag (Allerheiligen)Vormittag in Köln eintreffen, wo militärischer Empfang stattfindet (der ihm hoffentlich Zeit läßt, seinen kirchlichen Verpflichtungen nachzukommen!). Der portugiesische Gesandte Vicomte be Pinbella reift seinem König bis zur Grenze entgegen; in Köln sind bie portugiesischen Konsuln zur Begrüßung versammelt. Ein königlicher Exirazug bringt benKönig nach ber Wildparkstation bei Potsdam, wo großer offizieller Empfang durch den Kaiser ftattfinbet. Der König nimmt im Neuen Palais Wohnung. Für Samstag ist ein Galadiner und eine Theatervorstellung (am Allerseelentage) im Neuen Palais, für Sonntag eine Frühstückstafel beim Prinzen Friedrich Leopold unb ein Familiendiner im Neuen Palais unb eine Galaoper in Berlin geplant. Am Montag wirb eine Hirschjazb im Wilbpark ftattfinben; bann wirb ber König der Rekruten-Vereibigung beiwohnen unb einer Emlabung bes 1. Garberegiments z F. zum Frühstück entsprechen. Abenbs erfolgt bie Abreise nach Vlijsingen bezw. London.
* Der Kolonialrath trat am Montag Vormittag im Auswärtigen Amte zu seiner Herbsttagung zusammen. Bei ber Generalbiskujsion über den Kolomal- etat brachte Domherr Dr. Hespers-Köln bie Fcage ber Unterdrückung be» Sklavenhandels in Sansibar zur Sprache. Allseitig wurde, wie ber .Reichsanzeiger' berichtet, anerkannt, baß bie beutschen Behörden mit besonderer Gewissenhaftigkeit und mit besonderem Erfolge bestrebt seien, die Vorschriften der Brüsseler Generalakte zur Durchführung zu bringen. Bet der Spezialberathung wurde dann zunächst über den Etat für Ostafrika verhandelt.
* In parlamentarischen Kreisen wirb eS vielfach besprochen, baß ber Reichstag bis zur Stnube noch nicht einberufen ist, obwohl hochwichtige Vorlagen der Berbefcheidung warten. Die Regierung übernimmt mit diesem Zögern, dessen Grund nicht klar zu erkennen ist, eine große Verantwortung; denn ruft sie den Reichstag nicht rechtzeitig ein, so ist derselbe auch beim besten Willen nicht in der Lage, fein Arbeitspensum rechtzeitig zu erledigen, da ihn der Etat schon eine bedeutende Spanne Zeit kostet. Wir meinen aber, daß die Regierung gut thun würde, sich richt neue Vorwürfe auf den Hals zu laden; denn sie kann die alten, größtentheils sehr berechtigten schon nicht mehr recht tragen. Die sozialpolitischen Reformen, welche das Centrum haben will, müssen in dieser Session daran kommen. Wie lange soll neben der endlichen Revision der Versicherungs-Gesetze bie liorhweubige thatkräftige Aufnahme bes Kampfes gegen ben unlauteren Wettbewerb noch hinausgeschoben wer-
5. Kapitel.
Nah und fern wurde die ganze Gegend nach dem Diener Henri durchsucht, doch vergebens. Es schien unmöglich, daß er ertrunken fei, denn er war als ber beste Schwimmer weit unb breit bekannt. Jedoch übte fein Verschwinden den besten Einfluß auf Irenens erregte Nerven au«, die nach wenigen Tagen sich von dem ausgestandenen Schrecken erholt hatte
Um sie ein wenig zu zerstreuen, wurde eine Fahrt nach einem nahegelegenen Berge verabredet, von wo man einen weiten Blick über das herrliche Adriatische Meer hatte.
Der Plan wurde schnell ausgesührt und nach kurzer Zeit befand sich bie heitere Gesellschaft am Fuße des BergeS. Mau theilte sich in Gruppen, um nach Belieben bie Gegeub zu burchstreisen; Hilda und Sara, bie jebe Begleitung zurückgewiesen hatten, schlenberten Arm in Arm im traulichen Gespräche langsam ben Berg hinan.
„Was füV ein herrlicher Tag! Die ganze Welt strahlt vor Glück unb Wonne, wie in einem Fest- gewanbe; unb mir ist das Herz so beklommen, wie vor einem bevorstehenden Unglück," seufzte Sara aus angsterfülltem Herzen.
Hilba schlang liebevoll ihren Arm um ben Hals ber geliebten Freunbiu.
„Was könnte geschehen? Dein Vater unb Mr. Robinson sinb nicht weit von uns entfernt, sie können