Vellage juü Milösev Leitung.
M 248
SclMsLcrg, öen 26. Hktober 1895.
22. Jahrgang
Das Testament.
Original-Novelle von Elarisse Borges.
(2. Fortsetzung.)
3. Kapitel.
Der Polizei-Jnspettor legte der Erzählung wenig Wichtigkeit bei; nach vielen Kreuz- und Querfragen schüttelte er ungläubig den Kopf.
„Die junge Dame scheint sehr nervös und erregbar zu sein," meinte er; „sie mußte natürlich Geräusch hören, es wurde ja im Schlosse getanzt."
„Aber sie hat doch ein Geschrei gehört!" versetzte Graf Bruno.
„Sie wird kein anderer Geschrei gehört haben, als ihr eigener, welches sie ausstteß, als ihr das Licht entfiel und sie sich im Dunkeln befand."
„Glauben Sie, was Sie wollen," dachte der junge Graf bei sich selbst und entfernte sich sehr unzufrieden mit den geringen Aussichten, das Geheimniß zu entdecken.
Der neue Tag war schon angebrochen; die Gäste hatten sich entfernt. Auf der Terrasse stand Gräfin Grifferh, so weiß wie ihr Spitzentuch, welcher sie in der Hand hielt.
„Noch nicht zu Bette, liebe Mutter? er ist schon sechs Uhr und Du siehst wirklich sehr angegriffen aus, oder willst Du warten, nm Dein Silber zuerst zu begrüßen, wenn es wiederkommt? fragte Graf Bruno scherzend.
„O, Bruno!" rief die Gräfin leidenschaftlich aur, und klammerte sich an den starken, kräftigen Arm ihres Sohnes, „wo ist Irene?"
„Das weiß ich nicht."
„Niemand weiß es; o, ich vergehe vor Angst. Sara hat überall gesucht; die Thür ihres Zimmers war verschlossen, darum ging sie durch das Eckzimmer, durch Hilda'L Schlafgemach und durch dieses in Irenens Zimmer, doch Irene war nicht zu finden."
„DaS stellt die Sache in einem ganz anderen Lichte dar," sagte der Mann des Gesetzes, der unbemerkt sich der Gruppe genähert hatte, „aber vielleicht ist die junge Dame im Park spazieren gegangen und dort einge- schlafen. Wir wollen keinen Augenblick verlieren und sie suchen, damit Sie beruhigt sind."
„O, mein Kind," jammerte die Gräfin und brach von Neuem in Thränen aus.
„Versuche ein wenig zu ruhen," bat der Graf, „sobald wir Nachricht haben, kommen wir zu Dir."
Aber Stunde auf Stunde verging, von Irene fand sich keine Spur, und die Sorge der Suchenden wurde immer größer. Wo mochte sie sein? ES herrschte Todesstille in dem sonst so heiteren Schlosse.
„Habt Ihr Nachrichten?" fragte Sara, als der Graf später mit Bruno das Speisezimmer betrat.
„Gar keine!" lautete die traurige Antwort, „aber wir wollen noch einmal die Kellergewölbe durchsuchen, obgleich die Polizeibeamten schon zwei bis dreimal dort gewesen find."
„Wir wollen es noch einmal versuchen," sagte Mr. Robinson; „vielleicht begleiten, uns die Damen, wenn es ihnen in den Gewölben nicht zu schaurig ist."
Hilda und Sara waren gern bereit; denn die Ungewißheit war ihnen unerträglich geworden.
„Hier ist der Eingang," sagte Bruno, als er eine steile Treppe herabstieg, die an der nördlichen Seite des ThurmeS angebracht war. Dann zog er einen Schlüffel aus der Tasche und öffnete eine schwere mit Eisen beschlagene Thür.
„Ist dies der einzige Eingang?" fragte Mr. Robinson, als sie das Gewölbe betraten.
„Rein, der Sage nach soll noch ein anderer vor- handeu fein, und zwar vom Eckzimmer aus, aber Nie- mand hat ihn entdeckt."
Hilda schauderte. Die eisig kalte Lust in dem Kellergewölbe machte sie ftösteln, und Mr. Robinfon, der eS bemerkte, drückte sanft die zitternde Hand.
Bald hatte Jeder eine brennende Kerze in der Hand und man konnte das große steinerne Gewölbe leicht in Augenschein nehmen. Mächtig große Spinnengewebe hingen wie schwere Feston in den Ecken und die feuchten Wände waren mit Schwämmen und Pilzen bedeckt.
Durch eine enge steinerne Thür gelangte man in einen zweiten Raum, der ebenso wie der erste beschaffe war und in den kein Schimmer der Außenwelt dringen konnte. An den Wänden befanden sich große Quadersteine, die vom Boden bis zur Decke reichten.
„Hier," erklärte Bruno, „ist der älteste Theil der Schlöffe«. Rings umher sollen sich die Zellen befinden, in welchen in alten Zeiten unglückliche Gefangene lebendig eingemauert worden sein sollen."
„Weich' ein grauenvoller Ort," flüsterte Sara, „ich
bin früher noch nie hier gewesen; was mag wohl jetzt im Innern diefer Zellen sein?"
„Nichts als Gebeine, denn in diesem Zustande sind fie seit Jahrhunderten gewesen," sagte Bruno.
Hilda ging mit ihrem Lichte langsam von Stein zu Stein, gleichsam als wollte sie untersuchen, wie die mächtigen Steine in einander gefügt waren.
„Hier ist nichts zu entdecken," sagte Bruno.
„Gar nichts. Laßt uns weiter gehen," bat Sara.
„Was ist dar?" rief Hilda plötzlich. „Der Mörtel ist hier ganz frisch und noch naß!"
„Wahrhaftig! Der Cement ist ganz weich, rief Bruno voll Bestürzung. „Wie konnte ich das übersehen? Kommen Sie, Mr. Robinson, helfen Sie mir!" Der junge Graf begann mit seinen feinen Fingern die rauhen Steine loszubrechen und bald fiel einer dröhnend in die Tiefe.
„Kannst Du hinein sehen?" flüsterte Sara.
„Das Loch ist noch nicht groß genug,“ erwiderte der junge Graf ebenso leise.
Aber im nächsten Augenblicke war ein größerer Stein entfernt.
„Sieh hinein," bat Sara mit tonloser Stimme. Aber ihr Bruder wich zurück. Alle Schrecken, welche diese Zelle möglicherweise verbergen konnte, standen vor seiner Seele.
Mr. Robinson nahm sein Licht und sah in die Tiefe.
„Irene ist da!" rief er aus und zog hastig den Kopf zurück.
„Dann ist sie tobt," stöhnte Bruno und wäre ohn- mächttg zusammengebrochen, wenn Mr. Robinson ihn nicht mit starken Armen unterstützt hätte.
„Fasten Sie Muth wie ein Mann!" flüsterte er ihm in's Ohr, „wir müssen sie so schnell wie möglich in die ftische Luft bringen, vielleicht ist fie noch zu retten."
Schnell gaben sich die Herren an die Arbeit. Stein um Stein wurde entfernt und bald war die Oeffnung hinreichend groß, daß Bruno in das Innere der Zelle gelangen konnte. Zärtlich nahm er seine Schwester auf den Arm und unterstützt von ben Uebrigen trug er bie Bewußtlose bie steile Treppe hinauf.
„Lebt sie noch?" fragte Sara ängstlich.
Mr. Robinson fühlte ihr ben Puls.
„Sie lebt!" lautete bie Antwort unb Hilda eilte, der ängstlich harrenden Gräfin die Botschaft zu verkünden.
Nach einigen Minuten lag Irene auf ihrem Bette und der schnell herbeigerufene Arzt versuchte jedes Mittel, die Ohnmächtige dem Leben zurückzugeben. Nach seiner Ausfage war eine übergroße Dosis Chloroform angewandt worden, um das Opfer zu betäuben, und unter deren Einfluß lag sie noch still da.
Endlich erwachte sie, aber sie war noch zu schwach, um sprechen zu können.
Am andern Tage bat der Polizei-Inspektor um die gütige Erlaubniß, einige Fragen an die Kranke richten zu dürfen.
„Bedenken Sie," sagte der Graf, „daß meine Tochter noch sehr schwach ist und der Arzt die größte Schonung geboten hat; doch da es sehr wichtig ist, daß die Uebelthäter ergriffen und bestraft werden, bewillige ich Ihnen eine kurze Unterredung."
Der Mann des Gesetzes verneigte sich und folgte dem Grafen in das Krankenzimmer.
„Irene," begann der Vater, „willst Du diesem Manne erzählen, waS sich in jener Nacht ereignete?"
„Ich darf nicht, ich darf nicht!" rief sie erschrocken auS, „man wird mich tobten!“
„Glaubst Du nicht, baß wir Dich behüten können?" fragte bet bekümmerte Vater unb streichelte sanft ihre fiebernben Wangen.
„Ich kann mich nicht genau erinnern, flüsterte sie enblich leise. „Ich ging in mein Zimmer, um mich ein wenig vom Tanzen auszuruhm, unb bann . . ."
„Hörten Sie ein Geräusch?" fragte bet Beamte gespannt.
„Ja, eS schien, als würbe im Eckzimmer ein schwerer Gegenstanb geschoben. Dann kam Hilba mit einem Lichte in bet Hanb; aber im selben Augenblicke würbe mir ein Tuch, das stark mit Chloroform getränkt war, über den Kopf geworfen. Ich schrie laut auf, aber eine Stimme flüsterte mir inS Ohr: „Sei still, ober ich töbte Dich!" Dann verlor ich bie Befilmung."
„Ist bas Alles, was Sie wiffen?“ fragte nun bet Beamte.
„Ja, Alles!"
„Haben Sie kein Gesicht gesehen?“
„Nein, eS war ganz bunkel."
„Würben Sie die «Stimme wieder erkennen ?"
„Ich weiß nicht — ich glaube kaum,“ erwiderte sie zögernd.
„Haben Sie die Stimme schon früher gehört?" forschte der Mann weiter.
Irene zitterte und sank erschöpft in die Kissen zurück.
„Es ist genug für heute," bemerkte der Graf. „Sie sehen, meine Tochter ist nicht stark genug, weitere Fragen zu beantworten."
Der Beamte entfernte sich. „Ich möchte nur wissen, welche Stimme sie gehört hat," dachte er bei sich selbst. (Forts, folgt.)
Dr. N. Unser überseeischer Handel.
Mil welcher Aufmerksamkeit unsere Nachbarn jenseits des Aermel-Kanals die deutschen Fortschritte im überseeischen Handel verfolgen, ist bekannt. Insbesondere erregen in der neuesten Zeit die Fortschritte, welche die vom Norddeutschen Lloyd betriebenen Reichsvostdampfer-Linien nach Ostasien und Australien zu verzeichnen haben, die Aufmerksamkeit der Engländer in hohem Grade. Das in Liverpool erscheinende.Journal of Commerco' bringt darüber u. a. einen langen, sehr eingehenden Artikel, in welchem die Fottschritte der deutschen Reichspostlinien in einer für uns höchst erfreulichen Weise beleuchtet sind. Es hat sich darnach in den letzten fünf Jahren die Güterbeförderung annähernd verdoppelt. Während im Jahre lf9O auf der oftafiatischen Linie ca 67 000 cbm. Ladung befördert wurden, zeigt das Jahr 1894 ein Quantum von über 112 000 cbm. Auf der australischen Linie ist die Frachtbewegung von 57 000 cbm. im Jahre 1890, auf 77 500 cbm. im Jahre 1894 gewachsen. Dabei ist das Angebot von Fracht ungleich größer als die zur Verfügung stehenden Schiffsräume. Der letztere Umstand ist um so bemerkenswetther, als der Norddeutsche Lloyd unausgesetzt neues Schiffsmaterial in die Linien eingestellt hat und insbesondere in den letzten zwei bis drei Jahren eine vollständige Erneuerung der ReichSpostdampfer-Flolte hat eintreten lasten. Während beim Anfang des Bettiebes der Reichspostdampfer-Linien der Tonnengehalt der nach Ostasien fahrenden Dampfer sich auf ca. 45 000 R. T. also für jeden Dampfer auf 3450 Tonnen belief, stellte sich derselbe im Betriebsjahr 1894/95 aus ca. 71 000 Tonnen, d. h. für jeden Dampfer auf etwa 5450 Tonnen. Für Australien ist der Tonnengehalt der Dampfer in demselben Maße gewachsen. — Abgesehen von der erfreulichen Thatsache, welche in dem Anwachsen des Frachtverkehrs zu sehen ist, darf man mit besonderer Genugthuung konstatiren, daß auch im Passagier-Berkehr die Dampfer des Norddeutschen Lloyd seitens der Passagiere aller Nattonen nach und vom fernen Osten bevorzugt werden.
Vermischtes.
* Bocholt, 25. Okt. Unter den Trümmern der eingestürzten Spinnerei hat man nun im Ganzen 20 Tobte ausgegraben.
* WöriShofen, 25. Okt. Die ,Postztg.' meldet: Auf die zahllosen Verdächtigungen Wörishofen's seitens einer Preßcligue, der Herr Prälat Kneipp ein Dorn im Auge ist, haben die Kurgäste dem Herrn Prälaten eine mit außerordentlich zahlreichen Unterschriften von Damen und Herren versehene Adresse überreicht, in der gegen die Behauptung, daß Wöris- hofen die sittlichen Schäden eines Weltbades anhängen, lebhaft protestirt wird.
Literarisches.
Kneipp-Kalender. 6. Jahrgang. Verlag der Jos. Kösel'schen Buchhandlung. Preis 50 Pfg.
Mit einem sehr interessanten und beachtenswerthen Aufsätze über die Kinderpflege eröffnet Herr Prälat Kneipp den diesjährigen Kalender. An diesen reiht sich eine Anleitung, wie man einfach, glücklich und wohlfeil leben könnte, sowie eine hübsche, belehrende Erzählung: „Was man auf dem Lande lernen kann," beides von Prälat Kneipp, der sich hier auch als ein gewandter Erzähler zeigt und in dieser Form seine in der That unanfechtbaren Vorschriften und Lebensregeln populär zu machen bestrebt ist. Auch aus seiner „Hausapotheke" weiß er einige neue heilkräftige Pflanzen zu empfehlen: den Löwenzahn, den Sauerampfer und die Erdbeere. Einige kleinere Aussätze und eine interessante Chronik aus Wörishofen vom 1. August 1894 bis 1. August 1895 bilden den Schluß des Kalenders, der wohl wie seine Vorgänger in Tausenden von Familien als ächter und treuer Hausfreund willkommen geheißen und das Jahr hindurch oft zu Rathe gezogen werden wird. Ein hübsches Titelbild: „Eine Sprechstunde bei Prälat Kneipp" nach einem Oelgemälde des Herrn Malers E. Sauter, sowie zahlreiche Illustrationen im Texte bilden einen äußeren Schmuck des Kalenders, der daher wiederum mit Recht auf's beste empfohlen werden darf.
Der Postdampfer „Westernland" der „Red Star Linie" in Antwerpen ist laut Telegramm am 22. Oftober wohlbehalten in New-Dork angekommen.
Der Dampfer „Switzerland" der „Red Star Linie" in Antwerpen ist laut Telegramm am 23. Oktober wohlbehallen in Philadelphia angekommen.
Köstritz, im Fürstenthum Reuß j. L. gelegen, gehört zu den kleinsten jedoch nicht unbedeutensten Städten des Reiches.
Außer den Fachlehranstalten, dem landwirthschastlichen Institut und der Gärtnerschule, welche zu den stärkst besuchtesten in ganz Deutschland gehören, besitzt Köstritz große Gärtnereien, ein Sand und Minerasbad und die fürstliche Brauerei, welche das berühmte Köstritzer Schwarzbier braut, was von Bleichfüchtigeu, Wöchnerinnen und Ammen als eines der wichttgsten Heil- und Stärkungsmittel gerühmt und gepriesen wird.
Von allen ärztlichen Autoritäten ist die heilsame Wirkung des Köstritzer Bieres anerkannt worden und wird ihm besonders seine heilsame Wirkung auf die Verdauung und den gedämmten Stoffumsatz nachgerühmt.
Möge Keiner, der seinem Körper eine Stärkung an gedeihen lassen will, versäumen, sich in den Niederlagen der Köstritzer Brauerei diesen Labetrunk zu holen. Die Bezugsquellen sind aus dem Jnseratentheil leicht zu ersehen.