Einzelbild herunterladen
 

M 248

Samstag, den 26. Oktober 1895

22. Jahralmn

iiidacr

Z

kltllllg

mit Unterhalt«»g»-Keilage „Sterne und Klnmen".

i Hier;« eine Heilage. I

: '■■: iniii.iiiu.i

O^OuGchichtchliAchvstzi

für die Monate November and Vexember

werden Abonnements auf die

HF* Fuldaer Zeitung

nebst der illustrirten Sonntagsbeilage ,Sterne und Blumen^ von allen Postanstalten, sowie Landbrief­trägern, Zeitungsträgern und von unserer Expedition (Harmonie) zum Preise von 1 Mk. (nebst Bestellgeld) jederzeit entgegengenommen.

H Politische Skandale.

Wir stehen noch immer im Zeichen der Skandale. Nachdem einmal der Hammerstein-Krach zur öffentlichen Erörterung unsauberer Geschichten geführt hat, die besser nicht vor die breite Oeffentlichkeit ge­bracht worden waren, läßt es sich nicht mehr ver­meiden, auch von anderen „ Enthüllungen" dieser Art Kennrniß zu nehmen. Das ist „der Fluch der bösen That", dessen Folgen sich auch Diejenigen nicht ent­ziehen können, die, wie wir, das Hinüberspielen des politischen Kampfes auf das persönliche Gebiet aufs Schärfste verurtheilen, weil es unsittlich und ein Zeichen des Verfalles ist. Da aber, wie der Fall Hammer- stein zeigt, diese Skandale ausgenutzt werden, um den Gang der Politik zu beeinflussen, und auch thatsächlich nicht ohne Einfluß auf die politischen Verhältnisse find, so kann der Politiker lewer nicht achtlos an ihnen Vorbeigehen.

ES ist nur gut, daß die Skandalmacher bei ihrem unsauberen Beginnen stets sich selbst besudeln und so für ihre eigene Bestrafung sorgen. Denn wer auf einer so niedrigen sittlichen Stufe steht, wie derjenige, dem der Schmutz als politische Waffe gut genug ist, ist kaum besser als der Gegner, den er durch Aus­beutung seiner privaten Versündigungen zu vernichten trachtet, und darum läßt sich von ihm auch ohne Weiteres annehmen, daß er selbst, wie der VolkSmund sagt, genug „Dreck am Stecken" hat. Im Falle Hammerstein bewährt sich diese, durch die Erfahrung vielfach nachgewiesene Wahrheit aufs Neue. Die Liberalen, die im brüderlichen Verein mit den Sozialdemokraten den Fall Hammerstein zu einer politischen Hauptaktion gegen die Konservativen aus- benteten, mußten sich alsbald sagen lassen, daß das Privatleben auch mancher der Ihrigen Schmutz genug aufzuweisen hatte. Wir wollen hier nur an den nationalliberalen Abg. vom Heede erinnern, der durch Selbstmord geendet, nachdem er Betrügereien und Veruntreuungen im ärgsten Maße lange Zeit, und kaum ohne Mitwissen mancher seiner Partei­genossen. verübt hatte. Und wollte man alle die mit der Kasse durchgebrannten Kassircr sozialdemokratischer Vereinigungen aufzählen, wahrlich, es gäbe eine lange Liste.

Die Freisinnigen werden für ihren Eifer in dem Schmutzkampfe gegen die Konservativen auf eine ganz besonders drastische Art bestraft. Mit lautem Jubel und hellem Hohn auf die „fromme Kreuzzeitung" verkünden die freisinnigen Blätter, daß nun auch gegen den Vorgänger des Herrn v. Hammerstein in der Re­daktion der,Krcuzztg.', den früheren Abg. v. Nathu- siuS-Ludom, em Strafverfahren wegen Be­truges, Unterschlagung und Urkundenfälschung einge- lntkt worden sei. Das christlich-soziale .Volk' ant­wortet aber sofort darauf mit der Auffrischung einer Enthüllung, die Franz Mehring vor Kurzem in der wzraldemokratischen .Neuen Zeit' gemacht hat. Herr Mehring, der frühere Chefredakteur der Cohn'schen demokratisch - freisinnigen ,Volkszeitung', »zah!t von seinem eigenen Vorgänger in diesem Amte Dinge, die wir Anstand nehmen wörtlich wiederzugeben. Soviel sei nur erwähnt, daß dieser — Dr. Adolf Phll'pps hieß er und war Jude — Untreue und Unterschlagungen, z. B. an einem Waisenfonds, be­gangen haben soll; auch hier hat eine „Dame" eine

des Vorgehens ist, die liberale Schöpfung in Mühlheim lebensfähig zu machen. Wo bleiben aber da die

Rechte der Eltern und der Kirche? JnFolge des Verhaltens der Behörde wurde Herrn Krauß zu Mühlheim a. M. kirchlicherseitS untersagt, sich an der

Rolle gespielt, und dabei war Philipps verheirathet. Der Biedermann war Landwehroffizier, Reichstags- Abgeordneter und Chefredakteur — also ganz wie Hammerstein. „Aber," so erzählt Herr Mehring weiter, „der Mann hatte das Glück, rechtzeitig zu sterben" und wurde in allen Ehren begraben, wobei ihm die Herren Virchow und Lenzmann gerührte Nachrufe widmeten, während Herr Hermes, „der stets die Latrrne der freisinnigen Tugend zu fegen hat," mit Dietrichen den Schreibtisch des tobten Freundes er­brach, um alle verrälherischen Spuren „unter unsauberen Kalauern zu vernichten." Dank dieser „umsichtigen Strategie" sei es gelungen, den Skandal zu vertuschen. . . . Die ,Freis. Ztg.' behauptet, erft nach dem Tode des Philipps seien die Vergehen desselben heraus­gekommen; zu näheren Nachforschungen liege jetzt ein politisches oder praktisches Interesse nach keiner Richtung vor. Wie naiv! Für die angegriffenen Konservativen besteht ein solches Interesse doch zweifellos. Wie können die Freisinnigen auf Schonung rechnen, nachdem sie so lange mit höchster Wonne die schmutzige Wäsche der Konservativen gewaschen?

Wir sprechen in dieser Sache ganz ohne Vorurtheil, denn wir sind an all' diesen Geschichten ganz unbe- theiligt. Dem Centrum hat Niemand etwas am Zeuge flicken können, und seinerseits hat das Centrum und j seine Presse auch gegen Andere nicht mit den unsauberen Waffen operirt, wie die liberalen und sozialdemo­kratischen Blätter. Wir möchten vielmehr dringend wünschen, daß die Ausbeutung privater Vergehungen zu politischen Skandalen nunmehr endlich aufhören möchte.

| man sieht, stehen die Reichsfinanzen so günstig, daß für neue Steuern nicht das geringste Bedürfniß vorliegt.

* Der Chefredakteur des .Vorwärts' und sozial­demokratische Reichstagsabgeordnete Liebknecht legte kürzlich in einer sozialdemokratischen Versammlung zu Altwaffer in Schlesien den Genosien ganz besonders die Agitation in der Familie an's Herz, um | die Jugend für die Sozialdemokratie zu gewinnen. Wie eine boshafte Jronisirung dieser Empfehlung wirkt die Thatsache, daß Herr Liebknecht in seiner eigenen Familie als Agitator wenig Geschick eht« wickelt! Bekanntlich ist Liebknecht'- ältester Sohn jüngst zum preußischen Landgerichtsreferendar in Elberfeld ernannt worden. Der junge talentvolle Mann hat, wie bei dieser Gelegenheit betont wurde, bei ver­schiedenen Gelegenheiten seiner vaterländischen und königstreuen Gesinnung in unzweideutiger Weise Aus­druck gegeben. In sozialdemokratischen Kreisen wird versichert, daß Liebknecht's Gattin, Frau Natalie Liebknecht, ihre Söhne in eine entschieden natio­nale Richtung gebracht habe. Ist dem so, dann beweist die Mittheilung, daß alle sozialdemokratische Agitation gegen die gesunden mütterlichen Instinkte tüchtiger Frauen ohnmächtig ist.

* Um für die Werkstätten der Regimenter, die im nächsten Jahre sämmtlich eingehen, im Bereich des Gardekorps und 3. Armeekorps einen Ersatz zu schaffen, ist in Spandau, wo sich bereits ein Bekleidungsamt befindet, die Errichtung großartiger Centralwerkstätten geplant, in denen sämmtliche Uniform- und Montirungsstücke angefertigt werden sollen. Damit ist auch eine allmähliche

i Umwandlung in Institute mit Civilarbeitern vorge- I sehen, während bisher nur Oekonomiehandwerker be- I schästigt wurden. Als Bauterrain ist der große | Exerzierplatz an der Potsdamer Chaussee in Aussicht I genommen, der sich nach der neueren Taktik für mili- j tärische Hebungen nicht mehr eignet und vor einiger Zeit vom Militärfiskus zum Berkaus gestellt worden war. Nunmehr soll nur ein Theil des 120 Morgen großen Terrains veräußett werden.

* Die voraussichtliche Zuckerproduktion des Jahres 1895/96 im Vergleich mit der des Jahres 1894/95 ist von dem Verein der Rohzuckerfabrckanten im Deutschen । Reich durch eine internationale Umfrage bei den einzelnen Fabriken wie folgt festgestellt worden: Für Deutschland wird die Zuckerproduktion vor­aussichtlich zurückgehen von 1,831,624 Tonnen im Vorjahr auf 1,431,000 Tonnen in diesem Jahr. Die zu verarbeitende Rübenmmge wird in diesem Jabr an­genommen auf 10,861,000 Tonnen gegen 14 525,559 Tonnen im Vorjahr. Die Zuckerproduktion in Oest r ceich- Ungarn wird voraussichtlich zurückgehen von 1044,516 auf 716,000 Tonnen, in Frankreich von 745,073 auf 618,523 Tonnen, in Belgien und Holland von 321,400 auf 311,400 Tonne.n Für Rußland ist eine Steigerung der Produktion zu erwarten von 591,391 auf 603,000 Tonnen. Jnsqekammt ergiebt sich also danach voraus­sichtlich für 1895/96 eine Produktion von 3,680023 Tonnen Zucker gegen 4,534,004 Tonnen im Vorjahr. Dies würde also einer Einschränkung der Pro­duktion um nahezu 20 pCt. gleichkommen.

* Eine neue kulturkämpferische Maßregel wird aus dem Großherzogthum Hessen gemeldet. Dort be­stehen zwei katholische Erziehungs-Anstalten für Waisen und verwahrloste Kinder in Klein - Zimmern und in Neustadt i. O. Nachdem nun in diesem Jahre bei Mühlheim a. M. für den Kreis Offenbach ein simul­tanes ErziehungshauS für verwahrloste Kinder aus dem Kreise Offenbach errichtet worden ist, hat das Groß- herzogl. KreiSamt Offenbach verfügt, daß die in den katholischen Anstalten befindlichen Kinder aus dem Kreise Offenbach in daL simultane Erziehungshaus ein­zuliefern seien und hat trotz der Einsprachen der Eltern und Vormünder und des Bischofs diese Maßregel durch Gensdarmen ausführen lassen. Kreisrath Haas er­klärte dem Bischof: „Die Unterbringung der Kinder ist rein unsere Sache." Herr Haas beruft sich auf Artikel 8 deS Gesetzes vom 11. Juli 1887. Das Motiv

Deutsches Reich.

Berlin, 25. Oktober.

* Der Kaiser empfing heute Vormittag den neu­ernannten österreichisch-ungarischen Militärbevollmäch­tigten, Major Pririz Schönburg, zur Meldung. Zur Frühstückstafel im Neuen Palais waren das Kron­prinzenpaar von Schweden und Großfürst Michael von Rußland geladen.

* Der Buudesrath hat abermals die Reichstags­resolution auf Gewährung von Diäten an die Reichstagsabgeordnten abgelehnt. Der An­trag wird zweifellos wiederkehren.

* Der König von Portugal wird am 1. Novbr. in Berlin erwartet und drei Tage hier bleiben. Er geht von hier nach London, wo man ihm einen be­sonders festlichen Empfang zu bereiten gedenkt. Zu seinen Ehren wird der Herzog von Connaught von England nach Berlin kommen, um ihn demnächst hinüber zu geleiten. Vom 4. November an liegt die königliche Yacht „V-ktoria and Albert" zur Ueberfahrt bereit. Die Königin Viktoria gedenkt in Windsor Castle am Könige die feierliche Investitur mit Kette und Mantel des Hosenbandordens zu vollziehen.

* Bei der R.eichstagsersatzwahl in Pleß- Rybnik ist Frhr. v. Hueue (Cir.) gegen den pol­nischen Sonderkandidaten Radvanski gewählt worden.

* Die Reichseinnahmen für 1896/97 sind nach der ,Berl. Korresp.' insgcsammt auf rund 14 Mil­lionen Mark mehr als für 1895/96, nämlich auf 695,7 Millionen Mark gegen 681,6 Mill, im laufenden Rechnungsjahre. An dem Mehr sind hauptsächlich die Zölle (356 gegen 3481/* Mill ) und die Börsensteuer nebst Lotteriestempel (51 gegen 45 Mill.) beteiligt. Wir glauben, daß damit die voraussichtlichen Mehr­erträge des nächsten Rechnungsjahres noch viel zu niedrig angesetzt sind; die Ansätze entsprechen jeden­falls nicht der starken, den Voranschlag weit über­holenden Steigerung der Reichseinnahmen im laufenden Jahre. Oder glaubt man wirklich, mit den niedrigen Schätzungen noch immer Stimmung für neue Steuern machen zu können? Soeben wird im ,Reichsanz.' der Ausweis für das erste Halb­jahr deS laufenden Etatsjahres (1. April bis 30. Sep­tember) mitgetheilt. Daraus ergibt sich bei den Zöllen ein Mehr von fast 11 Millionen Mark gegen denselben Zeitraum des Vorjahres, beim Börsenstempel von 7,3 Mill., beim Lotteriestempel von fast 4 Mll, bei der Post von 8,3 Mill.» bei den Reichseisendahnen von 2 Mill. Mark. Dagegen spielen die Mindererttäge bei einigen Steuern keine große Rolle und sind nur bei ; Ull Zucker und Branntwein (je 2V< Mill.) erheblich. Wie : feierlichen Eröffnung der Simultan-Ansta'lt zu bethes