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Freitag, den 25. Oktober 1895

22. Jahrgang

mit Nnterhaltnrrgs-Keilage „Sterne und Klumen".

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Die soziale Frage kommt erheblich kürzer weg. Graf Sabeni spricht wohl von der Pflicht der Re­gierung, die Umwälzung oder Vernichtung der Gesell­schaftsordnung zu verhindern, und betont dann die Bedeutung des religiösen Momentes im Staatsleben, derPflege der religiösen Ge­fühle und einer sittlich-religiösen Erzieh­ung, aber praftische Maßnahmen stellt er weder auf dem kirchen-, noch schul-, noch sozialpolitischen Gebiete in Aussicht. Immerhin dürfen wir unsere Freude darüber aussprechen, daß Graf Badem die Wichtigkeit der Religion im Kampfe für die Erhaltung der Ordnung so warm anerkennt, und möchten nur hoffen, daß den schönen Worten auch seine Thaten entsprechen werden. Leider läßt der Elfer, mit dem sich Graf Badeni gleich darauf gegen die Auffaffung verwahrte, als ob er „reaktionäre Tendenzen" hege, befürchten, daß Graf Badeni doch ängstlich vermeiden möchte, bei den Liberalen in den Geruch eines „kirchlichen Reaktionärs" zu ge- rathen.

Als „Arbeitsprogramm" für die nächste Zett zählte Graf Badeni dann folgende Aufgaben auf: Er­ledigung des Budgets noch in diesem Jahre, Er­neuerung des Ausgleichs mit Ungarn, Vor­legung eines Wahlreformentwurfs, Verbesserung der sozialen Lage der unteren Volksschichten, Fort­führung der Steuerreform und Einführung einer neuen Civilprozeßordnung. Ob dem Mini­sterium Badeni beschieden sein wird, dieses inhalts- und klippenreiche Programm voll durchzuführen, steht dahin.

Besondere Beachtung verdient schließlich, was Graf Badeni über das Berhältniß der neuen Regie­rung zu den Parteien äußerle. Sie will gegen­über allen Parteien völlig frei dastehen und bleiben, sie will führen und sich nicht bald von dieser, bald von jener Strömung treiben lasten, sie rechnet haupt­sächlich auf diejenigen Parteien, die, auf sittlicher Grundlage gebildet, ideale Ziele, wenn auch mit prak­tischer Unterlage anznstreben befähigt seien. Dieses Wort wird nur dann einen Sinn und Inhalt erhalten, wenn sich die neue Regierung auf die christlich-kon­servativen Parteien stützt. Indessen soll die Vor­hergehende Bemerkung von der Freiheit der Regie­rung gegenüber den Parteien wohl andeuten, daß diese es wieder mit dem Taaffe'schen Schaukelsystem versuchen will, nach dem die sog. „parlamentarische" Regierung des Koalitionskabinets Windischgrätz ge­scheitert ist. Die einzig richtige Politik: Schaffung einer christlich-konservativen Regierungsmehrheit auf der Grundlage eines neuen volkSthümlichen Wahlrechts, — scheint auch jetzt noch in weiterem Felde zu liegen.

Das Testament.

Original-Novelle von Clarisse Borges.

(1. Fortsetzung.)

2. Kapitel.

Wochen waren vergangen. Auf Schloß Griffith war ein neuer Gast, Mr. John Robinson, ein Natur­forscher und Aftika-Reisender, angekommen, der durch seine interessanten Erzählungen sich fast unentbehrlich gemacht hatte.

„Wie ehrwürdig sieht dieser Mr. Robinson doch auS," bemerkte Gräfin Irene eines Tages, als sie mit Hilda im Treibhause Blumen zu einem bevorstehenden Ball aussuchte, der am Abend im Schlöffe abgehalten werden sollte; „ich kann gar nicht begreifen, wie und wo Papa seine Bekanntschaft gemacht hat, und dabei dieser sonderbare Name!"

„Mir ist eS oft, als hätte ich diese seelenvollen Augen schon einmal gesehen," versetzte die Freundin, „doch kann ich mich gar nicht besinnen, wann und wo es gewesen sein sollte. Wir sahen doch nie Herren bei Madame Raimond, und sonst habe ich auch nie­mals Herren gesehen; diesen Mr. Robinson, der so fesselnd erzählen kann und mit seinen silbernen Haaren so ehrwürdig auSsieht, hätte ich gewiß nicht vergessen."

Als eS Abend geworden war, hatten sich eine Au-

\ Graf Badem s Programm.

Graf Badeni, der neue österreichische Minister­präsident, hat die Winterseffion des österreichischen Abgeordnetenhauses am Dienstag mit einer längeren Rede eröffnet, die er zwar nicht als förmliches Programm aufgefaßt wisten wollte, die aber thatsächlich sein Programm enthält. „Nur das zur Orientirung Zweckdienliche" wollte Graf Badeni vorbringen, er hat aber mehr in den allgemeinen, vvllklingenden Rede­wendungen eines Programmes gesprochen, die ost mehr zu blenden, als zu orientiren bestimmt und geeignet sind. Es ist jedenfalls auch vorsichtiger, mit einem wohllautenden, aber unverbindlichen Gemeinplatz die Hörer zu entzücken, als ihnen bestimmte, scharf urn- rissene politische Aufgaben in Aussicht zu stellen. Die Ausführungen des Grafen Badeni zeugen von dieser Vorsicht, welche ja freilich zu den nothwendigsten Eigen­schaften eines Staatsmannes, zumal auf dem unsicheren Boden der österreichischen Parlamente gehört, aber (gewiß nicht ungewollt) dem kritischen Beurtheiler er­schwert, auS dem Geklingel schöner Worte konkrete Gedanken und Versprechungen herauSzuschälen. Be­ttachten wir deshalb die Rede des Ministerpräsidenten mit derselben Vorsicht und Sorgfalt, mit der sie auf­gesetzt wurde.

Einen breiten Raum nimmt in derselben natur­gemäß die Nationalitätenfrage ein, jene Frage, die in der vielsprachigen habsburgischen Monarchie leider niemals zur Ruhe kommen will. Es versteht sich von selbst, daß Graf Badeni im Allgemeinen nichts Anderes versprechen kann, als Allem entgegenwirken zu wollen, was den Frieden unter den Nationalitäten beeinträchtigen könnte. „Berechttgte" Ansprüche will ffeine Regierung erfüllen; was sie unter diesen „be­rechtigten Ansprüchen" versteht, wird aber leider nicht gesagt. Höchstens läßt sich aus den Bemerkungen, daß an der österreichischen StaatSidee und an der österreichischen Tradition festgehalten werden solle, schließen, daß die extremen Forderungen der Jung­tschechen auch von der neuen Regierung zurückgewiesen werden — was allerdings auch ohnedies schon fest­stand. Trotzdem versucht es Graf Badeni mit einer BersöhnungSpolitik gegenüber den Tschechen, indem er mit der Aufhebung des Prager Ausnahme­zustandes „auf den glänzend erprobten PattiotiSmuS des böhmischen Volkes bauend", diesem einen „ersten Vertrauensbeweis" geliefert. Um aber andererseits nicht die sogenannte „deutsche" Linke kopfscheu zu machen, versichert Graf Badeni zugleich, daß bei aller Würdigung der berechtigten Ansprüche der anderen Nationalitäten doch die auf dem historischen Momente beruhende herkömmliche Stellung und lang­jährige, allen anderen Völkern voranleuchtende Kultur des deutschen Volkes gebührende Beachtung finden müsse. Der Grundsatz ist recht schön; eS fragt sich nur, tote Graf Badeni sich seine praktische Ausführung denkt.

Deutsches Reich.

Berlin, 24. Oktober.

* Der Kaiser und die Kaiserin begaben sich gestern Abend von der Wildparkstation nach Berlin, zahl Gäste im Schlosse versammelt; der großarttge Park war festlich illuminirt und viele Paare erfreuten sich des herrlichen Sommerabends und fanden dort Kühlung nach dem Vergnügen des Tanzes.

Hilda stand allein auf der Veranda und schaute träumend dem bunten Gewühl der fröhlichen Gäste zu. Plötzlich stand Mr. Robinson an ihrer Seite.

„Habe ich Sie erschreckt?" fragte er, als Hilda zusammenfuhr.

„Ich dachte Sie wären im Park," entgegnete sie ausweichend; „eS ist so herrlich dort."

,,So gestatten Sie mir, Sie auch dorthin zu führen."

„Gern!" versetzte Hilda lebhaft und nahm zögernd den dargebotenen Arm.

„Welch' ein kostbarer Ring!" bemerkte Mr. Ro­binson, „darf ich ihn näher bettachten?"

Hilda hielt ihm gleich ihre Hand hin.

„Dann müssen Sie ihn hier an meinem Finger besehen, denn ich nehme ihn nicht ab."

„Warum nicht?"

„AuS Liebe zu dem Grafen Dargl. Haben Sie ihn gekannt?"

„Er war mein treuester Freund."

„Haben Sie auch von seinem plötzlichen Tode ge­hört?" fragte sie leise.

,3a."

wohnten hier der Eröffnungsvorstellung im königlichen Opernhause bis zum Schluffe bei und kehrten dann nach dem Reuen Palais zurück. Heute Vormittag empfing der Kaiser den Generalmajor Frhrn. von Falkenhausen in Vertretung deS KriegSministerS zum Borttage und nahm die Meldung des Hauptmanns v. Claer, der nach Bukarest kommandirt worden ist, entgegen. Um 1 Uhr nahm der Kaiser die Abmeldung des nach Oesterreich zurückberufenen bisherigen Militär- Bevollmächtigten am diesseitigen Hose, Generalmajors v. Steininger, entgegen. — lieber den gestrigen Empfang des bisherigen englifchen Botschafters Sir Edward Malet durch den Kaiser wird berichtet, daß die Audienz trotz der ceremoniellen Formen, in denen sie sich naturgemäß vollzogen hat, einen warmherzigen Charakter trug. In der Ansprache des Kaisers an Sir Malet leuchtete das persönliche Wohlwollen für den Botschafter durch. Der Kaiser verhehlte nicht, daß er den Rücktritt Malets von seinem Posten lebhaft beklage, und sprach die Hoffnung aus, daß er Berlin mehrmals besuchen möge. Sir Edward Malet gedenkt Anfang nächster Woche Berlin zu verlassen, sich von hier zunächst nach England zu begeben und dann sein neu erbautes Schloß zu Cap d'Aglio bei Nizza zu beziehen. — Der Kaiser läßt, wie dem,Berl. Tagebl.' geschrieben wird, für die indem siegreichen Gefechte bei Miffunde am 2. Februar 1864 gefallenen preußischen Krieger ein Denkmal auf dem Eckern- förder Friedhöfe setzen. Der Denkstein ist nicht nur aus kaiserlichen Mitteln gestiftet, sondern auch von der Hand des Kaisers entworfen worden.

* Der König von Portugal trifft am 1. November in Berlin ein. Sein Besuch soll 3 Tage bauern. Dann begibt er sich, vom Herzog vonConnaught schon in Berlin begrüßt, nach Lonbon, wo ihm ein glän- zenber Empfang zngebacht ist — was bem Italiener- König nicht gerabe sehr gefallen wirb.

* Ueber ben Tob deS Abg. Dr. Hugo Thanisch erfährt bie .Trier. Landesztg.' noch Folgenbes: Herr Thanisch war im Begriff, mit einem Bekannten in ben Weinberg zu gehen, um sich ben Staub ber Trauben anzusehen. Als er im Hausgang ben Ueberzieher an­ziehen wollte, warb ihm schwindelig, er rief nach seiner Frau, bet Bekannte griff ihn auf, man führte ihn in« Zimmer unb setzte ihn auf« Sopha. Nach einer halben Stunbe verfchieb er, ohne ein Wort weiter gesprochen zu haben. Ein Herzschlag hatte seinem Leben ein Ende gemacht.

* Ein gerichtlicher Sachverständiger für Pretz- angelegenheiten ist bei dem Landgerichte in Leipzig in der Person eines Redakteurs angestellt worden. Diese Anstellung ist, soweit darüber ein Urtheil gefällt wurde, von ber gesummten Presse beifällig aufgenommen unb zur Nachahmung empfohlen worben. Es ist baS auch begreiflich, benn in ben letzten Jahren sinb in Preßangelegenheiten verschiedentlich Urtheile gefällt worben, die nicht nur in ben Rebaktionen, son­dern bei allen Leuten, welche mit dem Zeitungswesen

„Nun, ich war mit ihm verlobt, trotzdem ich ihn nur einmal gesehen hatte. Er muß mich sehr geliebt haben, denn er hinterließ mir sein ganzes Vermögen. Ich fühle jetzt nur Dankbarkeit in meinem Herzen, und um ihm diese Dankbarkeit auch nach seinem Tode zu beweisen, habe ich mir gelobt, diesen Ring nie von meinem Finger zu ziehen; denn ich werde ihn nie mit einem Trauring vertauschen," fügte sie leife hinzu.

„Nicht? warum nicht?"

„Graf Dargl hat in seinem Testamente eine Klausel gemacht, nach welcher ich daS ganze Vermögen ver­liere, wenn ich mich verheirathe."

„Sind Sie nicht über eine so harte Bedingung er­zürnt?"

„Erzürnt? nein, wie könnte ich darüber erzürnt sein! Er muß mich innig geliebt haben, sonst würde er diese Bestimmung nicht getroffen haben. Darf ich Ihnen sein Bild zeigen? Ich tröge es gewöhnlich in einem Medaillon um den Hals, aber heute paßte eS nicht zu meinem Ballkleide; ich will es gleich holen "

Aber was war das? Unwillkürlich zog sie die Hand von der Thürkliuke zurück. Im Eckzimmer Hütte sie Schritte; es war, als ob ein schwerer Gegenstand geschoben wurde; sollte wohl jetzt der Diener in ihrem Zimmer Veränderungen machen. Furchtsam öffnete sie die Thür. Ein markerschütterndes, gellendes Geschrei