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M 246

Donnerstag, den 24. Oktober 1895

22. Jahrgang

iilbntr

mit Unterhaltrrngs-Krilttge „Sterne und Klumen"

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Erscheint täglich, Sonn» und Feierlagc ausgenommen. — Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn mb Bestellgeld in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig Inserate kosten die einspaltige Garmondzeile oder deren Raum 15 Pi., Reklamen die Petitzeile ‘25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

& Das sozialdemokratische Agrarpro­gramm und die Beschäftigung des Klerus

mit landwirthschastlichen Fragen.

(Schluß.)

Heute, in dem Kampfe der Sozialdemokratie gegen die bestehende Gesellschaftsordnung, gilt es mehr als je, den Einzelnen vor gänzlicher Äufreibung im Kampfe um das Dasein zu bi wahren. Das wird der Klerus auf dem Lande am besten durch Gründung von land- wirthschaftlichen Genossenschaften vermögen, da sie — wie jeder berufsgenossenschaftliche Zusammen­schluß — am ehesten vor den Extremen des Indivi­dualismus und des Sozialismus bewahren. Die Thätig- keit eines erfahrenen Klerus in Bauernvereinen, in landwirthschastlichen Verbänden, bei Gründung von Spar- und Darlehenskassen, bei Produktivgenossen­schaften 2C. kann daher nicht hoch genug angeschlagen werden, um die Landbevölkerung vor gewissenloser Ausbeutung seitens fremder Elemente zu schützen.

Ein Geistlicher, der sich durch seine Thätigkcit auf landwirthschaftlichem Gebiete die Anhänglichkeit und Liebe seiner Gemeindeangehörigen verdient hat, findet auch viel leichter den Weg zu ihrem Herzen, wenn es gilt, sie zu belehren, daß der Mensch nicht allein vom Brode lebt. Er kann dessen sicher sein, daß das ausgeftreute Gotteswort auf guten Boden fällt und daß in seinem Pfarrdorfe christliche Sitte und Zucht, auch in dem rechten Maßhalten von weltlichen Vergnügungen, sich leichter Pflege erfreuen.

Der mit der praktischen Landwirthschaft vertraute Klerus wird aus den entwickelten Gründen endlich am erfolgreichsten die Führung im Kampfe gegen die Sozialdemokratie übernehmen können. Das Liebeswerben der umstürzlerischen Elemente wird machtlos an den Herzen der Landbewohner abprallen, wenn es der Ortsgeistliche, der ja durch seine sonstige Thätigkeit einen großen Einfluß besitzt, nur in der rechten Weise versteht, die Kirchkinder über das frivole Spiel der „Wölfe in Schafskleidern" aufzuklären. Vor Allem thut es in dieser Hinsicht noth, die Landbevölkerung über die Irrlehre der Sozialdemokratie über dasEigen- thum zu belehren. Dann gilt es vor Allem, den von der Sozialdemokratie geflissentlich auSgesprengten Lügen wirksam zu begegnen. Hatte doch der .Vorwärts' (3. August 1893) für die Landagitation gerathen, man solle in katholischen Gegenden daran erinnern, „daß noch heute die überaus reichen katholischen Stiftungen die Bauern auskaufen, sie von Haus und Hof ver­treiben, um ihren Besitz unablässig vergrößern zu können." Demgegenüber muß der Klerus den histori­schen Nachweis erbringen, tote gerade die Kirche für die ackerbautreibende Bevölkerung stets die größte Sorg­falt bekundet, wie dies übrigens selbst von glaubens­losen und nichts weniger als kirchenfreundlichen Schrift­stellern wie Roscher, Sugenheim u. A. bezeugt wurde, welche üdereinsttmmend erklären, daß sich „unter dem

Kruumstabe gut wohnen lasse." Es muß darauf hin- gewiesen werden, wie z. B. ein protestantischer Justiz­rath Dr. W. Neuling in seiner Schrift „Vom armen und vom reichen Staat" der Wahrheit die Ehre gibt, wenn er schreibt (S. 11): „Denn so liegt die Sache historisch: in vergangenen Jahrhunderten gab der reli­giöse Sinn jener Zeit cn Stiftungen u s. f. der Kirche reiche Mittel für Armenpflege und friedliche Kulturarbeit, deren Träger damals vor Allem die ' Klöster waren, die nicht etwa blos die Träger dcs l höheren Geisteslebens jener Zeit, sondern ebenio auch I die eigentlichen Kolonisatoren des platten Landes, gleichsam auch die Ackerbauschulen jener Zeit waren. Diese damals so reichlich fließenden Quellen hat der Staat der Kirche abgegraben. Zunächst schon durch seine Gesetzgebung gegen die sogen, tadle Hand."

Mit der Belehrung in Vorträgen muß Hand in i Hand gehen die Austheilung und Verbrei- ; tung christlicher Schriften, die Empfehlung i und Förderung der Centrumspresse, sowie i der Besuch von AgitationLversammlungen, in welchen | der „Gimpelfang" seitens der „Rorhen" vor sich : gehen soll. Um den Feind kennen zu lernen, i weist Professor Dr. Einig in seinem „Pastor bonus“ i die Geistlichkeit noch auf die sozialdemokratische „Volks- l tribüne" in Wien, welche eine eigene Rubrik zum Bauernfang eingerichtet habe, sowie uuf die massen­haft kolportirte Broschüre von dem Juden Dr. I. Ingwer: „Ein offenes Wort an den österreichischen Bauernstand." Wie sehr man im sozialdemokratischen Lager den Einfluß der katholischen Geistlichkeit fürch­tet, hat noch dieser Tage der „Vorwärts" verrarhen, indem er den Aufruf des. rheinischen wzialdrmokra- tischen AgitationskomiteS ansührt, wo rach es auf den Dörfern verkehrt fei, wenn man den Geistlichen und Polizisten eine Agitationsschrift in's Haus schicke: „Die Autorität, die der Geistliche auf dem Lande ge­nießt, sorgt dafür, daß der Landmaan die verlangten Schriften wieder herausgiebt. Unsere Agitation ist also in solchem Falle stets vergeblich gewesen, Geld und Mühe umsonst geopfert."

Das ist das rechte „Ermannen des Volk es," wozu der Kaiser in letzter Zeit wiederholt anfgefor- dert, wenn auch auf dem Lande die Bevölkerung in engster Fühlung mit der Geistlichkeit .bleibt und die Hetzapostel von der bis dahut friedlichen Schwelle zu­rückweist. Nur so wird ein] wirthschaftlich starker und freier Bauernstand als eine der wesenlichsten Stützen des Staates erhalten!

Deutsches Reich.

Berlin, 23 Oktober.

* Weingutsbefitzer Dr. Thamsch, Mitglied des Cen­trums im Abgeordnetenhause, dem, er als Vertreter dcs Wahlkreises Wittlich-Berncastel angehörte, ist im Alter von 42 Jahren in Folge eines Schlaganfalles plötzlich gestorben.

* Dem Besitzer des Fideikommisses Schlichtings heim, Rittmeister a. D. Frhrn. Max v. Schlichting auf Gurschen im Kreise Fraustadt, ist das erbliche Recht auf Sitz unb Stimme im Herrenhause verliehen worden. Die ,Nat.-Ztg.' beklagt mit Recht diese abermalige einseitige Verstärkung des östlichen adeligen Großgrundbesitzes im Herrenhause. Wir aber müssen fragen: Warum geht der katholische Adel meistens leer aus? Das gehört auch zur Paritäts- f.'flge.

* Seitdem es feststeht, daß Fürst Hohenlohe's vorsichtige Politik über die schärfere Tonart der Köller, Schönstedt, Bronsart in Sachen dcs „Kampfes gegen den Umsturz" noch einmal die Oberhand behalten hat, führen die bismarckischrn und andere mittelpartei­liche Blätter bewegliche Klage über die „Unthätigkeit" der R gierunq, die sich zu keinem strammeren Ber- gehetl gegen die Sozialdemokratie „ermannen" könne. Fürst Hohenlohe rst aber sicherlich kein grundsätzlicher Gegner eines neuen Sozialistengesetzes; nur ist er der Meinung, daß es gegenwärtig richtiger sei, die Sozial- d rnokrane sich selbst zu überlassen und einstweilen abzuwarten, fiste sie sich entwickelt. Dazu hat er auch gewiß anch allen Grund, denn gerade fitzt könnte nichts gefährlicher sein, als durch äußere Eingriffe eine Entwickelung zu stören, die — wenn man sie in Ruhe gewähren läßt — nothwendig zur inneren Zersetzung der Sozialdemokratie führen muß. Thattächlich ist die Zersetzung schon weit vor­geschritten, so,‘ötit sogar, daß nicht einmal mehr die Beschlüsse des Parteitages, der höchsten und eigentlich einzigen Autorität innerhalb der Sozialdemokratie, den gehörigen Respekt finden. Dr. Rüdt, dm der Partei­tag von per Partei ausgeschlossen hat, erklärt, er ble;be deswegen doch Sozialist, überschüttet die Partei­leitung und den Parteitag mit Hohn und Spott — und behält trotzdem seine Anhänger unter den badi­schen Sozialdemokraten. Noch wichtiger ist es, fdaß die bayerischen Sozialdemokraten, sowohl durch eine Erklärung des Abg. Scherm im bayerischen Landtage, als durch Beschluß einer Versammlung in Nürnberg, im ausgesprochenen Gegensätze zu der „Agrarresolution" des Breslauer Parteitages erklärt haben, für Zwecke der Landeskultur Staatsgelder bewilligen zu wollen, tpeil auch sie den Bauern Hilfe bringen wollten. Freilich ist das nichts als Bauernfängerei, und die norddeutschen „Genossen" sind gewiß ehrlicher, indem sie offen eingestehen, daß die Sozialdemokratie den Bauern nicht helfen kann — aber das ändert nichts an der Thatsache, daß die bayerischen Sozialdemokraten öffentlich sich von dem Beschlüsse des Breslauer Par­teitages lvsgesagt, ihm ihre Anerkennung verweigert haben! Und die Berliner „Führer" schweigen über diese offene Rebellion wie das Grab, so sehr sind sie dadurch in Verlegenheit gesetzt worden.

* Zur Errichtung genossenschaftlicher Koruhäuser schreiben die ,Berliner Politische Nachrichten', es dürfe erwartet werden, daß schon für das nächste EtatS-ahr

Das Testament.

Original-Novelle von Clarisse Borges.

(Nachdruck verboten.)

1. Kapitel.

„Also morgen, meine liebe Hilda, ist der letzte Tag, den Du hier zubringst! ein neues, glänzendes Leben wird sich Dir eröffnen, und des Himmel^Segen möge Dich stets begleiten!"

Das junge Mädchen, das mit diesen Worten an­geredet wurde, erhob die thränenfeuchten tiefblauen Augen, und traurig lächelnd entgegnete sie:

„Ich bliebe lieber immer hier, liebe Madame Rai­mond ; seit länger als zehn Jahren habe ich in Ihrem Institute nicht allein eine liebevolle Pflege und Er­ziehung erhalten, — auch Mutterstelle haben Sie an mir vertreten und meine Freundinnen sind mir so lieb tote Schwestern geworden. Ich werde das Leben ganz unter fremden Menschen nicht ertragen können!"

„Dein Gatte, dem Du morgen an heiliger Stätte die Hand zum treuen Bunde für's Leben reichen willst, darf Dir kein Fremder sein," sagte Madame Raimond mit leisem Borwurf. „Du wirst gewiß glücklich werden, Graf Dargl wird Dich auf den Händm tragen; mit ihm vereint, an seiner Seite wirst Du den Trennungsschmr rz leicht überwinden."

Hilda Clerval war früh verwaist; Niemand wußte eigentlich, wem das kleine, kaum zweijährige Kind gehörte, welches an der südlichen Küste Frankreichs von den Wellen an das Land gespült wurde. Ein großes Passagierschiff war in geringer Entfernung der Küste gescheitert, nur wenige waren gerettet; des Kindes Eltern hatten fern von der Heimath ein nasses Grab in den Wellen gefunden. — Unter den Ge­retteten befanden sich Graf Dargl, der sich gleich ent- - schloß, zum Dank für seine glückliche Errettung sich I des hilflosen kleinen Wesens anzunehmen. Er war s ein enorm reicher und gleichzeitig edler Mann. Hebst l seinem väterlichen Schloß und großartigen Besitzungen lachte Italiens blauer Himmel, und die Finthen des Adriatischen Meeres gaben der entzückenden Gegend täglich neuen Reiz.

Doch all' diese Vorzüge der Natur konnten den Grafen nicht fesseln; er wat ein selten gesehener Gast auf Schloß Dargl, wo es ihm allein zu einsam war, und er verbrachte seine Jahre lieber auf Reisen in fremden Ländern. — Auch jetzt wollte er seine Reise antreten, als das Schiff gleich am ersten Tage scheiterte, er also noch nicht einmal die Bekanntschaft der Mitreisenden gemacht hatte, und den Vater der kleinen Hilda nicht einmal kannte. Er gab die Kleine in treue Pflege und als sie ihr siebentes Jahr vollendet ’

hatte, sandte er sie in das berühmte Institut von Madame Raimond in der Schweiz, in welchem nur die Töchter reicher Grafen Aufenthalt fanden. Ihre Ferien verlebte sie häufig auf Schloß Dargl, wo ein treuer Verwalter und zahllose Dienerschaft Ordnung hielren; doch ihren väterlichen Beschützer hatte sie nur einmal und zwar in ihrem vierzehnten Lebensjahre flüchtig gesehen.

Wie groß war daher ihr Erstaunen, als sie vor sechs Wochen aus Aegypten folgenden Brief erhielt:

„Liebe Hilda!

Da in wenigen Wochen Ihre Erziehung vollendet ist, mache ich Ihnen einen Vorschlag, der Sie wohl überraschen, hoffentlich aber nicht von Ihnen abge- lehnt werden wird. Obgleich ich Sie seit ihrer Kindheit, nur vor drei Jahren einige Augenblicke flüchtig gesehen habe, haben Sie doch einen dauernden Eindruck auf mich gemacht, und eS ist der größte Wunsch meines Herzens, Sie zu meiner Gattin zu machen.

Wenn Sie meinen Wunsch erfüllen wollen, möchte ich noch eine zweite Bitte an Sie richten, — ich wünsche nämlich, daß wir uns vor der Trauung nicht sehen. Madame Raimond wird da­gegen die nöthigen Vorbereitungen treffen, und ich