❖ Eine neue Verlegenheit für die liberale ungarische Regierung
bilden, wie selbst liberale Blätter zugestehen, die Skandale, welche sich während der Anwesenheit des Kaisers Franz Joseph in der kroatischen Hauptstadt Agram zutrugen. Es ist in der That ein starkes Stück, daß sowohl das liberale ungarische Ministerium, wie der liberale Banus (Statthalter) von Kroatten, der vielfache Minister-Kandidat Graf Khuen-Hederwary, sich so sehr über die in Kroatien herrschende Stimmung täuschen konnten, daß sie den Monarchen nach Agram einluden, damit er sich dort von der Versöhnung der Kroaten mit der ungarischen Staatsidee überzeugen sollte. Nun haben die Herren sich selbst überzeugen muffen, daß es mit dieser „Versöhnung" nichts ist, und sie haben zugleich den Kaiser zum Zeugen ihres Jrrthums und zum Z ügen von Skandalen gemacht, die ihn auf's schwerste verletzen mußten.
In ihrer Wuth über eine solche Blamage suchen die Liberalen natürlich nach einem Sündenbock und finden ihn alsbald in der Person des Banus Khuen- Hedervary, der nun auf einmal an dem ganzen Aerger- niß schuld sein soll. Wir haben keine Veranlassung, uns für den liberalen Banus in's Zeug zu legen, aber die Gerechtigkeit verlangt es, daß wir die Liberalen daran erinnern, daß Graf Khuen - Hedervary bis zu den Skandalen von Agram gerade von den Liberalen verhimmelt und vergöttert worden ist als der „Mann mit der starken Faust", dem es gelungen fei, die ungeberdigen kroatischen Heißsporne niederzuhalten und im kroatischen Landtage eine zahmeMehrheit zuStande zu bringen. Die Liberalen haben sich ebenso gut wie der Banus getäuscht, indem sie wähnten, die Ueber- windung des kroattfchen SondergeisteS sei nicht bloß äußerlich, sondern auch innerlich gelungen.
Für den Fernerstehenden ist eS fast unbegreiflich, daß die ungarischen Liberalen sich überhaupt diesem Wahne hingeben konnten. Wie schwer hält eS doch, die Elsaß-Lothringer, welche doch von Hause aus deutsch sind, auch innerlich wieder deutsch zu machen! Und da konnte man in Ungarn glauben, eine ganz ftemde Natton, wie die Kroaten, die sich stets mehr zu Oesterreich als zu Ungarn hingezogen gefühlt und auch alle Ursache hatten, den Ungarn zu grollen, im Handumdrehen zu Ungarn zu machen!! Die Kroaten, welche dem habsburgischen Kaiserthum stets treu ergeben waren und gegen die ungarische Revolution an der Seite der Oesterreicher gekämpft hatten, mußten es erleben, daß man sie nachher trotzdem mit Ungarn zu einem Staatsverbande vereinigte, unter die Herrschaft der freimaurerischen ungarischen Regierung stellte! Gleichwohl bewahrten sie ihre Anhänglichkeit an das Kaiserhaus; daß sie aber keine Magyaren werden wollten, wer möchte ihnen das verdenken? Es kommt hinzu, daß die Kroaten den „Ausgleich" mit Ungarn kaum mit Unrecht so auffassen, daß sie mit den Ungarn gleich berechtigte Vertragsabschließende seien, während
die Ungarn Kroatien als einen bloßen Bestandtheil ihres Staates betrachten. Es läßt sich begreifen, daß die Kroaten sich hierdurch in ihren Rechten gekräntt fühlen, wenn damit auch selbstverständlich die Agramer Skandale nicht entschuldigt werden sollen.
Die ungarischen Liberalen fürchten von diesen nun hauptsächlich zwei ernste Folgen: erstens daß der Respekt des apostolischen Königs vor der Kraft des liberalen ungarischen Regimentes erschüttert sei, und zweitens, daß der Bankerott der liberalen Statthalterschaft in Kroatien und die neu entbrannte Empörung der Kroaten über die liberale Gewaltherrschaft Wasser auf die Mühle der katholischen Volkspartei liefern würden, welche ja auch für die nichtmagyarischen Nationalitäten volle Gerechtigkeit sordert. Und da» ist freilich um so wahrscheinlicher, da die Kroaten überzeugte Katholiken sind.
Zwischen Wicht und Urigung.
Preisgekrönte Novelle von A. Zingeler.
(42. Fortsetzung.)
„Ernes macht mir noch Bedenken. Wie kommen wir über die Thatsache vor dem Publikum hinweg, daß Seewald nur unter dem Namen der Mutter hier auftrat?" fragte der Fürst weiter.
„Wir leben in einer rasch und geräuschvoll dahrn fiuthenden Zeit. Die Wellen des Alltagslebens rollen unaufhörlich weiter. Die Ringe, die Kreise, welche heute ein Ereigniß auf feiner Oberfläche gebildet, sind morgen von neuen, unwiderstehlich nachdrängenden Wogen verwischt und zerronnen. Hoheit haben die Absicht, Seewald mit den Prinzen auf mehrere Monate in das Ausland zu fchickcn. Es könnte sich gar nicht besser treffen. Das nächste Amtsblatt bringt, wie Hoheit also beschlossen, die Nachricht, daß Sie den ehemaligen herzoglich Leuenstettenschen Finanzrath Lehrbach den Titel eines Geheimen Rathes verliehen haben. Statt Lehrbach schreibt man: Lehrbach-See- wald. Hiermit ist der erste Schritt schon geschehen. Seewald nennt sich zweifelsohne von jetzt ab auch bei diesem vollen Namen. Man wird anfänglich darüber sprechen, Muthmaßungen aufnehmen; bevor die Prinzen
Deutsches Reich.
Berlin, 21. Oktober.
* Das Kaiserpaar ist gestern srüh 8 Uhr aus Elsaß-Lothringen zurückkehrend auf der Wildparkstation bezw. im Neuen Palais bei Potsdam wieder eingetroffen. Heute früh begab das Kaiserpaar sich mit den 4 ältesten Prinzen mittels Sonderzuges nach dem Stadtbahnhof Bellevue und von dort zur Feier der Einweihung nach der Kaiser Friedrich - Gedächtnißkirche. Um 12 Uhr fand auf dem Platze am Opernhaufe in Gegenwart der Majestäten die feierliche Enchüllung des Denkmals für die Kaiserin Augusta statt. Sodann kehrte das Kaiserpaar nach dem Reuen Palais zurück. Um 3 Uhr Nachmittags nahm der Kaiser Marinevorträge entgegen. — Der Kaiser hat dem Statthalter der Reichslande, Fürsten Hohenlohe-Langenburg, seine lebensgroße Büste verliehen. — Die Kaiserin Friedrich ist in Trient eingetroffen, wo sie sich mehrere Wochen aufhalten will.
* Am 16. d. MtS. hat die Kaiferiv in Metz dle katholifche Bereinigung „Maternite" besucht. Ueber dieselbe bringt die ,Kreuzztg.' folgende Angaben:
Die „Maternits" ist ein alter katholischer Orden, dem nur verheirathete Frauen, welche die Hebammen-Prüfung abgelegt haben, angehören. Diese „Schwestern" wirken in außerordentlich wohlthätiger Weise und sind namentlich von den Wöchnerinnen aus den ärmeren Ständen sehr begehrt und gepriesen. Obwohl sie ihre segensreiche Thätigkeit auch wohlhabenderen Kreisen an- gedeihen lassen — hier natürlich gegen entsprechende Vergütung — so ist ihr hauptsächliches Liebeswerk doch darauf gerichtet, den Armen ihre thätige Hilfe zuzuwenden, d. .cht nur, daß sie — da eine jede ihren Bezirk hat — in den Häusern der armen Wöchnerinnen bis zu deren völliger Genesung verbleiben, so sorgen sie auch während dieser Zeit für den ganzen Hausstand der Familie, waschen, bekleiden die Kinder, kochen das Mittagessen für den auf Arbeit befindlichen Familienvater und schicken ihm dasselbe auf die Arbeitsstelle, mit einem Worte: sie ersetzen in den Familien die Hausfrau in ihren täglichen Obliegenheiten. Die Schwestern der „Maternitö" erfreuen sich allgemeiner Achtnng und Liebe. , . ,
Zum Obigen ist zu bemerken, daß die „Matermts" keinen Orden darstellt, sondern einen kirchlichen Verein, der namentlich in deutschen Industrie-Ge- jedoch mit ihrem Begleiter heimkehren, hat man sich an den Namen gewöhnt, und es wird kaum noch darüber gesprochen werden."
„Ich glaube, daß Sie Recht haben, Salmann. So reisen Sie denn und ordnen Sie die Sache. Ich wünsche sehr, daß sie zu unser Aller Zufriedenheit geregelt wird; ich wünsche eS auch meines verstorbenen OheimS willen. Er wollte ganz bestimmt nach Recht handeln; ob eS geschah, ich will es nicht beurtheilen."
Als Hofrath Salmann am nächsten Tage den Ufern des schwäbischen Meeres zueilte, sodann an dem riesigen Wasserspiegel vorbeifuhr, in dessen Gestade sich nicht weniger als vier Staaten theilen, hatte er kaum Aufmerksamkeit für die feffelnden Schönheiten der Natur, die von Stunde zu Stunde sich immer reicher entrollten vor seinem Auge. Längst schon war der Bodensee verschwunden, in überstürzender Eile jagte der Zug durch das reich gesegnete Rheinthal, auf dessen beiden Seiten sich die Riesen der österreichischen und schweizer Alpenwelt mit majestätischer Ruhe gegenüber stehen. Im Vordergründe tauchten mächtige Schneeberge auf, aber Salmann hatte kaum Interesse für sie, und je mehr er sich der uralten rhätischen Hauptstadt Chur näherte, desto besorgter wurde der Ausdruck seines sonst so frohsteudigen Ge- stchtes, das nach der Besprechung mit Schwager Perlag
Srlckeint käalicb Sonn- und Feiertage ausgenommen. - Vierteljährlicher Abonnementsvreis ohne Bringerlohn rnd Be^llgeld in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig. eWuit ta8lt^^”ate tQgen di« nnfpLtige G-rmondzeUe oder deren Raum 15 Pf., Reklamen die Petttzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entfprechender Rabatt.
bieten Nachahmung und Einführung verdiente. Vielleicht gibt der Besuch der Kaiserin dazu dm Anstoß.
* Finanzminister Tr. Miquel leidet, nach der ,Post', auch jetzt wieder an seinem langjährigen Uebel, der hartnäckigen Schlaflosigkeit.
* Ueber die vierte« Bataillone spricht die ,Post' sich recht günstig aus. Wenn auch bei der Aufstellung der Halbbataillone Unzuträglichkeiten mancher Art unvermeidlich feien, so bedeute ihre Einrichtung für die Schlagfertigkeit der Armee einen gewaltigen Fortschritt. Die Berichte über die Erfahrung, die man in dieser Hinsicht während der letzten Manöver mit den durch Einziehung der Reserven zu Bollbataillonen ergänzten neuen Kadres gemacht habe, lauteten denn auch außerordentlich günstig. Aber auch sonst stände» den Nachtheilen der halben vierten Bataillone manche Vortheile gegenüber. Durch die vierten Bataillone, die beispielsweise die Ausbildung der Einjährig-Freiwilligen und der Schullehrer besorgen und die Ab- kommandirten stellen, würdm die andern Bataillone ganz außerordentlich entlastet, ohne daß die Ausbildung der Mannschaften der vierten Bataillone darunter zu leiden hätte. DaS Vorhandensein der Kadres im Mobilmachungsfalle bedeute einen großm Vortheil. Jedenfalls könne von einer Wiederabschaffung der vierten Bataillane gar keine Rede sein.
* Aus dem Hammerstein-Skandal scheint nur die Centrumspartei intatt hervorzugehen, da die übrigen Parteien noch genug an den Anhängem zu waschen haben, die sich in ähnlicher Weise wie Hammerstein vergangen haben. Der .Franks. Ztg.' wird nämlich über den Inhalt der polittschen Briefe, die alfo mit dem eigentlichen „Fall Hammerstein" nichts zu thun haben, geschrieben: „Unter den Briefen und den übrigen Mappen zeichnen sich, soweit wir gelesen haben, be- sonders die. Zuschriften ultramontaner Abgeordneter (unsere Gegner können sich noch immer nicht dazu emporschwingen, die Centrumspartei stets mit ihrem Namen zu bezeichnen) durch dm sachlichm und sottismfteieu Inhalt aus, während man andererseits geradezu verblüfft fein kann über die, gelinde gesagt, robuste Un- genirtheit, mit der „königStreue" Männer über die höchsten Güter der Nation und ihrer Bertteter urtheilen." — Die Nationalliberalen hatten gar keinen Anlaß, über den Sturz Hammerstein's zu jubeln. Wir wollen nur daran erinnern, daß, abgesehen von der Gründerzeit, gar viele Nationalliberale nicht besser und nicht schlechter waren als Freiherr von Hammerstein; so Kommerzienrath v. Born in Dortmund, der mehr als eine Million Mark, zum größten Theil Arbeitergroschm, „verpufft" hat und deshalb mit schwerer Gefängniß- strafe bedacht worden ist; vom Heede, der sich an den Geldern der Volksbank von Halver vergriff, diese zum Sturz und damit viele Hunderte Personen um ihr Vermögen brachte, bann als hochgradiger Betrüger und Bankerotteur sich durch Selbstmord der irdischm Gerechtigkeit entzogen hat. Wir erinnern ferner an den Kommerzienrath Heßlein, einen der Führer der und Nichte Elise so glücklich und zustieden darein geschaut hatte. . ,
Immer deutlicher wurde ihm das Schwierige seiner Aufgabe. Wenn Lehrbach und feine Gattin mit berechtigtem Ehrgefühl, mit dem Stolze gekränkter Unschuld seine Vermittelung ablehnten, wenn sie auf rücksichtsloser Veröffentlichung der an den Tag getretenen Verhältnisse, wenigstmS in dem dadurch erfolgten Ergebnisse bestanden, was dann? Und als erst ein Bedenken in ihm aufstieg, da folgten demselben immer mehr, immer neue und die Stimmung des alten Herrn war nicht halb so stegesgewiß mehr, als am Tage vorher.
Jetzt tauchten die ersten Häuser des anrnuthigen Thusis vor ihm auf. Nur noch kurze Zeit, und er stand vor der Frau, die er einst so innig geliebt, vor dem Manne, dessen Lebensbahn sein nächster Anver- wandter so folgenschwer durchkreuzt. Aber ttotz alledem ließ der alte Biedermann den Muth nicht sinken. Stellten sich ihm Schwierigkeiten in den Weg, so besaß er auch Waffen, mit denen er ihnen entgegentreten würde, und die Stelle, wo et sie hinzurichten hatte, kannte er ganz genau, es war das Herz eine- treuen Elternpaares.
Und so trat er denn ein in das ttauliche Heim, da» Finanzrath Lehrbach und seine tteffliche Gattin
22. Jahraana
Dienstag, den 22. Oktober 1895
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FuldanWZkitiilig
mit Untechattnngs-Keilage „Sterne und Klumen". ______________