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22. Jahrgano

Akontag, den 21. Oktober I89ö

JK 2 43

rung! Seewald, ich habe das nicht um Sie verdient!" rief der Herzog.

„Es ist ein trauriges Verhängniß, daß Unschuldige, in erster Reihe Ew. Hoheit selbst, und ich wahrlich nicht minder," fügte Seewald schmerzlich hinzu, „durch die Schuld Anderer nunmehr das Meiste leiden müsien. Gestatten Ew. Hoheit, daß ich mich zurückziehe. Sie werden den richtigen Weg finden, ich überlasie ihn ja vollständig Ew. Hoheit, wenn er nur zu dem Ziele führt, das ich erreichen muß."

Der Herzog nickte. Seewald entfernte sich.

Herzog Burkhard befand sich in einer wenig er- freulichen Lage. Er konnte die Forderung Seewald'S nicht für ungerecht erachten und doch verdroß sie ihn auch. Das Unrecht Anderer sühnen mit eigener Auf­opferung ist eine so hohe Stufe der Gerechtigkeit, daß sie nicht leicht erreicht wird- Und dennoch hätte Herzog Burkhard .nicht lange gesäumt, dar zu thun, was Recht und Billigkeit verlangten, wenn nur seine eigene Person allein in Frage gekommen wäre. Er würde einen Kampf mit sich zu bestehen gchabt haben; denn welcher Mensch wäre vollständig frei von Eigenliebe. Aber er hätte ihn durchgeführt und er würde das Rechte ge­funden haben. Doch vor den Folgen, die für seine Verwaltung, für alle Betheiligten, für die öffentliche Meinung daraus erwuchsen, davor schreckte er zurück.

artikel. Der Aufsatz zeichnet sich wieder durch-ganz besondere Dummheit auS. Während gestern das Re- gierungsblatt die Betheiligung des Volkes durchaus verwerflich fand und die Frechheit hatte, von der Volksvertretung und dem WaSrechte als einem Schwäre zu sprechen, an dem unser politisches Leben krankt, rüst beute dasselbe Blatt das Volk zur Bekämpfung der Sozialdemokratie auf. Natürlich reicht die offiziöse Weisheit des Herrn Dr. Griesemann-Pindter nicht über ein neues Umsturzgesetz hinaus. Die.Nord­deutsche' findet nämlich, die Regierung habe gar nicht nöthig sich zu ermannen. Man habe ja das seine gethan. Die Regierung käme auch gerne mit neuen Vorschlägen, wüßte sie nur, daß diese von der Volks­vertretung nicht ebenfalls verworfen würden. Also weiter nichts als neue Vorschläge zu einer Umsturz­vorlage. Da soll die gute ,Nordd.' sich nur auf ein anderes Sprüchlein besinnen. MU der Umsturzvorlage, dar machen wir nicht, und ganz selbstverständlich wäre eine schleunige, aber diesmal höchst energische Zurück­weisung.

* Die ,Köln. Volksztg.' berichtet anläßlich der jetzt wieder stattfindenden Erörterungen über die näheren Umstände des Rücktritts des Fürsten Bis­marck, es sei Thatsache, daß schon ein halbes Jahr vor der Entlassung des Fürsten Bismarck der Kaiser einem katholischen Kirchenfürsten gegenüber sich darüber beklagt habe, wie schwer es ihm fei, mit dem Fürsten Bismarck zu arbeiten.

* Die Wittwe deS aus der „ethischen Bewegung" bekannten außerordentlichen ProfefforS Dr. v. Gizicki in Berlin erläßt jetzt die anfallende Erklärung, daß ihr verstorbener Mann Sozialdemokrat gewesen sei. Zu Lebzeiten hat derselbe sich kühn gehütet, dies offen zu bekennen. Für daS Eindringen des revo- lutionären Geistes in die höheren Schichten ist diese Enthüllung sehr bezeichnend.

* Der ,Vorwärts' meldet aus Dresden, daß der Reichstagsabgeorduete Horn wegen Majestäts- beleidigung zu zehnmonatlichem Gefängniß verur- cheilt und sofort verhaftet worden sei. Für die Wieder- freilasfung werden 10,000 Mark Kaution verlangt. — DaS sozialdemokratische Blatt fügt hinzu, es sei dafür gesorgt, daß diese Summe vorhanden sei.

* Der Abg. Singer hatte den Frhrn. v. Hammer­stein wegen Verleumdung verklagt, weil die ,Kreuzztg.' während des Berliner „Bierkrieges" angedeutet hatte, daß Herr Singer aus demselben finanzielle Vor­theile für sich ziehe. Jetzt ist ihm mitgetheilt worden, daß das Verfahren eingestellt ist, weil der Angeklagte nicht auffindbar ist. Herr Singer forderte nun die jetzige Redaktion der .Kreuzztg.' auf, ihren früheren Borwmf entweder zu widerrufen oder aber zu wiederholen, damit er sie verklagen könne. Dr. Kro­tz ätsche k erwidert jedoch mit Recht in der .Kreuzztg.', daß er Vorwürfe, die er nicht erhoben, nicht wider- rufen, aber auch nicht durch Wiederabdruck sich zum Mitschuldigen eines Angriffes machen könne, dessen peinliche Angelegercheiten erspmen zu dürfen! Wie schmerzlich berührt mich der Gedanke, gerade den Men­schen wehe thun zu müssen, die mir die liebsten hier geworden! Aber wie ich nicht meine Person in Be­tracht ziehe, so darf ich auch keine Rücksicht auf Andere nehmen. ES ist eine heilige Pflicht, die ich gegen meine Eltern zu erfüllen habe. Folgte ich meiner Neigung, fo würde ichfchweigenundfichfchwiege gerne."

„Bedenken Sie doch auch, wie auftegend eine solche Verhandlung für Ihren bejahrten Vater fein muß," warf der Herzog wieder ein.

„Dreißig Jahre lastet der Druck unverdienter Schmähungen auf ihm; es wird feinen Lebensabend verklären, sich gerechtfertigt zu fehen, meiner Mutter und mir gegenüber rein und unbescholten dazustehen."

„Hat denn Ihre Frau Mutter, haben Sie denn jemals an seiner Unschuld gezweifelt?" fragte der Herzog nicht ohne Bitterkett.

„Unsere Anschauung hat für die Wett keinen Werth. Für uns perfönlich ist die Wiederherstellung der Ehre deS Vaters gegenstandslos; denn sie war in unseren Augen niemals befleckt," entgegnete See­wald stolz. ,

„Welchen Sturm erregen Sie mit Ihrer Forde-

Begründung et nicht kenne, und den er, wenn er (der Angriff) einer solchen entbehrte, niemals billigen könnte.

* Wieder em Parftätsstiickchen wird cmS West­falen berichtet: Das fast ganz katholische Amt F r e i en» ohl (Kreis Arnsberg) wmde elf Jahre lang von einem protestantischen Amtmann verwaltet. Als derselbe im Anfang dieses Jahres nach Brackel versetzt wurde, hoffte man allgemein, daß an maßgebender Stelle dem Wunsche der Bevölkerung, endlich einen katholischen Amtmann zu erhalten, Rechnung getragen werde. Mit der kommissarischen Verwaltung deS Amtes wurde nun ein protestantischer Offizier a. D., Herr v. Köckeritz, betraut, zugleich aber die definitive Besetzung der Stelle mit einem kacholischen Beamten in Aussicht gestellt. Als aber der Zeitpunkt der defim- ttven Besetzung heranrückte, hieß es, daß der in Aus­sicht genommene katholische Kandidat zurückgetreten (!) sei! Gewünscht werde, daß Hr.v. Köckeritz definitiv die Stelle erhalte; katholische Bewerber seien nicht vorhanden!

* Daß ein Beamter der Staatsanwaltschaft ge­richtlich mit einer Geldstrafe belegt wird wegen einer Aenßerung, die er in Ausübung seiner amtlichen Thätigkeit, bei Vertretung der Anklage gegen den An­geklagten gethan hat, dürste in Deutschland noch nicht ost vorgekommen fein. In der vergangenen Woche ist dieses selteneEreignißzweimaleingetretev. JnErfurt wurde am Donnerstag ein Staatsanwalt wegen Be­leidigung eines sozialdemokratischen Redakteurs zu 150 Mk. Strafe verurtheilt und in Bochum wurde der Erste Staatsanwalt Ruckfer am Landgerichte zu Stendal, früher im Bochum, am Samstag vom Schöffen­gerichte wegen Beleidigung des Kaufmanns Barken zu Düsseldorf zu 50 Mk. Geldstrafe verurtheilt. Diese sehr auffallende Thatsache veranlag selbst die ,Köln. Zeitung' zu folgenden Bemerkungen: „Es ist im Sutereffe des Ansehens der Rechtspflege zu wünschen, daß sich dieses Schauspiel nicht wiederholt. Die Grenzen der Befugnisse des Staatsanwalts bei der Vertretung der Anklage sind dieselben wie die Grenzen der Rechte des Vertheidigers; so wenig wie dieser das Recht hat zu beleidigen, ebenso wenig kann diese Be- fiigniß dem Staatsanwalt beigelegt werden, und in höherem Maße als ein Anderer sollte gerade dieser Beamte sich verpflichtet fühlen, jede Aenßerung ju vermeiden, welche die Ehre deS Angeklagten grundlos anzutasten geeignet ist. Man kann die Anklage mit der äußersten Schärfe vertreten, ohne sich einer Beleidigung schuldig zu machen, und andererseits ist eS gerade kein Zeichen für Stärke der staatsanwattlichen Beredtsamkett, wenn der Beamte sich zu einer Beleidigung hinreißen läßt. Hoffentlich trägt der Erfurter Fall dazu bei, daß dergleichen unliebsame Borkommniffe in Zukunst unterbleiben."

* Angesichts der in Angriff genommenen Abän­derung des Jnvaliditals- und Altersversichcrungs- gesetzcs wird erörtert, ob es nicht angebracht wäre, ähnlich der Regelung bei der Unfallversicherung bei

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mit Nntrrhaltungs-Heilage „Sterne und Älnmen"

Deutsches Reich.

Berlin, 19. Oktober.

* Die Ansprache des Kaisers bei der Enthüllungs­feier des Denkmals für Kaiser Friedrich in Wörth lautete wie folgt:

„Meine hochverehrten Kriegskameraden Meines Herrn Balers und mitversammelten Herren! Im Auftrage Ihrer Majestät der Kaiserin Friedrich habe Ich Ihnen Ihrer Maiestat und zugleich Meines Hauses Dank dafür auszusprechen, daß Sie es sich nicht haben nehmen lasten, dieses herrliche Denkmal er- richten zu wollen und am heutigen Tage zu erschemen. Tief­bewegten Herzens verweilt hier heute Meine hohe Frau Mutter daran zu gedenken, daß es ihr am Arme chres Herrn Gemahls vergönnt gewesen, an dieser Stelle aus seinem eigenen Munde die Kunde von dem ersten von ihm erfochtenen Siege zu ver- nehmen. Ich spreche Ihrer Majestät daher ganz besonders Dank dafür auS, daß sie die Gnade gehabt hat, sich hier einzu­finden, wo nunmehr dieses herrliche Bild Meines Herrn Vaters aufgerichtet worden ist. Was Wir über ihn vernommen haben, konnte nicht schöner und nicht bewegtet geschildert werden; was Sie aber fühlen angesichts dieses Standbildes und in Anbe­tracht der 25jährigen Wiederkehr der großen Zeit der Wieder- gebürt Unseres Vaterlandes hier zumal, wo zuerst süddeutsches und norddeutsches Blut in dem Kitte sich vereinigten, das Unser deutsches Reich wieder hat bauen helfen, das bewegt tief Unser Aller Herz, und Wir jungen Erben, Wir geloben angesichts des hohen Siegers, Unseres verewigten Kaisers, das zu halten, was er Uns erfochten hat, und die Krone zu wahren, die er schmiedete, und dieses Rcichsland, gegen wen es auch sei, zu schirmen und deutsch zu erhalten, so wahr Uns Gott helfe und Unser deutscher Schwett. Nun aber wollen Wir Alle einstimmen in den Ruf: Meine hohe Frau Mutter, durch deren Erscheinen der heutige Tag gekrönt ist, Ihre Majestät die Kaiserin Fnedrich Hurrah, Hurrah, Hurrah!" r ,, _ ,

♦ Einen wichtigen Gedenktag feierten die Katho­liken Deutschlands am vorigen Samstag. An diesem Tage waren nämlich 50 Jahre verflossen, seitdem der edle Dulder und Bekenner, Erzbischof Clemens August von Köln, fein Haupt zm ewigen Ruhe niederlegte. Dankbar gedenken roh Katholiken des MattneS, der durch feine unbeugsame Festigkeit, feine tiefe Liebe jur Kirche und feine unerfchütterliche An­hänglichkeit an den hl. Stuhl der Freiheit der kathol. Kirche in Deutschland eine Gaffe brach und sie aus -en Umftridungen des Staatskirchenthums befreite. Man darf ruhig behaupten, daß die Kacholiken Preußens und Deutschlands den 1871 entfesselten Sturm schwer- lich fo glänzend überwunden hätten, wenn nicht durch Clemens August kirchlicher Geist und kirchliches Be- wutztfein gestärkt, Hirten und Gläubige durch die vor­hergehenden Stürme geweckt und gestählt gewesen wären. Ehre daher dem Andenken des unerschrockenen Vor- kämpferS, der unerschütterlich dastand, wie die Eichen seiner westfälischen Heimath, und deffen Tod und Lob Papst Gregor XVI. selbst in einer besonderen Allo­kation den versammelten Kardinälen mit ben Worten verkündete: „Er war ein Mann, der, ehe er entschlief, durch den Glanz seiner Tugend der Welt, den Engeln und den Menschen zum Schauspiel geworden."

* „Wen« unser Volk sich doch ermannte!" Diese Worte der kaiserlichen Depesche, welche jetzt so viel und si> vielseitig besprochen werden, geben auch der .Norddeutschen Allg. Zig.' den Stoff zu einem Leit- ■riBHSKÄBBaRSS Zwischen Michl «nd Neigung.

Preisgekrönte Novelle von A. Zingeler.

(41. Fortfetznn zO

Das edle Gemüth des Herzogs, sein Gerechtigkeits­sinn, der ihn niemals irgend einem Menschen wissentlich Unrecht hätte jnfügen lassen, konnte sich nicht ver­hehlen, daß Seewald nichts Unbilliges verlange. Und dennoch erhob sich ein Kampf in feinem Innern. Er schrak vor ben Folgen zurück, bie ein solcher Schritt nach sich ziehen würbe. Konnte Perlag, ber so tüchtige Beamte, an der Spitze seiner Verwaltung bleiben? Unter diesen Umständen nicht, wenn seine längst ver­ziehene und gebüßte Schuld zu Tage trat. Fritz Perlag mußte seinen Abschied nehmen, wenn die Ehre seines Vaters so schwer blosgestellt wurde. Und wie schmerzlich mußte das alles den alten, braven Salmann, seinen treuen Erzieher, den erprobten Rathgeber, treffen ? Wie peinlich all' das Gerede, jetzt, wo der Uebergang der Regierung an ihn, ben Herzog, überhaupt so viele Schwierigketten bot!

Herzog Burkharb hatte bas alles Seewalb darge­legt, aber eS war vergeblich gewesen.

„Ew. Hoheit können nicht ahnen, wie schmerzlich es mir ist, diesen Schritt thun zu müssen," hatte er ertoibert. Wie vieles gäbe ich barum, Ihnen diese