M 242 Samstag, den 19. Oktober 1895 22. Iahrgau,,
mit UnterhalLungs-Koilage „Sterne uiu KLnnrrn".
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Wegen „Beschimpfung" der Protestant. Kirche
ist bekanntlich vor einigen Monat n der frühere Redakteur der .Fuldaer Zeitung' zu 3 Tagen Gefängniß, und vor einigen Tagen der Redakteur der.Germania' zu 8 Tagen Gefängniß verurtheilt worden. Zn beiden Blält rn 'war ein Artikel aud der .Deutschen Evang l. Kirchenzeitung' abgedruckt und mit der Spitzmarke „Das Z Jammerbild des Protestantismus^ versehen worden, j Dieser Ausdruck rührt vom Hofprediger a. D. Stöcker i her, der denselben sehr häufig in Reden angewsodt hat; r ähnlich Bezeichnungen finden sich übrigens mehrfach ? in Sch '.sten von pro^stantlsche?'Geistlichen der streng \ orthodox n Richtung. So sprach z. B. der .Reichs- \ bote' >m Dezcmler 1881 von der „Jamüiergestalt s von an den Staat gebundenen protestantischen Landes- | kirchen". Der betr. Artikel des .Reichsboten' ist damals ’ in vielen Zeitungen (u. A. in der .Fuldaer Zeitung' * vom 23 Dezbr. 1881) abgedruckt worden, £l :e daß i irgend Jemand Anstoß daran genommen hott..
Die .Germania' veröfientlicht zum Vergleich f einen Beschluß des Essener Landgerichtes vom 11. Febr. | 1892, in welchem die Eröffnung des Hauptve.fahrens gegen Pfarrer Thümmel in Remscheid wegen der | Anschuldigung, einen Gebrauch der katholischen Kirche j beschimpft zu haben, abgelehnt wird. Herr l Thümmel hatte in einer Versammlung zu Bochum in ; Bezug aus den katholischen Gottesdienst die Ausdrücke „Fetischdienst", „Götzenanbetung", „Abgötterei" und f „Götzendienst" gebroucht. Das Landgericht erklärte; nun: „Der § 166 R. St. G. B. erfordert zu seinem l Thatbeftande, daß es sich um eine Beschimpfung! einer Einrichtung, einer bestehenden Religimsgemein- f schäft handeln muß. Eine Beschimpfung ist aber nur } dann vorhanden, wenn rohe oder gemeine Ausdrücke zum Zwecke der Ehrenkränkung gebraucht werden. Dies ist aber vorliegend nicht der Fall."---
Die ,Köln. Bolksztg.' druckt aus Anlaß der oben erwähnten Verunherlungen ohne jeden Kommentar einige Citate aus zwei kleinen Schriftchen des gläubigen prote- i stantischen Pfarrers in Stuttgart, Adolf Zahn, ab. i Die Schriftchen sind betitelt: Ernste Blicke in den \ Wohn der modernen Kritik des Alten Testamentes, ! Gütersloh, Bertelsmann 1893 Neue Folge. Ebenda - 1894. — Seite IV heißt es: „Es ist erklärltch, daß i man, nachdem man das Herz der Schrift verloren hat, j auch den äußern heiligen Leib derselben zerstört und j der Protestantismus in einer grauelrvoÜeu Kritik, nament- | lich des Alten Testamente«, sich seine eigene Grube i grübt." S. 26: „Man klagt über die geistige und f staatliche Verödung des 30jährige« Krieges: aber wie viel mehr inneres Leben war noch damals in unserem Volke vorhanden als in der Gegenwart." S. 126: „Mit Recht hat man gesagt, daß unsere Kirche nur noch eine literarische Existenz hat, aber auch diese wird immer armseliger." S. 136: „Das sind nun die Kampfer gger. Rom — Schüler von Stade und Well- hausen. Da braucht sich Rom nicht zu fürchten. Dieser Protestantismus zerstört nur sich selbst" S. 140: „In dm Ruinen unserer Kirche schleppt sich l ein ln eiter Strom vergänglicher Literatur dahin." । S. 146: „Rom und Sozialismus herrschen in Deutschland, und dazwischen irren d;e ohnmächtigen Protestanten herum und reißen die Bib i in Fetzen." S. 157: „Ein wahres Kömödnnfpiel wird mit den Schriften des Alten Testamentes aufgeführt — und düs während Rom Sieg aus Sieg erringt." Neue Folge S. V: „Dos Werk der ei,. ::cr Z rstörurw, welches dcr Protestantismus s- it Mitte des vorigen Jahrhunderts treibt, geht bei völliger Gleichgiltigkeit der Völker urablässig weiter." S. 25: „Die resormirt- Kirche der Schweiz ist ein Trümmerhaufen." S. 119: „Was in der Provinz Sachsen gelehrt wird, ist von geringerer Bedeutung, da hier das geistliche Leben bis auf die letzten Wenzeln verdorrt ist, aber mit tiefem Schmerze sieht man, wie die noch von frommen Elementen durch
zogene Kirche Württembergs von den Universitäts-Professor. n zerrüttet ist." Zum Schluß S. 208 heißt es über eine Stelle in Flathes, Allgemeine Weltgeschichte: „Will hiermit der Protestantismus seinen Abschied von der Welt feiern? Er verbrennt das Alte Testament in einem großen Autodafe."
Ein anderes hervorragendes Centrumsblatt, die ,Niederrh. Volksztg.', schreibt in einer Betrachtung üb:r die Verurtheilung deS Redakteurs der,Germania': „Ja, wir Katholiken sind in der Thal Bürger zweiter Klasse im deutschen Reiche. Wir können in den Worten: „Jammerbild des Protestantismus" überhaupt keine Beschimpfung erkennen; denn es ist kein Schimpf, wenn sich Jemand in einem bejammerns- wcrthen Zustande befindet. Man kann darüber ver- fckiedever Ansicht sein, ob die Schilderung richtig ist, aber die Schilderung stammt ja gar nicht von der ,Germania', sondern von der .Deutschen Evangelischen Kirchenzeitung'. Das ist doch wahrhaftig eine unverfängliche Quelle und wenn dieselbe ein Jammerbild vom Protestantismus entworfen, so muß ich das doch auch sagen können. Wenn aber selbst diese Schilderung unrichtig wäre, so ist die Bezeichnung „Jamm rbild" doch kein Schimpf. Weiter ist zwischen Protestantismus und protestantischer Kirche noch ein großer Unterschied. Der Protestantismus ist eine Weltanschauung, deren Kritik mir nach jeder Richtung hin fr ei steht. Die protestantische Kirche ist eine aus Personen bestehende Korporation mit bestimmten Einrichtungen und Gebräuchen und diese Einrichtungen und Gebräuche darf ich zwar angreifen, aber nicht beschimpfen. Welcher Gebrauch oder welche Einrichtung ist denn nun angegriffen, wenn üW behauptet, euf Ärkffel 4rec .Deutschen Evangelischen Kirchenzeitung' entwerfe ein „Jammerbild des Protestantismus?" Damit wird dock nicht der Protestantismus charakterisirt, sondern der Artikel in der .Deutschen Evangelischen Kirchen- zertung'.
Aber nehmen wir an, das sei eine mit Gefängniß zu büßende Uebelthat, so ist doch dem Katholizismus billig, was dem Protestantismus recht ist. Wir greifen nicht wett, wir greifen nur auf die letzte Thüm mel'sche Broschüre über den Prozeß Mellage. Herr Thümmel beschränkt sich nicht darauf, den Katholizismus im Allgemeinen zu charakterisiren nach dem Eindruck, welchen die Schilderurig eines Centrumsblattes auf ihn gewacht, nein er geht direkt darauf los. Er spricht von der „Enthüllungsfeier der Aachener Lappenrel quien." Die Reliquienverehrung ist ein Gebrauch der katholischen Kirche; er spricht der römischen Kirche den christlichen Charakter ab (S. 6), als spezifisch römisch-katholischen Charakter im Maria- berger Prozeß bezeichnet er die geschworenen Meineide, die Verleitung zum Meineide und die zu Tage getretene laxe Auffassung des Amts- und Sachverständigeneides (S. 14). Den Katholiken spricht er Treue und Wahrheit ab (S. 16). „Wenn alle vom Pfaffen regiert werden, dann lügt eine ganze katholische Stadt zusammen" (S. 17). „Ein ausgesprochener Ultramor- taner ist nicht fähig, ein höheres Amt in der Justiz zu bekleiden" (S. 20). „Die Unwahrhaftigkeit der Ultramontanen ist nicht eine Zufälligkeit, sondern eine Frucht ihrer kirchlichen Lehre und Praxis" (S. 25). „Die römisch-katholische Kirche hat den Geist in ihren Reihen erwürgt. Darum ist sie aber auch nicht mehr als christliche Kirche zu betrachten und wir Protestanten muffen alle Konsequenzen dieser Erkennlniß ziehen" (S. 26). „Demnächst werden wiederum in Aachen alte Lappen gezeigt und dabei wird kalt lächelnd gesagt werden, das sei dos Hemd der Jungfrau Maria und das seien die Windeln des Jesuskindes; Reliquienplunder und Auzurenlächeln! Welche Kennzeichen des Heiden- thums fehlen noch?" (S. 28).
DaS ist eine kleine Blüthenlese aus einer einzigen Broschüre Thummels; das ist k 'ine Charakteristik eines Artikels in einem Centrumsblatt. DaS ist eine direkte B eschimpfung der kath. Kirche, welcher der christliche Charakter abgesprochen und der Charakter als heidnisch beigelegt wird. Es ist eine direkte Beschimpfung ihrer Gebräuche und Einrichtungen, wenn von Reliquienlopp.n und Augurenlächeln gesprochen wird. Wir haben nun nicht gehört,
daß sich dagegen der Staatsanwalt erhoben hätte, aber das haben wir gehört, daß die .Stettiner Zeitung' die katholische Kirche als „Satanskirche" bezeichnet hat, vor Gericht gestellt und freigesprochen worden ist. Wir sind nicht die Leute, welche gerichtliche Untersuchungen verlangen, aber wenn wir Zeugen einer der artigen Thätigkeit und Nichtthätigkeit sind, dann wird man es uns nicht verübeln können, wenn in uns das Gefühl der Schutz- und Rechtslo sigkeit bezüglich unserer religiösen Ueberzeugungen wach wird."
Wir überlassen es dem Leser, diesen Gedanken bei sich weiter auszuspinnen, denn wenn vir das thun, wissen wir nicht, wie wert wir in der Bitterkeit dieses Gefühls kommen.
Deutsches Reich.
Berlin, 18 Oktobw.
* Der Kaiser ließ am heutigen Geburtstage seines ; verstorbenen Vaters, weiland des Kaisers Friedrich, \ an dessen Grabe im Mausoleum zu Potsdam einen ! Kranz niederlegen.
* lieber das Krastgkfühl des Centrums entrüstet I sich die ,Köln. Zgi.', weil Herr Dr. Lieber in einer Volksversammlung zu Dortmund des Centrum als die t ausschlaggebende Partei bezeichnet hat. Dazu bemerkt * spöttisch der ,Vorwärts': „Bei einem Centrumsmanne j kann man diese Renommage wenigstens noi? verstehen, Ibei einem Nationalliberalen würde sie tödtlich lächerlich sein — und das ärgert gerade die Kölnische so sehr!"
* Der oft von Berlin aus sehr gut unterrichtete ,Hamb. Korrespondent' bestätigt nunmehr, was wir schon vorige Woche über die Behandlung der Frage der Verschärfung des preußischen Vereivsgesetzes im preußischen Ministerium kurz zu berichten in der Lage waren, daß nämlich zwei Strömungen vorhanden waren, welche in den in voriger Woche erfolgten mehrfachen Sitzungen zur Aussprache und zur Ausgleichung kamen, so daß die thatsächlich eine Zeit lang drohende Ministerkrisis vermieden werden konnte. Das Hamburger Blatt versichert nämlich, und wir können die Angabe als zutreffend bestätigen, daß im preußischen Staatsministerium von einer Aenderung des preuß. Vereins- und Versammlungsrechtes abgesehen sei, nachdem die Auffassung des Fürsten Hohenlohe durchgedrungen sei. Das Blatt spreche seine Zufrieden- • beit aus über die weise Zurückhaltung des Reichs- i kanzlers gegenüber einer polizeilich - bureaukratischen ? Tendenz, die ja auch im Staatsminifterium ihre Ver- Itretung in Herrn v. Köller finde. Freilich weise das Gesetz von 1850 Mängel und Lücken auf, die sich sehr empfindlich geltend machten und nach Abhilfe ver- i langen, aber nicht im Sinne einer verstärkten Polizei- s gewalt, sondern im Interesse der politischen Be- | wegungsfreihnt und Entwickelung. Dies sei sehr zu i wünschen, da vielfach die politischen Befugnisse miß- j braucht würden; besonders was die Auflösung von | Versammlungen anlange. Wenn nachträglich eine der- ! artige Verfügung wieder aufgehoben würde, so hätte i dieses geringen praktischen Werth. Diese letzteren Aus- s führungen des ,Hamb. Korc.' find offenbar nickt von i dem Blatte selbst ausgegangen, sondern von Krc sen 5 inspirirt, die dem Reichskanzlerpalais nicht sehr fern f stehen. Obschon aber diesmal die Auffassung des $ Fürsten Hohenlohe die Oberhand behielt, kann man ? doch nicht dafür einftehen, daß nicht unerwartet ein Umschlag eintritt und die Köller'sche Richtung, die sich ja seitens des Ministeriums des Innern in der Verwaltung deutlich genug kundgibt, wieder mindestens zum Theile in den Gesetzgebungs-Vorlagen zuc Geltung kommt. Angesichts der Strömungen, welche in den ministeriellen Kreisen um die Oberherrschaft ringen, \ kann man sich für die nähere oder fernere Zukunft ! stets auf Ueberraschungen gefaßt machen.
ö Das Gesetz über die Pensionirung von Miluiir- j Personen vom 21. Smu 1871 enthält verschiedene Be- i stimmungen,' die von den betheiligten Personen mit ; Recht als ungerechtfertigte Härten empfunden und deren ? Beseitigung daher insbesondere vom „Verbände der s Milrtär-Kriegs- und Friedensinvaliden Deutschlands" l angestrebt wird. Nach diesem Gesetze wird u. A. den ■ als dauernd ganz invalide erkannten Personen des s Soldatenstandes die Invaliden-Pension entzogen, ' wenn sie auf Grund des ihnen ertheilteu Civilversor-