241 Freitag, den 18 Oktober 1895 22. Jayrgan
NMllMZkiWD
mit Unlerhaltungs-Keilage „Sterne und Klnmen".
Trfcheiitt täglich, Son», und Feiertage ausgenommen. — Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn jub Bestellgeld in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig Inserate kosten die einspaltige Garmondzeile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen die Petitzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
Versammlung des Bolksvereins für das katholische Deutschland zu Geisa
am 13. Lttober 1895.
(Schluß.)
Abg Dr. Lieber (fortfahrend):
Ich komme zum dritten Punkte, und da sieht es am scheußlichsten aus. das ist der Verbrauch der Güter. Wer besorgt heute den Verbrauch der zum Unterhalte der Einzelnen noth. wendigen Güter? Das thut im großen Ganzen die Famüie, an ihrer Spitze der Mann, der die Güter verdient. Die Ordnung des Verbrauchs bestimmt die Hausfrau und Mutter. Diese Familie ist aber in der künftigen Gesellschaft völlig undenkbar, diese Familie soll zerstört werden in ihren tiefsten Grundlagen. Die Ehe soll vernichtet werden und an deren Stelle soll die freie Liebe treten. Und wie ihre Grundlage vernichtet ist, so wird die Familie selbst aufgelöst. Das Weib ist gleich berechtigt, aber auch gleich verpflichtet zum Erwerbe. „Die Kinder", sagt Bebel, „werden als ein willkommener Zuwachs der Gesellschaft betrachtet und von derselben erzogen, sobald sie von der Mutter» brust weggenommen werden können." Die Familie hört auf und während Jeder von uns sagt: „Meine Frau — meine Krone, meine Kinder — mein Herz und schönster Besitz," (Bravo!) wird es in Zukunft weder eine Hausfrau, noch Kinder mehr geben. (Pfui.) — Die Gesellschaft vertheilt, richtet ein und regelt den 58 er- brauch der Sachgüter. Sie hat öffentliche Küchen, Speisehäuser, Bekleidungsanstalten, auch Räume, wo sie nach der Arbeit liest, spielt und dergleichen mehr zu treiben erlaubt. Alles wird in Oeffentlichkeit umgewandelt. Ich frage: Wird die menschliche Natur, so wie wir sie kennen, aus die Dauer einen solchen Zu» stand ertragen? (Nein.) Ich rede im Augenblicke noch gar nicht vom Christenthum, nicht von den idealen Gütern, sondern nur von der Erzeugung, Vertheilung und dem Verbrauch der erzeugten materiellen Güter. Ich frage noch einmal: Bäumt sich nicht die ganze menschliche Natur bei näherer Betrachtung des Inhaltes des Sozialismus dagegen aus, daß uns eine solche Ordnung der Dinge aufgezwungen werde? (Jawohl.) Wollen wir uns unsere persönliche Menschenwürde aus der Brust reißen und unter ein Sklavenjoch beugen lassen?
Nun, meine Herren, die Sozialdemokraten sagen, wenn man ihnen diese Fragen vorlegt: „Ja, die heutige Menschheit natürlich, die ist nicht reif dafür. (Heiterkeit.) Sie muß erst in einer langen Evolution," so heißt das gelehrte deutsche Wort, „entwickelt und befähigt werden, diese paradiesische Glückseligkeit zu verstehen." (Heiterkeit.) Ich komme gleich aus die Grundlage dieser Phantasterei von der Evolution der Menschheit. Es ist das die allbekannte Lehre, daß der Mensch sich ebenso aus dem Urschleim entwickelt hat, wie die übrigen Organismen sich aus ihm entwickelt baden sollen nach der Lehre eines ihrer wissenschaftlichen Väter. Ich muß mich etwas kurz fassen, ich sage also: So lehrt die Sozialdemokratie, so behauptet sie, sei es wissenschaftlich festgestellt, so hat sich in Millionen von Jahren der Entwickelung aus dem höchst entwickelten Thiere der Mensch, der Urmensch, entwickelt. Und wenn Sie jemals eine Photographie des von Gabriel Marx gemalten Bildes des Urmenschen gesehen haben, so werden Sie sich einen Begriff machen können, wie die Sozialdemokratie sich die Entwickelung denkt. Ich gratulire Gabriel Marx zu seinem Urgroßvater; ich danke für solch' einen Teufel! Nun, die Sozialdemokraten müssen solche Bilder in ihren Ahnen- galerien aufhängen, und sie thun es auch. Nun sagen sie: „Wie sich nun aus dem Affenmensch der Kulturmensch entwickelt bat, so wird sich auch der Zukunftsmensch aus diesem entwickeln. Wir erfahren es ja an uns, denn wir sind in beständiger Mauserung. So wird sich die Menschheit empormausern zu so herrlichen Individuen, daß sie diese Zukunftszustände auch ertragen wird." Ich denke, dann könnten wir unsere Phantasie noch weiter tanzen lassen; ich denke, dann könnte sich die Menschheit zu einem solchen Zustande entwickeln, daß sie weder Kleidung noch Wohnung usw. bedürfte und dann aller Arbeit enthoben wäre, (tzeiterkett.) Der Unsinn einer solchen Entwickelung liegt auf der Hand, und die Herren glauben ihn selber nicht nach meiner
Zwischen Mich* und Ueigung.
Preisgekrönte Novelle von A. Zingeler.
(40. Fortsetzung.)
„Lassen Sie mich kurz sein, Herr Doktor," Hub Wagner wieder an, zerknirscht wie ein Angeklagter, der vor dem Richter seine Schuld bekennt, „AIS am nächsten Tage der Sturm über Ihren Herrn Vater hereinbrach, als ich erfuhr, worum es sich handelte, um die wichtige Nachricht des herzoglichen Agenten in Wien wegen deS Ankaufes der fraglichen Güter, da wurde eS mit einem Male schrecklich licht vor meinen Augen. Der Brief, den ich auf dem Pulte Perlag'S gesehen und gelesen hatte, war jenes Schreiben. Ihr Vater war unschuldig. Meine Gedanken verwirrten sich. Wie war Perlag in Besitz deS Briefes gekommen? Wie war er dann nachträglich, aber zu spät, in die Hände Ihres VaterS gelangt?
„Ich eilte zu Assessor Perlag und bekannte Aller, wäS ich wußte. Wie unsagbar thöricht handelte ich! Statt zu Ihrem Vater oder doch zu dem Präsidenten zu gehen, wandte ich mich an Perlag. Ich war seiner UeberredungSkunst nicht gewachsen, seinen Drohungen gegenüber nicht stark genug. Auch ich war schuldig. Ich halte den für Ihren Vater bestimmten Brief irrthümlich mit denjenigen für Perlag zusammengesaßt und diesem ge-
festesten Ueberzengung, wenn auch Herr Liebknecht mit seinem Brustton sagt: „Wer fragt, wie das werden soll, der beweist mit der Stellung dieser Frage, daß er ein Dummkopf ist." Wem der Sozialismus gefällt, der mag den Herren nachlaufen. Ich frage nur: Glauben denn die Herren wirklich, die heutige Gesellschaft, beruhend auf dem Privateigenthum und auf der Familie, lasse sich einfach ihre Grundpfeiler wegziehen, um zur sozialistischen Kuckucksglücksburg zu gelangen? Selbst wenn irgend welche Berwirklickung glaubhaft wäre, so würde dieselbe, ttotz aller Versicherung der Sozialdemokraten, daß sie ruhig vor sich gehen würde, nur auf dem Wege des Umsturzes zu ihrem Ziele gelangen. So mußte z. B. in der französischen Revolution die Menschheit über Hausen von Trümmern, durch Strome von Menschenblut in die künftige Gesellschaftsordnung eintreten. Und was bei dem Einzug in das gelobte Land der Sozialdemokratie Übrig bleibt, das können wir uns an den fünf Fingern abzählen.
Und nun komme ich darauf, was die Sozialdemokratie unter dem Gesichtspunkte der Religion ist. Aus dem Gebiete, welches man Religion nennt, erstrebt die Sozialdemokratie den Atheismus, d. h. zu deutsch die Gottlosigkeit. Und da es keine Gottlosigkeit ohne Feindschaft gegen Gott gibt, so heißt das: Auf dem Gebiete, welches man heute Religion nennt, erstrebt die Sozialdemokratie die Feindschaft und Bekämpfung Gottes. Herr Liebknecht hat in Halle auf dem dortigen Parteitage im Jahre >890 gesagt: „Die Sozialdemokratie selbst wird die Religion der Zukunft sein." (Pfui.) Unter dem Gesichtspunkte der Religion ist die Sozialdemokratie die bewußte und entschlossene Leugnung Gottes, der Unsterblichkeit der Seele, einer ewigen Vergeltung, aller und jeder Religion. Und es ist nur ein gottloses und frevelhaftes Spiel mit diesem erhabenen Worte, wenn man in einem Gedanken sagt, die Sozialdemokratie, diese Leugnung aller Religion, wird die Religion der Zukunft fein. Ja, aber ein schwererer Borwurf ist es, wenn ich sage: Die Sozialdemokratie leugnet alle Religion, sie ist die Feindin der Wahrheiten der Religion, die Feindin der von Gott gestifteten Heilsanstalt, die Feindin ihrer Diener, aller ihrer Anhänger, weil sie Diener und Anhänger Gottes sind. Das ist ein schwerer Vorwurf. Ich bin mir der Schwere desselben wohl bewußt, und dennoch muß ich ihn erheben und will auch versuchen, den Stier bei den Hörnern zu fassen. Den Beweis will ich aus dem Programm der Partei selbst führen. Die Sozialdemokratie sagt darin: „Die Religion ist Privatsache." Nur ein Thor — und wir Katholiken sind diese Thoren nicht — läßt sich durch diesen Einwand blenden. Gerade dieser Satz beweist die Richtigkeit meiner Anklage. Er heißt mit anderen Worten: „Die Religion darf keine öffentliche Angelegenheit sein, aber im Herzen darf Jeder treiben, was er will. Er darf an Gott, an Unsterblichkeit und an ewige Vergeltung glauben; wir halten ihn freilich für einen Narren, aber Religion ist Privatsache." Herr Liebknecht hat offen ausgesprochen: „Aus die Dauer kann kein überzeugter Sozialdemokrat Gottesgläubiger sein." Er sagt ferner: „Religion ist keine öffentliche Angelegenheit. „Was heißt das für die gegenwärtige Staats- und Gesellschaftsordnung? Das heißt: Hinaus mit der Religion aus dem öffentlichen Leben, hinaus aus dem Strafgesetzbuch! Sie bieten keinen Schutz mehr für Gott und feine Kirche, keinerlei Schutz gegen Verhöhnung, Verlästerung des Heiligsten; Schimpffreiheit gegen Gott und was heilig ist! Das heißt: Hinaus mit der Religion aus den Staatshaushaltungsplänen! Hinaus vor allen Dingen aus den Schulen; denn die Schulen sind öffentliche Anstalten, Religion hat darin nichts zu thun! (Pfui.) Können wir mit diesen Bestrebungen einverstanden sein? Wir sagen: Nein, im Gegentheil, Religion ist nicht nur Privatsache, — freilich auch Privatsache und sie muß die wichtigste Privatsache jedes Einzelnen sein und bleiben — sondern die Religion muß auch öffentliche Angelegenheit ersten Ranges sein. In den Schulen muß Religion sein, in der Rechtspflege muß Religion sein, die Gesetzgebungen müssen auf religiöser Grundlage sich aufbauen; wir sagen, das gelammte öffentliche Leben muß von Religion durchdrungen sein; nur dann werden die staatlichen wie die wirthschafttichen Ordnungen wohlgeregelt sein und werden tönnen. Und was ist dann der Gegenstand unseres Kampfes auf politischem Gebiete anderes, als die Verwirklichung dieser unserer Forderung! Wer
bracht; ich hatte, was strenge verboten war, ein Aktenstück auf dem Arbeitspulte eines der Herren gelesen. DaS und noch vreles Andere hielt mir Perlag vor, und ich war zu furchtsam, zu feige, um zu widersprechen, nach den Geboten deS Gewissens zu handeln. Asiesior Perlag batte den Brief, der, wie er behauptete, in großer Eilfertigkeit von dem Agenten kaum geschloffen worden war, ohne Mühe und ohne ihn zu verletzen, auS Neugierde geöffnet. Nachdem er den Inhalt gelesen hatte, war die Versuchung aufgetaucht, das wichtige Schreiben zu seinem Bortheile auSzunutzen. Und so geschah es. Was dann folgte, ist Ihnen bekannt. Meine Schuld ist die, daß ich schwieg; ich will sie nicht beschönigen, ich fehlte schwer an Ihrem Vater, an meiner Pflicht."
Der Kanzleirath schwieg wie erschöpft. In ängstlicher Spannung richtete er seine Augen aus Seewald. Em Tadel, ein Vorwurf, herbe Anklage von dem Manne, dem er fo viel verdantte, dünkte ihm das Peinlichste, daS Schmerzlichste, was er noch in seinem Leben empfunden.
„Sie haben mir noch nicht alles gesagt," Hub Seewald von Neuem an. „Wie kam die Unschuld meines Vaters zur Kenntniß des Herzogs?"
„Etwa zwei Jahre, nachdem Ihr Herr Vater von hier weggezogen, verbreitete sich daS Gerücht, er fei
irgend etwas anderes erstrebt, ist für uns ein Feind, der meint es nicht ehrlich mit der Religion. Was wird es aber in der sozialdemokratischen Zukunft mit der Religion als Privatsache geben ? Diese Frage ist rasch beantwortet. Es gibt in der vollendeten sozialdemokratischen Zukunftsordnung ja keine Privat- jache, nicht einmal die Person wird Privatsache fein. Religion wird also keinen Platz im Zukunftsstaate mehr haben. Damit ist der Beweis geführt aus der Sozialdemokratie selbst; benjt indem sie die Religion zur Privatsache erklärt, jedoch in ihrer Vollendung keine Privatsache kennt, beweist sie, daß ganz besonders die Religion keinen Platz mehr hat. Nun ist es nicht mehr nöthig, die Dutzende und Aberdutzende bet empörendsten Ausdrücke von Gottlosigkeit in sozialistischen Reden und Schriften Ihnen vorzutragen: die Haare stehen einem dabei zu Berge, wenn sie nicht schon längst ausgefallen sind. (Heiterkeit.) „Gott ist das größte Uebel dieser Welt," sagt einer der Herren, „deswegen erklären wir Gott den Krieg." (Pfui!) „Der Teufel ist die einzige anständige Person in der ganzen Welt." (Pfui!) Ja, das kann nicht wundernehmen von Leuten, die lehren: „Die Kirche» werden Gesellschastseigenthum, geben gute Kneip- u. Kegellokale" x.
Es hat noch niemals und wird niemals ein Volk geben, das auf die Dauer ohne Religion bestehen kann. (Bravo!) Der Sozialdemokratie allein ist es Vorbehalten, dieses Bedürfniß zu ignoriren, und hiermit hat sie ihren Untergang besiegelt. — Noch ein Wort zu der Frage: Wie soll daS alles verwirklicht werden? Polizei gibt es nicht, Gendarmerie gibt es nicht, Kirchen gibt es nicht, Kasernen auch nicht, Gefängnisse, Zuchthäuser gibt es nicht, nur Arbeitshäuser, b. h. die ganze Welt ist ein einziges Zucht-, ein einziges Arbeitshaus. Aber irgend ein Mittel muß es dock geben, um die Welt im Zaume zu halten! „Mit der Beseitigung des Mein und Dein," sagen die Herren, „verschwinden alle Leidenschaften, dann gibt es keinen Mord u. s. w. mehr, im schönsten Frieden wird man leben." Wir haben im Reichstage eine fünftägige Sozialistenschlacht gehabt. Dr. Karl Bachem und Eugen Richter haben die Frage an die Sozialisten gerichtet: „Wie wollt ihr euere Arbeiter zur Arbeit nöthigen?" Herr Bebel antwortet: „Wer nicht will, verhungert." Das ist gewiß ein gelindes Strafmittel, es gibt auch tnne Gelegenheit zur Berufung gegen dieses Sttasurtheil. Wir fragen nun: Wie kommen die Leute auf solche Ideen, mit denen sie die Welt glücklich machen wollen? Und da müsse» wir der Wahrheit die Ehre geben. Herr Bebel hat gesagt: „Alles, was wir lehren, haben wir vom Liberalismus gelernt." (Sehr richtig!) Die Herren da oben sagen: „Die breiten Massen des Volkes müssen hübsch bemütijig, genügsam und gehorsam gehalten werden, aber wir Männer von Bildung wissen längst, daß das alles fauler Zauber ist, wir glauben an keinen Gott, kein Jenseits mehr und genießen, so lange als wir leben, das ist der Beruf des Menschen." Und diese Lehre ist es, die in der Sozialdemokratie eine verständnißvolle Entwickelung und vor allen Dingen Proletarisirung gefunden hat, vor der de» liberalen Herren Papas angst und bange geworden ist, feit die breite Masse kommt und sagt: „Den Himmel habt ihr uns genommen, gebt uns dafür die Seligkeit der Erde, gebt uns Theil an euren Genüssen." Seitdem wird es den Herren bang; aber es ist genau dasselbe, was sie gelehrt und geübt haben in ihren Konventikeln von Bildung und Besitz. Aber darin, daß die Sozialdemokratie das Folgerecht ausgebildet und prole- tarifirt, in die breiten Massen des Volkes getragen hat, darin liegt auch die Aufgabe, das Wesen und die Daseinsberechtigung unseres katholischen Bolksvereins. Gegenüber dieser in die breiten Massen getragenen Umsturz-Irrlehren und -Bestrebungen auf allen Gebieten des öffentlichen und privaten Lebens, auf politischem, wirthschastlickem und vor allen Dingen religiösem Gebiete gibt es kein anderes Heil- und Rettungsmittel mehr, als daß alle Diejenigen, welche die von Gott geoff entarte Religion, die Staats- und Gesellschaftsordnung erhalten und vervollkommnet haben wollen, sich zusammenschaaren.
Es ist höchste Zeit, daß die Katholiken Deutschlands sich in großen Schaaren zusammenthun, um diese Irrlehren und Umsturz-Bestrebungen zu bekämpfen. Das ist die Aufgabe deS Volksvereins für das katholische Deutschland. Und diese Aufgabe erfüllt keiner der bestehenden Vereine. Die Ceu-
gestorben. Gott fei Dank! es bewahrheitete sich nicht. Mich aber packte die Nachricht wie eine strenge Mahnung. Mein Gewissen wurde lauter als je, und ich fand Tag und Nacht keine Ruhe. Endlich eilte ich zu Perlag, der unterdessen die ersehnte Beförderung erlangt hatte, und forderte ihn auf, an dem Verstorbenen gut zu machen, was wir an dem Lebenden verbrochen. Ich war aufgeregt, wurde heftig und unsere lautgeführte Unterhaltung lockte den damals in herzoglichen Diensten stehenden Referendar Zeller herbei, der vor der Thür unser Gespräch anhörie. Er denunzirte Perlag und mich bei dem Herzoge. Herzog Eberhard ließ uns kommen."
Der Kanzleirath machte eine Pause. Die Erinnerung an jenen Tag war zu mächtig; er bedurfte der Sammlung. Dann fuhr er fort: „Es war eine böse Stunde, die wir vor dem gnädigsten Herrn zubrachteu. Perlag, wje ich, haben sie nie vergessen. Ich wußte, daß der Herr Herzog mir von da ab seine Gnade entziehen würde und dennoch war ich froh, daß es so gekommen; ich hatte meine Schuld bekannt, nun mochte« die, in deren Händen es lag, das Vergehen wieder gut machen."
Seewald erhob sich. Er reichte dem Kanzleirathe die Hand und sagte: „Sie haben gefehlt, aber nicht aus niedriger Rachsucht, Habsucht oder einem ähu-