Jti 289 D!ittwoch, dm 16 Oktober 1895 22. Jahraaua
FiildaerMZtitlliig
mit Anterhattungs-KeiLage »»Sterne nnd Klnmen".___________________
u„h aetertaae au-aelwinmcn — Vierteljährlicher Abonnemenlsvreis ohne Briiiqerlohn und Bestellgeld in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig. Ct^eurt to9h^^;t7b,DgeC;er^cSe^^lt‘1g7®™m ,nö^e ober d«en Raum 15 Ps., Reklamen die Petitzeile 25 Pf, bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
»I« Die Lage in Frankreich.
Am 22 Oktober treten Senat und Kammer zusammen und dann ist die kritische Zeit gekommen, in der das Ministerium Ribot um seine Existenz zu 'ämpfen haben wird. Der Herbst ist ja die Jahreszeit, in der nicht nur die Blätter, sondern auch die französischen Ministerien zu sallen pflegen, weil eS dann in der wiedereröffneten Kammer recht stürmisch hergeht und für die Regierung kein angenehmer Wind weht. Hat die Regierung im Sommer auch Ruhe vor der Kammer, so rächt sich dafür im Herbst die Kammeropposition, indem sie alle von der Regierung begangenen, wirklichen oder angeblichen Fehler einer scharfen Kritik unterzieht.
In diesem Jahre werden sich die Redeschlachten in der französischen Kammer um zwei Hauptpunkte drehen: um Madagaskar und den Glasbrennerstreik in Carmaux. Die Anklagen gegen die Veranstalter und Leiter des madagassischen „Abenteuers", von denen noch kürzlich die ganze Presse widerballte, werden sich in der Kammer erneuern. Zwar ist die Lage der Regierung jetzt weit günstiger, als noch vor Kurzem, weil sie darauf Hinweisen kann, daß der Feldzug erfolgreich war. Die Gegner werden indessen antworten, daß dieser schließliche Erfolg nur der übergroßen Feigheit der Hovas zu verdanken ist, und daß eS der mit Proviant und Munition nur aufs noth- dürftigste versehenen „fliegenden Kolonne," mit der General Duchesne Tananarivo besetzte, sicherlich sehr übel ergangen wäre, wenn die Hovas auch nur einige Tage vor der Hauptstadt Widerstand geleistet hätten. Und wenn die Regierung hierauf erwidert, daß Duchesne auf die Feigheit der Hovas nach chren bisherigen Leistungen habe rechnen dürfen, so mag man ihr das zugeben, aber dadurch werden die vielen Mängel in der Vorbereitung des Feldzuges nicht aus der Welt geschafft. Es bleibt Thatsache, daß man für den „Spaziergang nach Tananarivo" statt des nächsten einen viel weiteren und dabei kaum weniger beschwerlichen Weg gewählt hat; daß die Transpottmittel sich als unbrauchbar erwiesen; daß der langwierige und mühselige Straßenbau in den Fiebergegenden wahre Ver- Heerungen unter den Truppen angerichtet hat; daß man das Chinin verderben ließ, und es nachher an Medikamenten, wie auch an Aerzten für die zahllosen Kranken fehlte; daß man diese, statt sie auf der nicht allzuwetten Insel Reunion sich erholen zu lassen, dem mörderischen weiten Transport nach Frankreich durch das Rothe Meer unterwarf; daß die Befehlshaber der Land- und Marinetruppen infolge ihrer gegenseitigen Eifersucht zu keiner einheitlichen Aktion kamen; daß endlich — und das ist das Schlimmste — zu dem Feldzuge nicht die an das Tropenklima gewöhnten Kolonialtruppen, sondern ausgehobene junge Soldaten aus allen französischen Regimentern gewählt wurden, die das Klima natürlich nicht vertragen konnten.
Was den Streik von Carmaux angeht, so wird hier der Regierung von den Sozialisten und Radikalen
ZWifchr« Pflicht und Neigung.
Preisgekrönte Novelle von A. Zingeler.
(38. Fortsetzung)
Aber es enthielt auch scharfe Bemerkungen, welche zeigten, wie peinlich der Herzog Eberbard Täuschungen oder gar Unredlichkeit, Mangel an Treue empfunden hatte. Eine der Schärfsten jedoch enthielt daS Blatt, auf welchem ein Name stand, der Seewald zusammen- sahren ließ: „Finanzrath Lehrbach." Er laß mit stockendem Athem: „Wie fchrecklich ist mir diese Entdeckung ! Lehrbach, auf den ich unbedingtes Vertrauen gesetzt, an den ich so viele Hoffnungen knüpfte, ist pflichtvergessen, untreu. Wie schwer wird es uns Fürsten gemacht zu vertrauen, wenn wir solchen Täuschungen ausgesetzt sind! Was kann den Mann zu einer That wie diese verleitet haben? Geldgier? Wie traurig. Ein Lehrbach und sich bestechen lassen!"
Es flimmette Seewald vor den Augen, die Buchstaben tanzten wie höhnische Kobolde vor ihm auf dem Papiere. Er mußte wegschauen, um sich zu sammeln. Dann laS er weiter. Was auch kommen mochte. Er mußte alles wissen.
„Die Sache ist erledigt. Lehrbach ist mit zwei Drittel seines Geholtes entlassen. Ich habe lange geschwankt, ob nicht eine noch schärfere Behandlung
ein schwerer Vorwurf daraus gemacht, daß sie angeblich im Interesse des Jndustttellen Reffoguier, des Leiters der Glaswerke von Carmaux, Polizei und Militär gegen die Streikenden aufgebotm habe. Die Regierung ettiätt dagegen, daß sie Polizei und Militär nur zum Schutze der Arbeiter, die nicht streiken wollen, verwandt habe. Wer da Recht hat, ist schwer zu sagen. ES kommt auch insofern wenig barauf an, als die Opposition dm Streik auch dann, wmn sie nicht von der Schuld der Regierung überzeugt wäre, gegen dieselbe ausbeuten würde.
Die Regierung hat sich nun nach Kräften bemüht, kurz vor der Herbstseffion möglichst viele „Erfolge" anzuhäufen, mit denen sie vor der Kammer paradiren kann: die Besuche russischer Generale und Staatsmänner, des belgischen und des portugiesischm Königs, sowie verschiedener Prinzen und Großfürsten („Erfolge", die allerdings nicht das Verdienst des Ministeriums Ribot sind), sodann der glückliche Fana etlicher „Spione", wie der Familie Schwartz u. a. m. Ob's helfen wird? Uns kann es schließlich einerlei sein, aus welchen Leuten sich das französische Ministerium zusammensetzt; wie die Parteiverhältnisse einmal liegen, werden eS stets Freimaurer, Kirchenfeinde und Russenschwärmer sein.
Deutsches Reich.
Berlin, 15. Oktober.
* lieber den Besuch des Kaiserpaares iu den Reichslauden schreibt man der .Kreuzzeitung':
Die Ankunft des Kaiserpaares in Ur ville erfolgt am Morgen des 15. Oktober. Die Majestäten werden drei Tage in ihrem lothringischen Schlosse Hoflager halten. Wie aus Metz gemeldet wird, ermattet man dott mit Bestimmtheit, daß bte Kaiserin von Urville aus einen Ausflug dahin machen wird. Die Kaisettn gedenkt, wie verlautet, in Metz, wo sie tote überhaupt in Elsaß-Lothringen, seit 1889 nicht mehr verweilte, bte Maternite," sowie bte Haushaltungsschule des in Montigny bei Metz gelegenen Marthaftistes zu besuchen unb außerdem den Vorstand des Vaterländischen Frauenvereins zu empfangen. In Erwartung des hohen Besuches hat der Gemeinderath von Metz aus seiner Mitte ein Festkomitee gewählt und einen Kredit zur Ausschmückung der Stadt bewilligt. In Straßburg findet am Abend des 18. großer Zapfenstreich statt, wobei der Kaiser- Platz erleuchtet wird. Eine dargebotene Galavorstellung im Stadttheater hat der Kaiser wegen bereits anderweittg für den Abend getroffener Bestimmung dankend ablehnen lassen.
* In Berlin-Schönebera findet am 24. d. M. die Einweihung der neuen St.Mathiaskirche auf dem stattlichen Winterfeldtplatze statt. Die neue Kirche, ein prächtiges Werk des Baumeisters Seid er tz, wird eine der schönsten Berlins sein, ein würdiges Gezelt des Herrn. , m .
* Mehrere Blätter enthalten heute eine neue Notiz über die famose Briefsammlung deL Cheftedakteurs der ,Kreuzztg.' Frhrn. v. Hammersteiu. Danach wären die letzten Meldungen von Diebstahl rc falsch. „Die ,Krmzztg.' sollte ja auL dem Charakter ihres früheren Cheftedakteurs wissen, daß Frhr. v. Hammerstein nicht der Mann war, sich bestehlen zu lassen." Die Briefe waren vielmehr allesammt vortrefflich in einer Mappe angezeigt sei. Aber es kann auch im Interesse des Dienstes liegen, Gnade für Recht eintreten zu laffen. Es ist nicht gut, daß ein Vergehen wie das vorliegende, begangen durch einen Mann, wie Lehrbach, zu allgemeiner Kenntuiß komme. Zudem tritt Lehrbach mit einer Sicherheit auf, mit soviel äußerem Selbstbewußtsein gekränkten Stolzes, daß der Mann bodenlos verdorben sein müßte, wenn er so sehr schuldig wäre, wie ich anfangs geneigt war zu glauben. Ich will von der widerwärtigen Sache nichts mehr hören."
So lauteten die Wotte, welche Herzog Eberhard damals vor vielen Jahren in tiefer Entrüstung niedergeschrieben. Sie enthielten teilten Beweis für die Unschuld Lehrbachs. Im Gegeutheil, die Umstände mußten sehr gegen ihn sprechen. Wo war aber dann der angebliche Beleg für die Schuldlosigkeit des Vaters?
Mit Eifer schlug Seewald das Blatt um; vielleicht daß auf einem der anderen noch ein neuer Eintrag folgte. Da fiel sein Auge auf die Rückseite des beschriebenen Blattes. Rasch eilten seine Blicke über die Zeilm hin und ein Ausruf der Freude, der Ge- nngthuung entrang sich seinen Lippen.
Er las: „Welch' überraschende Aufklärung! Soll ich mich über dieselbe freuen oder Schmerz empfinden? Lehrbach war also doch unschuldig! Seit den zwei
geordnet, mit Namen und Datum. Dem .Vorwärts' hat sie Frhr. v. H. nicht direkt verkauft, wohl aber sind sie von einem sozialdemoftatischen Schriftsteller (es ist Mehring) angetauft und von diesem der Partei überantwottet worden. Der brave Hammerstein hat also sehr sorgfältig alle seine Privatbriefe gesammelt und nun vertäust. Er hat dann Freund und Feind friedlich bei einander stehen — man tann ja nicht misten, ob nicht auch Freunde festgenagelt werden müßten. Und daS „Feslnageln" that er ja so gerne, als ob er seinem Namen Ehre machen wollte. Der .Reichsbote' ist über diesen „ruchlosen Bertranensbruch" ganz äußer sich. Er ruft jammernd und wehklagend aus: „Welches Unheil können nun die Sozialdemokraten mit bieten Briefen anrichten!"
* Gegen Singer ist wegen einer Rede auf dem Breslauer Parteitage Anklage wegen Beleibigung beS Breslauer Polizeipräsibmtm erhoben worben.
* Der Finanzminister hat bie Bezirksregierungen veranlaßt, bei geeigneten Gelegenheiten feinen Zweifel darüber bestehen zu lasten, daß junge Männer bet der gegenwärtigen Lage der Verhältnisse ein rasches Fortkommen im Landmesserberufe voraussichtlich nicht zu erwarten haben, daß keinenfalls aber die während der letzten Jahre vorhanden gewesenen günstigen Aussichten auf baldige Erlangung eines gesicherten Unterkommens über das Jahr 1897 hinaus in gleicher Weise fottbestehen werden.
* Za den Erörterungen über die Reform des Mitttär - Strafverfahrens bringt die ,Thorn. Ostd. Ztg.' einen interessanten Beitrag aus dem Jahre 1889. An einem dunkeln Sommerabende wurde ein in dem Thorner Vorotte Mocker wohnender Herr, der sich mit seiner Gattin auf dem Heimwege befand, plötzlich durch zwei radfahrende OMere erschreckt, bieben Fußgänger- weg benutzten, keine Laterne am Rade hatten und auch kein Signal mit der Glocke gegeben hatten. Wegen dieser Ungehörigkeiten machte der Herr dm Offizieren Vorstellungen mit der Bemerkung, er werde die Sache zur Anzeige bringen. Darauf hielten die Offiziere an und ber eine von ihnen, Sekonbelieutenant Herke, stellte ben Herrn zur Rede unb bedauerte, daß kein Posten in der Nähe sei, um ihn verhaften zu können. Dann holte sich der Offizier feinen Degen vom Rad, stellte fick, denselben in der Hand, vor daS Paar und beschimpfte es. Nach dieser Heldenthat fuhren die Herren davon. Von dieser Angelegenheit wurde zunächst der Kommandantur in Thorn, und als diese nach Wochen nichts von sich hören ließ, dem Generalkommando in Stettin Anzeige erstattet. Die Untersuchung wurde rin- geleitet und der Kläger vor den Auditeur geladen. Hier gab Lieutenant Herke dm Sachverhalt zu. Auf Anregung des Auditeurs erklätte sich der beleidigte Herr durch eine Erklärung des Lieutenants, wodurch dieser seine Handlung als übereilt zugebe, befriedigt. Der Lieutenant lehnte es aber ab, diese Erklärung zu geben. Nachdem noch einige Zeugen vernommen waren, die ben Sachverhalt ebenfalls bestätigten, war die Unter-
Jahren, daß ich ihn entließ, habe ich ost an ihn gebaut. Wahrhaftig, ich thiite es gerne! Aber welche Folgen würde das haben? Ich müßte den Anderen entlasten und nicht allein ihn, sondem auch Wagner und diesen unleidlichen Mmschm, den Zeller, diesen Mephisto, der, wie dieser, stets das Böse will und das Gute oft gegen Willen schafft. Er hat Perlag und Wagner verderbm wollen und bringt Lehrbach dadurch zu seinem Rechte. Zu seinem Rechte?"
Abermals endigten hier die Aufzeichnungen. Der Herzog schien noch zu keinem bestimmten Entschlüsse gekommen zu sein. Einen vollen Monat später hatte er dann wieder niedergeschrieben:
„Es ist das Beste. Ich habe lange, reiflich überlegt. Rufe ich Lehrbach zurück, dann wirbelt die Sache einen Staub auf, daß nicht mehr durchzusehen ist. Lehrbach ist glücklich. Davon mußte ich mich überzeugen und es ist mir eine große Beruhigung, daß dem so ist. Vielleicht störe ich sein Glück, seine Zu- ftiedenheit, wenn ich ihn wieder hierher bemfe. Ich werde ihm von jetzt ab sein volles Gehalt anweisen. Und Perlag? Wird ihm seine perfide Handlungsweise das erwünschte Glück bringen? Er muß viele Jahre arbeiten, um meine Gunst wieder zu erringen. Ich lege ihm heute ein Schuldbuch an, in das ich redlich all sein Haben, sein Verdienst eintragen werde, aber