Dienstag, dm 15. Oktober 1895
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mit Unterhaltrrngs-KeUttgr „Sterne und Flumen".________________
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* Ein peinliches Aussehen erregendes Urtheil
ist vor einigen Tagen vor der siebenten Strafkammer des Berliner Landgerichts I gefällt worden. Der verantwortliche Redatteur der ,©ernt' und der,Kathol. Volksztg.' zu Berlin wurde wegen Beschimpfung der protestantischen Kirche zu einer Woche Gefängniß verurtheilt, weil er zur Einleitung der Wiedergabe einer Artikels der »Deutsch. Evangel. Kirchenzeiuntg' die Wendung gebraucht hatte, „das Jammerbild des Protestantismus", welches nicht einmal dar apostolische GlaubenSbekenntniß auf den Kanzeln und Kathedern vor Angriffen zu schützen wage, keine Stellung zum Duell zu finden wisse und dergleichen, trete jetzt beim „Kampfe gegen den Umsturz" deutlich hervor. (Bekanntlich wurde der frühere Redakteur der ,Fnld. Ztg.' wegen desselben Artikels am 28. Juni vom hiesigen Schöffengerichte ebenfalls zu einer Ge- fängnißstrafe verurcheilt. Wir Fuldaer fragen uns erstaunt, wie es wohl kommen mag, daß man in Berlin erst dann einen Hacken in der Sache gefunden hat, nachdem man hier in Fulda gegen den Artikel vorgegangen war.)
Die ,Köln. Volkszeitung'knüpft an die Mittheilung des Berliner UrtheilS folgende beachtenSwerthe Bemerkungen :
Vergebens wies die Vertheidigung darauf hin, daß eine ähnliche Kennzeichnung der Zustände im deutschen Protestantismus in manchen, und geradeden ernstesten protestantischen Kreisen nicht ungewöhnlich sei, daß man dort von dem „kirchlichen Bankerott der protestantischen Kirche" rede usw.
Das Peinliche jenes UrtheilS liegt aber für unS noch weniger in der Verurtheilung selbst als in dem auch hier wieder sich aufdrängenden Gegensatz zwischen diesem verurtheilenden Erkenntniß und freisprechenden Urtheilen bei Anklagen wegen Beschimpfung der katholischen Kirche. Wie der Bertheidiger dis angeklagten Redakteurs anführte, ist ein Redakteur der »StettinerZtg.' freigesprochen worden, obwohl er die katholische Kirche als „Satanskirche" bezeichnet hatte. Ganz besonders aber kommen die Freisprechungen des Predigers Thümmel wieder in Erinnerung. Am 8. Oktober v. I. stand derselbe zuletzt vor Gericht und Zwar vor der I. Strafkammer des Landgerichts Breslau, weil er in der Breslauer Generalversammlung des Evangelischen Bundes bezw. in einer Broschüre von den Verzauberungen und Entzauberungen der katholischen Kirche geredet und in Verbindung damit dm für das katholische Gefühl so tief empörenden Satz gebraucht hatte: ihrer Verzauberungen größte, ihre tägliche und einträglichste sei ja bekanntlich die, daß sie in der Meffe aus einer gebackenen Oblate einen Gott machen zu können glaube. Der Staatsanwalt beantragte eine Gefängnißstrafe von vier Monaten, das Gericht sprach frei, weil die fragliche Aeußerung keine Beschimpfung der katholischen Kirche darstelle.
Zwischen Pflicht nnd Neigung.
Preisgekrönte Novelle von A. Zingel er.
(37. Fortsetzung.)
Mit gekrümmtem Nacken, tückisch von unten herau schielend trat Zeller näher.
„Der Feind, vor dem ich den Herrn Doktor warnen wollte, ist eben Asseffor Barlos. Er hat, aber Sie bütfen mich nicht verrathm, er hat Sie auch in einem anonymen Schreiben bei dem Herrn Herzog schwer verleumdet."
„Bei Herzog Burkhard?"
„Ja, bei ihm. Es mögen etwa drei Wochen her sein, als er mir viele gute Worte und Geld bot, ich solle den Brief schreiben. Aber ich habe ihm gedient! Man hat mir Unrecht gethan, mich aus meiner Karriere hinaus gedrängt, mich verleumdet wie Ihren edlm, braven Herrn Vater. Ich muß mich kümmerlich durchschlagen, aber mich zu Schlechtigkeiten verführen lasten, nein, das bringt Niemand fertig."
Seewald wurde die Nähe dieses Mannes immer unerträglicher. Was war bei diesem Menschen denn nun eigentlich wahr und was gelogen? Es fiel ihm schwer, sich soweit zu fassen, daß er die Unterredung mit den Worten abbrach: „Mein Dienst ruft mich, Herr Zeller. Wenn Sie eS über sich bringen können,
Der § 166 des Strafgesetzbuchs bedroht mit Gefängniß bis zu drei Jahren denjenigen, welcher „öffentlich eine der christlichen Kirchen oder eine andere mit Korporationsrechten innerhalb des Bundesgebietes bestehende Religions - Gesellfchast oder ihre Einrichtungen oder Gebräuche beschimpft." Der § 166 schützt nicht die Lehren der Kirche, und aus diesem Grunde sind zahlreiche Freisprechungen bei Anklagen aus diesem Paragraphen erfolgt; aber er fchützt die Einrichtungen, und daS hl- Meßopfer ist zweifellos, wie auch das Breslauer Gericht ausdrücklich anerkannt hat, eine Einrichtung der katholifchen Kirche. Trotzdem die Freisprechung!
Und nun stelle man sich die beiden Aeußerungen, wegen bereit in Berlin (und Fulda) verurtheilt worden und in Breslau fteigesprochen worden ist, einander gegenüber! Wir appelliren an das Gefühl aller unbefangenen Leute, welchem Bekenntnisse und welcher Parteirichtung sie auch angehören mögen. Welche der beiden Aeußerungen hat mehr den Charakter einer Beschimpfung? Die Antwort kann gar nicht zweifelhaft sein. Für einen Katholiken insbesondere ist eine gröbere Beschimpfung gar nicht denkbar, als sie durch den Prediger Thümmel einer Einrichtung der katholischen Kirche, und zwar dem Mittelpunkte ihres gesummten Gottesdienstes widerfuhr.
Der § 166 des Reichs - Strafgesetzbuches soll der Aufrechterhaltung des konfeffionellenFrie- dens bienen. Wir haben nichts dagegen, wenn er streng gehandhabt wird, aber dann nach beiden Seiten. Die Gegenüberstellung der gegen diekatholifchen Redakteure und den protestantifchen Prediger ergangenen Urtheile muß aber auf katholifcher Seite die Empfindung erwecken, daß zwar ein fdjarfer Ausdruck auf der einen Seite der Verurtheilung nicht entgeht, auf der andern aber die Schimpffreiheit bereits besteht, nach welcher die Thümmel und Ge- nosten immer noch rufen. Unter solchen Umständen dient der § 166 dem konfessionellen Frieden nicht, unter solchen Umständen kann dessen Handhabung nur Verbitterung erzeugen, und man muß sich ernstlich fragen, ob nicht durch denselben ein Strich zu machen sei. Grundsätzlich sind wir durchaus nicht dieser Meinung, aber mehr als ein Vorkommniß aus den letzten Jahren drängt fast gewaltfam die Ueber- zeugung auf, daß der Zweck des § 166 nicht mehr erreicht wird.
L Das sozialistische Agrarprogramm
ist alfo vom Parteitage in Breslau abgelehnt worden und Genosse Bebel hat damit eine schwere Niederlage erlitten. Er wird in einer schönen Stimmung sein! Waren es doch Führer, wie Singer, Auer, Schippel, Kautsky, die sich gegen ihn und seinen Anhang erklärten. Daß obendrein die Ablehnung in so schroffer, so grober, maßloser Weise geschehen könnte, hätte Bebel kaum geglaubt. Der Vorgang beweist, von dieser Unwahrheit, welche Barlos Ihnen gesagt hat, leinen weiteren Gebrauch zu wachen, so danke ich er Ihnen."
„Herr Doktor, kein Wort kommt über meine Lippen! Sie haben keinen treueren Diener als mich. Schenken Sie dafür Ihr Wohlwollen und Ihre Hilfe einem armen mißkamtten Manne."
Seewald öffnete rasch die Fenster, nachdem die Thüre sich hinter dem rückwättS hinausbückenden und schleichenden Kommissionär geschloffen. Die Lust kam ihm wie verpestet vor.
Was konnte Barlos gegen ihn beim Herzoge vorgebracht haben? Mit Gewalt verscheuchte Seewald jeden aufsteigenden Gedanken an daS stattgefundene .Gespräch, an Zeller und Barlos, von denen er nunmehr überzeugt war, daß sie gemeinsam handelten, aber auch, daß sie Einer den Andern »errieten und mißbrauchten, der „rechtskundige" Kommissionär den rechtskundigen Affessor. '
Herzog Burkhard saß an seinem Schreibtische. Er schien mit einem Entschlüsse zu kämpfen. Jetzt warf er ein Schreiben, das er in der Hand hielt, den anonymen Brief Zeller's und Barlof'S, ärgerlich hin und sagte: „Salmann hat doch recht, eS bleibt immer etwas hängen. DaS ist ein Lehrsatz würdig einer Teufels: Rur frisch darauf loS verleumdet, es bleibt doch immer
daß die „überzeugten und zielbewußten Genossen" von der Verkleisterung der Gegensätze nichts wissen wollen. Wer da etwa gemeint hat, daß, wie Bebel und Bollmar auch noch andere sich gemausert haben, der wird wohl nun einsehen, daß es ein gefährlicher Jrrchum wäre. Jedes Bestreben dieser auf ihxe alten Tagen gemäßigt gewordenen langjährigen Patteiführer, das Wort Reform an Stelle von Revolution zu setzen, wurde entschieden zurückgewiesen. „ES bleibt dabei, wir sind eine durch und durch revolutionäre Partei!" so rief Schippel aus und nannte Alle, die das Agrarprogramm unterstützten: Quacksalber, Wirrköpfe, Phantasten und Bettüger.
Der Passus im Agrarprogramm, wo die dauern über das Wort „Privateigenthum" hinweggetäuscht werden sollten, erregte stürmischen Widerspruch. Kurz, wenn die alten Führer mit ihrem Programm, daS namenttich dem früherem Redakteur der .Frankfurter Zeitung' Dr. Quarck feinen Ursprung verdankt, Bauernfang treiben wollten, fo hat ihnen daS die junge Welt gründlich vereitelt. „Wir wollen di« Bauern nicht als Besitzer für unsere Reihen gewinnen, sondern als Besitzlose." Na, das ist deutlich, und der Bauer wird sichs merken! Erst soll er von HauS und Hof kommen — dabei wollen die Genoffen ihm helfen! — und dann soll er „zielbewußter Genosse" werden. Ja, Prosit die Mahlzeit! Umsonst spricht man nicht von Bauernschlauheit!
Die nächste Folge wird sein, daß an Stelle der älteren Führer, welche der Ausgang deS Parteitages auch sonst verschnupft hat, „junge Leute" sich an die Spitze der Parteileitung drängen werden, forschere Kerle, welche die Stimmung der „Jungen" besser verstehen.
„Genosse" Schippel wird zunächst bestraft dadmch, daß der .Sozialdemokrat' eingeht, er also seine Stelle verliert. Da erinnert man sich, daß Papa Bebel früher schon einmal den Finger warnend erhoben und gesagt hat, der Worte Wilhelm Buschs zu gedenken, „immer fleißig und bescheiden — so war mag der Onkel: dem Schippel sagen Sie nur, er kann bei uns gute Tage haben. Wenn er sich aber nicht fügt, hängen wir ihm den Brodkorb höher." Das geschieht jetzt und die nächste Wirkung wird sich in weiteren srenndlichen Auseinandersetzungen zwischen Schippel und Bebel bald zeigen. Zunächst wird man vom Agrarprogramm nichts weiter hören, aber der Zank und Streit wird sott- bauern.
Unb was soll die bürgerliche Gesellschaft dem allen gegenüber thun? Sollen wir durch ein neues Ausnahmegesetz abermals einen „eisernenReifen" um die zerfallende Partei legen?! Nein, imb aber nein: das ganze Bestreben muß dahin gehen, den Reformern, den älteren Führern entgegenzukommen durch Befriedigung der berechtigten Forderungen der Arbeiter in Stadt und Land. Auf diefem Wege liegt allein die Errettung der Arbeiter aus dem Abgrunde der Sozialdemokratie!
etwas hängen. Jetzt, wo ich Seewald gerne dieses Vertrauensgeschäft übertragen möchte, taucht das nichtswürdige Schriftstück mit den Worten: „Seewald gehe darauf aus, sich in Besitz wichtiger Papiere zu bringen, welche in der geheimen Kanzlei des Herzogs Eberhard sich befinden", beständig vor mir auf. Ich möchte es vertilgen, und doch kann eS noch einmal gute Dienste leisten, nicht gegen Seewald, das fürchte ich nicht, aber gegen die Verleumder. Wenn ich nur wüßte, wer es ist, Salmann's Rath als »eifer Salomon sollte sofort befolgt werden." .
Der Herzog legte das Schreiben wieder tn die Mappe, in welcher er wichtige Schriftstücke zu ver- schließen pflegte, und drückte sodann auf den Knopf einer in seiner Nähe befindlichen Schelle. Schmieder trat ein.
„Ich lasse Herrn Doktor Seewald zu mir bitten," befahl Herzog Burkhard.
Einige Minuten fpäter trat Seewald ein.
„Guten Morgen, mein lieber Seewald! Nehmen Sie Platz, ich habe ein Geschäft für Sie, das Ihnen allerdings Mühe machen wird, in welchem Sie ab« auch einen Beweis meines Vertrauens erblicken dürfen unb mit beffen Erledigung Sie mir einen Dienst er» weifen."
Seewald verbeugte sich schweigend.