Umlage jiw Mulöarv Aeitung.
jfä 236 • Sccmstcrg, den 12. Hktober 1895. 22. Jahrgang
ß Eisenbahnunglück in Frankreich vor 25 Jahren.
Nachstehende Erinnerung auS dem Kriegsjahre 1870/71 wird uns von einem Freunde der,Fuldaer Zeitung' zur Verfügung gestellt:
Schreiber dieser Zeilen, welcher 1870 von Anfang an den Feldzug gegen Frankreich mitgemacht hat, wurde Anfangs Oktober 1870, als er mit feinem Regiment vor Paris lag, von der Behörde, bei welcher er in der Heimath als Beamter angestellt war, zurückgerufen, um sich zu Hause wiederum seinem Berufe zu widmen. In Boiffy, wo ich mich zuerst hinbegeben mußte, traf ich noch drei Kollegen, welche ebenfalls von ihrer heimathlichen Behörde zurückgerufen worden waren. Bon Boisfy aus traten wir vier die Heimreise an zu Fuß über Tournant und Coulomiöres nach Nogent sur Marne, von wo aus wir die Eisenbahn über Eperuay, Zabern und Weißenburg benutzten. Die Eisenbahn konnte nur bis Nogent benutzt werden, da die Franzosen hier die über die Marne führende Eisenbahnbrücke zerstört hatten. Infolge besten mußte der gesammte Verkehr zwischen der Belagerungsarmee vor Paris und der Heimath von hier aus zu Lande er= folgen. ,
Die genannte Eisenbahn führt durch die Champagne, ein nicht allzubreites Thalgelände, zu dessen beiden Seiten sich bewaldete Höhen hinziehen; in der Ebene und an den Höhen sieht man viele Städte und Dörfer. Damals herrfchte prächtiges Herbstwetter und das Laub der zumeist mit Buchen bewaldeten Höhen erglänzte in den bekannten herbstlichen Goldfarben. Da die beiderfeitigen Wälder den französischen Franktireurs ein günstiges Versteck gewährten, von wo sie leicht unsere Truppen belästigen konnten, war angeordnet worden, daß die Eisenbahnzüge nur bei Tage fahren durften. Der Eisenbahnzug, den wir zur Rückreise von Nogent aus benutzten, sollte eine große Anzahl Kranker und Verwundeter in die Heimath zurückbringen. ,
Wir fuhren am ersten Tag, den 10. Oktober, von Nogent bis Dormans, wo wir gegen Abend ankamen. Am anderen Morgen mußten wir vor 6 Uhr wieder am Bahnhof sein, da der Zug um diese Zeit weiterfahren sollte. Von Nogent bis Dormans hatten wir im dritten Wagen hinter der Lokomotive gesessen und wollten am anderen Tage, also heute vor 25 Jahren, uns wieder in diesen Wagen begeben. Als wir aber zum Bahnhofe kamen, waren die ersten drei Wagen hinter der Lokomotive schon besetzt, und wir fanden noch Platz im vierten Wagen, in welchem auch noch einige uns theilweise bekannte ältere Herren Platz genommen hatten. Nachdem alle eingestiegen waren, setzte sich der Zug nach Epernay zu in Bewegung. Derselbe war noch nicht sehr weit von Dormans weggefahren bis in die Nähe von Bourfault und Pont ä Burson, da verspürten wir plötzlich einen Ruck und ein Schlagen des Wagens; ich sprang auf, fah zum Fenster hinaus und rief meinen Kollegen zu: „Gott sei Dank, wir sind gerettet!" Ein grausiges Bild bot sich nun unseren Augen dar. Die Lokomotive lag auf dem Bahnkörper tief im Erdboden eingegraben, der Tender war theilweise auf die Lokomotive aufgefahren, die drei ersten Wagen hinter der Lokomotive waren auf- und ineinander geschoben, und von unserem, dem 4. Wagen, war die nach der Lokomotive gerichtete Wand noch eingedrückt worden. Der Zug war also auf offenem Felde entgleist und zwar, wie sich herausstellte, weil die Franzosen über Nacht die Schienen losgeschraubt hatten. Die Insassen der drei ersten Wagen waren theilweise getödtet und viele schwer verwundet. Der Anblick des Unglückes und der Jammer der Schwerverletzten war herzzerreißend. Die Aufräumungsarbeiten dauerten bis spät in den Nachmittag hinein und erst gegen Abend konnte der Zug nach Epernay weiter fahren, woselbst derselbe über Nacht liegen blieb und wir alle in der Stadt einquartirt wurden. In den in der Nähe der Unglücksstätte gelegenen Ortschaften wurde von ausgesandten Soldatenabtheilungen nach dem oder den Thätern geforscht; ob ein solcher gefunden worden ist, habe ich nicht erfahren, obwohl ich auch einer folchen Abtheilung angehörte.
In Epernay waren wir Kollegen zusammen einquartirt; die Hauswirthin machte Napoleon und Bismarck sür den Krieg verantwortlich und machte ihrem Herzen in starken Ausdrücken Lust. Hier unterließen wir es auch nicht, den „Champagner" an Ort und Stelle zu probiren und uns wohlschmecken zu lassen. Des anderen Morgens ging es von Epernay weiter nach Zabern und der Heimath zu und erreichten am 13. Oktober Abends Frankfurt am Main ohne weiteren Zwischenfall, wo wir Kollegen uns trennten, um jeder >n seine Heimath zu gehen. M. R.
Zwischen Michl undUeigung.
Preisgekrönte Novelle von A. Zingel er.
(36. Fortsetzung.)
Unter den Briefen, welche Schmieder am nächsten Morgen seinem herzoglichen Herrn vorlegte, befand ich auch einer mit dem Stempel der Stadtpost. Als Herzog Burkhard die ersten Zeilen gelesen hatte, wandte er das Blatt um; der Brief trug keine Unterschrift. Nunmehr begann er das Schreiben nochmals zu lesen. Es lautete:
„Durchlauchtigster Herzog!
Treue Anhänger des herzoglichen Hauses halten es für ihre Pflicht, Ew. Hoheit vor einer Gefahr zu warnen. Ein unwürdiger Mensch hat sich in das Vertrauen Ew. Hoheit einzuschleichen gewußt. Ew. Hoheit hüten, bergen eine Natter an Ihrer Brust. Diese Natter ist der sogenannte Doktor Seewald. Derselbe heißt nur von mütterlicher Seite her Seewald. Er ist der Sohn des ehemaligen herzoglichen Finanzrathes Lehrbach, welcher wegen Unterschlagung eines sehr wichtigen Briefes aus dem herzoglichen Dienste entlassen wurde. Welche Pläne dieser Doktor Seewald hegt, sind noch nicht abzusehen. Gute sind es keinesfalls, fonst würde er sich nicht unter falschem Namen in das Vertrauen Ew. Hoheit eingeschlichen haben. Wenn wir dieses Schreiben anonym einsenden, so ist das, was wir Ew. Hoheit mittheilen, deshalb nicht minder wahr. Nur weil wir noch nicht fest überzeugt sind, beschuldigen wir den p. p. Seewald keiner bestimmten unredlichen Absichten, von denen eine aber für uns unbestreitbar ist, daß er nämlich darauf ausgeht, sich in den Besitz wichtiger Papiere zu bringen, welche in der Geheimen Kanzlei des Herzogs Eberhard sich befinden."
Herzog Burkhard war eine zu edel angelegte Natur, als daß ihn nicht jede anonyme Verleumdung angeekelt hätte. Diesem aufsteigenden Gefühle folgend faßte er das Schreiben, um es zu zerreißen und in den Papierkorb zu werfen. Er führte jedoch fein Vorhaben nicht aus. DaßSeewald ein unredlicher, ungetreuer Menfch fei, daran dachte der Herzog nicht einen Augenblick. Die Angabe jedoch, daß er einen andern Namen führe, als den seines Vaters, machte ihn stutzen. War das wahr? Aus welcher Absicht geschah es? Und auch dann, wenn dem so sein sollte, hegte er doch noch keinen Argwohn.
„Herr Hofrath Salmann," meldete Schmieder in diesem Augenblicke.
„Sehr willkommen," sagte der Herzog und fügte für sich hinzu: „Die treue Seele kommt mir wie gerufen."
„Guten Morgen, Salmann," wandte er sich dann feinem ehemaligen Erzieher zu, ihm herzlich die Hand reichend. „Was bringen Sie Gutes?"
Hofrath Salmann hatte seinen Bericht beendet, die Angelegenheit, wegen der er gekommen, war erledigt. Jetzt reichte der Herzog ihm das anonyme Schreiben hin.
„Lesen Sie einmal den Wisch da!"
Der alte Herr las den Brief bedächtig durch. Dann, ihm den Brief zurückgebend, sagte er ruhig: „Ich hätte darauf gewettet, daß Seewald keinen Feind hier habe, und doch kriecht auch um diesen treuen Menschen eine boshafte Schlange herum. Ich wollte, ich könnte ihr auf den falschen Kopf treten."
„Es ist doch stark, so handgreifliche Lügen wie die, daß Seewald eigentlich Lehrbach heiße ..."
„Das ist das einzig Wahre an diesem hinterlistigen Schreiben," unterbrach Salmann.
„Ah, das ist also richtig; und Sie wußten darum?" „Es ist richtig. Glauben aber Hoheit, daß es mein Geheimniß geblieben wäre, wenn ich nicht von der Lauterkeit dieses Mannes voll und ganz überzeugt wäre, wenn ich auch nur den geringsten Argwohn hätte hegen müssen, Seewald sei wirklich eine Natter und wolle Ihnen schaden?"
Gespannt hörte Herzog Burkhard nunmehr der Erzählung des alten Hofrathes zu, wie Seewald aus freiem Willen, in edler Entrüstung für die Ehre des Vaters eintretend, feinen wirklichen Namen ihm genannt.
„Nun wird mir die auffallende Art und Weise klar, mit welcher er, als ich ihn in der Schweiz kennen lernte und ihm seine jetzige Stellung anbot, mein Anerbieten fast schroff zurückwies. Sie haben Recht, Salmann, an Seewald ist kein Falsch. Wer aber mag der boshafte Feind fein, der diesen Brief fchrieb?"
Der Hofrath senkte nachdenkend das greise Haupt. Dann sagte er: „An eine unredliche, gewissenlose Handlung Lehrbach's habe ich nie recht glauben wollen; seit ich Seewald kenne, bin ich überzeugt, daß sein Vater kein schlechter Mann sein kann. Aber ich dachte bis heute an Oberflächlichkeit, an Leichtsinn, an strafbare Nachlässigkeit, die in dem damaligen Falle besonders schwer war. Wie aber, wenn er doch unschuldig
gewesen, wenn Schuldige existiren und nun, auS Furcht entdeckt zu werden, den Sohn durch Verleumdung un- chädlich machen wollten?"
Der Herzog ging nachdenklich auf und ab.
„Die Sache ist mir peinlich. Sie sagen, daß mein Oheim damals sehr aufgeregt und entrüstet gewesen ei. Ich glaube, eS wird daS Beste sein, wmn ich hm mittheile, wer Seewald eigentlich ist, bevor er eS durch Andere erfährt".
„Offenes Bisir! hieß alle Zeit unsere Losung," erwiderte Salmann mit dem Stolze eines Mentors, der seine guten Lehren Früchte tragen sieht. „Fürstenohren müssen gar viel hören. Anklagen, Verdächtig- ungen und Verleumdungen nähern sich ihnen. ES ist sehr schwer, sich vollkommen frei zu halten und dem bösen Einflüsse, den diese auSüben. ES bleibt doch, auch bei dem redlichsten Willen, etwas hängen."
„Ich glaube sagen zu dürfen, bei mir nicht," ent- gegnete der Herzog.
„Herzog Burkhard, das wäre fast übermenschlich. Ja, ich weiß es, daß Sie zu edel denken, um 8er- läumdern Ihr Ohr zu leihen. Aber Sie können eS nicht wehren, daß zur Unzeit die Erinnerung an da« Gehörte, das Mitgetheilte wieder austaucht und dann, wenn auch damals durchaus unwahr, nunmehr dazu beiträgt, einer geringen Sache, einem kleinen Fehler einen böseren Beigeschmack zu geben." (Forts, f.)
Fabrikeinsturz in Bocholt.
Ueber das schreckliche Unglück in Bocholt, von dem wir bereits gestern eine kurze Meldung brachten, schreibt ein Mit- arbeiter der ,Mederrh. Volksztg/, der die Unglücksstätte besucht hat, wie folgt:
Die Kunde von einem entsetzlichen Unfälle verbreitete sich gestern Nachmittag mit Windeseile in hiesiger Stobt und rief allerseits die größte Aufregung hervor. Gegen */«6 Uhr war nämlich die im Entstehen begriffene Baumwollspinnerei des Herrn Franz Beckmann in ihrem größeren Theile zusammengestürzt, die verhältnißmäßig große Zahl der darin beschäftigten Bau- Handwerker unter die Trümmer begrabend. Die Spinnerei vor der Stadt in unmittelbarer Nähe des Bahnhofs liegend, ist ein in massivem Mauerwerk aufgeführtes, im Rohbau vollendete» Gebäude. Man war in der oberen Etage damit beschäftigt, den Betonbelag herzustellen, während im unteren Theile eine Anzahl Maurer beim Verputz thätig waren.
Unmittelbar vor Ausbruch der Katastrophe hatte der bauleitende Meister die Senkung eines Tragpfeilers wahr- zunehmen geglaubt und deshalb den Arbeitern angstvoll zugerufen, sich zu retten. Aber kaum waren die Wotte dem Munde entflohen, da stürzte und krachte es in allen Fugen und polternd gingen die schweren Eisenttäger mit dem Betonbelag, gewaltsam alles mit sich fortreißend, in die Tiefe. Ein schrecklicher Herd der Verwüstung bot sich alsbald dem Auge dar, wirr lag alles durcheinander, die schweren Eisentheile wie dünne Faßreifen verbogen. In dichten Schaaren eilte nun die erschreckte Bürgerschaft zum Schauplatz des Unglücks und mancher brav« Mann versuchte, nicht achtend der drohenden Lebensgefahr, die noch zu rettenden Personen auS ihrer theilweise gefährlichen Lage vom sonst sicheren Tode zu retten; beispielsweise wurden drei im vierten Stockwerke festgeklemmte verwundete Personen glücklich heruntergebracht. Da jedoch bei dem Umfange des Unglücks nur bei systematischer Arbeit berufsmäßig vorgebildeter Kräfte ein Erfolg des Befreiungswerkcs zu erhoffen war, bat man telegraphisch in Wesel um militärische Hilfe. Diese langte gegen 9 Uhr mittels Extrazuges in der Stärke von 70 Mann mit allen erforderlichen Geräthschaften versehen an und begann sofort mit den Aufräumungsarbeiten, die unter Pechfackelbeleuchtung die ganze Nacht fortgesetzt wurden. Bis tief in die Nacht hinein war die Unglücksstelle von jetner dichten Menschenmenge umstellt, welche spannungsvoll da» Ergebniß der Befreiungsarbeiten beobachtete. Herzzerreißend war eS anzu- sehen, wie Frauen und Kinder laut klagend sich nach dem Schicksal des theuren Gatten und Vaters erkundigten, ohne daß ihnen die erforderliche Auskunft gegeben werden konnte.
Man nimmt auf Grund der gefühtten Arbeitsliste an, daß etwa 40 Personen beim Einsturz verunglückt sind. Bi» heute früh 6 Uhr, als wir den Platz verließm, waren 10 Todte und 9 Schwerverwundete geborgen; die noch unter den Trümmern liegenden etwa 20 Personen dürften nach allgemeiner Annahme sämmtlich bereits ihren Tod gesunden haben. Unter den Tobten befindet sich auch der als Direttor des neuen EtabliffementS an- gestellte Herr Sommers, ein 24jähriger hoffnungsvoller Mann, welcher als die einzige Stütze der Familie galt und als solcher sich bisher in trefflichster Weise bewähtt hatte. In wunderbarer Weise rettete sich dagegen ein junger Mann, indem er verzweiflungsvoll von dem oierten Stockwerk auS den Rettungssprung wagte und mit einer leichten Fußverstauchung davonkam. Die Geistlichkeit und die Aerzte waren schleunigst zu der Unglücksstelle hingeeilt und walteten aufopferungsvoll ihres Amtes. Ein mit schwerer Mühewaltung aus dem Trümmerhaufen Befteiter starb während der Anlegung deS Rothver. bandeS. Die Militärmannschasten werden heute Morgen durch frische Kräfte abgelöst.