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M 235 Freitag, den 11. Oktober 1895 22. Jahrgang

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# Borgwirthschast — Sorgwirthschaft.

„Wie geht es mit dem Geschäft?" so ftagte ich vor Kurzem einen Schneidermeister, „ist's besser geworden?" „Ach! besser," war die Antwort, „noch um kein Haar: unser einer hat wohl zu thun, weil die Leute doch ohne Kleidung nicht sein können; aber es gibt kein Geld: so eben komme ich aus dem Hause eines Herrn, der im Sommer mit seiner Frau mehrere Wochen im Seebad gewesen ist; will ich mein Geld haben für gelieferte Arbeit, so muß ich mir meine Sohlen ent­zweilaufen und eine Stunde Zeit nach der anderen verlieren." — Wie dieser Schneidermeister, so werden viele Handwerker und Gewerbetreibende zu klagen haben. Fragt man den Kleinhändler in Stadt und Land, wie es mit dem Geschäfte steht, so hört man Aehnliches fast immer: die große Konkurrenz und dann was das Schlimmste ist, man muß zu viel in die Bücher schreiben.

Selbst muß der Handwerker binnen knapper Frist die von dem Kaufmanne bezogenen Waaren bezahlen; von seinen Kunden, denen er die fertigen Waaren ge­liefert hat, ist es oft nicht möglich, Zahlung zu er­halten, wenn er des Geldes bedarf, um seinerseits Zahlungen zu leisten für die zu den gelieferten Sachen verwandten Stoffe. Und der Kleinhändler kann lange Zeit noch warten auf den Eingang seiner Buchschulden, wenn der von dem Großhändler präsentirte Wechsel gedeckt werden muß. Handwerker und Kleinhändler geben ihr baares Geld hin und bekommen für ihre Buchschulden nicht mal Zinsen, ja gehen in zahlreichen Fällen sogar ihrer Forderungen ganz verlustig.

Das ungebührlich lange Kreditgeben und Kredit­nehmen ist ebenso verderblich für den Detaillisten wie für besten Kundschaft, für den Produzenten wie für den Konsumenten. Wenn der Detaillist nicht dem Großhändler, dieser nicht dem Fabrikanten und letzterer nicht dem Urproduzenten zahlt, so fehlt es jedem mehr oder weniger an Betriebsmitteln zur Fortsetzung der wirthschaftlischen Thätigkeit, zur Anschaffung der Vor- räthe und Materialien, zur Bezahlung der Arbeitslöhne. Wenn der Gewerbetreibende seine Rohstoffe, Werkzeuge u. s. w. stets baar bezahlt, so wird er nicht nur billiger, sondern auch besser kaufen. Entnimmt er sie dagegen auf Kredit, so ist er in die Hand des Ver­käufers gegeben, der ihm nicht nur den Zinsverlust in Rechnung bringen, sondern auch die Gefahr veranschlagen muß, die ganze Summe zu verlieren, wenn jener etwa inzwischen zahlungsunfähig wird. Der Käufer, welcher baar bezahlt, erspart nicht nur diesen Aufschlag, sondern er steht auch dem Verkäufer weit unabhängiger gegen­über: er wählt sich die Waaren, wie und wo er will. Und je besser und billiger er einkäust, desto besser kann und wird er auch seine Kunden bedienen.

Es liegt also im Interesse des Gewerbetreibenden, stets Baarmittel vorräthig zu haben. Bei jedem ordent­lichen Geschäftsmanne muß das Kapital fortwährend feine Zinsen tragen. V'.ele Gewerbetreibende, nament-

Dwische« Michl und Neigung.

Preisgekrönte Novelle von A. Zingeler.

(34 Fortsetzung.)

Ebenso wenig durfte er dem Bruder seine Ent­deckung mittheilen; denn er fürchtete, Fritz Perlag könnte seinem gerechten Zorne nachgeben und einen Schritt thun, den er verabscheute, nämlich Barlof fordern. Seinen alten Freund Hofrath Salmann in das Vertrauen zu ziehen, davon hielt ihn ein Gefühl ab, worüber er sich selbst nicht klar war. An eine persönliche Unterredung mit Elisens Vater war nicht zu denken. Es blieb ihm somit nichts anderes übrig, als selbst zu handeln — oder die Sache ruhen zu lassen, und dagegen sträubte sich die mächtig erwachte und voll erkannte Liebe zu Elisen. Entsagen konnte er, sie unglücklich werden sehen — niemals!

Assessor Barlof war in recht schlechter Laune. Die Hoffnungen, welche er auf den gestrigen Hofball gesetzt, hatten sich nicht erfüllt. Unedle Charaktere schieben gerne die Schuld am eigenen Mißgeschick auf Andere und selbstsüchtige Menschen lieben es, für Unbequem­lichkeiten, die ihnen leichter und eher al? anderen Lmten begegnen, ihre Mitmenschen verantwortlich zu machen. So hatte auch Seewald fest dem gestrigen Hofballe, ohne es zu wissen, sich einen Feind gemacht,

lich Handwerker, scheinen dies freilich nicht einzusehen, sonst würden sie nicht so lange zögern, auch den Kunden, die gerne pünktlich zahlen, die Rechnungen zuzuschicken. Man macht auf dieser Seite geltend, daß die Kund­schaft es als eine Beleidigung auffasien könnte, wenn man ihr den gewohnten Kredit versagen würde, daß sie sich zu anderen „koulanteren" Gewerbetreibenden wenden würde, daß daS Publikum leichter und mehr kauft, wenn es nicht sofort zu bezahlen braucht. Alle diese Gründe sind hinfällig. Kein Käufer wird es heute mehr als Beleidigung ansehen, wenn ihm mit der Staate die Rechnung in's Haus gebracht wird und kein Handwerker oder Kaufmann wird eS zu scheuen brauchen, wenn er wenigstens den Versuch unternimmt, da, wo sofortige Zahlung nicht erreicht werden kann, die Regulirung seiner Forderung durch vierteljährliche Rechnungs - Ertheilung zu erzielen. Auch der Käufer weiß, daß die Gewohnheit der Baarzahlung, die Sicher­heit und Pünktlichkeit des Einganges der Ausstände die Produktion erleichtert und verwohlfeilt und zugleich zu einer wohlgeordneten Finanzlage der Konsumenten führt, die dann nicht zu großen, ihre Kräfte übersteigenden Ausgaben verleitet werden und auch die Rechnungen leichter kontroliren können.

Es kann nur dringend gewünscht werden, daß das herrschende Uebel von allen Seiten, sowohl vom Handel und Gewerbe aus, wie in den Kreisen der Kundschaft ernstlich in Angriff genommen und durch vereinte, auf das gleiche Ziel hinarbeitende Bestrebungen aller Be­theiligten beharrlich bekämpft werde.

Deutsches Reich.

Berlin, 10. Oktober.

* Der ,ReichSanz.' theilt amtlich die Ernennung des Wirkt. Geh. Ober-Regierungsraths v. Huber aus dem ReichSamt deS Innern zum Präsidenten deS Reichs-Patentamtes mit. Herr v. Huber, ein geborener Bayer, ist bekannt als Leiter der Handels­vertragsverhandlungen mit Oesterreich.

* Der Oberlandeskullurrath, der oberste Gerichts­hof in Agrarfragen, begeht am Freitag die Feier seines 50jährigen Bestehens durch eine Fest­sitzung im Dienstgebäude, sowie durch ein Festessen.

* Um fiebeuztg Millioveu Mark sind im laufen­den Jahre die direkten Steuern im preußi­schen Etat niedriger veranschlagt als im Jahre vor­her. Also schreibt ein offiziöser Mitarbeiter der ,Post', um darzuthun, wie unberechtigt die Klagen über Steuer­druck in des Aera Miquel seien. Es ist richtig, daß der Ausfall der an die Gemeinden überwiesenen Grund­steuer, Gebäudesteuer und Gewerbesteuer den Ertrag der neuen Vermögenssteuer um 70 Millionen Mark übersteigt. Der Finanzmann der Host' aber ver­schweigt, daß für das laufende Jahr den Gemeinden aus der Staatskasse keine Zuweisungen aus der lex Huene mehr zu Theil werden, und daß diesen Ausfall die Land- und Stadtkreise nunmehr aus den Erträgen

dessen Gefährlichkeit er, wenn ihm die feindselige Stimmung desselben auch bekannt gewesen, doch wohl unterschätzt hätte. Gerade offene Naturen müssen erst durch viele bittere Erfahrungen zur Vorsicht geleitet werden. Seewald aber dachte noch immer viel lieber Gutes als schlechtes von Anderen.

Mit nicht geringer Ueberraschung sah Barlof seinen Rivalen vorn verflossenen Abende bei sich eintreten.

„Eine eigenthümliche Angelegenheit führt mich zu Ihnen, Herr Assesior", begann Seewald, „und wenn ich diesen Weg, den der mündlichen Besprechung, wähle, so geschieht es nicht in meinem Interesse, sondern mit Rücksicht auf Sie."

„Da ich Sie nicht verstehe, so weiß ich auch noch nicht, ob ich Ihnen hierfür verbunden sein kann. Jedenfalls muß ich Ihren guten Willen anerkennen," er­widerte Barlof halb höflich, halb spöttisch.

Unbeirrt fuhr Seewald fort: „Durch eine sonder­bare Fügung wurde ich gestern Abend, während ich in meinem Zimmer mich befand, unfreiwilliger Zeuge eines Gespräches, das Sie mit Herrn von Hatten führten. Sie dürfen sicher sein, daß die Enthüllungen, welche Sie Ihrem Freunde bezüglich Ihrer finanziellen, überhaupt Ihrer rein persönlichen Angelegenheiten machten, für mich nicht existiren, so gut wie unge­sprochen sind. Anders dagegen verhält es sich mit

der ihnen überwiesenen Steuern mit über 40 Millionen Mark zu decken haben. Es wird ferner verschwiegen, daß die Aera Miquel begonnen hat mit einer Steige­rung der Ertrages der Staats-Einkommensteuer um 40 Millionen Mark und daß auch diese 40 Millionen Mark in Gegenrechnung zu stellen sind für den Ausfall der Staatskasse an Grund-, Gebäude- und Gewerbe- Steuer. 80 Millionen Mark pluS für die Staatskasse statt 70 Millionen Ausfall, so stellt sich also das Verhältniß.

* Die zweijährige Dienstzeit und die vierte« Bataillone stehen wieder im Vordergründe der Er­örterung. Wie die ,Berliner Neuesten Nachr.' hören, sind die Berichte über die Erfahrungen mit der zwei­jährigen Dienstzeit in Gestalt von „Berichten über die Erfahrungen mit der Ausbildung des 2. Jahrgangs" seitens der Truppentheile bei einigen Generalkommandos bereits zur Vorlage gelangt. Ihnen werden diejenigen über die 4. Bataillone Anfang November folgen. Während die ersteren sich, wie verlautet, im Allge­meinen günstig über die erzielten formellen Resultate aussprechen — denn das innere Produkt der DiS- ziplinirung und militärischen Erziehung ist kein äußer­lich wahrnehmbares — werden die Berichte über die vierten Bataillone voraussichtlich durchgängig sehr abfällig lauten. — Also Vollbataillone?

* Der nationalliberale Reichtagsabgeord­nete Professor Hasse macht in den ,Alldeutschen Blättern' den ungeheuerlichen Vorschlag, alle unehe­lichen Kinder, welche in Deutschland geboren werden, im Dienste der — Germanifiruugspolittk zu ver­wenden und sie in die polnischen Gegenden zu schicken! Ein so toller Vorschlag wie der dieses nationalliberalen Polenfteffers ist weder jemals bisher in der „Polen­frage" gemacht worden, noch hätten wir geglaubt, daß jemand die Ungenirtheit gehabt haben würde, damit hervorzutreten. Würden die so bedachten deutschen Gemeinden an der polnischen Sprachgrenze nicht form» lich den Charakter von Strafkolonieen annehmen? Das Deutschthum müßte durch eine derartige Maß­regel bei den Polen geradezu in Verruf kommen. Unehelich und deutsch müßten gleichbedeutende Begriffe werden. Ein thörichterer und brutalerer Plan zur Germanisirung der Polen kann unmöglich gefunden werden — eS sei denn, daß jemand noch vorschlüge, den Polen durch entlassene Sträflinge die Pforte deutschen Geisteslebens öffnen zu lassen.

* Die katholische« Klöster sind der liberalen und Logenpresse ein Dorn im Auge, sie geräth sofort in Wnth, wenn von solchen die Rede ist. Jetzt hat die Ueberttagung der Pfarrgeschäfte in Moabit-Berlin an die Patres Dominikaner es ihnen angethan. Ohne Unwahrheit geht eS dabei nicht ab: sie sagen nämlich, vor einem Jahre hätte die Gemeinde Moabit dagegen Einspruch erhoben. Das Gegentheil ist richtig: die Gemeinde hat sich an den Kardinal-Fürstbischof mit der Bitte gewendet, den PatreS das Pfarramt zu übergeben, wie es jetzt geschehen ist. Auch Kultus­

einer von Ihnen gemachten Aeußerung, die eine dritte Person betrifft"

Barlos war im ersten Augenblicke bestürzt gewesen. Er besaß jedoch viele Selbstbeherrschung und neben seiner ausgeprägten hochmüthigen Eitelkeit auch eine starke Dosis jenes Gefühles, das man, recht bezeich­nend, dickfällig nennt. Wahre Ehre ist ein sehr dehn­barer Begriff für viele Menschen.

„Sie würden mich verbinden, wenn Sie sich deut­licher erklärten. ES ist doch zu viel verlangt, nach einer durchschwärmten Nacht noch alles zu wissen, waS man gesprochen; ich bin erst um fünf Uhr zu Bett gekommen", fügte er gähnend und mit affeftuter Gleichgiltigkeit hinzu, während innerlich feine Auf­regung groß war.

„Wie Sie wünschen", entgegnete Seewald mit würdiger Ruhe; „drücken wir uns also deutlicher aus. Sie sprachen also die Absicht aus, Fräulein Elise Perlag einen Heirathsantrag zu machen und die Er­klärungen, mit welcher Sie diese Mittheilung an Ihren Freund begleiteten, bekundeten deutlich, daß Sie die Dame durchaus nicht lieben, sondern sie nur als ein Mittel betrachten, Ihre sehr derangirten Verhältnisse zu ordnen und Karriere zu machen."

In den Augen BarlosS glühte jetzt ein gefährliches Leuchten. Aber er bewahrte immer noch feinefglotte