JIS. 234
Donnerstag, den 10. Oktober 1895
22. Jahrgang
MklWZeitW
mit UnterhaltungH-KeLlage „Sterne nnd Kiumen".
Erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. — Vierteljährlicher Abonne-mentspreis ohne Bringerlohn uud Bestellgeld in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig. Inserate kosten die einspaltige Garmond.eile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen die Petitzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
■
Nachklänge zu den Alexianerprozessen.
Die antikatholische Presse konnte sich nach dem AuSgange des Mellageprozesses nicht genug thun in Beschimpfung der Alkxianergenvssenschaft speziell, wie der klösterlichen Kranken- und Pflegeanstalten im Allgemeinen. Nach ihrer Darstellung waren ein Alexianer- bruder oder „verwandte" Brüder so ungefähr der Inbegriff aller Scheußlichkeiten, die in einer verdorbenen Menschennatur entdeckt werden können. Als dann die Brüder Heinrich und JrenäuS wegen Verdachts des Meineides verhaftet wurden, da war es dieser böswilligen antikatholischen Presse und ihrer blinden oder verhetzten Nachbeterschaft fofort „klar", daß dieselben auch den Meineid begangen haben mußten. Welche Enttäuschung daher, welche Verwirrung, welche Rath- losigkeit, als nun mit einem Male die vielgeschmähten Brüder freigesprochen werden, von Schuld und Fehler freigesprochen selbst von Staatsanwälten! Auf diesen Wechsel im Drama war man gar nicht vorbereitet, gar nicht eingerichtet — daher die Sprachlosigkeit, welche einen großen Theil der antikatholischen Blatter in ihrem Banne hält, während andere hin- und hertasten, und nur die Blätter, welche von dem Wuthund Drehkoller des „Evangelischen Bundes" befallen sind, mit ihren Knüppeln im gewohnten Thümmeltakte drauf losdreschen.
Die ,Köln. Ztg.' schweigt sich aus. Für dieses Blatt war folgender kleiner Vorgang bezeichnend: Ihr Korrespondent in den Aachener Meineidsprozcssen notirte fleißig mit, bis der Staatsanwalt die Anklage fallen ließ und seine persönliche Ueberzeugung von der Unschuld des Bruders Heinrich aussprach. Da legte der Mann seinen Bleistift hin und schrieb längere Zeit kein Wörtchen mehr. Freisprechung — ja da hatte der Prozeß für die,Köln. Zeitung' kein Interesse mehr! ... In Konsequenz dessen brachte denn auch das „nationale" und antiultramontane Blatt über die Verhandlung gegen den Bruder Irenäus kaum zwei Dutzend Zeilen — es hatte ja Alles seinen „Reiz" verloren, als den Brüdern Gerechtigkeit zu Theil wurde! . . . Die Berliner Gesinnungsschwester der ,Kölnischen', die .National-Ztg.', das bevorzugte Organ der antikatholischen Geheimräthe in- und außerhalb der Ministerien, stammelte einige Worte der Verlegenheit, ; weil die Sache nun mit einem Male eine so „fatale" ; Wendung genommen hat.
Schon fitzt glaubt kein einsichtiger Mensch j mehr, auch keiner im „liberalen" Lager, daß wirklich ; das „Kloster auf Mariaberg" eine Prügel- und Folter- ■ stätte, ein Marterwirkel für Kranke und Irre gewesen ? ist. Das ist nur noch Futter für dumme Jungen, ‘ rothe Radaubrüder, Logennovizen und die Schmier- z sinken, welche Schauerromane verfertigen oder ver- i tteiben.
Sehr ungelegen kommt natürlich auch der S o z i a l- j demokratie die Freisprechung der beiden Brüder, ' Die „Schlechtigkeit" der Klosterbrüder — das war ja ’
Zwischen Pflicht und Ueigung.
Preisgekrönte Novelle von A. Zingeler.
(33. Fortsetzung.)
„Gut geschnüffelt, auf Ehre!" lachte der Andere. „Es gibt zwar Beispiele von Exempeln, wo Leute wie Du, ich meine, die allzufern rechneten, gräulich hineinfielen und in lebenslanger Sklaverei ihre Rechnerei verfluchten."
„Ich, Sklave einer Frau?" erwiderte Barlof mit grenzenloser Kälte und Verachtung im Tone, „Sklave < einer Frau, die ich nicht einmal liebe? Du bist naiv." '
„Ui d Du willst heure Abend also den Schmachtenden, Verliebten spielen? Auf Ehre, das muß Dich trefflich kleiden."
„Wenn ich nur wüßte, wer mir mit dem Cotillon zuvvrgckommen ist," grollte Barlof. „Bei der Gelegen- i heit wollte ich eine Komödie aufführen, die hoffentlich nicht zu einer Tragödie wird "
„Har sie Dir ihn abgeschlagen?"
„Er sei schon vergeben. Einen Namen sah ich nicht. : Horch, da geht das verwünschte Geigen schon wieder los. Dieser Zwang ist wir zuwider."
Die Beiden entfernten sich. Ten Kopf in die Hand gestützt, saß Seewald lange da', ohne daß eine Bewegung verrieth, wie cs in seinem Innern wogte:
ein Hetzthema, über das man sich ereifern konnte, bis der Mund schäumte. Ging den Rothen in ihren Kneipen, in den Fabriken und Werkstätten, in ihren Strohversammlungen usw. der anderweitige Stoff aus, so wurde flugs „der Bruder Heinrich" beim Schopf genommen und zum fo und so vielten Male „moralisch" todtgeschlagen.
Dem Herrn Staatsanwalt Wette, der die Anklage gegen Bruder Heinrich zu vertreten hatte, wird in einem Bündler-Blatt zum Vorwurf gemacht, daß er nicht der öffentliche Ankläger gewesen sei; sein Plai- doyer habe „wie die nachdrücklichste Vertheidigung" geklungen. Als ob es nicht die heiligste Pflicht des Staatsanwalts wäre, eine Anklage, sobald sie unhaltbar ist, offen fallen zu lassen und selbst auch in dem Falle, daß er sie aufrecht erhält, das Gute zu sagen, was zu Gunsten des Angeklagten spricht! Das erfordert die Gerechtigkeit, welche die Anklagebehörde auch dem schwersten Verbrecher nicht vorenthalten darf.
Es wird Niemanden eiufallen, die mangelhafte Organisation des Alexianerklosters als Irrenanstalt, durch die allein die, feit dem Krib- ben'schen Attest andauernde Behandlung des Forbes als Geisteskranker möglich war, zu leugnen. Was dir Mißhandlung betrifft, so kann man auf das Er- gebniß der von der Staatsanwaltschaft eingeleiteten Untersuchung in etwas gespannt sein. Sie wird wohl bestätigen, daß die nachweisbaren Mißhandlungen auf eine große Reihe von Jahren sich vertheilen und daß in den meisten dieser Fälle, soweit sie eben der Anstaltsleitung bekannt geworden sind, auch die Thäter bestraft bezw. entlafsen worden sind. Es wird dann von all den Anklagen, die über Mariaberg erhoben worden find, nicht viel mehr übrig bleiben, als daß die Zustände daselbst eben so gut oder eben so schlecht sind, wie die mancher anderer Irrenanstalten.
Der Prozeß Mellage, in welchem der Bruder Heinrich als die Hauptfigur und als der Typus eines nichtswürdigsten Menschen erschien, ist der Ausgangspunkt einer tollen Hetze gegen das Aachener Alexianerkloster und das katholische Ordenswesen überhaupt gewesen und hat Veranlassung zu tief eingreifenden Maßregeln gegeben, mit welchen auch die Organe der Staatsregierung sehr rasch bei der Hand waren. Schon vor der Verhandlung vor dem Aachener Schwurgericht war an manchen Stellen ein merklicher.Umschwung eingetreten. Der Ausgang der neuen Aachener Verhandlung wird diesen Prozeß fördern.
Deutsches Reich.
Berlin, 9. Oktober. \
* Der Kaiser hat sich von Hubertusstock heute - früh bereits um 6*/* Uhr zur Pürsche nach der Ober- j försterei Groß-Schönebeck begeben. — Der Kaiser verlieh dem Familienverbande derer von Puttkamer
Entrüstung über die frivole Art, wie hier das Schicksal, das Glück eines Menschen gleich einem Rechenexempel behandelt wurde, die cynische Weife, mit der Barlof eine Verbindung zwischen sich und Elise als ein Geschäft betrachtete, bei dem er möglichst viel gewinne, die Mißachtung, welche das Gespräch an den Tag legte gegen ein Mädchen, das er, Seewald, so hoch verehrte Das war die wundeste Stelle! Nun wurde ihm auf einmal mit erschreckender Helle, mit nieder- drückender Deutlichkeit klar, wie theuer ihm Elise sei, ’ wie sehr er sie liebe. Und für ihn gab es keine Hoff- ; nung! Dieser Barlof, der mit dem Lebeukglücke eines j Menschen ein so frevelhaftes Spiel trieb, der eine • etwaige Verbindung mit Elise gleich einer Partie am i Spieltische behandelte, wo es darauf ankommt, mit > geschickter Hand und ruhigem Blute die Karten zu verwenden, der hatte mehr Aussichten auf ihren Besitz > als er.
Ihn verfolgte ein wahrhaft tückisches Verhängniß, ! daß er gerade mit den Menschen die nächste Ver- ’ bindung, die wärmste Freundschaft schließen mußte, , von denen ihn eine so tiefe, unüberbrückbare Kluft i trennte.
Ein bitteres Gefühl schlich sich in sein Herz ein. ■ Er schien dazu berufen, der gute Engel dieser Perlag's i zu werden, denen er doch nur als mitleidloser Rächer 1
das Vorschlagsrecht für das Herrenhaus. Die Wahl findet am nächsten Familientage statt.
* In unterrichteten Kreisen erwartet man, der .Post' zufolge, die Ankunft des Königs Karl von Portugal in den ersten Tagen des November.
]-[ Das preußische Staatsministerium erläßt im amtlichen Theile des .Reichsanzeigers' eine gegen die .Zukunft' und die .Deutsche Tageszeitung', Organe Bismarcks und des „Bundes der Landwirthe", gerichtete Erklärung, in welcher die Behauptung, „daß Staatssekretär v. Bötticher in einer Zeit, wo über den Bankverkehr bedeutsame Entscheidungen zu treffen waren, von Großbankiers Summen entliehen hat, die er nach menschlicher Voraussicht niemals zurückzahlen konnte", auf Grund amtlicher Feststellungen als unwahr zurückgewiesen wird. Eingangs wird bemerkt, daß Herr v. Bötticher die That- sachen, welche zu solchen Behauptungen hätten Anlaß geben können, s. Z. dem Kaiser mitgetheilt habe, und daß das Staatsministerium sich dahin entschieden habe, daß es der Würde eines Staatsministers nicht entspreche, gegen solche versteckten Verdächtigungen im Wege der gerichtlichen Klage vorzugehen. Fürst Bismarck war bekanntlich anderer Meinung. Die ministerielle Erklärung theilt auch den, wohl jenen Verdächtigungen zu Grunde liegenden ; Thatbestand wie folgt mit: „Im Jahre 1886 kam i es zur amtlichen Kenntniß des damaligen Präsidenten i der Reichsbank, daß ein dem Staatssekretär deS Innern ! durch Familien bände nahestehender Bankdirektor an l den Rand des finanziellen Zusammenbruchs gelangt | war. Auf die Mittheilung davon lehnte der Staats- i sekretär unverzüglich jede Intervention ab. Jndesfeu ? gelang es anderen Verwandten des letzteren mit Hilfe ) einiger Freunde feine Schuldenlast zu decken. Zu diesem Zwecke hat auch der Staatsminister v. Bötttcher sein gesammtes eigenes Vermögen hergegeben. Bon dem Sachverhalt hat damals der Staatssekretär des Innern dem ihm vorgesetzten Reichskanzler Mittheilung gemacht, welcher demnächst die Erstattung der von jenen Freunden hergegebenen Summen herbeigeführt hat." Aus welchen Mitteln, darüber schweigt leider die ministerielle Erklärung; hat der damalige Reichskanzler Fürst Bismarck etwa Staats- oder Reichsfonds zu diesem Zwecke angegriffen — das wäre strafbar und erscheint doch geradezu undenkbar — oder aber den Welfenfonds? Auch das entspräche nicht der Bestimmung des letzteren. Die ministerielle Erklärung besagt schließlich, es sei amtlich festgestellt: „1) Daß die geschilderten Verhandlungen zu einer Zeit stattfanden, in welcher von beabsichtigten Reformen des Bankwesens überhaupt noch nicht die Rede war; 2) daß der Staatsminister v. Bötticher niemals von Bankiers Geld entliehen hat; 3) daß der Staatsminister v. Bötticher keinerlei Zuwendungen, auch nicht den Ersatz des von ihm hergegebenen eigenen Vermögens empfangen hat." Die Erklärung ist von
gegenüber treten solle. Fritz Perlag hatte er die Ehre, vielleicht das Leben gerettet, dem Vater den Sohn wiedergegeben, und nun sollte ihm die Aufgabe werden, die Hand fortzustoßen, welche das Glück Elisens in krasser Selbstsucht zertrümmern wollte.
Nein, nein, er mochte mit diesen Leuten nichts mehr gemein haben! —
Da tauchte das Bild Elisens vor seinen Augen auf, da fühlte er das heftige Pochen feines Herzens, da hörte er die laute Stimme in seiner Brust: Du kannst ein schweres Unrecht abhalten und zauderst? Er sollte Elise untergehen, verkümmern lassen in der kalten, herzlosen Nähe jenes selbstsüchtigen Menschen?
Als Seewald mit bestimmtem Entschlüsse in beit Ballsaal wieder eintrat und Elise suchte, sah er ihren Bruder bei ihr stehen. Das kam ihm willkommen; es wurde ihm die Annäherung an Elise dadurch viel leichter. Er trat zu den Geschwistern heran, freundlich vom Bruder, mit nicht genug verborgener Freude von der Schwester begrüßt.
„Sie tanzen gar nicht, Seewald?" fragte Perlag.
„Mir fehlt eine bedeutende Stufe auf der Leiter zur gesellschaftlichen Anerkennung, ich bin ein mangelhafter Tänzer. Trotzdem — Fräulein Elise, dürfte -.ch um den Cotillon bitten?"