- R 233 Dttttwoch, den 9. Oktober 1895 22. JahrgMg
mit Unterhaltungs Beilage „Sterne und Klumen".
Fuldaer
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Deutsches Reich.
Berlin, 8. Oktober.
* Der Kaiser, der am nächsten Montag nach Wiesbaden reist, hat den ihm vom Magistrat der Stadt Wiesbaden angebotenen Ehrentrunk dankend abgelehnt, da er nur zum Besuch einer Theatervorstellung dorthin komme. Nach der Aufführung von „Preciosa" im kgl. Theater beabsichtgt der Kaiser noch einem Herrenabend beim Intendanten von Hülsen beizuwohnen. — Die Kaiserin Friedrich wird, wie neuerdings aus Cronberg berichtet wird, auf zwei bis drei Wochen nach Italien reisen und dann den Winteraufenthalt in Berlin nehmen.
(*) Das Staatsmiuisterium hat am Dienstag Nachmittag unter dem Vorsitze des Fürsten Hohenlohe seine erste Sitzung nach den Ferien abgehalten. Die ,Post' versichert bei dieser Gelegenheit abermals, daß Entschlüsse über irgend welche Maßregeln gegen die Sozialdemokratie bisher noch gar nicht gefaßt fein könnten, weil erst jetzt wieder die Möglichkeit eines Meinungsaustausches zwischen den „leitenden Staatsmännern" gegeben sei. Dieses Dementi ist sehr fadenscheinig, da seine Voraussetzung, daß ein Meinungsaustausch zwischen den Ministern während der Sommerferien unmöglich gewesen sei, offenbarer Unsiiln ist; unseres Wissens wenigstens werden Briefe auch während des Sommers von der Post befördert. Doch bedarf es bei uns überhaupt eines „Meinungsaustausches" zwischen den Ministern, um in einer politischen Frage einen bestimmten Kurs einzuschlagen? Will die ,Post' wirklich glauben machen, der Politik werde bei uns durch die Beschlüsse des preußischen Ministerkollegiums ihre Richtung gewiesen? Besonders in einer so wichtigen Frage, wie derjenigen der „Umsturz- bekämpsirng", kommt es sicher nicht in erster Linie auf die Beschlüsse der versammelten Minister an; der Kaiser wird gerade in einer solchen Frage schwerlich darauf verzichten, den Kurs vorzuzeichnen. Den Ministern bleibt es dann nachher überlassen, den Willen des Kaisers zur Ausführung zu bringen.
* Der Urlaub des Prinzen Heinrich ist nach der ,Post' deshalb auf ein ganzes Jahr ertheilt, weil: 1. der Prinz größere Reisen im Binnenlande (Schweiz, Stötten u. s. w.) beabsichtige, 2. weil er lange sehr anstrengenden Dienst gehabt, und 3. weil sonst, um dem Prinzen eine seinem neuen Range entsprechende Dienststellung in der Marine zu verschaffen, noch weitere größere Personalveränderungen nöthig gewesen wären, die man noch aufschieben will.
* Em Proletarier! Der sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete Förster hat auf dem sozialdemokratischen Parteitage in Breslau eingestanden, daß er mit einem Einkommen von 17,000 Mk. versteuert ist.
* Der ostpreutzische laudwirthschaftliche Ceutral- Berei« hat an den preußischen Kriegsminister eine Eingabe des Inhalts gerichtet, der Minister wolle 1) die
Zwischen Pflicht und Neigung.
Preisgekrönte Novelle von A. Zingel er.
(32. Fortsetzung.)
Das schnarrte und scharrte Plötzlich um Elise hemm, daß sie hätte auflachen mögen über alle die Bücklinge, Verbeugungen und schönen Redensarten, wenn ihr gesunder Sinn nicht gar zu wenig Gefallen an dieser Oberflächlichkeit gefunden.
„Dürfen wir arme Sterbliche es noch wagen, unsere Namen zu dem Seiner Hoheit auf Ihre Tanzkarte zu setzen?" fragte der erste der herandrängenden Herren, der in unmittelbarer Nähe auf der Lauer gestanden.
Elise reichte ihm schweigend die Tanzkarte hin. Von allen Herren war ihr gerade dieser, Assessor Barlos, am wenigsten sympathisch.
„Schenken Sie mir den ersten Walzer und," fügte er mit Betonung hinzu, während seine Augen die des jungen Mädchens suchten, „und den Cotillon."
„Er ist schon vergeben," erwiderte Elise, nun froh, daß der Herzog ihn verlangt.
»Ah, tote ich bedaure, wirklich unglücklich bin ich darüber. Und wer ist der Glückliche, den :ch beneide, ja noch mehr, den ich . .
„Pardon! meine Herren ! Soll ich denn von meiner Schwester gar nichts zu sehen bekommen? Ich ver-
Jntendanturen und Truppencheile anweisen, den Bedarf nicht nur an Getreide und Futtermitteln, sondern auch an Kartoffeln von deutschen Produzenten dirett anzukaufen und den auf diesem Wege in einzelnen Gegenden nicht zu deckenden Bedarf durch Vermittelung anderer Proviantämter zu beschaffen, 2) dm Konsum von Fleisch und Fleischkonserven nichtdeutschen Ursprungs in Soldatenküchen verbietm.
* An den Ausgang des Aachener Meiueids- Prozeffes knüpfen alle katholischen Blätter Betrachtungen, welche der Befriedigung über die Ehrenrettung der beiden des Meineids beschuldigten Alexianerbrüder Ausdruck geben und zugleich darauf Hinweisen, daß durch die Verhandlungen vor dem Aachener Schwurgericht in mehrfacher Beziehung auch die Verhandlungen vor der Aachener Sttafkammer zurechtgerückt worden seien. In diesem Sinne bemerkt z. B. eine der,Köln. Vztg.' zugehende Korrespondenz u. a.:
Für die große Masse, welche sich von Herrn Mellage und seinen routtnirten Vertheidigern hatte imponiren lassen, ist der Verlauf und Ausgang des Aachener Meineids - Prozesses eine große Ucberraschung. Hoffentlich hat der bessere Theil der sogen, öffentlichen Meinung noch so viel Unbefangenheit und Ehrlichkeit, um an der Hand dieser neuen Verhandlungen das Urtheil über die Mariaberger Angelegenheit zu revidiren. Denn in dem jüngsten Prozesse wurde nicht etwa bloß über die Frage entschieden, ob Bruder Heinrich einen Meineid geschworen habe, sondern es wurde auf den ganzen Mellage - Prozeß ein neues Licht geworfen. Wir sehen zunächst in dieser Wendung der Dinge eine Rechtfertigung unfercr Vorliebe für eine Berufungs- Instanz, in welcher eine zweite Beweisaufnahme und Entscheidung stattfindet. Wie war es möglich, daß der Bruder Heinrich, dieser einfältige Gemüthsmensch, in dem Mellage - Prozesse zu einem entsetzlichen Schurken gestempelt werden konnte? Weil in diesem Prozesse eine höchst geschickte und eifrige Bertheidigung einen tendenziösen Beweis-Apparat in Szene gesetzt hatte, dem das erforderliche Gegengewicht fehlte. Die Staatsanwaltschaft, welche die Beleidigungsklage der Brüder und der Aerzte aufge« nommeu hatte, behandelte, die Sache recht und schlicht in der üblichen Weise, und die Vertretung der Beleidigten als Nebenkläger war von einer sehr nobeln, aber höchst unpraktischen Gelassenheit. Der Meineids-Prozeß gab nun Gelegenheit, über einen Theil der damaligen Verhandlungen Nachprüfungen eintreten zu lassen. Jetzt wurde den Zeugen, auf vie Mellage sich stützte, andere Zeugen entgegengestellt, jetzt wurde die Glaubwürdigkeit und. die sonstigen Eigenschaften des „Geistlichen" Rheindorf, der Fiesel u. s. w. geprüft, jetzt wurde auch über den Charakter und die Wirksamkeit des angegriffenen Bruders Heinrich eine allsei- ttge und gründliche Begutachtung gegeben. Diese abermalige Prüfung zeigt nun sofort, daß bei der ersten Verhandlung die Wahrheit und die Gerechtigkeit überrumpelt worden sind. Der gewaltige Unterschied zwischen den Ergebnissen der beiden Gerichts-Verhandlungen läßt recht deutlich erkennen, daß die erste Verhandlung, auch wenn sie nach gehörigem Vorverfahren unter Betheiligung von mehreren Rechtsanwälten stattfindet, keine genügende Garantie für volle Aufklärung der Sache bietet und daß eine neue selbstständige Verhandlung das beste Mittel ist, eine allseittge Beleuchtung zu erzielen und dem Urtheil die geziemende Ruhe und Sicherheit zu geben.
Während nun die Hölle aufschreit wegen ihrer Niederlage, erheben die Katholiken keinen Siegesjubel, sie danken still und schlicht dem Herrn, daß dem neu inseenirten Klostersturm durch die Freisprechung der Brüder Heinrich und Irenäus die Spitze abgeb r o ch e n ist. Auf ber anbeten Seite Enttäuschung, Wuth und Raserei, — auf unserer Seite Friede
lange mein Recht als Bruder!" erscholl eine heitere Stimme, und mit freundlichem Ungestüm drängte Fritz Perlag, die Brust mit der Auszeichnung für Rettung eines Menschen aus Lebensgefahr geschmückt, sich durch die Umstehenden. Man lachte, scherzte und drängte. Barlof mußte zurücktteten.
Der Ball nahm seinen Verlauf. Herzog Burkhard hatte recht gesagt, Seewald hätte sehr der Aufheiterung bedurft. Seit jener Unterredung mit Zeller war eine wesentliche Veränderung mit ihm vorgegangen. Seit jenem Tage hatte er seine Besuche bei Hofrath Sal- mann beschränkt; mit Elise war er nur ein einziges Mal dort zusammengetroffen. Er kam um eine spätere Abendstunde, wo Elise, wie er wußte, nicht mehr bei dem Oheim weilte, sondern längst zu Hause war.
Auch Fritz Perlag fiel die Zurückgezogenheit auf, die Seewald seit einiger Zeit sich auferlegte; aber da Seewald gleich freundschaftlich gegen ihn blieb, dachte er über einen Grund weiter nicht nach.
Trotz der Größe der Räume herrschte eine drückende Hitze in dem Tanzsaale. Diese, vereint mit dem Lärm der Tanzenden und dem Geschwirre der vielen durch- j einandersprechenden Stimmen, wurde Seewald von ' Minute zu Minute peinlicher. Seine Stimmung paßte überhaupt schlecht in all die Heiterkeit, das Lachen I und die Fröhlichkeit hinein. Er bedurfte der Ruhe, I
und Ruhe im Recht, Vornehmheit der Gesinnung und Noblesse des Handelns in der ganzen Abwehr der schmachwürdigen Attaque niederer Geister.
* Dortmund, 8. Ok§ Der praktisch-soziale Kursus würbe gestern Morgen, nachdem ein feierliches Hochamt in der Propsteikirche abgehalten worden, durch den rector magnificus der Volksuniversität, Herrn Prof. Dr. Hitze, mit einer wohldurchdachten Rede über das große Gebiet des Arbeiterschutzes eröffnet. Ein Universalmittel, so bemerkte Redner, die soziale Frage zu lösm gebe es nicht. Nur Schritt fürSchritt könne man dem Ziele näher gelangen. Die soziale Frage sei nicht durch die Schuld Einzelner entftanben, sondern durch die Schuld, durch die Unterlassungen aller Klassen der Gesellschaft, und auch die befriedigende Lösung werde nur durch die Mitwirkung aller Betheiligten möglich sein: Kirche und Schule, Staat und Gesellschaft, Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Der Arbeiter verkaufe seine Arbeitskraft wie eine Maare, jedoch mit dem Unterschiede, daß sich hier Verkäufer und Maare nicht trennen lasse. Es hänge die Merthung der Arbeit von Angebot und Nachfrage ab. Der Arbeiter sei bei dem Vertragsabschluß in der Regel der „schwächere" Theil und deshalb im Nachtheil. — Die Gesundheit, das Leben, die Sittlichkeit deS Arbeiters seien engagirt beim Arbeitsvertrag: der Arbeiter, müsse fozusagen, „seine Haut zu Markte tragen." ES sei Aufgabe des Staates, den Schwachen gegen den Stärkeren zu schützen. Neben dem Schutze gegen Krankheiten sei es Aufgabe der Gesetzgebung, für die Unfallverhütung Sorge zu tragen. Der Schutz der Sittlichkeit könne weniger durch das Gesetz, als durch die Gewissenhaftigkeit der Arbeitgeber gesichert werden. In ergreifender Weise schildert Redner die traurigen Zustände auf vielen Fabriken, wo einige Zotifexe das große Wort führten, die ganze Kollegenfchaft tyranni- sirten und so unsägliches Unheil anstifteten. WaS nutze dem Arbeiter hoher Lohn, wenn er sittlich verkomme, dann kein ordentliches Familienleben mehr führe und seines Lebens nicht mehr ftoh werde? Die Sozialdemokraten thäten daher sehr unrecht, wenn sie so wegwerfend über den Arbeiterschutz sprächen. — Hr. Pfarrer Dr. Brüll behandelte in einstündigem Vortrage den ersten Theil des sozialdemokratischen Erfurter Programms. DaS älteste und eigentliche Programm der Sozialdemokratie sei daS kommunistische Manifest, welches Karl Marx im Verein mit Friedrich Engels im Jahre 1847 verfaßt und 1848 von Brüssel aus in verschiedenen Sprachen verbreitet hatte. In allen Theilen beruhe das grundsätzliche Programm auf einer materialistischen Geschichtsauffassung und revolutionärer Evolutionstheorie, nach welcher die mit Naturnothwendigkeit sich abwickelnden wirthschastlichen Verhältnisse die unverrückbare Grundlage der ganzen Gesellschaftsordnung bilde. Der hl. Vater habe in seiner Encyklika über die Arbeiterfrage anerkannt, daß durch die Vervollkommnung der technifchen Hilfsmittel das Kapital sich in den Händen einer geringeren Zahl und einen geeigneten Augenblick benutzend, entfernte er sich, um einige Zeit in feinem Zimmer verweilen zu können.
Der Tanzsaal, wie auch die übrigen Gesellschaftsräume des FriedrichsbaueS lagen im ersten Stockwerk, das jedoch nach der Vorderseite hin bedeutend höher war, als nach der Rückseite, dem Garten zu. Hier lief der ganzen Länge des Gebäudes entlang eine breite Terrasse, von der mehrere Treppen in die Anlagen des schönen Gartens führten. Mau konnte aus dem Tanzsaal wie aus den anstoßenden Gemächern, dem Speise- und Spielsaal auf die Terrasse hinaustreten. »3
Seewalds Zimmer befand sich auf dem äußersten Ende des linken Flügels. Hohe Fenster gingen auf die Terrasse hinaus. Die Läden derselben waren geschloffen. Seewald hatte die Fenster geöffnet, um die erfrischende Kühle der Nacht eindringen zu lassen. Durch die Maschen der Läden konnte er sehen und hören, was draußen vorging, ohne selbst bemertt zu werden. Daß sich aber zu dieser Stunde und an dieser Stelle des Schlosses irgend etwas zu hören ober zu sehen bieten würbe, war weder denkbar, noch dachte Seewald überhaupt an eine Störung. Die trauliche Dunkelheit, die ihn umgab, dir Stille, die hier herrschte, that ihm wohl. _________.j 3p . LMM