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Dienstag, de» 8. Oktober 1895

22. Jahrgang

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c? Mit dem „kranken Mann am Bosporus"

steht es schlecht. Gar zu lange hat er gezögert, gegen die Nebel, an denen er krankt,-die richtigen Heilmittel anzuwenden, und nun scheint eS fast, als wenn eS zu spät dazu wäre. Es handelt sich hauptsächlich um Armenien und Macedonien. Für beide so werth­volle Bestandtheile des osmanischen Reiches sind schon durch den Berliner Frieden von 1878 von der Pforte einschneidende Reformen verlangt worden, aber nach­her fehlte es, bei der gegenseitigen Eifersucht der nächst­betheiligten europäischen Mächte, an dem gehörigen Nachdruck, um die Türkei zur Erfüllung der über­nommenen Verpflichtung zu zwingen. Erst daS Jnter- esie, das man seit wenigen Jahren wieder lebhafter in England an Armenien nahm, hat im Verein mit neueren Christenverfolgungen in Armenien die armenische Frage wieder in Fluß gebracht, und jetzt ist die Sache so wett gediehen, daß sich die Pforte an einer klaren Entscheidung nicht mehr vorbeidrücken kann.

Die jüdisch-liberale Presse, der das Schicksal der vom Halbmond beherrschten Christen herzlich gleich- giftig ist, liebt es, die Pforte in Schutz zu nehmen und alle Schuld an den Wirren in Armenien und Macedonien den „revolutionären Elementen" in diesen Ländern in die Schuhe zu schieben. Sie werden in diesem Bestreben unterstützt durch die geringe Sym­pathie, deren sich insbesondere die Armenier auch unter der christlichen Bevölkerung des Morgenlandes erstellen. Die Armenier gelten als heimtückisch, hinterlistig und gewissenlos; man sagt, ein Grieche wiege zehn Juden auf, ein Armenier aber zehn Griechen. DaS ist über­trieben, und so viel Wahrheit auch übrig bleibt, so ist doch zu beachten, daß die Armenier so viele Jahr­hunderte ein unterdrückter, schwer mißhandelter VolkS- stamm waren, und solche Völker sind erbittert gegen ihre Peiniger und rächen sich, da sie die Gewalt nicht ^iben, durch die List, die Schlauheit und Geriebenheit. Mag man aber von den Armeniern so schlecht denken wie man will: ihr Streben nach Befreiung von gewalt­samer Unterdrückung muß von jedem Rechtlichdenkenden gebilligt werden. Um das LooS der Armenier richttg zu würdigen, muß man sich vergegenwärtigen, wie allmächttg, gewaltthätig, habgierig und gewissenlos die türkische Beamtenschaft im Großen und Ganzen ist, und daß die Gewalt, die sie ausübt, weit größer ist, als die des Sultans selbst. Und in diese Beamten­schaft kommt nie ein Christ hinein, ja nicht einmal die Dorspolizisten dürfen Christen sein. Die christliche Bevölkerung entbehrt also jeden Rückhaltes in der all- mächttgen Beamtenschaft, sie ist völlig der Willkür, Habsucht und Grausamkeit der letzteren preisgegeben. Dazu kommen in Armenien die fortwährenden räube- rischm Ueberfälle seitens des muhamedanischen Berg­volkes der Kurden, denen gegenüber eS den türkischen Behörden sowohl an gutem Willen, wie an Muth und Macht fehlte. Nur die völlige Vernichtung der Kurden,

Zwischen Pflicht und Neigung.

Preisgekrönte Novelle von A. Zingeler.

(31. Fortsetzung.)

8.

Der ärgste Feind im Leben Ist der ohnmächtig verbiff'ne Zorn, Der immer brütet. Seines Brütens Frucht Ist des Verbrechens giftiger Basllisk. Rasch tritt der Tod den Menschen an. Es ist ihm keine Frist gegeben, Es stürzt ihn mitten in der Bahn, Es reißt ihn fort vom vollen Leben. Bereitet oder nicht zu gehen: Er muß vor seinem Richter stehen.

In der herzoglichen Residenzstadt Lenzburg herrschte viel verbreitete Aufregung. Hauptsächlich ward die hoffähige Gesellschaft von dieser Bewegung erfaßt; aber sie erstreckte sich auch auf andere Kreise, Nähe­rinnen, männliche und weibliche Kleiderkünstler, Schuster, Friseure und was immer von Geschäftswelt bei einem großen Hoffeste betheiligt ist. Ein Hofball bei Herzog Burkhard gehörte zu den bedeutendsten Ereignissen der Stadt, um so mehr, als Jedermann gerne zu den Eingeladenen zählte, einerseits weil eS eine Ehre war, und andererseits weil die Feste dort sehr heiter, frei von beengendem Zwange verliefen. Die Leutseligkeit deS herzoglichen Paares machte die Gäste heimisch in

so äußerte dieser Tage ein liberaler Blatt, kann die armenische Frage auL der Welt schaffen. Das ist mit Absicht übertrieben, um die Lösung dieser Frage als unmöglich hinzustellen, aber etwas Wahrheit steckt darin. Die Lösung ist jedoch an sich so schwierig nicht; würde den einzelnen türkischen Provinzen, wie insbe­sondere Armenien, eine ausreichende Selbstver­waltung gegeben, so würden sie gewiß im Stande sein, der Räuberunwesens Herr zu werden. Das Geld, das jetzt in die Taschen der Aussauger von Beamten fließt, könnte dazu dienen — der gute Wille aber wäre auf einmal vorhanden.

Doch dar ist es gerade, um was eS sich jetzt bei Armenien und Macedonien handelt: wird die Pforte sich entschließen, den Provinzen eine größere Selbst­bestimmung zu geben? Ja, wenn sie eine starke Cmttal- gewalt besäße! Aber der Sultan ist ein kranker Mann und muß fürchten, daß die Provinzen mit vorherrschend christlicher Bevölkerung, sowie sie nur einmal etwas mehr Freiheit zu kosten bekommen, zuviel Geschmack daran finden und sich ganz auf eigene Füße stellen. Und darin dürfte er sich auch kaum täuschen. Gleich­wohl wird er vermuthlich dem Drängen der Groß­mächte nach Reformen in Armenien und Macedonien nicht lange mehr widerstehen können, zumal bei solchen Ausbrüchen des muhamedanischen Fanatismus, wie jetzt in Konstantinopel. Und dann wird der „kranke Mann am Bosporus" allerdings bald ein tobter Mann sein.

Deutsches Reich.

Berlin, 7. Oktober.

* Der Kaiser und die Kaiserin find am Sonnabend int Jagdschloß Hubertusstock wohlbehalten eingettoffen und erfreuen sich daselbst nach den neuesten hier vor­liegenden Nachrichten des besten Wohlseins. Am Sonn­abend Abend unternahm der Kaiser im dorttgen Revier den ersten Pürschgang und erlegte auf demselben einen SechSzehnender, sechs Zwölfender und einen Zehnender.

* Antwort des Kaisers an den „Evangelischen Vnnd". Auf das Huldigungstelegramm der achten General-Versammlung des „Evangelischen Bundes" an den Kaiser ist folgende Antwort eingegangen: „Se. Majestät der Kaiser und König haben Allerhöchst Sich über den telegraphischen Gruß der 8. Generalver­sammlung des Evangelischen Bundes herzlich ge­freut und lassen für den Ausdruck unverbrüchlicher Anhänglichkeit danken. Auf Allerhöchstem Befehl von Lucanus, Geheimer KabinetSrath." — Auf den In­halt des Huldigungstelegramms (verhetzende Angriffe gegen die Katholiken) gibt die Mittheilung des Herrn v. LucanuS keine Antwort und das ist sehr beachtens- werth. Keine Antwort ist auch eine Antwort.

* Der Kultusminister Dr. Bosse versucht in einem Erlaß an den Evangelischen Oberkirchen­rath diesen über die Wirkung und Absicht seiner ftüheren Erlasse, welche dieLeitergrößererBolks-

den glänzenden Räumen, die wahrhaft vornehme Würde desselben hielt jede Ausschreitung leicht und zwanglos in Schranken.

Junge Mädchen träumten seit mehreren Rächten nur von Ball und Toiletten, junge Lieutenants über- zeugtm sich vor dem Spiegel schon Tage lang vor dem Feste immer und immer wieder von ihrer Unwider­stehlichkeit, junge Referendare und sonstige akademisch gebildete Herren, die so glücklich waren, auf ihre Msitenkarten drucken zu dürfen „und Lieutenant der Reserve", zogen in der heimlichen Stille ihres Zimmers den OffizierSrock an. Ach, er stand so schön.

Selbst ältere Fräuleins und alte Frauen wurden von dem Treiben erfaßt. Wem von solchen Damen eine Einladung nicht zu Theil geworden, fühlte sich recht unglücklich und der eine oder der andere Vater oder Gatte mußte den sauren Weg der süßen Worte betreten, um noch eine nachträgliche Einladung für die Tochter oder Gatttn und für sich Ruhe zu er­wirken.

Der Abend desHosballes war endlich angebrochen. Die mit gediegenem Reichthum und feinstem Geschmacke ausgestatteten vielen und großen Räume des Friedrichs- Hauses, so hieß das Palais Herzogs Burkhard nach seinem Erbauer, einem Herzog Friedrich, strahlten in einem Lichtmeere. Der Ballsaal besonders fesielte durch

schulsysteme der geistlichen Ortsschnlaufficht ent ziehen, zu beschwichtigen. Herr Bosse betont, daß sich diese Maßregel, die nur aus schultechnischen Gründen erfolgt sei, nur auf Schulen mit 6 und mehr Klaffen beziehe. Zudem solle in allen Fällen, wo dieselbe in Kraft trete, der bisherige geistliche Lokalschulinspeftor in die Schuldeputation (Schulvor­stand) berufen werden, damit ihre Mitwirkung gefidjert bleibe. Die Regierungen sollten nur von Fall zu Fall und im Einvernehmen mit den Konsistorien vorgehen. Generelle Entlassung von Geistlichen aus der Ottsschulauficht ober Entlassung eines Geistlichen ohne vorgängige Verständigung des Konsistoriums widerspreche der Absicht des Ministers, der dies auch noch in einem besonderen Erlasse an die Regierungen betonen will. — Wir setzen voraus, daß Herr Bosse dieselbe Rücksicht, die er auf die Konsistorien nimmt, auch gegenüber den Bischöfen hinsichtlich der katho­lischen Geistlichen walten lasten will. Im Uebrigen beweisen diese ewigen Ministerialverordnungen nur die Nothwendigkeit eines Volksschulgesetzes.

* Gegen das Duell hat eine Versammlung des protestantischen schlesischen Pfarrer - Vereins in Breslau eine Resolution gefaßt. Darin wird gesagt, der Zweikampf sei mit der christlichen Sittlichkeit un­vereinbar und ein Billigen desselben Seitens der Kirche würde wider ihre gegenwärtig besonders wichtige soziale Aufgabe verstoßen. Die Mitglieder deS Vereins und alle Geistlichen möchten daher energisch gegen den Mißstand auftreten. Es sei ihr Recht und ihre Pflicht, gegebenen Falles durch ein unzweideutiges Wort Zeugniß abzulegen. Es wird an- heimgestellt, dahin zu wirken, daß diese Vernttheilung in der kirchlichen Gesetzgebung zum klaren Ausdruck gelange und andererseits in der staatlichen Recht­sprechung auf eine wirkliche Wahrung der äußeren Ehre Bedacht genommen werde. — Diese Resolution wird leider sehr wenig nützen. Die meisten Geistlichen werden schweigen, und die kirchliche Beerdigung wird den im Zweikampf Gefallenen auch nicht fehlen. Kam doch jüngst in Pommern (ober war's im stammver­wandten Mecklenburg?) ein protestanttscher Geistlicher, der einen im Duell Gefallenen nicht kirchlich beerdigen wollte, in starke Bedrängniß, da die adligen Standes- genossen des Gemordeten in große Entrüstung über die Weigerung gerieten.

* Köln, 7. Okt. Die beiden hier wegen Landes- verrath verhafteten Franzosen wurden unter starker polizeilicher Bewachung nach Leipzig übergefühtt, nachdem hier die Voruntersuchung abgeschlossen worden. Ueber das Ergebniß der letzteren wird immer noch Stillschweigen bewahrt.

& Dortmund, 7. Okt. Wie schon gestern unter „Neueste Post" gemeldet wurde, fand am Sonntag Abend im großen Saale der „Kronenburg" die Be­grüßungsfeier des V. praktisch-sozialen Kursus, veranstaltet vom „BolkSverein für das kath. Deutsch­land", statt. Angemeldet sind für den Kursus schon

den harmonischen Eindruck seines prächtigen Schmucker. Die silbergrauen Wände waren durch feine Goldleisten in einzelne Felder eingetheilt, auf denen duftige Ge­mälde in gelungener Perspektive wie aus der Ferne herüberwinkten. Die gewölbte Decke schien durch die künstlerisch vollendeten Malereien sich in der Höhe lang­sam zu verlieren. Mächttge Karyatiden, jedes ein Kunstwerk, hielten große Kandelaber, welche strahlende Helle verbreiteten. Die vier Ecken des schönen Raumes, der einen bedeutenden Theil des Schlosses einnahm, waren durch reizende Pflanzengruppen auSgefüllt und abgerundet. Hinter einer derselben hatte das Musik- korpS des herzoglichen Leibregiments Stellung genom­men, so daß die fröhlichen Weisen anmuthig gedämpft zu den Ohren der Tanzenden und Zuschanenden ge­langten, die ausführeuden Musiker jedoch nicht gesehen werden konnten. '

Goldgestickte Uniformen, schwarze Fräcke, gehoben durch blitzende OrdenSsterue ober auch mit noch ärger­lich zugebissenem Knopfloch, rauschenbe Toiletten, strah- lenbe Juwelen, wehenbe Febern, allüberall lächelnde, wirklich ober auch nur scheinbar ftohe Gesichter, liebenS- würbige Worte, bort ernst gemeint, bort oberflächlich hingeworfen, bort selbst wissentlich unwahr, baS alles vereinte sich zu einem Silbe von bestrickender Wirkung.

Zu ben lieblichsten Erscheinungen aller Anwesenden