M 231
Montag, dm 7. Oktober 1895
22. Jahrgang
FiildaerMZeitrnig
mit Unterhaltnngs-Heilage „Sterne und Klumen".
Erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. — Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Brinqerlohn und Bestellgeld in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig Inserate kosten die einspaltige Garmondzeile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen die Petitzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
e-e. Einwürfe gegen die Sonntagsruhe.
In der letzten Zeit haben mehrere Gerichtsverhandlungen stattgefunden, in denen es sich um Unter- fchlagungen oder Veruntreuungen durch Kommis, Lehrlinge, Haushälter u. s. w. handelte. Von verschiedenen Seiten ist dafür die Sonntagsruhe verantwortlich gemacht worden, indem es hieß, die jungen Leute haben freie Zeit erhalten zum Geldausgeben, da sie aber keins hatten, haben sie ihre Herren bestohlen. Die nächste Folgerung ist, daß die Sonntagsruhe wieder abgeschafft oder wenigstens eingeschränkt werden müsse. Dies Urtheil und diese Schlußfolgerung sind etwas zu schnell und einseitig.
Früher hat es an Unterschlagungen aller Art gewiß nicht gefehlt, obwohl die Sonntagsruhe die Veranlassung dazu nicht sein konnte. Man könnte die Sonntagsruhe also überhaupt nur verantwortlich machen, wenn die Zahl der Unterschlagungen sich vermehrt haben sollte. Ob das so ist, läßt sich nicht so einfach ausmachen. Wie das Steigen der Kriminalfälle überhaupt vielfach nicht beruht auf einer größeren Zahl von Verbrechen, sondern darauf, daß ein größerer Prozentsatz der Fälle zur gerichtlichen Verhandlung kommt, so kann es auch hier der Fall sein. Da jetzt den Angestellten eines Geschäfts viel mehr Zeit zur Verfügung steht, als früher und auch die Gelegenheit zum Geldausgeben erleichtert ist, so mag mancher Prinzipal von vornherein seinen Angestellten mehr mißttauen, ihnen auf die Finger passen und mehr Fälle von Veruntreuungen gewahr werden als früher. An Gelegenheit zum Geldausgeben fehlte es auch früher den meisten Angestellten in den Geschäften nicht, aber sie konnten es vielfach nicht so offen treiben als jetzt und erregten deshalb weniger Verdacht.
Doch auch zugegeben, daß die Sonntagsruhe eine Vermehrung der Unterschlagungen veranlaßt habe, so kann die Sonntagsruhe an sich doch nicht verantwortlich dafür gemacht werden. Einmal treten die Schattenseiten einer jeden Einrichtung am meisten hervor, so lange dieselbe noch neu ist und je größer der Unterschied zwischen der neuen und alten Einrichtung ist. Sollte die Einrichtung der Sonntagsruhe nach dieser Seite hin wirklich schädlich gewirkt haben, so würde das zum Theil eben daran liegen, daß viele Angestellte früher zu einer verständigen und mit geringen Kosten verbundenen Erholung gar keine Zeit gehabt haben. Die Freiheit ist ihnen zu unvermittelt gekommen, und nun verstehen sie dieselbe nicht richtig zu verwenden.
Ferner haben die Kaufleute doch nicht genug ge- than, um der Gefahr einer schlechten Verwendung der Sonntagsruhe entgegen zu arbeiten. In manchen Städten ist dafür von Seiten der Kaufleute oder von anderer Seite gesorgt worden, daß an Sonntagen besonders den Lehrlingen Gelegenheit geboten wurde zur Theil- nahme an gemeinschaftlichen Spielen, zum Besuche von Lehrlings-Vereinen u. s. w. Auch die Verbindung zwischen der Familie des Lehrherrn und dem Lehrling
Zwischen Pflicht rmb Neigung.
Preisgekrönte Novelle von A. Zingeler.
(30. Fortsetzung.)
Und als dann zwanzig Hände zugleich zugriffen, um die zwei Geretteten das Ufer hinaufzutragen, da war auch die Kraft deS wackeren Offiziers zu Ende gewesen. Todtenblässe hatte sein schönes Gesicht jählings bedeckt, und ohnmächtig sank er in die Arme Seewalds. Doch bevor sich Nacht auf seine Augen gelagert, hatte er sie noch einmal aufgeschlagen, und Seewald verstand, waS sie sprachen. Noch an demselben Tage hatte Seewald eine lange Unterredung mit Herzog Burkhard, der im Laufe des Nachmittags mehrere Male nach dem Befinden deS Offiziers fragen ließ. Fritz Perlag hatte sich gegen Abend vollständig erholt, und mit einer Ruhe, die auffallend gegen fein sonst so lebhaftes Wesen abstach, nahm er die Glückwünsche der Seinen und der Freunde, die herbeieilten, in Empfang. Die diefeS auf noch zurückgebliebener Erschöpfung hinführten, irrten sich. Fritz Perlag war in wenigen Stunden ein gereifter Mann geworden.
Am nächsten Vormittag brachte der Diener die Meldung: Seine Hoheit wünsche den HerrnOberlieutenant Perlag um 2 Uhr zu sprechen. Der Offizier hatte nicht geglaubt, so bald wieder, oder wer wußte, ob
ist viel zu gering entwickelt. Sehr vielen Kaufleuten kommt eS leider gar nicht zum Bewußtsein, daß sie nicht bloß für die technische Ausbildung des Lehrlings zu sorgen haben. Der Mensch, und wenn er auch noch ein Lehrling ist, will sein Vergnügen haben, und wenn eS ihm weder das Elternhaus, noch das HauS deS Lehrherrn, noch Vereine bieten, dann amüsirt er sich eben auf eigene Faust, und daß er da leichter strauchelt, versteht sich von selbst.
Sollte sich also wirklich Herausstellen, was aber bis jetzt noch nicht bewiesen ist, daß in Folge der Sonntagsruhe die Zahl der Veruntreuungen sich wirklich vermehrt habe, so werfe man nicht die Schuld auf die Sonntagsruhe, sondern auf die Menschen und vergesse dabei ja sich selber und seine Unter- lassungssünden nicht.______________________
i£y Die Aachener Prozesse.
Die Freisprechung der Alexianerbrüder Heinrich und Irenäus von der schweren Anklage deS Meineides darf ein allgemeines Interesse beanspruchen. Diese Nachrichten erregen überall berechtigtes Aufsehen. W i r haben einen anderen Ausgang gar nicht erwartet und erwarten können. Die Beweisaufnahme hat die Unschuld beider Angeklagten so klar zu Tage gestellt, daß selbst die Staatsanwaltschaft in beiden Fällen die Freisprechung beantragte. DaS Blatt hat sich gewandt. Die Ankläger erscheinen nun vor aller Welt in ihrer teuflischen Bosheit und nackten Häßlichkeit. Die Rollen sind so vertauscht, daß der Platz der angeklagten Brüder wohl bald von anderen Leuten eingenommen werden wird. Der Ruhm, den die Vertheidiger des Mellage (Lenzmann und Niemeyer) davongetragen haben, war nicht von langer Dauer, sie sind nun selbst in eine „schmutzige Station" gerathen. Auch der „Jrrenbefreier" Mellage mußte sich in einer Rolle sehen, die ihm keine Freude und kein Behagen verursacht haben wird.
Schon heute steht es bei allen objektiv denkenden Leuten fest, daß die ganze Affaire maßlos übertrieben wurde und daß bei gewissen Leuten nicht das Mitleid mit den armen Irren, sondern der fanatische Haß gegen die katholische Kirche und die Ordensleute die Triebfeder war. Haben diese Leute noch ein Fünkchen von Anstand und Ehrlichkeit, so muß ihnen die Scharnröthe ins Gesicht steigen, weil sie schonungslos das Verdammungsurtheil über Ordensleute ausgesprochen auf Grund der Aussage von Zeugen, die jetzt durch das Urtheil des Staatsanwalts und des Ausspruchs der Geschworenen an den Pranger gestellt sind. Wir wollen sehen, ob unsere Gegner, welche sich seiner Zeit nicht genug zu „entrüsten" wußten über die angeblich bodenlose Schlechtigkeit der Brüder, nun auch so ehrlich sind, den so schwer Gekränkten öffentlich die Ehre wieder zu geben. Während die Brüder wie gemeine Verbrecher in den Kerker geschleppt und dortselbst drei Monate in Untersuchungshaft gehalten wurden, häuften die Logenbrüder
überhaupt jemals, die Uniform zu einem solchen Gange anlegen zu sollen. Er konnte nur mit Mühe die mächtig aufsteigende Bewegung niederkämpfen, die ihn ergriff, als er ein Stück nach dem andern der glänzenden Kleidung anlegte, vielleicht zum letzten Male. Der Brief an den Regimentskommandeur war geschrieben; noch 2 Stunden, und er ging an seine Adresse ab. Dann waren die Würfel gefallen.
Fritz Perlag war gefaßt; daS Schlimmste lag hinter ihm, er hatte mit feinem Vater gesprochen.
„Herr Oberlieutenant Perlag!" meldete Schmieder den Offizier seins» herzoglichen Herrn.
Herzog Burkhard nickte zustimmend. Er trug heute die Uniform des Regimentes, dem Perlag angehörte und dessen Chef er war. Auf seinen Zügen lag Wohlwollen und Ernst.
Der Offizier trat ein und blieb in fester militärischer Stellung, die Hand am Helme, stehen, die Ansprache des Herzogs erwartend. Dieser trat näher, reichte Perlag die Rechte und sagte: „Ich wünsche Ihnen von ganzen Herzen Glück zu der That, die Sie gestern mit Gottes Hilfe ausführten. Es ist der Beruf des Soldaten, sein Leben für des Vaterland und seine Mit- menschen einzusetzen. Tritt diese Pflicht an uns heran, j dann muß es leider immer in der Weife geschehen, I daß wir Anderen feindselig gegenüberstehen. Sie aber *
und alle, die dieser sauberen Gesellschaft nachlaufen, alle nur erdenklichen Schmähungen aus die katholischen Ordensleute bezw. die Alexianerbrüder, gerade als ob die ganze Hölle gegen sie loSgelasim sei. Die nieder- trächttgen Karrikaturenkarten, Spazierstöcke usw. waren lebhafte HandelSarttkel, Mellage'S „Museum" enthAt gemeine Schmähungen besonders des in Ehren ergrauten Bruders Heinrich. Auch die Witzblätter, voran die ,Lustigen Blätter' leisteten das Menschenmögliche in gemeinen Verunglimpfungen des Klosterwesens.
Wir Katholiken, die wir so grenzenlos in diesen Schmähungen mitbeschimpft worden sind, wir haben als Gesammtheit eine Ehre, die wir nicht antasten lassen dürfen und auch nicht antasten lassen wollen. Und diese Ehre verlangt eS, daß die dunkle Rotte der Schmäher und Verleumder vor Gericht zur strengen Rechenschaft gezogen werde, oder, wenn daS nicht sein soll, wenigstens die Behörde jetzt dem schamlosen Treiben auf Kosten deS „Bruders Heinrich" endlich ein Ende mache. „Das letzte Wort in dieser Sache ist noch nicht gesprochen!" äußerte sich der Staatsanwalt Wette bedeutungsvoll, und auch wir sind davon überzeugt.
Deutsches Reich.
Berlin, 5. Oktober.
* Der Kaiser traf kurz nach 10 Uhr heute Morgen in Eberswalde ein, die Kaiserin bald darauf. Beide Majestäten setzten die Reise nach Hubertusstock per Wagen fort. — Prinz Heinrich soll nach der ,Danz. Ztg.' demnächst zum zweiten Chef deS Danziger Leibhusarenregiments ernannt werden, dessen erster Ehes der Kaiser ist. (In einer Reihe englischer Blätter findet sich eine Mittheilung über eine Meinungsverschiedenheit zwischen dem deutschen Kaiser und dem Prinzen Heinrich, seinem Bruder, und es wird hinzu- gefügt, daß dies die Ursache des Urlaubsgesuches gewesen sei. Einzelne Blätter wissen auch von Ber- söhnungSversuchen zu erzählen und behaupten, die Königin von England sowohl, wie die Kaiserin Friedrich hätten in der Richtung sich sehr eifrig bemüht, ohne aber bisher einen Erfolg zu erzielen. — Das ist offenbar nur Klatsch und müßiges Geschwätz.) — Der Reichskanzler Fürst Hohenlohe trifft heute Abend wieder in Berlin ein.
* Abg. Stöcker sprach gestern in einer gut besuchten Versammlung der christlich-sozialen Partei gegendaS Kartell, welches auch von den ihm folgenden Rck>- ner entschieden abgelehnt wurde. Stöcker wandte sich auch gegen die jüngere Richtung unter den Christlich- Sozialen, welche den Sozialdemokraten freundlicher gegenübersteht. Die Antisemiten unterbrachen Stöcker wiederholt und machten schließlich großen Lärm, als )em auch anwesenden Abg. Böcke! durch Schlußanttag !)as Wort abgeschnitten wurde.
* Fürst Bismarck hat jüngst in den,Hamb. Nachr.' ;ebe frühere Beziehung zu dem Freiherrn
durften gestern, ohne daS Leben Anderer zu gefährden, zwei Menschenleben retten. DaS ist ein großes Glück, eine große Gnade und ich beglückwünsche Sie deshalb von Herzen."
Der Offizier verbeugte sich dankend. So hoch ihn die herzliche Weise des Herzogs erfreute, den er wie alle seine Regimentskameraden außerordentlich verehrte, so schmerzlich berührte ihn der auffteigende Gedanke, Herzog Burkhard werde schon morgen mit UnmMh seiner gedenken.
Einige Minuten waren auf diese Weise verstrichen. Die Audienz schien zu Ende. Da änderte sich plötzlich der Ausdruck im Gesichte deS Herzogs. Der wohlwollende Zug trat zurück, der Ernst wog über.
„Ich habe Sie eben zu Ihrer gestrigen That beglückwünscht ; Sie haben heute Morgen eine Handlung begangen, die, mehr Ueberwindung kostete, als die, wobei Sie Ihr Leben in die Schanze schlugen. Sie haben sich selbst überwunden und Ihrem Vater gegenüber wie ein Manu und ein braver Sohn gehandelt."
„Ew. Hoheit wissen?" stammelte der Offizier erbleichend.
„So sehr eS mich freut, diesen Beweis Ihres gut angelegten Charakters erhalten zu haben, so hätte ich doch gewünscht, es wäre dessen nicht nöthig gewesen," fuhr Herzog Burkhard mit steigendem Ernste fort.