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M 230 Samstag, den 5. Oktober 1395 22« IlU-u;cU^

mit Unterhaltungs Keilage „Sterne und Klumen

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Glaube und Wissenschaft.

Am 8. Juli 1888 erklärte der Berliner Professor Du Bois-Reymond in seiner Festrede bei der öffentlichen Sitzung der Königlichen Akademie der Wissenschaften zu Berlin: „Wo Supernaturalis­mus anfängt, hört Wissenschaft auf," d. h.: wo der Glaube an das Uebernatürliche, also der christ­liche Glaube, beginnt, da gibt es keine Wistenschast mehr, Glaube und Wistenschast sind unverträglich.

Sehr gut hat P. v. Hammerstein in seinem neuesten Werk, den „Sonn- und Festtags- Lesungen für die gebildete Welt" diesen Satz umgekehrt in den Worten: „Wo der Unglaube anfängt, da hört Wissenschaft auf." Er be­weist diese Behauptung wie folgt:

„Ein Fundamentalsatz echter Wissenschaft ist die Wahrheit, daß jeder Wirkung eine entsprechende Ur­sache zu Grunde liegt. Gestützt hierauf, schließt sie, daß die Welt und die Einzelwesen in derselben einen persönlichen, d. h. denkenden und wollenden Gott vor- auSsetzen. Dasselbe lehrt die Offenbarung mittels des Glaubens. Vernunft und Glauben stehen somit im schönsten Einklang. — Was thut der Unglaube? Nach dem Vorgänge Kants leugnet er die Zuverlässigkeit unserer Vernunft, insbesondere die Zuverlässigkeit unsers Schließens von der Wirkung auf die Ursache; er zerstört hierdurch die solidesten Gottesbeweise und bekämpft somit den Glauben. Aber ist dieses Vorgehen echte Wissenschaft? Gewiß nicht! Es ist vielmehr das Grab aller Wissenschaft. Denn sobald die Zu- verlästigkeit unseres vernünftigen Denkens nicht mehr feststeht, hört jede Wistenschast auf; Kant selbst aber geräth mit sich in Widerspruch, indem er für sein philosophisches System, welches er doch nur vermittelst seiner angeblich unzuverlässigen Vernunft aufgestellt hat, Glauben beansprucht. Also: wo Unglaube an­fängt, hört Wissenschaft auf.

„Die weitgreifendsten Beobachtungen und Versuche haben festgestellt, daß aus der unorganischen Materie nie von selbst eine Pflanze oder ein Thier entsteht, daß es mithin eine Urzeugung, eine generatio aequivoca, nicht gibt. Virchow erklärt: .Kein Mensch hat je eine generatio aequivoca sich wirklich vollziehen sehen, und jeder, der behauptet, daß er sie gesehen hat, ist widerlegt worden von den Naturforschern, nicht etwa von den Theologen/ Die echte Wissenschaft schließt hieraus wiederum auf das Dasein einer persönlichen Gottes, welcher schaffend eingriff, als es galt, in einem gewissen Stadium der Erdbildung die Pflanzen- und Thierwelt beginnen zu lassen. Dasselbe lehrt der Glaube, und Glaube und Wissenschaft sehen sich aber­mals im schönsten Einklang. — Aber der Unglaube? Er sucht noch stets nach einer Urzeugung, um den Schöpfer auch hier zu umgehen; oder er erklärt sich bankrott mit den Worten Du Bois-Raymond's: ,Ignoramus et ignorabmius.1 ,Wir wissen es nicht und wir werden es nie wissen.' Wo Unglaube an­fängt, hört Wissenschaft auf.

„Die palöontologischen Studien haben zur Genüge festgestellt, daß es keinen allmählichen Uebergang von irgend einer Affenart zum Menschen gibt, und daß der Mensch erst in den letzten geologischen Perioden erschienen sein muß. Dasselbe lehrt uns die Offen­barung mittelst des Glaubens. Glaube und echte Wissenschaft harmoniren auch hier. — Und der Un­glaube? Er wittert (um mit Virchow zu reden) noch immer Affenlust und sucht in den Erngeweiden der Erde noch stets nach Affenmenschenschädeln oder nach Menschen, die bis in die Tertiärzeit oder gar über sie hinausreichen. Wo Unglaube anfängt, hört Wissen­schaft auf.

„Die wunderbare Zweckordnung in der Natur predigt laut das Dasein eines weisen, weithin persön­lichen Gottes. Nicht Zufall ist eS, sondern Ordnung, wenn die Vögel ein entsprechendes Nest bauen, ehe sie ihre Eier legen. Zweckordnung ist es, wenn ihr In­stinkt sie treibt, eine bestimmte Zeit auf den Eiern zu

brüten. Zweckordnung ist es, wenn sie nachher die Jungen zu füttern getrieben werden, und wenn sie dieselben nicht etwa mit Sandkörnern, sondern mit der entsprechenden Nahrung versehen. Zweckordnung auch zeigt sich im Verhältniß der leblosen Natur zur Lebewelt: die atmosphärische Lust bietet den Lebewesen, was sie zum Athmen bedürfen. Die Anziehungskraft der Erde steht im richttgen Verhältniß zur Kraft der Thiere. AuS diesen und unzählbaren anderen Zeichen von Ordnung schließt die echte Wiffenschvst auf den mit Ordnung verfahrenden Schöpfer. In voller Har­monie steht sie abermals mit dem Glauben. — Und die Wissenschaft des Unglaubens? Einer ihrer ge­feiertsten Philosophen, Professor Kuno Fischer in Heidelberg, erklärt: „Daß in der That eine Ordnung existirt, ist keineswegs bewiesen, sondern nur ange­nommen; es ist keine wissenschaftliche, sondern nur eine ästhettsche Erfahrung, die keine logische Beweis­kraft hat." Nach Herrn Fischer wäre also in Zukunft der Zoologe nicht mehr sicher, daß die Eier, die er in einem Schwarzdroffelnest findet und sofort als Schwarz­drosseleier erkennt, wirklich von einer Schwarzdrossel und nicht von einem Huhn oder gar von einem Hasen gelegt sind! Denn, daß eine Ordnung existirt, nach welcher wohl die Schwarzdrossel, nicht aber das Huhn oder der Hase derartige Eier legt, ist ja nach Herrn Fischer nur angenommen, nicht bewiesen; es ist nur „eine ästhetische Erfahrung, die keine logische Beweis­kraft hat". Also nochmals: Wo Unglmibe anfängt, hört Wissenschaft auf!

„Eine vernünftige Ethik zeigt, daß die vorhandene sittliche, insbesondere die Rechtsordnung nur erklärt werden kann, wenn man in Gott, dem Schöpfer und Herrn, zugleich auch den höchsten Gesetzgeber erkennt und die letzte Quelle aller Rechte und Pflichten. Da­her findet sie in dem Vorhandensein einer Sitten- und Rechtsordnung einen neuen Beweis für die Existenz eines persönlichen Gottes. Hiermit stimmt überein der Glaube, und es herrscht abermals Einklang zwischen Glauben und Genoffen. — Wie verhält sich der Un­glaube? Er sieht im Staate die letzte Quelle alles Rechts; Adam und Eva wären nach ihm also rechtlos gewesen, weil sie noch nicht in einem Staate lebten. Für den sittlichen Unterschied von Gut und Bös, da- für, daß Lügen eine Sünde und Dankbarkeit eine Tugend ist, hat der Unglaube vollends keinerlei ver- nünstige Erklärung. Als solche kann namentlich auch entfernt nicht gelten die autonome Vernunft eines Kant. Und wenn Büchner die Moral definirt „als das Gesetz der gegenseitigen Achtung des allgemeinen, wie des privaten gleichen Menschenrechtes zum Behuf der Sicherung allgemeinen Menschenglücks", so sirckt die sittliche Ordnung hiermit zu einer reinen Zweck­mäßigkeitsordnung herab oder läßt doch jedenfalls die Frage unbeantwortet: weshalb ich gehalten bin, das Recht Anderer zu achten. Wiederum: wo Unglaube anfängt, hört Wissenschaft auf.

„Die natürliche Philosophie weist in die Theodicee nach, daß Gott ein Geist sein muß, welcher überall gegenwärtig ist, aber mit leiblichem Auge nicht geschaut werden kann. Der Glaube lehrt dasselbe. — Und der Unglaube? Nicht zuftieden, die Beweise für das Dasein eines persönlichen Gottes in ohnmächtigen Ver­suchen entkräften zu wollen, unterfängt er sich, Gottes Nichtdasein beweisen zu wollen. Und wie? Scho­penhauer erkärt: „Der ernstlich gemeinte Theismus setzt nothwendig voraus, daß man die Welt eintheile in Himmel und Erde; auf dieser laufen die Menschen herum; in jenem sitzt der Gott, der sie regiert; nimmt nun die Astronomie den Himmel weg, so hat sie den Gott mit weggenommen; sie hat nämlich die Welt so ausgedehnt, daß für den Gott kein Raum mehr übrig bleibt." Aehnlich David Strauß: „Wer das Weltsystem nach dem jetzigen Stande der Astronomie in der Vor­stellung trägt, kann sich einen thronenden, von Engeln umgebenden Gott nicht mehr vorstellen." Also kein Himmel als Palast mehr, keine Engel, die um seinen Thron versammelt sind, ferner auch Donner und Blitz nicht mehr feine Geschosse; Krieg, Hunger und Pest nicht mehr seine Geißeln, sondern Wirkungen natür­licher Ursachen; seit er so alle Atttibute persönlichen Seins und Waltens verloren hat, wie können wir uns Gott noch persönlich denken? Um diesen bombastischen Unsinn der ersten Größen des Unglaubens zu wider­legen, könnten wir einen Sextaner rufen, damit er

jenen Herren sage, daß Gott nach der Lehre des Chri- stenthumS ein Geist sei, den man mit leiblichen Augen nicht sehen könne. Um aber die astronomischen An­schauungen der Herren zu berichtigen, genügt vielleicht ein Quintaner; dieser könnte sie darüber aufklären, daß es viele Sterne gibt, die millionenmal größer sind als die Erde, auf denen also Gott mit feine« Hofftaate (wenn man ihn absurder Weise so leiblich vorstellen wollte) sicher Platz genug fände Wahr­lich, wo Unglaube anfängt, hört alle Wisienschast auf."

Wegen Raummangels müffen wir es uns versagen, die Fortsetzung dieser höchst interessanten Deduktionen abzudrucken und müssen den Leser auf das Buch selber verweisen.

Je* Die alten ehrlichen Zwickauer.

Der „Evangelische Bund" hat am Mittwoch in Zwickau wieder gehetzt. In der öffentlichen Ver­sammlung klagte der Militäroberpfarrer Dr. H er me nS- Magdeburg über „systematische Verdrängung deS Protestantismus" durch die katholische Geist­lichkeit in den deutschen Grenzmarken, in Elsaß-Lothringen nämlich und in den östlichen Landes- theilen. Zahlen und Thatsachen führte auch Herr Hermens nicht an, und doch hätte er es um so noth- wendiger gehabt, seine Behauptungen auch zu be­weisen, als man so ziemlich allgemein bisher der entgegengesetzten Meinung war. Dieser Tage ging ja erst wieder eine Reihe von aus amtlichen Quellen geschöpften Zahlen durch die Presse, welche darthaten, daß z. B. die protestanüschen Pfarreien in der Provinz Posen seit 1807 bis 1885 von 9 bis auf ca. 110 gestiegen sind. So lange also Herr HermenS den Beweis für seine Behauptungen schuldig bleibt, so ist man nicht verpflichtet, ihm Glauben zu schenken. Später gab es eine geschloffene Versamm­lung, unter Ausschluß der Oeffentlichkeit, wie die .Kreuzztg.' berichtet, die auch in der That über diese Versammlung nichts Näheres zu berichten weiß. Dennoch gehen die in derselben vorgetrageneu Ausführungen des Professors Nipp old-Jena über „die internationale Seite der päpstlichen Politik" der Oeffentlichkeit nicht verloren, denn die ,Nat.-Ztg.' weiß trotz Ausschlusses der Oeffentlichkeit über diese Ver­sammlung zu berichten. Den historisch sein sollenden Kohl, den der Jenenser Professor da aufgetischt hat, können wir fteilich unseren Lesern schenken. Nur eins sei bemerkt: Herr Nippold verspürt überall ben „jesuitischen Einfluß," und zwar am aller­meisten in der „ römischen", soll wohl heißen: katholi­schen Presse; und als „weitere Mittel" einer päpst­lichen Angriffspolitik gegen die Protestanten nennt Nippold die zahllosen katholischen Kongre­gation en, den August innS verein, die katholischen Kaufmannskongregationen, die Mariani- schen Sodalitäten, die katholischen Studenten­vereine". Bei Herrn Nippold geht es, wie man sieht, wie Kraut und Rüben durcheinander. Er beweist mit seiner Zusammenstellung nur, daß er von Natur und Zwecken jener Bereinigungen nicht die blasseste Ahnung hat. Man sollte meinen, das be—rühmte Buch des Jesuitenriechers Huber wäre die Quelle des Jenenser „Gelehrten". Und mit so rostigen Waffen angethan, wagt Herr Nippold gegen die katholische Kirche in die Arena zu reiten!

Am Donnerstag wurden vier „Kundgebungen" verlesen und angenommen, von denen sich die erste an die „evangelischen Deutschen", die zweite „an die Mit­glieder des Evangelischen Bundes", die dritte gegen die Proteste des Münchener Katholiken­tages wider tbie Revolutionsfeier in Rom, bie vierte endlich gegen die päpstliche Encyklika über den hl. Rofenkranz richtet. Es hieße Eulen nach Athen tragen, wollten wir hier alle die schiefen, kuriosen und lügenhaften Behauptungen berichtigen, die sich in diesen Schriftstücken finden. Es genügt zur Charakterifirnng derselben festzustellen:

1. Es werden fortgesetzt „Ultramontanismus" unb „Sozialbemokratte" auf eine Stufe gestellt, als Feinbe, nicht nur des Protestantismus, sondern auch deS deutschen Reiches! Gegen beide wird der „GewissmS- ernft“ des evangelischen Volkes angerufen — als wenn derselbe bei den BundeSrittern selber vorhanden wäre!

2. Bon den drei Kundgebungen ist nur die zweite vorwiegend gegen die Sozialdemokratie, die erste gegen