Einzelbild herunterladen
 

M 228

Donnerstag, dm 3. Oktober 1895

22. Jahrgang

FuIdaerWZkitiing

mit UntrrhaUrmgs-Keilage »Ltrrne nud Klumen".

Grschetst tigkich, 6«e«= and geiedege «dgeuommex. — BierteiMrücher Aboune»entSvrei« chne Bringerlohn aab BetzeSgeL in Fulda und auswärts 1 Mark SO Pfennig. Inserate koste» dir einspaltig« Sarmondzeilc oder deren Raum 16 Pf., Reklamen die Petitzeile 26 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Radatt.

WWWWWV^»^^^^WWWW!^WWWWI.1IjWlIIWMW>MM» l TI. ir Illi» WJ■»■■rnill I IHllTf Imin I I MM will 111 «Mw ril—r ~

Bestellungen auf die,Fuldaer Zeitung' werden noch fortwährend angenommen.

XIX.Generalversammlung derGörres- Gesellschaft. '

yt Fulda, 3. Oktober.

Unseren Bericht über die erste allgemeine Sitzung mußten wir gestern abbrechen bei dem Vor­trage deS Herrn Prof. Schnürer. Derselbe sprach über einen in der Vorstandssitzung eingebrachten Or­ganisationsantrag, nach welchem Diözesankomitees eingerichtet werden sollen. Auf diese Weise glaubt er, könne die Görres-Gesellschaft im Detail intensiver ar­beiten. Nicht nur durch das geschriebene, sondern vor allem durch das gesprochene Wort könne dann viel gewirkt werden. Besonders zur Winterszeit könnten Vorträge gehalten werden, und wenn man dann die richtigen Männer und die richtigen Themata finde, dann erziele man gewiß einen großen Erfolg. Dadurch werde nicht nur das wissenschaftliche, sondern auch das religiöse, katholische Interesse geweckt und gepflegt. Er hege die feste Hoffnung, daß in Fulda, wo einstens der Grund zur Abfassung des Staatslexikons gelegt wurde, jetzt auch dieser Antrag zu einem günstigen Abschluß gebracht werde.

Frhr. von Hertling: Im Jahresbericht soll ein Normalstatut für diese Organisation bekannt gegeben werden. Alsdann eröffnet er die Diskussion über diesen Antrag.

Es meldet sich zuerst zum Worte: Prof. Schlecht, der den Antrag aufs wärmste empfiehlt.

Dr. Wurm verspricht sich viel Erfolg von den Komitee's. Die Initiative dazu folle von dem Vor­stande der Görres-Gesellschaft, nicht von den Mit­gliedern ausgehen. Die Mitglieder follen sich nach Möglichkeit über die ganze Diözese verbreiten.

Prof. Dr. Grauert meinte, der Vorstand solle sich mit ■ dem Episkopat ins Einvernehmen setzen und mit diesem das Komitee bestimmen.

Da erhob sich der Hochw. Herr Bischof von Fulda und sprach sich dahin aus, die Sache solle auf privatem Wege geordnet werden, da man ja genügend die Haltung der Regierungen bei solchen Angelegenheiten kenne.

Prof. Bäumker sprach sich sehr für den Antrag aus und führte als Beispiel eine ähnliche Organisation in Oesterreich an, die besonders in Wien sich einer schönen Blüthe zu erstellen habe. Durch die Borträge - werde das Interesse für weitere Kreise geweckt. Auch \ erhalte dadurch die Bildung der juristischen und der \ naturwissenschaftlichen Sektion einen mächtigen Anstoß. \

Frhr. v. Böselager warnte, sich zu großen Hoff- ; nungen hinzugeben. Der Verein für christliche Kunst <

Zwischen Pflicht und Neigung.

Preisgekrönte Novelle von A. Zingeler.

(27. Fortsetzung.)

Vor einem langen Arbeitstische, der prahlerisch mit Büchern und Aktenfascikeln beladen war, erhob sich ein großer, starkgebauter Mann. Mit kriechender, unmännlicher Unterwürfigkeit bückte und beugte sich Zeller vor dem Ein tretenden, dessen Zugehörigkeit zum herzoglichen Hof ihm weniger Achtung, als geschäftliche Berechnung einflößte. Trotz aller scheinbaren Bescheiden­heit und Demuth lag in dem Aeußeren, in dem Ge- : sichte dieses Mannes eine solche Fülle von Häßlichkeit ■ und Tücke, daß Seewald sich unwillkürlich abgestoßen? fühlte. Die Züge waren tief eingeschnitten, die Nase l long und an den Flügeln stark eingefallen, wodurch ' sie den Ausdruck eines Raubvogel-Schnabels erhielt, j In tief zurückliegenden Höhlen irrlichterte ein Augen- - paar, das keine Farbe erkennen, wohl aber eine Un- ! summe von Falschheit und Bosheit sichtlich hervor- $ treten ließ. Starke, buschige graue Augenbrauen r machten sie noch unheimlicher. Leonardo da Vinci? würde gejubelt haben, hätte er bei seinem langen, j mühsamen Suchen und Forschen nach geeigneten f Köpfen für sein herrliches Bild, das letzte Abendmahl, r diese Physiognomie entdeckt; ein besseres Modell für

habe in dieser Beziehung auch traurige Erfahrungen gemacht.

Prof. Dr. Kihn befürwortete sehr den Antrag des Hochw. Herrn Bischofs Dr. Komp, doch müsse man stets in engster Verbindung bleiben mit dem hochw. Episkopat.

Prof. Weber-Bamberg ist ebenfalls sehr für die Vorträge, da die Leute etwas hören wollten, und so viele Mitglieder für die Gesellschaft gewonnen würden, die nur aus Freude an den Vorträgen beiträten.

Als hierauf der Antrag gestellt wurde, auch die akademische Jugend herbeizüziehen, meinte Herr Dr. Cardauns, die Studenten sollten wohl die Ge­sellschaft kennen lernen, um später derselben beizutreten. Es müsse daher auch von Seiten der Gesellschaft den Korrespondenzblättern der kathol. akademischen Korpo­rationen Beachtung geschenkt werden.

Frhr. v. Hertling theilte dann noch die Vor­träge für die Sektionen und die öffentliche Versamm­lung mit und schloß dann die erste allgemeine Ver­sammlung.

Sitzungen der Sektionen.

a) Historische Sektion.

Zur angesagten Stunde, um 3 Uhr Nachmittags, versammelte sich eine erhebliche Anzahl der Mitglieder und Theilnehmer der Görres-Gesellschaft in dem für die historische Sektion bestimmten Sitzungssaal. Nach­dem kurz nach X\A Ubr der Hochw. Herr Bischof Dr. Komp in dem Saale erschienen war, eröffnete : der Vorsitzende, Herr Prof. Dr. Grauert -München, - die Sitzung. Er gedachte zunächst des 25jährigen Jubiläums der deutschen Einheit. Der eigentliche Begründer derselben sei der Mann, der hier an dieser Stätte ruhe, der hl. Bonifatius. Durch seine gottbegnadete Wirksamkeit habe er nicht unerheblich beigetragen zur Ein'gunq der deutschen Stämme, vor allem durch seine Sorge für die kirchliche Organisation. Schon zur Zeit des hl. Bonifatius fand das erste concilium Germanicum statt. So hatten sich die Deutschen auf politischem und religiösem Ge­biete zusammen gefunden. Wir aber gedenken dankbar der Segnungen des hl. Bonifatius und seiner Schüler. — Nachdem der Redner noch einen Einblick auf das historische Jahrbuch gegeben, ertheilte er das Wort

Herrn Prof. Dr. Pastor, der über „Michel Angelo im Dienste Julius II." sprach. Groß war das Bemühen des Papstes Julius II. für die Kunst. Seine Bestrebungen zeigen die ansike und die christliche Kunst in engster Verbindung. So kam es, daß Papst Julius die größten Künstler seiner Zeit an seinen Hof zog. Vor allem waren es Raphael und Michel Angelo. Beide, Julius II. und Michel Angelo, waren zwei außerordentliche Naturen; beide liebten das Großartige Gigantische. Im Auftrage dieses großen Papstes schuf der Meister ein Grabmal für Julius II., eine Kolossal­statue in Erz, und führte die Ausmalung der Decken der sixtinischen Kapelle aus. Außerdem beschäftigte ihn

daS Portrait des unglückseligen Apostels, der seinen Herrn und Meister um schnödes Silber verrieth, würde er vergebens erstrebt haben.

„Was verschafft mir die hohe Ehre Ihres Be­suches? Womit kann ich dem Herrn Gouverneur der herzoglichen Söhne unterthänigst dienen?" fragte Zeller beständig mit gebeugtem Rücken sich auf- und abneigend.

„Mein Besuch, Herr Zeller, hängt mit meiner dienstlichen Stellung nicht zusammen. ES ist eine Privatsache, die mich zu Ihnen führt," entgegnete Seewald.

Ein fahler Blitz fuhr aus den unheimlichen Augen \ des „rechtskundigen" Kommissionärs lauernd auf See- j wald hm. Er vermittelte so viele Geschäfte, zum i größten Theile solche, welche die Betreffenden in ein i gewisses Abhängigkeitsverhältniß zu ihm brachten, i wenn auch nur schon allein der Mitwissenschast solcher ; Angelegenheiten wegen, die man nicht gerne allgemein \ bekannt werden ließ.

„Ich stehe Ihnen ganz zu 'Gebote. Wollen Sie i mir Ihre Befehle zukommen lassen, ich werde mich ' gehorsamst bemühen, Ihnen zur Zufriedenheit zu - dienen."

„Sie sind im Besitz der Schuldscheine des Ober- i lieutenantS Perlag?" fragte Seewald.

eine Anzahl kleinerer Werke, die aber alle von der größten kunsthistorischen Bedeutung sind. Unter diesen Arbeiten ragt besonders die majestätische Gestalt deS Moses hervor. Mit Recht sagt ein bekannter italienischer Kunsthistoriker: „Michel Angelo war mehr als irdisch, ein Gotteskind."

Nachdem nun Prof. Grauert die geschäftliche Mittheilung gemacht hatte, daß um 6 Uhr eine Bor­standssitzung staitfinde, forderte er auf zu einer Diskussion über den Vortrag. Es folgte dann eine ganz interessante Auseinandersetzung zwischen Herrn Freiherr v. Heereman und Prof. Dr. Pastor über christliche Kunst, besonders in Beziehung auf AngeloS Deckenmalerei in der Sixtina.

Prof. Grauert dankte dann den beiden Herren t für den Vortrag und die sich daran schließende Dis- l kussion und wies darauf hin, wie das Christenthum : und die Religion der Kunst und Wissenschaft viel freien i Spielraum läßt.

Da die Zeit fchon sehr vorgerückt war, mußte der 4 Vortrag des Herrn Prof. Dr. H üff er vertagt werden. I Der Vorsitzende Prof. Grauert schloß die Sitzung i 5-/4 Uhr.

b. Philosophische Sektion.

Die Sitzung der philosophischen Sektion fand eben- s falls um 3 Uhr statt. Herr Prof. Dr. Gutb erlet- i Fulda behandelte das interessante Thema: „Ueber aktuelle Philosophie." Mit beredten Worten zeigte er, - wie absurd es ist, sich die Seele nach den Hypothesen ; der modernen Philosophie zu konstruiren. Vor allem ‘ wies er diesen Nonsens nach durch die Verstands- ; thätigkeit der menschlichen Seele.

An diese interessanten Ausführungen schloß sich dann eine Diskussion an, an der namentlich die Herren ■ Prof. Bäumker-Breslau und Prof. Dr. Freiherr i v. Hertling-München sich betheiligten. Letzterer r betonte besonders den Dualismus, den anscheinend der ? Hypnotismus zeigt. Herr Prof. Gutbeilet erklärte l nun, daß diese Erscheinung noch sehr unklar sei und ? daß man noch zu keiner klaren Anschauung darüber • gekommen sei.

Nach Beendigung der Diskussion dankte der Vor- - sitzende für die lehrreichen Ausführungen, die für alle Anwesenden von dem größten Interesse waren und schloß dann die Sitzung.

Gestern Abend 8 Uhr hatten sich eine größere An­zahl von Mitgliedern der Görresgesellschaft und hiesigen Bürgern im großen Saal der Harmonie zu einer gemüthlichen Zusammenkunft vereinigt. In größeren und kleineren Gruppen entspann sich ein zwangloser Meinungsaustausch über mancherlei Dinge, vielfach wurden alte Bekanntschaften erneuert und neue angeknüpft. Besonders verdient erwähnt zu werden, daß die fremden Gäste sich sämmtlich über die Stadt Fulda und die freundliche Aufnahme, welche sie hier gefunden, in anerkennendster Weise aussprachen.

„Nehmen wir einmal an, es wäre so," erwiderte Zeller mit hämischem Lächeln.

„Die Einlösungsfrist läuft morgen ab und . . ."

„Morgen Abend punkt sechs Uhr. Steht der Zeiger dieser Uhr dort morgen Abend auf Sechs und ist dar Geld dann nicht in meinen Händen, so geht ein Schreiben an den Regimentskommandeur des Herm Lieutenant, ein zweites an den Herrn Oberfinanz­rath Perlag ab, den als Finanzbeamter doch die Finanzen seines Herrn Sohnes doppelt interessiren werden, ha, ha, ha! Ein drittes Schreiben wird den Herzog Burkhard von der Angelegenheit unter­richten ; ich glaube dieses seiner Stellung als Chef des Regimentes, dem der Herr Perlag bis morgen noch an­gehört, schuldig zu sein."

Nunmehr verstand Seewald seinen armen Freund. Dieser Mensch da vor ihm war von teuflischer Bos­heit. Aber er'durfte seinen Unwillen nicht zeigen, des Freundes wegen mußte er sich beherrschen.

„Ich sehe," fuhr Seewald mit angenommener Ruhe fort, „daß Ihnen die Schwierigkeit der Lage des Herrn Perlag vollkommen bekannt ist. Nicht aber kann ich glauben, daß Sie ein Interesse daran nehmen, die Laufbahn eines jungen Mannes ohne zwingenden Grund zu vernichten."

Zeller nickte nur, als stimme er feinem Besuche zu.