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Neilsge Mv Leitung.

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Mittwoch, Öen 2. HKLober 1895.

Und Sie wissen durchaus Niemand, der Ihnen

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22. Jahrgang

Nicht ganz so war er Seewald bekannt, aber doch hinreichend genug, um den Weg, die Aufgabe, die dieser für Perlag übernommen, einen wahren Freund­schaftsdienst nennen zu dürfen.

Mit einigem Unbehagen klopfte Seewald an die schmierige Thüre, auf welcher in kleinerer Schrift abermals Name und Stand des Bewohners verzeichnet war. Eine rauhe, brutale Stimme rief von innen statt des üblichen Herein: „Ja, ja!"

Als Seewald auf diese Aufforderung eintrat, fuhr er unwillkürlich zurück. In dem Raume, den Zeller

dunstige Luft, hervorgerufen durch die stets fest ge­schlossenen Fenster, Ausdünstungen von verschiedensten Speiseresten und Getränken; denn Zeller pflegte den einzigen Freund, den er besaß, das liebe eigne Ich, mit großer Sorgfalt, wenigstens was Speise und Trank anbetraf. (Fortsetzung folgt.)

„Niemand."

„Nun, so will ich mein Glück versuchen; ich werde morgen zu Zeller gehen und nöthigenfalls für Sie Bürgschaft leisten."

„Seewald, das wollten Sie für mich thun?" rief Perlag.

* Freimaurerrezept.

Anläßlich der Gedenkfeier, welche vorige Woche zur Verherrlichung der Wegnahme des Kirchenstaates unter den Augen des hl. Vaters ftattgefunden, haben viele Zeitungen Aeußerungen von tonangebenden Frei­maurern gebracht, denen gemäß der Schluß zwingend erscheint, ein Werk ist's, dessen Gelingen man feiert. Zur weiteren Beleuchtung desselben Gedankens sei hier ein „Freimaurerrezept" wiedergegeben, das der .Lite­rarische Kourier^ in der September-Nummer vom Jahre 1889 folgendermaßen veröffentlicht:

„Es ist eine oft beklagte Thatsache, daß in der Literatur und Kunst, in Erziehung und Unterricht sich ein^immer wachsender Ansturm gegen Religion und Sittlichkeit geltend macht. Fragen wir nach den Ursachen, so werden wir den Schlüssel zur Lösung in folgendem Rezepte finden, das nach dem ,Amico del Popolo' ein Freimaurerhandbuch den Logenmit­gliedern empfiehlt:

„Die Thätigkeit der Freimaurerei muß hauptsächlich darauf gerichtet sein, die Geistlichkeit in Miß­kredit zu bringen und den Verkehr der Bevölke­rung mit dem Priester sowohl in dm religiösen Ver­einen als in den Familien zu verhindern. — Man muß die Frau der Kirche entfremden und sie nähren mit der Lektüre von Zeitschriften und Romanen, die zu dem Zwecke geschrieben sind, die Religion als ein großes Unglück erscheinen zu lassen. — In den Gemeinden feilen Mittelpunkte für die Ueberwachung eingerichtet werden, welche lebhafte Be­ziehungen mit den Beamten, Lehrern und Ge­schäftsleuten unterhalten, wobei sie fortwährend die Opposition gegen den Klerus zu nähren haben. — Sie sollen Notizen sammeln und an die Tagesblätter ein­senden zur Untergrabung der gedankenlosen Ver­ehrung gegen die Priester. — Man muß die Familien, welche katholische Blätter lesen, verhöhnen und m jedes Haus eine liberale Zeitung ein­führen; wenn aber Jemand als Anwalt des Geistlichen aufzutreten wagt, so muß man ihn niederkämpfen. — Man gebrauche gegen die Geistlichen die liberalen Arbeitervereine, die Schulen, die Kinderasyle, man fordere die Sonntagsarbeit, man lasse von wandernden Schauspielern Vorstellungen geben • • •, denn die Leidenschaftm, einmal wachgerufen, halten die Jugend vom Priester fern. — Man braucht nicht ängstlich zu sein in der Wahl der Mittel, um das Ansehen der Religion und des Priesters zu untergraben, jedes Mittel ist gut, um die Mensch­heit aus den Ketten der Priester zu befteien."

Im Lichte dieses Logenrezeptes dürste das ganze Gebiet der „Vereinsmeierei" und der ewigen Ver­gnügungsfeiern etwas ernster zu beurtheilen fein, als das gewöhnlich geschieht. Manches mag dirett weniger, aber indirekt desto mehr „zielbewußt" ins Werk gesetzt und unterhalten werden. Da heißt's in Vereinen und Gemeinden, in der Familie und bei der Wahl von Lettüre und beim Besuche von Schauspielen aufpassen. Wichet! der Widersacher geht umher!

Ein unmerkliches Lächeln überflog dir Züge See­

walds Gewiß er fühlte Mitleid mit dem Armen, , , ucm aiuuluc ven

ausÄtleid aus jrnnSÄ verschuldete, und sein Geschäftsbureau nannte, herrschte eine unangenehme, aus Mitleid, aus Freundschaft war er bereit, ihm bei- 1 t— ri! n r- ' - * - ■ • - - - '

zuspringen. Daß aber noch ein tieferer Beweggrund vorlag, daß Seewald an seine Schwester dachte, daß er um jeden Preis schweren Kummer von ihr abhalten wollte, das ahnte der Offizier nicht.

B e st e l l u n g e n . ... ......

auf die .Fuldaer Zeitung" werden noch ”ir mt"r8 9M> M-

fortwährend angenommen. '

Zwischen Pflicht und Neigung.

Preisgekrönte Novelle von A. Zingeler.

(26. Fortsetzung.)

Dann abermals aufstehend und seine Mütze er­greifend, sagte er: „Verzeihen Sie, Seewald, daß ich Sie mit dieser nichtswürdigen Geschichte behelligte. Glauben Sie mir, es geschah nicht wegen meiner; ich dachte einzig und allein an Jene, die ich Ihnen eben nannte. Leben Sie wohl?"

„Hier bleiben Sie?" rief Seewald mit fteundlicher Energie. „Ich habe nichts zu verzeihen; es ist das Recht der Freundschaft, vom Freunde in der Roth Ath und Beistand zu heischen. Rath und Beistand! 300 ober hernehmen, das Eine wie das Andere?"

»Mir ist nicht zu helfen," sagte Perlag finster.

„Roch haben wir nicht einmal begonnen, zu be- rathen. Em netter Soldat, der die Flinte sogleich in's Korn wirst. Das nächste und nothwendigste ist Zeit zu gewinnen. Hier gilt das: Zeit gewonnen, viel ge- wonnen. Sie glauben nicht, daß Zeller Ihnen, wenn Sie ihn darum angehen, Auffchub gewährt?"

>,Es würde ihm ein ungemeines Behagen bereiten, wenn er meine Angst und Besorgniß sähe. Richt eine Mmute schenkt er mir. Für ihn geht die Galgenfrist, die mir noch gegeben ist, viel zu langsam dahin."

* Welch schreckliche Mißhandlungen diedeutscheSprache sich oft gefallen lassen muß, zeigt folgende Bekanntmachung des Großherzoglich Mecklenburgischen Justizministeri- ums, unterzeichnet „von Amsberg", datirt Schwerin, den 30. Juli 1895. „Nachdem der Kammerherr Friedrich von Bülow mit landes- und lehensherrlicher Einwilligung sein im Amte Lubz belegenes Lehngut Rogeez verkauft hat, werden auf den Antrag desselben alle diejenigen, welche an das verkaufte Lehngut Rogeez und dessen Zubehörungen aus einem Lehn-, Fideikommis-, Näher- Retrakts-, Revokations-, Reunions-, Reulitions-, Agnations- unb Sukzessionsrechte (uff!), oder aus sonst irgend einem lehnrecht- lichen Grunde, jetzt oder künftig Ansprüche zu haben vermeinen, hiermit geladen, in dem, zur Profitirung solcher Rechte auf den 5. Dezember dieses Jahres peremptorisch anberaumten Termine, Morgens zur gewöhnlichen Zeit, vor dem unterzeichneten Justiz- Ministerium nach Abends vorher gebührend geschehener Meldung in Person oder durch gehörig legitimirte Anwälte zu erscheinen, ihre vermeinten Ansprüche rein und genau anzugeben, solche völlig und genügend zu bescheinigen, auch wegen deren Ausübung und Geldendmachung sich bestimmt, unumwunden und ohne allen Vor­behalt und Fristgesuch zu erklären, widrigenfalls sie zu gc- I wärtigen haben, daß sie mit ihren gar nicht oder nicht vorschrifts­mäßig angegebenen Rechten sofort präkludiret und damit auf immer , unter Auferlegung eines ewigen Stillschweigens werden abgewiesen werden." Wer dieses Satzungeheuer nach einmaligem Durchlesen versteht, erhält einen Thaler. — Noch scheußlicher aber ist folgender Satz, der sich in einer vom höchsten deutschen Gerichtshöfe herausgegebenen Urtheilsbegründung vor­findet (Urtheil des R e i ch s g e r i ch t s II. Civilsenat vom 30. Nov. 1894, vgl. Puchelts Zeitschrift Band 26. S. 236): „Die uu- mittelbar selbst ab Waghäusel aus ihr dort zur Berstgung stehenden Borräthen absendende und durch die llebergabe an den Frachtführer nach dem Gesagten das Eigenthnm an dem dem Fracht- führer zur Uebersendung gegebenen Zucker an die Käuferin übertragende Verkäuferin wurde nun (obgleich sie als Absender im Berhältniß zum Frachtführer nach Art. 402 des H.-G.-B. bis vor dem dort bezeichneten Zeitpunkt der Uebergabe des Frachtbriefes durch den Frachtführer an den im Frachtbrief be­zeichneten Empfänger über das Frachtgut verfügen konnte) nach dieser Eigenthumsübertragung an den Käufer im Berhältniß zum Käufer nicht mehr über die Waare haben verfügen können, und hätte also über sie nicht etwa im Berhältniß zum Käufer wirk- sam nachträglich eine Verfügung dahin treffen können, daß sie diese bereits in Erfüllung des Kaufvertrages dem Käufer zu Eigenthum übertragene Waare ihm nun nur als eine erst zu gewissen (gleichen oder anderen) Bedingungen an ihn zu ver­kaufende offerirte, also über sie, sei es für sich, oder für einen Anderen, einen Kaufvertrag abschließen wollte." — Wir erinnern uns nicht, jemals eine klarere und überzeugendere Urtheilsbe- gründung gelesen zu haben. Ja wir glauben sogar, daß der gelehrte Herr, der sie formulirte, möglichenfalls selber sein Deutsch verstanden hat, — so unwahrscheinlich diese Annahme auch dem einen oder dem anderen unserer Leser erscheinen könnte.

* Dichte«: ungenügend. Die Königin von England erzählte jüngst, sie habe vor einigen Jahrm unter einem be­liebigen Pseudonym einige Gedichte an eine hervorragende eng­lische Revue gesendet. Die Antwort, die sie einen Monat später erhielt, war: „Papierkorb. Bitte, verschonen Sie uns mit wei- teren Einsendungen." „Nun — und ich habe den Rath auch ehrlich befolgt; ja, ich bin noch weiter gegangen und habe das Dichten überhaupt gelassen." Leider sind nicht alle Reimschmiede so klug wie die Königin.

* Parabel. Herr Rentier Lehmann, der sich in seinen zahl­reichen Mußestunden besonders gerne mit der Lösung tiefsinniger Probleme befaßte, zermarterte sein Hirn mit dem Studium der Frage, auf welche Weise man feststellen könnte, ob unter den Leuten mehr gescheidte oder dumme seien. Daplötzlich, als er nach ein paar exquisiten Flaschen aus dem Weinrestaurant auf die belebte Straße hinausttat, kam ihm ein Gedanke. Er machte sich hinter einem dichten Menschenschwarme her und rief ein paar Mal laut: „Sie gescheidter Mensch! Sie weiser Mann! Sie kluger Kopf!" Aber Niemand achtete daraus. Da rief er blos ein Mal: „Sie dummer Kerl!" — und der Erfolg war eminent. Alle bis auf den Letzten fuhren zornig herum, etliche hoben drohend die Stöcke, und ein paar Stubenten stürzten vollends auf ihn los und brüllten ihn an: „Hier ist meine Karte! Sie haben mich beleidigt!" Mit größter Mühe entging er der allgemeinen Wuth — aber das Problem war gelöst

* Der Segen deS Lernens. Der Jnspettor im Zuchtdaus d Brummheim hat seinen Kaffenschlüffel verlegt. Ein schlauer Wätter holt, da ein Schlosser nicht zur Stelle, einen alten Ein­brecher, der mittelst Hammer und krummem Nagel die „diebes- sichere" Kaffe schnellstens öffnet. — Inspektor (erstaunt): Was. Sie haben den Schrank schon auf? Sie sind ja ein Teufelskerl! — Zuchthäusler (stolz): Gelt, da fehen'S, wie 's ist, wenn man was gelernt hat.

Der Postdampfer „Roordland" der „Red Star Line" m Antwerpen ist laut Telegramm am 24. September wohl­behalten in New-Uork angekommen.

„Um 10 Uhr morgen früh bin ich frei; die Prinzen sind dann bis znm Mittag anderweitig beschäftigt. Die Zeit will ich benutzen und Ihren harten Gläubiger auffuchen. Faflen Sie Muth; ich glaube, Sie be- trachten die Sache viel schwärzer, als sie in Wirklich­keit ist. Damit Sie recht bald aus Ihrer Besorgniß herausgerissen werden und wir Gelegenheit haben, uns weiter zu besprechen, erwarten Sie mich gegen 11 Uhr am Eberhardsbrunnen."

„Seewald, ich danke Ihnen," sagte der Offizier und drückte dem Freunde ttesbewegt die Hand. Schon hatte er die Thür geöffnet, als er sie wieder schloß und nochmals Seewald gegenübertrat. Ein sichtlicher Kampf wogte in seinem Innern. Einen Augenblick schien ihm die Sprache schwer zu fallen, dann sprach er: „Ich hatte meinem Oheim versprochen, jede Ge­legenheit zu meiden, welche mich wieder diesem un­seligen Spiele in den Rachen führen könnte. In wie weit ich hier schuldig ober minder schuldig bin, will ich sicher nicht vor Ihnen erörtern. Wie auch diese Geschichte sich entwickeln wird, Seewald, hier haben Sie meine Hand, ich schwöre Ihnen vor Gott und bei meiner Ehre, daß ich nie, nie mehr spielen werde. Ich wünschte, Sie glaubten mir."

„Ich glaube es Ihnen, Perlag. Und nun gute Nacht und Vertrauen!"

Die Aufgabe, welche Seewald für Fritz Perlag übernommen, war keine ansprechende. Nach der Schilderung, die er über Zeller erhalten, mußte sie nur noch unangenehmer werden. Getheilt zwischen Neugierde, den Mann kennen zu lernen, der seines Freundes Schicksal gewissermaßen in Händen hielt, und Widerwille mit einem Charakter, wie dieser ihm Zeller beschrieben, unterhandeln zu müssen, betrat See­wald die Straße, in welcher das Geschäftsbureau des Gesuchten liegen sollte. Ein weithin sichtbares Schild mit der Aufschrift: „Ewald Zeller, rechtskundiger Kommissionär" gab seinen Schritten eine bestimmte Richtung, ließ ihn aber auch verwundert ob dieser sonderbaren Geschäftsempfehlung aufblicken. Zeller hatte eine gewisse Berechtigung zu diesem Titel; denn er war allerdings von akademischer juristischer Bildung, hatte sein Examen als Referendar bestanden, war so­dann in herzoglich Leuenstetten'schen Dienst getreten, um nach einer Reihe von Jahren, die ausgefüllt ge­wesen mit Auflehnung gegen die Vorgesetzten, Zwie­tracht, Streitigkeiten mit Gleichgestellten und Zanksucht, wie offene und versteckte Anfeindungen und Nach­stellungen gegen Jedermann, ohne weiter gekommen zu sein, des Dienstes entlassen zu werden. _

Zum höchsten Verdrusse seiner ehemaligen Vorge­setzten, wie auch Herzog Eberhard's ließ sich Zeller | in Lenzburg als Kommissionär nieder. Vielleicht oder spgur zweifelsohne wäre eine andere Stadt geeigneter I fiir seine oftmals recht lichtscheue Wirksamkeit gewesen, aber für Zeller war in erster Reihe bei seinen Ent­schlüssen und Handlungen stets die Freude an dem Aerger seiner Mitmenschen maßgebend. Und da er wußte, wie außerordentlich unangenehm Vielen der herzoglichen Beamten bis zu den höchsten Kreisen sein Aufenthalt in Lenzburg war, so blieb er erst recht und setzte, um die Juristen der Stadt zu ärgern, seinem Titel noch ^das Wott „rechtskundig" vor.

Von' krankhafter Eitelkeit, psinigte^ihn die allge- meine und nur zu natürliche Abneigung, selbst Ver­achtung seiner Mitbürger. Leute, die ihn fürchteten, schmeichelten ihm; Andere, die jede Annäherung an ihn mit derselben Scheu und dem gleichen Ekel ver­mieden, wie die meisten Menschen die Berührung mit I einem kriechenden Sumpsthiere, sahen über Manches hinweg, das Gelegenheit zu gerichtlicher Strafe hätte geben können. Dabei besaß Zeller eine merkwürdige Gabe, in alle Verhältnisse einzudringen, und da ihm nichts heilig, nichts ehrwürdig war, so mußte er fiir einen sehr gefährlichen Menschen gehalten werden.