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Mittwoch, dm 2. Oktober 1895

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XIX.GeneralversammlungderGörres-

Fulda, 2. Oktober.

Gestern Abend 8 Uhr fand im festlich geschmückten Saale der „Harmonie" die Begrüßungsversamm­lung statt. Von auswärtigen Herren waren u. A. erschienen: Prof. Frhr. v. Hertling-München, der Vorsitzende der Görres-Gesellschaft; Cheftedakteur Dr. Carda uns-Köln, Generalfekretär des Verwaltungs- Ausschusses; Abg. Frhr. v. Heereman, Prof. Dr. Albert-Würzburg, Prof. Dr. Wurm-Paderborn, Prof. Dr. Eckard-Würzburg, Prof. Weber-Bam­berg, Prof. Pastor-Innsbruck, Prof. Hüffer- Breslau, Prof. G rau ert-München, Prof. Bäum- l er-Breslau, Prof. Dr. Kihn-Würzburg, Prof. Dr. Schmitz-Trier, Prof. Dr. Einig-Trier und zahlreiche andere Herren geistlichen und weltlichen Standes. Auch aus der Bürgerschaft Fulda's waren manche Freunde der katholischen Wiflenschast, insbe­sondere die Mitglieder des katholischen Kasinos er­schienen.

Als erster Redner nahm der Vorsitzende des Lokal­komitees Herr Domdechant Braun das Wort zu folgender Ansprache:

Wir begrüßen Sie um so lebhafter, weil heute der katho­lische Glaube gerade mit den Waffen der Wiffenschast bekämpft wird. „Feinde ringsumher!" kann man auch hier sagen, denn die einen erklären eine katholische Wiffenschast für überhaupt un­möglich, weil kirchlicher Glaube und unbefangene Forschung un­vereinbar seien, oder behaupten wenigstens, daß der Glaube vor den Ergebnissen der Wiffenschast je nach Umständen zurücktreten müsse, ganz im Gegensätze zur Erklärung des vattkanischen Con- cils vom 24. April 1870, daß zwischen dem Glauben und der Ver­nunft niemals ein Zwiespalt bestehen könne, weil beide ein Ge­schenk der nämlichen ewigen göttlichen Weisheit sind, die sich auf die mannigfalttgste Weise entgegen kommen und so unterstützen. Es fehlt auch nicht an solchen, die nur jene Wiffenschast gelten kaffen, die in die Maschinerie des Staates, dieses präsenten Gottes, wie ihn Henzel blasphemisch genannt hat, nach Sklaven­art sich einfügen läßt, die eine unbedingte Unterwerfung jeder wissenschaftlichen Bestrebung unter die Staatsraison verlangen, die jede Nichtdienstbarkeit unter die Zwecke des modernen Staats als offene Feindseligkeit betrachten. Das alles sehr im Gegen- satzc zu unserem unsterblichen Joseph von Görres, dessen Ueber- zeugungen keinen Marktpreis hatten, der, selbst eine der seltensten Zierden der Wissenschaft, auf den verschiedensten, scheinbar weit auseinander liegenden Gebieten das ebenso kühn als erhebende Wort gesprochen hat, „daß kein König in Europa reich genug sei, ihm auch nur eine einzige seiner Ueberzeugungen abzukaufen".

Und endlich noch Eins. Die Wissenschaft, die Sie ver- treten, sie betet, sie betet um Erleuchtung und Segen zu der unerschaffenen, göttlichen Weisheit bei ihren Bestrebungen. Das ist fteilich für unsere moderne ungläubige, in sich selbst unfehl­bare Wiffenschast ebenso unbegreiflich wie damals, als das Christenthum zuerst in die Welt eintrat, für die Heiden nichts so unverständlich und so unfaßbar war, als daß die Christen zu ihrem Gotte unaufhörlich beteten. Aber eben deshalb wird Ihren Bestrebungen der Segen und der Erfolg des Gebetes nicht fehlen, mit dem Sie Ihre Berathungen und Beschlüsse in diesen Tagen beginnen und beendigen werden.

Und deshalb heiße ich Sie Alle, hochverehrte Herren! noch- mals willkommen. Möge die diesjährige Generalversammlung der Görres-Gesellschaft zur Pflege der Wiffenschast im katholischen Deutschland wie alle vorhergehenden für das gesummte deutsche Vaterland, für die gesammte Kirche, die Ihrer Hilfe und Thättg- kett mehr als je bedürfen, eine glückbringende sein. Das walte Gott!

Herr Oberbürgermeister I)r. Antoni bot der Ver- sammlung ein herzliches Willkommen im Namen der Stadt und der Bürgerschaft und dankte für die hohe Ehre, daß Fulda heute zum 2. Male diese erlauchte Gesellschaft beherbergen darf. Die Stadt Fulda hat den Vorzug, von Gott ins Herz Deutschlands gesetzt zu sein; der heilige Bonifatius machte sie zum Mittel- । punkte des christlichen Deutschlands. Stets stand die l Stadt Fulda in Fühlung mit den Spitzen der Wissen- * schäft und stets hat sie den hl. Glauben treu bewahrt. Hoffentlich wird dereinst die Bonifatius - Universität wieder aufleben und dadurch Fulda wieder Mittelpunkt der katholischen Wissenschaft in Deutschlanb »erben. Redner schloß mit einem Hoch auf das Wachsen, Blühen und Gedeihen der Görres-Gesellschaft.

Der Vorsitzende der Görres-Gesellschaft, Professor Dr. Frhr. von Hertling dankte herzlich für den freundlichen Empfang, der ihm und allen fremden Gästen hier in Fulda bereitet worden und für die herzlichen Worte der Herren Vorredner. Er erinnerte an die Generalversammlung, die vor 15 Jahren hier stattfand und ging dann auf den vom letzten Redner ausgesprochenen Gedanken ein, daß in Fulda dereinst eine katholische Universität erstehen möge. Die Rede schloß mit einem Hoch auf die Stadt Fulda und ihre Bewohner.

Freiherr Dr. von Heereman gab feiner Freude Ausdruck, daß die diesjährige Generalversammlung der GörreS-Gesellschaft gerade in Fulda tage; er sehe darin die symbolische Bedeutung, daß alle wahre Wissenschaft ihr Fundament im Glauben finden müsse. Sodann gab er seiner Freude Ausdruck darüber, daß der Wahl­spruch der Centrumsfraktion, deren Vorsitzender er sei, unter den Sinnsprüchen, die zum Schmucke deS Saales Verwendung gefunden, einen bevorzugten Platz ein­nehme. Die Herren, welche Fulda als Vertreter in die Parlamente geschickt, feien ihnen stets liebe und treue Gefährten gewesen in den politischen Kämpfen, die die Partei in Berlin zu führen habe. Er sei über­zeugt, daß Fulda auch in Zukunft an der katholischen Auffassung festhalten werde. Sein Hoch galt dem katholischen Fulda der Zukunft.

Prof. Dr. Ar en hold-Fulda behandelte in hu­morvoller Weise die angeregte Gründung einer zu­künftigen Universität Fulda und brachte den beiden Präsidenten Frhr. v. Hertling und Frhr. v. Heereman ein Hoch dar.

Herr Gymnasialdirektor Dr. Goebel-Fulda be-

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Heute ftüh 8 Uhr wurden die Berathungen ein­geleitet durch eine feierliche hl. Messe, welche der Hochwürdigste Herr Bischof in der MichaelSkirche cele- brirte. Bor dem Amte hielten Se. Bischöflichen Gnaden in vollem bischöflichen Ornate von den Stufen des Altars aus eine herzliche Ansprache, in der Hochder- selbe etwa Folgendes ausführte:

Hochwürdige, hochgeehrte Herren, Mitglieder der Görres- Gesellschaft! Wir freuen uns von Herzen, Sie hier in Fulda am Grabe deS hl. Bonifatius versammelt zu sehen, um hier Ihre Berathungen zu pflegen. Es zog Sie hierher die Liebe zu unserem großen.Apostel, dem hl. Bonifattus, der uns den christ- lichen Glauben und die christliche Kultur gebracht hat. Der hl Bonifatius hat, um die Erhaltung der Reinheit und Wahrheit unseres Glaubens zu sichern, die deutsche Kirche in engste »er- brndung mit dem apostolischen Stuhle gebracht. Dafür sind wir 'N zu großem Danke verpflichtet. Wir hier in Fulda sind dem hl. Bonifatius dann noch besonderen Dank schuldig dafür daß er mit zärtlicher Liebe die Stadt Fulda zu seiner Ruhe- stätte erkoren hat. Als Männer der Wissenschaft hat Sie auch hierher gezogen der Umstand, daß Fulda gleich von Anfang an eine Stätte der Wissenschaft gewesen ist. In der berühmten Klosterschule zu Fulda haben im Mittelalter Jünglinge aus allen Gegenden Deutschlands ihre Bildung empfangen, die sie befähigte, in hohen und höchsten Stellen segensreich wirken zu können. Unter ihnen ragt besonders hervor der hl. Hrabanus Maurus, welcher hier in Fulda sich die Wissenschaft geholt hat, welche er in seinen zahlreichen Schriften und Kom- mentaren der staunenden Nachwelt hinterlassen hat. Um das Andenken dieser beiden großen Heiligen, des heiligen Bonifattus und des hl. HrabanuS Maurus zu ehren, sind Sie hierher gekommen, und daher werden Sie auch hier ganz besondere Ermuthigung finden zu Ihrer erhabenen Aufgabe der Pflege der Wissenschaft im katholischen Deutschland. Die Görres- Gesellschaft hat sich ein hohes Ziel gestellt: die katholische Wiffen- schaft in Deutschland zu pflegen. Das ist fürwahr kein leichtes Werk; es erfordert materielle Mittel und geistige Kräfte. In früheren Zeiten gaben die Großen dieser Welt zu derarttgeu Zwecken reichliche Spenden; so war auch die Klosterschule zu Fulda gleich um Beginn, schon zu Zetten des hl. Hrabanus im Besitze einer kostbaren Bibliothek. Auch der Bau der Kirche» ging früher von den Prälaten und mächtigen Herren aus, die sich im Bau der Gotteshäuser ein unvergängliches Denkmal zu setzen bedacht waren. Heute werden die Kirchen aus den Pfennige» der Armen erbaut und zwar zahlreicher und schöner als früher So geht es auch mit dem Aufbau der katholischen Wissenschaft. Aus den kleinen Beiträgen wird etwas Großes entstehen. I» der That haben ja auch die Einnahmen der Görres-Gesellschaft von Jahr zu Jahr zugenommen, die Arbeit der Gesellschaft wurde von Gott gesegnet. Lassen wir einmal die Früchte der Thätigkeit der Görres-Gesellschaft im Geiste an uns vor- Überziehen. Die Abhandlungen, welche die Gesellschaft als «er- emsgaben veröffentlicht, 'das historische und das phllosophische Jahrbuch — all diese Schriften haben Anerkennung gefunden nicht nur bei unseren Freunden, sondern auch bei den Gegner». Dasselbe gilt von dem Staatslexikon. Ganz besonders segens­reich wirkt das von der Gesellschaft gegründete historische In- stttnt in Rom, dem der hl. Vater wiederholt seine Anerkennung ausgesprochen hat. So hat Gott die Arbeit der Görres-Gesell- schäft gesegnet. Ich will hier einem Einwurf begegnen, der zu verschiedenen Zeiten erhoben worden ist. Man sagt, es wäre besser, wenn die Görres-Gesellschaft durch populär-wissen­schaftliche Schriften auf die Masie des Volkes zu wirken suche anstatt nur die stsenge Wissenschaft und Fachdisciplinen zu be­treiben. O nein, von Anfang an hat die Görresgesellschaft mit Recht eS sich zur Aufgabe gemacht, die ernste strenge Wissenschaft zu pflegen und zu fördern. Wie auf den höchsten Höhen die Quellen entspringen, aus denen die Flüffe hervorgehen, welche dre Niederungen befruchten, so gehen auch von den Hochschulen di« Ideen aus, welche im praktischen Leben fruchtbar werden. Möge die Görres-Gesellschaft in ihren Bestrebungen reichlich unterstützt werden. Nothwendig ist es, daß sie mit materiellen Mitteln unterstützt werde, weit wichttger aber sind die geistigen Kräfte. Es tst nothwendig, daß neue Kräfte mit an die Arbeit gehe» um mit Fleiß und Ausdauer die katholische Wissenschaft zu hegen und zu pflegen. An unseren heuttgen Universitäten finden wir

Bertheidigung der wahren, überall vom katholischen Glauben ge­tragenen und erleuchteten Wiffenschast auf den verschiedensten Gebieten eingesetzt haben.

Hochansehnliche Versammlung!

In der Eigenschaft des Borfitzenden des Lokal-Komitee's ist mir die ebenso ehrenvolle als angenehme Aufgabe geworden die zur General-Versammlung hierher gekommenen hochverehrten Herren des Berwaltungs - Busschufles und sonstigen Mitglieder der Görres-Gesellschaft zu begrüßen. M J* H

Ich heiße Sie Alle willkommen in dieser Stadt des heil Bonifattus und Sturmius, die von Alters her eine Stätte der echten katholischen Wissenschaft gewesen ist, die heute die hohe Ehre hat, so viele namhafte Vertreter dieser selben Wissenschaft in ihren Mauern vereinigt zu sehen.

In der That, kaum hatte der hl. Bonifatius seine Lieblings­schöpfung, das Kloster Fulda, gegründet, da regte er die Mönche desselben in liebender Hast zu wissenschaftlichen Versuchen an und ging selbst mit eigenem Beispiel voran. Sein Geist lebte fort in den Siebten Baugulf, Ratgar und Eigil, vor Allen aber in dem hl. Abte Rhabanus Maurus, dem nachmaligen Erzbischof von Mainz, dem die dankbare Mit- und Nachwelt den Ehren­namen Praeceptor Germaniae gegeben hat, der selbst ein Schüler des großen Angelsachsen Alkuin zu Tours war und der die Kloster­schule zu Fulda zur würdigen Nebenbuhlerin der Sttftsschule von Tours erheben sollte. Und unter den Schülern des hl. Rhabanus nenne ich nur Walafried Strabo, den nachmaligen Abt von Reichenau, und Ottfried von Weißenburg, den Verfasser jener unsterblichen deutschen Evangelien-Harmonie, in welcher der Meister zuerst den deutschen Reim mit solchem Erfolge angewendet hat daß wir die Grundlehren der deutschen Verslehre nach dem 8lu5- spruche Bilmar's bis auf den heutigen Tag nur aus diesem Werke Ottsried's schöpfen können.

Die Bedeutung dieser Schule wird auch dadurch beleuchtet, daß die Büchersammlung derselben, insbesondere durch die Menge ihrer Handschriften, ihres Gleichen suchte, das unser berühmter Fuldaer Geschichtsschreiber Schannat im Leben des hl. Rhabanus ausdrücklich bezeugt: „Er gründete eine Bibliothek, die er mit i einer solchen Menge Bücher bereicherte, daß sie kaum sich zählen i lassen." Leider ist diese herrliche Bibliothek im Jahre 1631, als unsere guten Freunde und Nachbarcn, die Hessen, das Hochstift besetzten und furchtbar plünderten, auf eine bis jetzt unerklärte Weise spurlos verschwunden, aber ein ehrenvolles Denkmal für die wissenschaftlichen Bestrebungen in Fulda ist und bleibt sie rmmerdar.

Jahrhunderte hindurch war die Schule der Benedik- ttner ein geistiger Brennpunkt, von dem das Licht nach allen Seiten hin strahlte. Und als sie in den Stürmen des 16. Jahr- hunderts gänzlich zu verfallen drohte, da lebte sie wieder auf durch den unvergeßlichen Fürstabt Balthasar von Dermbach mit der Berufung der Jesuiten im Jahre 1571, die nunmehr ihrer- seits em Gymnasium errichteten, Lehrstühle der Philosophie der Theologie, der Kontroverse, des Kirchenrechtes, der Exegese' und der hebr. Sprache gründeten, und vornehmlich in dem durch Papst Gregor XIII. 1584 in das Leben gerufenen und mit sehr bedeu­tenden Mitteln unterstützten sogen. Seminar der Adligen eine allumfassende segensreiche Thätigkeit für den protestanttschen Norden Deutschlands entfalteten. Auch eine von dem Fürstabte Adolf von Dalberg begründete und von Clemens XII. am 1. Juli 1732 bestätigte Universität hat Fulda gehabt, die nicht ohne Verdienst für die Wissenschaft geblieben war, fteilich schon 1802 wiederum ju bestehen aufhörte. Eine Stätte der echten Wissenschaft ist also Fulda immer gewesen, und auch wir, die späten Epigonen des 13. Jahrhunderts, haben nie ausgehört, der wahren katholischen Wissenschaft unsere Liebe und, so weit das in unseren Kräften stand, unsere Förderung angedeihen zu laffen.

Und in dieser Stadt werden in dieser Woche die Mitglieder »Ur Pflege der Wissenschaft im katholischen Deutschland ihre Berathungen halten, jene Männer der ernsten hartnäckige» Arbeit, die ihreLganze Kraft für die Erforschung und

merkte, die Universität Fulda sei niemals aufgehoben worden, sondern sie schlafe bloS wie Dornröschen und harre auf den Königssohn, der sie wieder erwecken soll. Hoffentlich werde die Görres-Gesellschaft dieser Königssohn sein.

Cheftedakteur Dr. Cardauns-Köln stellte sich als ehemaligen Schüler des Vorredners vor und feierte das Lokalkomitee, welches alle bisherigen Lokalkomitees in jeder Hinsicht übertroffen habe. Deshalb widmete er sein Glas dem Lokalkommitee und insbesondere dessen Vorsitzenden Herrn Domdechanten Braun.

Der Regens des Fuldaer Priesterseminars Prof. Dr. Schmitt dankte für die Ehre, welche dem Priester­seminar dadurch erwiesen wurde, daß die Görres-Ge- sellschast ihre Berathungen in den Räumen des Seminars abhalte. Er brachte ein Hoch aus auf die Träger der katholischen Wissenschaft.

Der Archivrath beim Fürsten von Thurn und Taxis, Herr W i ll-Regensburg, brachte ein Hoch aus auf bett Oberbürgermeister, Herrn Dr. Antoni.

ES würbe noch manches schöne Wort gesprochen unb allzu schnell eilten allen bie Stunben bahin.