Jayraana
Dienstag, den 1. Oktober 1895
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trLeS geben zur Betätigung religiöser Gesinnung und wissenschaftlichen Strebens. Der GörreS-Gesellschast aber wünschen wir ein ferneres Wachsen, Blühen und Gedeihen, und daß ihre Bestrebungen reiche, hundertfältige Frucht tragen mögen. Das walte Gott!
Der Offizier lehnte sich in dem Sessel, in sich geworsen, weit nach vornüber, als wolle meiden, daß Seewald ihm in die Augen schaue. Hub er an: „Ich habe Unglück im Spiel gehabt und viel, viel für meine Verhältnisie verloren. Die Sache schwebt schon länger und noch immer hatte ich gehofft, die Summe in irgend einer Weise austreiben zu können, oder doch die Forderung noch hinauSzuschieben. Da erhalte ich heute die Mittheilung, daß meine Spielschuldverschreibung in den Händen ZellerS sich befindet. Wissen Sie, wer Zeller ist?" fügte Perlag mit den Zähnen knirschend fort. „Zeller ist der größte Schurke, der unten Gottes Sonne unbestraft umherläuft, einer von jenen Menschen, die noch niemals mit dem Ge- sängniß Bekanntschaft machten und für welche die Galeere der einzig richtige Ort ist. Einer jener Menschen, die nichts sinnen und denken als Bosheit, Zwietracht zu säen, Unstieden zu stiften, Anderen das Leben zu vergiften und die Hohnlachen, wenn ihren Mitmenschen ein Unglück zustößt. Und dieser Mann, verstehen Sie mich wohl, dieser Mann ist der erbittertste Feind
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Deutsches Reich.
Berlin, 30. September.
* Der Kaiser wohnte gestern Vormittag dem Gottesdienst in der Kapelle zu Stemmten bei.
* Ein neues Exerzier-Reglement für die Kavallerie ist jetzt vom Kaiser erlassen worden.
* Mehr Schiffe? Der Staatssekretär des Reichs- Marineamtes, Vizeadmiral Hollmann, hat sich, wie die ,Post' mittheilt, „auf Allerhöchsten Befehl" nach Rominten zum Kaiser begeben.
* Herr v. Hammerstein hat, tote tue ,Kleine Presse' erfährt, die Beleidigungsklage gegen den früheren verantwortlichen Redakteur der ,Kleinen Presse', Herrn Dr. Zacher, sowie gegen Herrn Leopold Sonnemann zurückgezogen. Die erhobene Widerklage wird dadurch nicht berührt.
* Zur Petroleum - Monopol - Frage will die ,Hamburger Börsenhalle' erfahren haben, daß in voriger Woche Besprechungen stattfanden zwischen Verttetern der Standard Oil Company und den Petroleum-Pro- ducenten von Baku. Das Ergebniß war ein Abkommen beider Jnteressenten-Gruppen, wonach die Versorgung sämmtlicher Länder mit Petroleum, mit Ausnahnw Deutschlands, zwischen ihnen getheilt wird. — Dannt ist das Pettolenm-Monopol auch für Deutschland, obschon dasselbe dem Anscheine nach vorlänfig eine Ausnahmestellung «nehmen soll, in eine gefahrdrohende Nähe gerückt. Die Monopol-Herren werden bei ihren Verabredungen, die auf eine Preissteigerung abzielen, wohl nicht aus Liebe zu Deutschland uns ein billigeres Petroleum liefern wollen. , .
* Der römische Korrespondent der .Nattonalzeitung", ein italienischer Abgeordneter von der Gefolgschaft Crispi'S, lobt die Haltung der Theilnehmer an der Revolutiousseier in Rom, schiebt die Schuld für den Skandal vor der österreichischen Botschaft nur dieser letzteren in die Schuhe und bemerk dazu, die italienische Regierung habe dennoch, obwohl die österreichische Botschaft nicht geflaggt habe, in Wien sich nicht beschwert. Wie großmüthig! Crispi soll dem Korrespondenten gesagt haben: „Der Vorfall hat durchaus keine Bedeutung, aber man kann nicht sagen, daß er dazu beitragen würde, die Sympathien des italienischen Volkes (soll heißen: der italienischen Freimaurerei) für Oesterreich zu verstärken." Ei, ei! Da müßte sich also nach Crispi'scher Auffassung eigentlich Oesterreich dafür entschuldigen, daß der crispinisch-irredenttsttsche Pöbel die österreichische Botschaft in Rom beschimpft hat! Wie fest darf man sich also auf die Bundestteue dieses „braven Mannes" verlassen!
Ueber das bleiche Gesicht PerlagS flog eine jähe Röthe.
„Mein Vater bewilligt mir sür diesen Zweck keinen Pfennig, lieber sieht er meine ganze Laufbahn ver- nichtet. Und mein guter Oheim," fuhr er zögernd fort, „er, er hat mir schon zweimal geholfen, daS letzte Mal mit der striktesten Versicherung, mir hierfür mchtS mehr vorzustrecken. Ihn möchte ich am wenigsten an- aehen: ich schäme mich, ihm unter die Augen zu treten. O, diese schandbare Schwäche! Wie erbärmlich, tote elend habe ich gehandelt! Und nun lade ich nicht allem Schande ans mich, auch mein Vater, mein Oheim, meine liebe, gute Schwester rnüffen unverschuldet unter meiner Unehre leiden!"
Der Offizier war aufgesprungen und ging hastig, aufgeregt im Zimmer auf und ab. Seewald folgte ihm bekümmert mit den Augen: ihn dauerte der junge Mann ttotz der eigenen Verschuldung. Nicht weniger aber dauerte ihn Salrnann und — Elise. Um dieser Beiden willen schon allein mußte er handeln.
Perlag nahm wieder seinen Sessel ein und sprach mehr zu sich selbst als zu Seewald: „Ich weiß kaum, was weniger ehrenvoll, oder besser gesagt, mehr ehrenkränkend ist, ein gegebenes Versprechen nicht halten, einer elenden Leidenschaft wieder nachgeben oderInun- mehr fruchtlose Selbstanklagen^zu machen."! (F f.)
Bestellungen auf die ,Fuldaer Zeitung' werden noch fortwährend angenommen.
XIX.GeneralverjammlungderGörres- Geselljchast.
Xt Fulda, 1. Oktober.
Die Stadt des hl. Bouisattus genießt in diesen Tagen die hohe Ehre, die Vertreter der Wissenschaft im katholischen Deutschland in ihren Mauern zu sehen: Die „Görres-Gesellschaft zur Pflege der Wiffen- schaft im katholischen Deutschland" hält, tote unseren Lesern schon bekannt, hier in Fulda ihre diesjährige Generalversammlung ab. Heute Vormittag 10 Uhr hat bereits die Borstandssitzung, welche stets der Generalversammlung vorausgeht, im Priesterseminar ihren Anfang genommen, und heute Abend wird die feierliche Begrüßung der fremden Gäste von Seiten des hiesigen Lokalkomitees und der katholischen Bürgerschaft statt- fiuden. Auch wir wollen es nicht Unterlasten, an diefer Stelle die Männer der Wistenschaft, welche heute aus allen Gauen unseres lieben deutschen Vaterlandes hierhin kommen, zu begrüßen und ihnen ein herzliches „Willkommen in Fulda!" entgegenzurufen.
Groß und erhaben ist die Aufgabe, welche die GörreS-Gesellschaft sich gestellt hat: der modernen, ungläubigen Gelehrsamkeit die wahre, echte Wissenschaft entgegenzustellen, die ihre Wurzel tief im Boden der Religion hat. Die Gefellschaft benennt sich nach dem Namen des großen Mannes, der im Anfänge unseres Jahrhunderts die Blicke der ganzen gebildeten Welt auf sich zog. Als Deutschland unter der Knechtschaft Napoleons I. seufzte, da war Joseph». G ö r r es der Mann der Vorsehung in trüber Zeit. Der große Eroberer bezeichnete sogar den „Mann von Koblenz" (die Stadt Koblenz war die Heimath unseres großen Görres) als „die fünfte Großmacht". Mit der Hellem Leuchte der Wiffenfchast und Wahrheit wies er feinem Volke den Weg in eine hoffnungsvollere Zukunft. Der Wortführer der geknechteten Freiheit und der unterdrückten Religion, der Herold der christlichen Wahrheit kämpfte bis zu feinem letzten Athemzuge mit der Vollkraft seiner Geistes sür die höchsten Ideen. Er war ein sprachgewaltiger Bolksrnann und ein genialer Feldherr, der die Parole auSgab, nicht nur für feine, sondern auch für die Folgezeit. Von ihm gilt voll und ganz das Wort: „Wer in die Zeiten schaut und strebt, nur der ist werth, zu sprechen und zu dichten." Und so lebte denn der Geist dieses Säkularmenschen fort und schaffte in unermüdlicher Thätigkeit weiter. Am hundertsten Geburtstage (25. Januar 1876) dieses großen Mannes traten eine Anzahl Leute zusammen und gründeten einen Verein, der sich die hohe Aufgabe stellte, den Geist Josephs von Görres weiterzupflegen und unter den deutschen Katholiken die beiden höchsten
Zmtschr« Wicht nnd Neigung
Preisgekrönte Novelle von A. Zingeler.
(25. Fortsetzung.)
menschlichen Güter, Religion und Wistenschaft, zu wecken und zu entwickeln. So entstand jene Vereinigung, die jetzt unter dem Namen „Görres-Gesellschaft zur Pflege der Wistenschaft im katholischen Deutschland" sich schon unermeßliche Verdienste erworben hat durch Hebung der wissenschaftlichen Bestrebungen auf echt religiöser Grundlage.
Schon einmal, im Jahre 1880, hat die Stadt Fulda die hohe Auszeichnung gehabt, die Generalversammlung der Görres-Gesellschaft zu beherbergen; damals war die Gesellschaft noch jung, aber der Geist, der sie belebte, ließ damals schon ahnen, zu welch' herrlichem Baume die junge Pflanze sich entwickeln sollte. Große Erfolge hatte sie seitdem errungen, und unablässig kämpft sie weiter mit den Waffen der christlichen Wissenschaft gegen den modernen Unglauben, der sich namentlich auf den Kathedern breit macht und von dort aus in alle Schichten der Bevölkerung herniederttäufelt. Am Grabe des heil. Bonifattus versammeln sich die Mit- glieder der Gesellschaft nunmehr zum zweiten Male, um über die hohen Ziele ihrer Bereinigung Berathungen zu pflegen. Die Stadt Fulda ist ja auch für solche Versammlungen gewissermaßen prädestinirt; schon im frühen Mittelalter, welches von gegnerischer Seite so gern als das „finstere" bezeichnet wird, war Fulda eine der hervorragendsten Pflanzstätten der Wissenschaft. Von hier aus erstrahlte das geistige Licht im hellsten Glanze hinaus über Deutschlands Fluren, geistliche und weltliche Wissenschaft wurde hier mit gleich großem Eifer gehegt und gepflegt. Wer kennt nicht den Namm eines Hrabanus Maurus (f 856), dieses hellglänzenden Sternes am wissenschaftlichen Himmel jener Zeit? Und wie viele andere große Gelehrte, die von ihren Zett- genossen verehrt wurden und von der Nachwelt be- wundert werben, sind auS der Fuldaer Klosterschule hervorgegangm! Derselbe Geist, der von dieser Schule ausging, ist in unseren Tagen wieder aufgelebt in der Görres-Gesellschaft, der Geist der echtm Wissenschaft, die sich aufbaut auf dem sicherm Fundammte des christlichen Glaubens.
Die Katholiken Fulda's, die mit berechttgtem Stolze auf die große Vergangenheit ihrer Stadt Hinblicken, freuen sich darum herzlich über die Auszeichnung, welche der Stadt heute von Seiten der Görres-Gesell- schaft zu Theil wird und sie begrüßen die Mitglieder der Gesellschaft mit inniger Freude. Durch recht zahl- reiches Erscheinen am heutigen Begrüßungsabende*) werden die Fuldaer zeigen, daß sie wie ihre Vorfahren die gläubige Wissenschaft und ihre Vertteter zu schätzen und zu ehren verstehen. Möge die Verfamm- lung in Stadt und Land einen neuen, mächtigen An-
*) Es sei ausdrücklich bemerkt, daß zu dem Begrüßungs- abende, wie auch zu der gemüthlichen Zusammenkunft morgen Abend Jedermann Zutritt hat, während an den Berathungen im Priesterseminar nur die Mitglieder und Theilnehmer der Görres-Gesellschaft Theil nehmen können. Zu dem Gottesdienste, welcher morgen früh 8 Uhr zur Emleit- ung der Berathungen in der Michaelskirche abgehalten wird, haben Damen keinen Zutritt.
meines Vaters. Was habe ich von dem wohl zu erwarten?"
„Wie hoch beläuft sich die Schuld?" fragte Seewald.
„Etwas über dreitaufend Mark."
„Und warum ist der Umstand, daß jener Zeller den Schuldschein in Händen hat, so besonders schlimm?"
„Uebermorgen ist die Frist zur Einlösung des Scheines abgelaufen. Bei feinem bisherigen Inhaber durste ich auf Verlängerung hoffen, bei Zeller nicht. Habe ich bis übermorgen Abend sechs Uhr das Geld nicht, fo schickt Zeller den Schein an meinen Regimentskommandeur. Die Folge davon ist, daß ich meinen Abschied einreichen muß, wenn ich denselben nicht schon vorher erhalte, denn Herzog Burkhard, der Ches unseres Regimentes, ist in diesem Punkte von der größten Strenge. Und dann? Dann bleibt mir nur ein einziger Ausweg," setzte der Offizier finster hinzu.
„Hätte ich die Summe, so stände sie zu Ihrer Verfügung. Fünfhundert Mark stehen mir zur Stunde zu Gebote; sie gehören Ihnen."
„Ich danke Ihnen, Seewald. Es nutzt nichts, es rnüffen zum mindesten drei Tausend sein."
„Und dürfen Sie nicht auf die Hilfe Ihres Vaters, oder," fügte Seetoald mit forschendem Blicke hinzu, „oder Ihres Oheims hoffen?"