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Montag, den 30. September 1895

22. Jahrgana

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Letzte Rr. des 3. Quartals

mit einander überein, und nur darum unterstützen sie sich gegenseitig. Selbstverständlich tritt das Centrum nur da für einen Demokraten ein, wo eS mit eigener Kandidatur nicht durchzudringen vermag.

Wir hoffen zuversichtlich, daß es nicht nur ge­lingen wird, die Rückkehr des nationalliberalen Kammer­regiments zu verhindern, sondern auch die National­liberalen noch weiter zurückzudrängen. Im Volke haben sie längst teilten Boden mehr, wie ihre ver­nichtenden Niederlagen bei den Reichstagswahlen in Baden bewiesen, und ihre verhältnißmäßig viel zu große Anzahl von Landtagssitzen verdanken sie nur einer die Katholiken tobt theilenden Wahlkreis geometrie und der Gunst der Regierung. Diese Herrlichkeit ruht aber auf zu schwachen Füßen, als daß sie einem wieder­holten energischen Ansturm widerstehen könnte. Unter den Katholiken haben sie sich seit 1893 sicherlich keine neuen Freunde erworben, da sie Schulter an Schulter mit dem sozialdemokratischen Atheisten Dr. Rüdt im Landtage die ödeste Kulturkämpferei betrieben und sogar gegen die selbst von der nationalliberal ge­sinnten Regierung zugestandene Aufhebung des Missionsverbots stimmten. Das katholische Volk wird ihnen, das erwarten wir bestimmt, am 11. Oktober dafür die richtige Quittung ertheilen!

Bestellungen auf die ,Fuldaer Zeitung" werden noch fortwährend angenommen.

3 In Baden stehen die Landtags-Ersatzwahlen nahe bevor. Von den 63 Mitgliedern der zweiten Kammer, die auf 4 Jahre gewählt werden, muß nämlich alle 2 Jahre die Hälfte, diesmal 31, ausscheiden. Dazu kommen noch 2 andere Ersatzwahlen, von denen die eine durch den Tod des nationalliberalen Führers Kiefer-Karlsruhe und die andere durch die Mandats- niederlegung des Demokraten Muser-Offenburg Der» anlaßt ist. Die Wahlen sind indirekt, d. h. sie werden durch Wahlmänner vorgenommen, die ihrerseits nach einem ziemlich allgemeinen und gleichen Wahl­recht von den wentgstens 25 Jahre alten Staatsbürgern gewählt werden. Die Wahlmännerwahlen für die 31 ausscheidenden Abgeordneten sind auf Freitag, den 11. Oktober angesetzt; für die beiden anderen Ersatzwahlen sind keine Wahlmännerwahlen erforderlich, da diese von den alten Wahlmännern vorgenommen werden.

Der Landtag besteht jetzt aus 30 Nationalliberalen, 23 Centrumsabgeordneten, 5 Demokraten und Frei­sinnigen, 3 Sozialdemokraten und 2 Konservativen. Es ist also keine dieser Parteien int Besitze der Mehr­heit; die Nationalliberalen waren es bis 1893 und werden es hoffentlich nie mehr sein. An den Ersatz­wahlen sind die Parteien ziemlich gleichmäßig bethei- ligt, nämlich die Nationalliberalen mit 14, das Centrum mit 11, die Sozialdemokraten mit 2, die Konservativen mit 1 und nur die Demokraten mit allen 5 Sitzen. Born Centrum scheiden u. A. aus die Abgeordneten Pfarrer Wacker, Pfarrer Schuler, Rechtsanwalt Marbe, Oberamtsrichter Frhr. v. Bodman. Diefe werden auch jetzt wieder kandtdiren, ausgenommen den Rechtsan­walt Marbe, der aus Gesundheitsrücksichten kein Mandat mehr annehmen will. Das Centrum tritt, außer in feinen bisherigen Wahlkreisen, auch noch in Bruchsal-Stadt, wo Oberamtsrichter Armbruster-Frei­burg aufgestellt ist, selbständig in den Wahlkampf ein.

In allen anderen Bezirken tritt das Centrum für die Gegner der Nationalliberalen ein. Selbstverständlich sind von dieser Regel die Sozialdemokraten ausge­nommen. Auch für die freisinnigen Bewerber legt das Gentrum natürlich nicht aus Begeisterung für das freisinnige Programm seine Stimmen in die Wagschale, sondern lediglich deshalb, um die Wahl nationalliberaler Abgeordneten zu verhindern. Die Wiederkehr einer nat oualliberalen Kammermehrheit zu verhüten, das ist bas Hauptziel der Gegner des anmaßenden National­liberalismus ; darin stimmen Centrum und Demokratie

Zwischen Pflicht und Neigung.

Preisgekrönte Novelle von A. Zingeler.

(24. Fortsetzung.)

Und doch klammert auch er sich an Hoffnungen, auch vor seinem Geiste tauchten noch Zukunftsbilder auf. Wohl ihm, wenn sie nicht mehr der Eigenliebe, der Ehr- und Gewinnsucht entspringen; denn dann hätte ihm das Greisenalter nicht die schönste Frucht gereist, die Weisheit.

Salmann erwartete keine Erfüllung ehrgeiziger Wünfche mehr; aber Wünsche für die Zukunft hegte ec doch, und die Beschäftigung mit denselben machte ihn glücklich. Es war die Freude an dem geplanten Glücke Anderer.

ES entging ihm nicht, daß sein „Assistent" bei Weitem nicht mehr so unbefangen war wie früher, wenn Seewald zu ihm gekommen war. Früher hatte Elise öfter lange mit Seewald allein in irgend einem anregenden Gespräche verweilt, ihn aufgefordert, die Rückkehr des Oheims zu erwarten, wenn er diesen nicht zu Hause getroffen. Ab und zu war es vorge­kommen, daß der Gegenstand der Unterhaltung sie zu heiterem Necken verleitete, dessen natürliche Frische den Oheim nicht weniger wie Seewald erfreute.

DaS war jetzt Alles anders geworden. Elise ver-

fteuer 25,6 Mill, (mehr fast 10 Mill.), Post- und Telegraphen 114^/g Mill, (mehr 7,6 Mill.) und Reichseisenbahnen 28,6 Mill, (mehr 14/» Mill.). Zu­sammen also nahezu 28 Millionen mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Reue Steuern sind also in diesem Jahre erst recht nicht nöthig.

* Entgegen dem Beschlüsse des Berliner konservativen Parteiraths mißbilligt der konservative „Rordverein" in Berlin den 1888 er Brief des Abgeordneten Stöcker, der keine andere Auslegung zulaffe, als die, daß Herr Stöcker Zwie­tracht zwischen dem Kaiser und Bismarck säen wollte. — Der genannte Verein, der fast nur aus einge­fleischten Bismarckern besteht, ist völlig bedeutungs­los. Es ist bezeichnend, daß er seine Erklärung nicht in einem konservativen Blatte, sondern in der antt- semitisch-bismarckischen ,Staatsbürgerztg/ veröffentlicht.

* Am 1. Oktober werden zehn Jahre verflossen sein, seitdem unser erstes grundlegendes Unfallver- sicherungsgesetz vom 6. Juli 1884 gemäß kaiserlicher Verordnung vom 15. September 1885 seinem vollen Umfange nach in Kraft getreten ist. Aus diesem An­laß hat der hochverdiente Präsident des Reichs-Ver- sicherungSamtes, Herr Dr. Bödiker, ein Werk er­scheinen lassen, welches in zusammenfassmder Weise datthut, was Deutschland bisher auf dem Gebiete der Arbeiter-Versicherung gethan hat, bis zu welchem Ziele man gelangt ist, und was die andern Staaten in An­lehnung an Deutschland bisher in Bezug auf die Ar­beiter-Versicherung ausgeführt haben.

• Am 1. Oktober wird die Preußische Ceutral- Geuossenschastskaffe, die durch ein Gesetz vom 31. Juli ds. Js. geschaffen werden soll, eröffnet werden. Die Kasse wird von einem Direktor, für befielt Stelle bekanntlich Frhr. v. Huene ausersehen ist, geleitet. Ihm stehen weitere Direkttonsmitglieder zur Seite, die jedoch eine entscheidende Stimme nicht haben. Die Stellen sollen zunächst nur provisorisch besetzt werden. Außerdem wird ein Ausschuß gebildet, der als be- rathendes Organ, ähnlich wie bei der Reichsbank, dem Direttorium zur Seite steht. Eine Allerhöchste Ver­ordnung über die Berufung dieses Ausshmsses ist bereits für die nächsten Tage zu erwarten. Dieser Ausschuß dürste sich, der,Post' zufolge, noch in der ersten Hälfte des Oktober versammeln, um sich gutachtlich über die Höhe der Belastungsgrenze und die anderen Beding­ungen der Geschäftsführung zu äußern. Das Direktottum soll ermächtigt sein, auf Grund des Gutachtens des Ausschusses dann sofort den eigentlichen Geschäftsbetrieb aufzunehmen. Doch besteht die Absicht, soweit es an­gängig ist, den zur Geschäftsverbindung mit der Centtal- tafie zugelassenen Verbänden Blankokredite ohne spezielle Sicherheit einzuräumen. Das Material zur Beur- theilung der Kreditfähigkeit der bestehenden Genossen- schaftsverdände und Verbandskassen ist bereits durch das LandwirthschastS- und das Finanzministerium ge­sammelt worden. Nach den Bestimmungen des Gesetzes L'ebe fähig. Elise gehörte zu jenen echten jungfräu­lichen mädchenhaften Naturen, welche die Liebe nicht fachen, wenn sie dieselbe aber gefunden, dann auch mit der ganzen Tiefe und dem Reichthume eines edlen Herzens dem Geliebten angehören, opferfreudig, opfer- muthig.

Nicht so sicher, wie Salmann es bezügltch feiner Nichte fein zu können glaubte, war er es in Hinsicht auf Seewald. Er irrte aber auch hier nicht, als er der Ueberzeugung sich hingab, daß Seewald mehr als Freundschaft für Elise hegte. Wie hätte er aber sich gefreut, wenn er gewußt, daß Seewald mit Gewalt die mächtig aufkeimende Liebe zu dem anmuthigen Mädchen . bekämpfte, nicht weil er sie nicht lieben wollte, sondern nur ans dem Grunde, weil er, bevor er an das eigene Glück dachte, erst die sich selbst gestellte Aufgabe lösen mußte.

Der alt« Hofrath war nie so heiter und vergnügt gewesen als jetzt, und so viel Freude er auch an seinen gesammelten Schätzen immer gehabt hatte, nunmehr war ihr Werth in seinen Augen bedeutend gestiegen. Bald blieb er vor einem kunstreich geschnitzten Schranke stehen, schloß ihn auf und stellte sich vor, wie stattlich sich derselbe, gefüllt mit blendender Wäsche, im Haus­halte seines „Assistenten" ausnehmen würde. Bald stellte er im Geiste das ganze Mobiliar zusammen, mit

Deutsches Reich.

Berlin, 28 September.

* Das Kaiserpaar wird, wie aus Metz gemeldet wird, am 17. Oktober von Kürzel aus die Stadt Metz besuchen und int Bezirks-Präsidium absteigen. — Die Enthüllung des Kaiserin Augusta-Denkmals in Berlin wird laut Bestimmung des Kaisers am 21. Oktober, Mittags 12 Uhr, stattfinden.

* Das Befinden des Fürsten Bismarck ist zur Zeit sehr günstig. Der Fürst genießt die schönen Herbst­tage bei seinen täglichen Ausfahrten und Spaziergängen; sein Befinden ist bis auf das leidige Gliederreißen und eine zeitweise, recht unbequem austretende Schlaf­losigkeit das denkbar beste. Auch Stimmung und Humor lassen nicht zu wünschen übrig. Der Fürst hatte die feste Absicht, in diesem Jahre nach Barzin zu gehen und das Grab seiner Gemahlin zu besuchen, bereit Ver­lust er täglich aufs neue beklagt. Auf bringendes ärzt­liches Anrathen ist diese aufregenbe Reise aber unter­blieben.

* Die Reichseinnahmen bessern sich noch fort- währenb. Vom 1. April bis 3. August d. I. gingen ein: an Zöllen 151,5 Millionen Mk. (gegen dieselbe Zeit des Vorjahres mehr über Wh Millionen), an Tabaksteuer 3^/z Millionen (— 340000 Mk ), Zucker­steuer 321/a Mill. (— 12la Mill., doch belaufen sich die Soll einnahmen auf 700 000 Mk mehr als im Vorjahr), Salzsteuer 16,8 Mill. (— 600000 Mark), beide Branntweinsteuern 46 ^2 Mill (+ l3/* Mill ), Biersteuer Wh Mill (+ 400000 Mk.), zusammen 202,2 Mill. Mk. (+ 8^2 Mill.); ferner Stempel® mied es sichtlich, mit Seewald allein zu fein, und Sal­mann hatte mehr als einmal zu feiner inneren Freude bemerkt, daß die Nichte lebhaft erröthete, wenn sein junger Freund zu ungewohnter Stunde eintrat, daß sie zerstreut, fast unruhig schien, wenn er seine Besuche spärlicher werden ließ. Ohne es zu wissen, ließ sie wohl zuweilen die stets beschäftigten Hände müßig in den Schooß sinken und lauschte den Worten des jungen Gelehrten, wenn dieser in anregender Weise einen Gegenstand fesselnd besprach. Dann fuhr sie, wenn sie ihrer Unthätigkeit ihres ThunS inne ward, wie be­schämt zusammen und beugte das unwillkürlich erröthende Gesicht tief auf die Arbeit hinab.

Oheim Salmann hatte es aber doch bewerft und still vergnügt rieb er sich heimlich die Hände, wie ein eifriger Schachspieler innerlich jubelt, wenn er wahr­nimmt, wie sein Gegner Zug um Zug dem Matt zueilt.

So überzeugt der alte Hofrath von der keimenden Liebe im Herzen feines lieblichen „Assistenten" war, so wenig ahnte und wußte Elise selbst von dem Geheim- niß, das in ihrem Innern noch schlummerte. Bei aller Frische und Freudigkeit ihres Charakters war sie ein Kind an Unbefangenheit. Den Ehrgeiz so mancher ihrer Genossinnen, von einem Manne sich gehuldigt zu sehen, kannte sie gar nicht. Das Mädchen, was, ohne zu lieben, wünscht, geliebt zu werden, ist selten wahrer

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