Einzelbild herunterladen
 

Neilsge ?iw Wulösev Aeitung.

22. Jahrgang

Samstag, Öen 28. September 1895.

M 224

friedenen, mißmuthigen Antlitz des Registrators ein lichter Schein von glücklicher Zufriedenheit und gelöster Herzenshärte. .

Es kam Seewald sehr willkommen, daß in diesem Augenblicke der Diener wieder eintrat und meldete : Seine Hoheit lassen bitten.“ Er entging hierdurch dem sicher stürmischen Dank des überglücklichen Mannes.

Mit begreiflicher Neugierde hatte Herzog Burkhard die unerwartete Meldung Seewald's vernommen, über» rascht und freudig erstaunt war er, als er nunmehr erfuhr, um was es sich handelte. Mit der ihm eigenen liebenswürdigen Güte und Freundlichkeit reichte er Wagner die Hand und sagte:

„Ich beglückwünsche Sie von Herzen, Herr Regi­strator, zu diesem so wichtigen Funde; ich werde noch heute Abend meinem Oheim, dem Herzog, nnttherlen, welch' wichtigen Dienst Sie unserem Hause geleistet haben. Doch halt! Sie sollen nicht um die Freude verkürzt werden, Ihre Entdeckung dem Herzog selbst vorzutragen.“ r .

Herzog Burkhard klingelte und befahl dem em- tretenden Schmieder: „Schmieder, melde der Herzogin, ich lasse sie bitten, allein zu fahren, da ich mit diesen Herren hier zu Fuß aus's Schloß gehen wurde.

Eine schlaflose Nacht folgte dem aufregenden Tage für Registrator Wagner. Es war nicht die erste, m welcher ihn die Ruhe geflohen; aber eine so gluckttche, wie diese, hatte noch nie jeden einzelnen Stundenschlag der nahen Kirchthurmuhr an sein Ohr drir^en lassen. Rosige Hoffnungen tauchten vor seinem Geiste aus, Hoffnungen auf Anerkennung und Belohnung. Aber weit glücklicher, wahrhaft glücklich, machte ihn die selige Freudigkeit seines Herzens, der wiedergefundene Glaube an gute Menschen.

Einige Tage später wurde die Kunde laut, Herzog Eberhard habe den bisherigen Registrator Wagner zum Kanzleirath ernannt unter bedeutender Erhöhung seines Gehaltes. Und einige Wochen später brachte der Komgl. S.'sche,Staatsanzeiger' die Mittheilung, daß Se . Maj. der König dem Herzog!. Leuenstetten scheu Kanzleirath Wagner den Hausorden 4. Klasse verliehen habe.

Am Morgen nach jenem Abend, wo Seewald das Glück des nunmehrigen Kanzleirathes begründet hatte, mußte er immer wieder an einen sonderbar«! ,Traum denken, der ihn in der verflossenen Nacht beschäftigt hatte. Er hatte Wagner vor sich stehen sehen mit überglücklichem, strahlendem Gesichte; auf dem Kopfe desselben aber glühten, von semer, Seewald S, Hand hingelegt, eine Anzahl Kohlen. Im gleichen Zimmer waren noch andere Personen gewesen, deren Zuge nicht deutlich hervortraten. Im Traume hatte es ,hm ge» schienen, als seien es die des Herzogs Eberhard und deS Oberfinanzrathes Perlag. Bald vergaß er den närrischen Traum. Daß er wieder an ihn erinnert werden würde, ahnte er damals noch nicht.

7.

Laß Neid und Mißgunst sich verzehren, Das Gute werden sie nicht wehren; Denn Gott sei Dank, es ist em alter Brauch. So weit die Sonne scheint, so weit erwärmt ste auch.

Seit jenem Tage, an dem Seewald seinen greisen Freund durch Uebersendung des BUdesder Mutter so glücklich gemacht hatte, war das Verhaltmß zwischen den beiden Männern nur noch herzlicher geworden Die Energie,-- mit der Seewald für die Ehre des Vaters eingetreten war, ohne Rücksicht auf Die ergenchumlche Stellung, welche er dadurch emnahm, daß er, wenn auch keineswegs unter unberechtigtem Namen, so doch bald unter halbverdeckter Flagge austrat, han dle An­erkennung des feinfühlenden Hofrathes herausgefo^.rt. c^mmer mehr entrollte sich vor seinem, trotz aller Milde in der Beurtheilung Anderer, dennoch scharf Prüfern Auge der schöne Charakter des jungen Mannes. Seit er wußte, daß sie, welche er so gern al« Gattmas Lebensgefährtin an seiner Seite gesehen, die -Mutter Seewald's sei,' hatte sich die Zuneigung, die er von Anfang an für ihn gehegt, vertieft und war mehr noch

Die Jugend ist die Zett der kühnen Lustschlösser, die Gründungsperiode aller möglichen und unmöglichen Zukunstsbauten. Das Mannesalter gründet seine Hoff­nungen auf»festere Grundlagen und erwartet für Ar­beit Mühe und Sorgen den Lohn der Anerkennung, die Frucht dx" Verdienste. Der Greis ist dem Gipfel der Erkenntniß näher gekommen und durch ost nur allzu reiche Erfahrungen belehrt, hat er die Hinfällig­keit der Jugendträume längst erkannt, die Verttauens- seliqkeit jener Zeit belächelt und die Täuschungen des Mannesalters, das Scheitern so mancher berechtigten Hoffnung haben ihre Bitterkeit für ihn verloren.

(Fortsetzung folgt.)

* Kornhäuser.

Die Einrichtung von landwirthschaftlichen Verkaufsgenossenschaften, namentlich um das Getreide auf den Markt bezw. direkt an den Kon­sumenten zu bringen, und die Anbahnung deS Baues von Setreidelagerhäusern (Silo's) gewinnt mehr und mchr Freunde unter den Landwirthen. In Worms hat sich bereits am 28. Juli eine Getreideverkaufs­genossenschaft begründet, welche „die angemessene Ber- werthung der Felderzeugnisse, insbesondere des Getreides der Genoffen“ erstrebt. „Sie sucht diesen Zweck durch gemeinschaftliche Lagerung des Getreides zu erreichen und zwar auf dem Wege der Herstellung einer gleich­mäßigen Berkaufswaare in größeren Massen, durck Beleihung des Getreides und bessere Ausnützung der gegebenen Preisverhältniffe, durch Verminderung des Lagerrisikos, Förderung des Anbaues besttmmter Ge- treidesorteu, durch Vermittelung von Getreidelieferungen an die Proviantämter, sowie durch Verkauf von Saat­getreide.“ Ein Geschästsplan, auS dem man ersehen könnte, wie die Genossenschaft im Einzelnen zu Werke gehen will, liegt unS leider nicht vor.

Weitere Neigungen und vorläufige Beschlußfassungen für die Gründung von Genossenschaften genannter Art liegen auS Hessen und Westfalen vor. In Gießen will man sich einigen für eine Ausbreitung der Lager­genossenschaften auf ganz Hessen. In Soest hat Mitte September der dortige landwirthschastliche KreiSverem nach einem Bortrage des Landwirthschaftslehrers Dr. Müller die Errichtung eines Getreidelagerhauses be- schlossm. „Durch die Anlage eines solchen hofft man, so wurde in den Zeitungen berichtet, die günstigste Gelegenheit für den Getreideverkauf abwarten und so den Landwirthen nutzen zu können.“ Ihren Beitritt erklärten sofort 22 Landwirthe mit 3315 Morgen und 69 Antheilen zu je 250 Mark. Ob man sich bereits über ein Statut und eine Geschäftsordnung geeinigt hat, ferner wie groß man das Kornhaus plant, ist uns bisher nicht bekannt geworden.

Ebenso hat sich in Epping en (Baden) eine ein­getragene Genossenschaft mit beschränkter Haftpflicht gebildet zu dem Zwecke, das von den Mitgliedern ge­erntete Getreide möglichst gut zu verkaufen. Die badische Regierung soll geneigt sein, dieser Genossenschaft für je 200 Centner gemeinsam verkauften Getteides ein Aufgeld von je 10 Mk. zu bewilligen. Ob sich diese Nachricht bestättgt, muß aber noch abgewartet werden.

Faffen wir die Sache der Getreideverkaufsgenossen­schaften und Kornhäuser zusammen, so bemerken wir eine sich steigernde Neigung zur Gründung derselben unter den Landwirthen und — wenigstens in Baden — günstige Stimmung der Regierung dafür. Aber wird auch der Landwirth den heißersehnten und dringend nöthigen Segen von diesen Einrichtungen haben? Wir fürchten, seine jetzige Roth läßt ihn zu viel hoffen! Es ist ja nicht zu bestreiten, daß ein genossenschaftlicher Verkauf des Getreides von einem Kornhause weg, auf dem die Feldfrucht günsttge Preise abwarten kann, unter regelrechten Verhältnissen vortheilhaster ist als der Einzelverkauf. Der Vortheil steigert sich noch, da im Kornhause das Getreide noch­mals gereinigt, also auf höheren Werth gehoben wird. Der größte Gewinn aber, namentlich für den kleinen Landwirth ist, daß er auf das aufgelagerte Getreide einen Vorschuß bekommt — in Eppingen bis zur Hälfte des Marktpreises —, mit dem er seinen dringendsten Verpflichtungen genügen kann.

Run haben wir aber heute keine regelrechten Ver- hältniffe im Getreidehandel, sondern ungeheuerliche, denn es unterliegt doch keinem Zweifel, daß derselbe durch Spekulanten an der Börse beherrscht wird. Und es ist eine ganz natürliche und für das Spekulantmthum nothwendige Folge, daß, je mehr sich landwirthschastliche GetreideverkaufS-Ringe in den 6eregten Genossenschaften bilden, um so schneller und enger das Spekulantenkapital sich auch zu „Ringen“ zusammenschließen wird. Daß letzteres dann die stärkere Macht ist, liegt auf der Hand. Die Eppinger haben es durch die Bestimmung: „der Verkauf des Getreides soll binnen 14 Tagen nach der Einlieferung geschehen“, offen anerkannt, wie ohnmächtig auch solche Verkaufsgenoffenschast ist. Den kurzen Verkaufs- termin hat man offenbar aus keinem anderen Grunde gewählt, weil der Landwirth in der Regel nicht länger warten kann. Mit einer 14tägigen Auf­speicherung, auch wenn eS die ganze deutsche Land- wirthschaft thäte, legt man aber die Berliner Speku­lanten nicht lahm. Also können die jetzigen Korn­häuser wohl das (betreibe verkaufswerther machen, sie können die Proviantämter versorgen, die aber — wohlgemerkt kaum Vit Prozent des ganzen deutschen Konsums verbrauchen —, ober dem Grundübel, der Berliner Getreidespekulation krümmt man damit kein

Haar. Im Gegentheil fürchten wir, daß je mehr Kornhäuser entstehen, um so massenhafter im- portiren die Berliner. Dann liegt das deutsche betreibe auf ben Kornhäusern, biese selbst verzinsen sich nicht und wer dennoch verkausen muß, ist ge­zwungen, die noch viel tiefer gedrückten Berliner Jammerpreise zu nehmen. Wir wollsp nicht sagen: Baut keine Kornhäuser! Aber wir sagen: So lange die Allmacht der großen Getreidespekulanten nicht gebrochen ist, bleibt das Kornhaus ein Bau in der Luft, ein Unternehmen ohne Wirkung.

Zwischen Pflicht und Ueigung.

Preisgekrönte Novelle von A. Zingeler.

(23. Fortsetzung.)

Nunmehr öffnete sich auch der Mund des Regi­strators. Ein Physiognomiker wäre wohl in Zweifel gerathen, was der Ausdruck dieses Gesichtes sagen wollte, Schrecken, Freude, maßloses Staunen.

„Ich werde das sehr gerne thun und vielleicht noch heute. Ich wünsche Ihnen als Erster, der davon weiß, zu Ihrer Entdeckung von Herzen Glück.“

„O Herr Doktor, das ist grausam. Mit mir armen Manne solchen Spott zu treiben," sagte Wagner bitter. .

„Spott? Nein, Herr Registrator und nun wohl bald Herr Kanzleirath, ich spotte nicht. Allerdings habe ich die Urkunde auch gesehen und gelesen, Sie desgleichen. Ich will sie aber nicht vor Ihnen ge­funden haben, verstehen Sie? Denn für Sie hat dieselbe unverhältnißmäßig mehr Werth als für mich, und ich werde Ihnen Ihr Verdienst nicht streitig machen."

Herr Doktor, Sie könnten, Sie wollten auf diese große Ehre, auf dieses Glück verzichten?“

Seewald nickte, dann sagte er lächelnd: „Unter der Voraussetzung, daß Sie über den Hergang der Sache streng schweigen.“

„Ist es denn möglich, ist es denn denkbar, daß ein Mensch so edel handeln kann! Ich, ich soll dieses große Glück, das ich schon verloren glaubte, dennoch besitzen!“

„Die Menschen sind viel besser, als wir in unserer Eigenliebe glauben, und wenn sich einmal ein Jeder mit den Augen seines Mitmenschen ansehen könnte, so würde er nachher wohl etwas weniger strenge über Andere urtijeilen.“ .

Mit diesen Worten trat Seewald an die Thür und klingelte. Ein Diener trat ein.

„Lasten Sie bei Hoheit anfragen, ob ich und Herr Registrator Wagner Seine Hoheit sprechen dürsten.“

„Zu Befehlen, Herr Doktor. Hoheit ist noch nicht weggefahren.“

„Um so bester. Und nun, Herr Wagner, Kopf in die Höhe, machen Sie ein Gesicht, wie Kolumbus, als er das langgesuchte Amerika entdeckte, aber nicht wie die Milchfrau, der mit den Eiern und der Milch am Boden auch die Aussicht auf Esel, Kuh und Wohl­stand zerrann.“

Wagner war wieder auf den Stuhl niedergesunken. Die Rückwirkung der außerordentlichen Auflegung machte sich geltend. Die Freude über das unerwartete Glück drückte ihn schier nieder. Die edle Uneigen­nützigkeit Seewalds wirkte beschämend und doch auch die jahrelange Bitterkeit seines Herzens langsam hebend und verscheuchend. Ein Gefühl eigener Art durch- fluthete ihn. Er konnte wieder lieben, glauben und hoffen. Er hatte beide Hände vor daS Gesicht gedrückt und faß stille, stumm, sprachlos. In seinem Innern wogte es viel stärker, viel tiefer, als es die scheinbare äußere Ruhe hätte ahnen lassen. Es war wie das geheimnißvolle mächtige Einwirken warmer Frühlings­lüfte auf das von hartem Frost erstarrte Erdinnere, langsam, unmerklich und doch mit unwiderstehlicher Kraft. .

Endlich ließ Wagner die Hagy:«" Hände sinken und richtete einen langen beredten Blick auf seinen Wohlthäter.

Wie doch wahres, inneres Glück, neugeschenkter Seelenfriede auch den unschönen Menschen äußerlich veredeln kann! Ein anderes Bild war der Mann ge­wesen, der vor einer halben Stunde zu Seewald ge­kommen, als der, der nun da vor ihm saß. Gleich dem rauhen, umgebrochenen Acker, der am Abend im grauen Dämmerscheine düster daliegt, dagegen am Morgen im glänzenden Lichte der Sonne, wenn deren Strahlen alle die unzähligen Thautröpflein, die sich in den feinen Spinngeweben über die einzelnen Schollen und an ben keimenden Gräsern verfangen und an­klammern, aufblitzen lassen wir ebenso viele kostbare Edelsteine, heiter und freundlich zum blauenden Himmel austhat, so lag auch auf dem bisher unzu-