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jg 224 Samstag, den 28. September 1895 22. Jahrgang

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je? Vom „Kampf gegen den Umsturz."

Die Sozialdemokraten können sich freuen. Ueber alle ihre inneren Schwierigkeiten helfen ihnen die gewaltsüchtigen Kartellbrüder stets wieder hinweg, und obendrein machen diese, indem sie einander fortwährend widersprechen über die beste Art, der Sozialdemokratie zu Leibe zu gehen, und indem auS ihrer Mitte die abenteuerlichsten Projekte zu diesem Endzwecke hervor­gehen, nachgerade den ganzen „Kampf gegen den Um­sturz" lächerlich. Jetzt wird sogar behauptet, ein Sozialistengesetz solle tatsächlich im Reichstage eingebracht werden, aber — in Form eines Initiativ­antrages von der nationalliberalen Partei! Wir möchten allerdings vorerst selbst den National- liberalen einen derartigen Schildbürgerstreich nicht zu- trauen, aber es bleibt, selbst wenn die Meldung un­wahr ist, überaus bezeichnend, daß eine solche Behauptung von Kartellblättern ausgehen konnte, die doch sicherlich über den Verdacht, der nationalliberalen Partei eins anhängen zu wollen, erhaben sind. Und es ist nicht minder bezeichnend, daß das Haupt­organ der nationalliberalen Partei, die .Nattonal- zeitung', nicht im Stande ist, jene Behauptung direkt zu widerlegen, sondern sich damit begnügen muß, ihren mangelnden Glauben an eine solche Angabe zum Ausdruck zu bringen. Das Blatt schreibt nämlich: „Wir halten (!) diese Nachricht für völlig grundlos; keine Partei kann sich berufen glauben, eine derartige, unter Umständen der Regierung obliegende Auf­gabe zu übernehmen." Das ist ja sehr richtig, aber von dem Centralorgan einer Partei sollte man doch erwarten dürfen, daß es über die Absichten der letz­teren genügend unterrichtet wäre, um eine Nachricht, wie die erwähnte, nicht nur für falsch zu halten, sondern geradezu für falsch zu erklären!

In Widerspruch mit vielen anderen Kartellblättern setzt sich die .Nationalzeitung' gleichfalls, indem sie weiter bemerkt: „Ebenso unbegründet scheint uns die wiederholt auftauchende Behauptung, im preußischen Landtag werde die Regierung die Abänderung des preußischen Vereinsgesetzes nach dem Muster deS bayerischen beantragen. Dadurch würde gegen die sozialdemokratische Agitation kaum erheblich mehr, als vermittelst des jetzigen preußischen Gesetzes zu erreichen sein." Auch das ist unzweifelhaft richttg, und die ,Nationalzeitung' hätte hinzufügen können, daß von einer Verschärfung des Bereinsgesetzes die anderen Parteien ungleich mehr betroffen werden würden, als die Sozialdemokratie, weil diese die verhängten Geld­strafen infolge ihrer starken Parteifonds und die Ge- fängnißstrafen infolge ihrer vielen Agitatoren und „Sitzredner" viel besser tiertragen kann, als jede andere Partei. Trotzdem halten wir eS nach wie vor für sehr wahrscheinlich, daß die so vielfach in Aussicht gestellte Verschärfung des preußischen Vereinsgesetzes dem Landtage wirklich vorgelegt und — trotz der »Rotionalzeitung' — von der nationalliberalen Fraktion schlankweg bewilligt werden wird.

Die Sozialdemokratie wird von allen diesen Maß­regeln für ihre Agitation den größten Nutzen haben, so wie sie schon das jetzige Rufen der Kartellblätter nach neuen Strafgesetzen weidlich auSnntzt, um den Arbeitern die geschlossene Abwehr des bevorstehenden „reaktionären Ansturms" einzuschärfen. Innerlich freilich werden sich die sozialdemokratischen Führer über diesen „Ansturm" nicht weniger lustig machen, als eS soeben selbst ein so echter Mittelparteiler, wie der frühere freikonservative Abgeordnete Professor Delbrück in seinen „Prmßischen Jahrbüchern" thnt. „Jämmerlichkeiten" nennt Herr Delbrück alle jene Forderungen nach verschärfter straftechtlicher Verfolgung der Sozialdemokratie. Und welches allerliebste Bild gibt er gar von dem Kartell felbft, dem er doch einst im Reichstage angehört hat! „. . . Das Kartell — so schreibt er —, wie die meisten dieser Rufer eS sich vorstellen, nämlich die Wiederherstellung deS Kar­tells von 1887, ist das Unglückseligste und Verkehrteste, was man sich denken kann. Die Parteien, die sich heute zu diesem Kartell ver­einigen sollen, sind selber völlig verbraucht; ein trauriges caput mortuum (Todtenkopf) von Marasmus, Selbstsucht und Talent- losigkeit, und völlig ekelhaft wird das Treiben, wie die moralische Katastrophe in der konservativen Partei von nationalliberalen Blättern ausge­schlachtet wird, um dar eigene verhungerte Parteiwesen damit wieder etwas aufyufüttern . ." Und Herr Delbrück selbst weiß auch nichts Besseres vorzuschlagen, als den „Zusammenschluß der Guten" außerhalb aller bestehenden Parteien — welcher nebel­hafte Gedanke ohne alle Möglichkeit einer prakttschen Durchführung! Sie wiffen eben alle nicht mehr aus noch ein, die Herren Mittelparteiler. Sie begreifen eben nicht, daß das sozialdemokratische Krankheitsgist nicht auS dem VolkLkörper entfernt werden kann ohne eine allgemeine durchgreifende Verjüngung und Wieder­geburt des Volksgeistes im Jungbrunnen deS Christen- thumS! Hier liegt der Kern der sozialen Frage.

Deutsches Reich.

Berlin, 27. September.

* Der Kaiser gedenkt bis Mitte nächster Woche in Rominten zu bleiben, dann wird er sich nach HubertuSstock begeben und von dort nach Urville reifen. Etwa am 20. Oktober dürfte der Kaiser wieder in Potsdam eintreffen. — In Hofkreisen erzählt man sich, der König von Portugal werde in diesem Herbste zu kurzem Aufenthalte nach Berlin kommen. Doch fei über die Zeit noch nichts Näheres bestimmt. — Die von der ,Jnd«pendarce Belze' gebrachte Nach­richt, der König Leopold von Belgien beab­sichtige demnächst nach Berlin zu kommen, begegnet an gut unterrichteter Stelle berechtigtem Zweifel.

* Der .Reichsanz.' theilt die Ernennung des säch­sischen OberlandeSgerichtSrathS Hoffmann in Dresden zum ReichSgerichtsrath mit.

* Ein schönes Zeugnitz stellte dieser Tage Pri­vatdozent Dr. Ruhland von der Universität Zürich in einer BauernvereinS-Versammlung zu Großostheim in Unterftanken dem Centrum auS, ein Zeugniß, welches um so werthvoller ist, als Dr. Ruhland der protestantischen Konfession angehört. Er hielt einen Vortrag über die Ursachen des Niederganges der Ge­treidepreise. Hierbei legte ihm ein Landwirth die Frage vor, welcher polittschen Partei im Reiche und in Bayern die Bauern sich anschließen sollten. Dr. Ruhland ant­wortete: „DerCentrumSpartei, jener eminent konser­vativen Partei, die nach ihrer ganzen Vergangenheit auch die sichere Gewähr für die Zukunft bietet, daß sie stets und überall für die redliche Arbeit, für christliche Gesinnung undSitte, für die Armen und Unterdrückten aller Stände ihr gewichtiges Wort in die Wagschale wirft." Dr. Ruhland ist bekanntlich Verfasser der Schrift: „Die WirthschaftSpolitik des Vater unser." Auch in Norddeutschland ist er in Versammlungen des „Bundes der Landwirthe" als Redner aufgetreten, z. B. in Hildes­heim und Duderstadt.

* Die Arrneebekleidvngsämter, deren Geschästs- umfang in Folge der bevorstehenden Auflösung der Regimentsschneider- und Schuhmacherwerkstätten künftig­hin bedeutend erweitert wird, sollen mit der Zeit in

Werkstätten mit Civilbrbeitern umgewan­delt werden. Gegenwärttg werden darin nur Oekono- miehandwerker beschäftigt. Wegen der Verkürzung der Militärdienstzeit, die natürlich auch auf die Oeko- nomiehandwerker Anwendung findet, mangelt es näm­lich an eingearbeitetem Personal, wodurch die Leistungs­fähigkeit der Bekleidungsämter sehr beeinträchtigt wird.

* Die Nationalliberalen wollen, wie jetzt die ,Nat. - Lib. Korr.' erklärt, kein Sozialistengesetz im Reichstage beantragen. Wir haben bereits bemerkt, daß wir eine solche Schildbürgerei selbst den Nativnal- liberalen nicht znttauen.

* Der Ausschuß des ostpreutzischeu konservative« Vereins hielt am Donnerstag eine Sitzung ab, in der (so berichtet die ,Kreuzztg.') einstimmig lonftatirt wurde, daß die Vorgänge in der Redaktion der ,Kreuzztg.', so bedauerlich sie an und für sich auch sind, auf den Bestand und die Geschlossenheit der konservativen Partei Ostpreußens, sowie auf die selbst­ständige politische Richtung derselben keinerlei Einfluß auSüben können. Die ostpreußischen Kon­servativen lehnen also die Unterwerfung unter da« mittelparteiliche Kartelljoch ab.

* Der russische Finanzminister Witte, welcher ursprünglich mehrere Wochen in Berlin verweilen wollte, reift schon heute Abend direkt nach Petersburg ab. Die Verhandlungen, welche Witte wegen Aufhebung des LombardirungS-Verbotesder russischen Werthe in Deutsch­land gepflogen, sind ohne Erfolg geblieben. Wie eS scheint, hat Rußland die Betheiligung Deutschlands an den chinesisch-russischen Finanzoperattonen von der Auf­hebung jenes Verbotes abhängig gemacht. (ES ist er- fteulich, daß Witte nicht zum Ziele gekommen ist. So bleibt daS deutsche Geld wenigstens im Lande und Deutschland vor weiteren Schädigungen durch schlechte exotische Werthe bewahrt. D. R.)

* Saarbrücken, 27. Sept. Der Kaiser hat an denBerband katholischer Berg- und Hütten­arbeiter-Vereine des Saarreviers, der bei Gelegenheit seiner Generalversammlung in St. Johann ein Ergebenheitstelegramm an ihn sandte, folgendes Antworttelegramm gerichtet: „Se. Majestät der Kaiser läßt dem Verbände der katholischen Berg- und Hütten­arbeiter-Vereine deS Saar-Reviers für den Ausdruck treuer Anhänglichkeit bestens danken. Auf allerhöchsten Befehl, Scheller, Geh. Oberregierungsrath."

* Metz, 27. Sept. Der hoch«. Bischof Ludwig Fleck ist seit längerer Zeit krank. Nach der,Sttaßb. Post' leidet er an Zuckerruhr. — Nach der ,Franks. Ztg.' wird der Reichstagsabgeordnete für Metz, vr. H a a s, in allernächster Zeit sein Mandat niederlegen.

* München, 27. Sept. Bureaukraüsche staats» kirchliche Blüthen fchönster Art werden wieder einmal ans Bayern gemeldet: Am Bezirksamt leistete sich ein Affeffor vor mehreren Jahren folgende Bemerkung als „RevisionSerinnerung" über eine katholische Kirchen- rechnung: „Wozu denn Salz, da doch in der Kirche nichts — gekocht wird?" Der Mann, der da« schrieb, war — Protestant, und der kann in Bayern katholische Kirchenrechnungen revidiren!! In G. wurde die Kirche reftaurirt und zwar unter staatstechnischer Leitung. Eines TageS kam der „Technische" wieder und sah da verschiedene Bilder angebracht. Auf die Frage, waS daS für Bilder wären, wurde ihm gesagt, sie feien der lauretanischen Litanei entnommen. „Was? ameri­kanische Litanei? Ich bin auch katholisch, aber von einer amerikanischen Litanei habe ich noch nie etwas gehört." „Nicht amerikanisch, sondern laute- tonisch," lorrigirte der Malergehilfe. „Ja so, srüher habe ich allerdings diese Dinge gewußt, aber jetzt —"!! Derartige Dinge können sich in dem „katholischen" Bayern abspielen! Wird man sich dort nicht endlich aufraffen, um derartigem groben Unfug zu steuern?

Ausland.

* Wien, 27. Sept. Das .Vaterland' veröffentlicht einen Aufruf zur Theilnahme an dem ersten Katho­likentag der Diözese St. Pölten, welcher im Oktober in St. Pölten ftattfinben wird. Der Aufruf trägt zahlreiche Unterschriften. — Der ,N. Fr. Preffe' meldet man au8 Lemberg: Mittwoch den 2. Oktober erfolgt die Publikation des definitiven Ministerium- Badeni int Amtsblatte, und Donnerstag den 3. Oktober wird die Vereidigung der neuen Minister erfolgen.