Freitag, den 27. September 1895
Jahrgang
uldaer
eitiliig
mit Anterflaltnrrgs-Krilage »Ltrrne «nd KLuwen".
3
* Sollt, 25. Sept. Unter dem Titel ,Kölnische Landeszeitung' ist gestern die erste Nummer einer neuen katholischen Zeitung Hierselbst erschienen. Verlag und Redaktion leitet Herr I. H- Wagener in Köln. — Gestern Nacht verschied nach kurzem Krankenlager Herr Heinrich Horten, Vorstands-Mitglied des
* Paris, 26. Sept. Die Reise des Königs Leopold von Belgien wird in der Pariser Presse lebhaft besprochen. In gutunterrichteien Kreisen will man wissen, der König habe der französischen Regierung angetragen, ihr Vorkaufsrecht auf den Kongostaat geltend zu machen. — Die Zeitung ,La France' dringt die wirklich tolle Mittheilung, König Leopold sei nach Paris gekommen, um im Namen des Kaisers von Deutschland von Frankreich die Zustimmung und den Beistand für folgende Punkte zu erwirken: 1. allgemeine Abrüstung, 2. Gründung einer internationalen Liga gegen die Sozialisten und Anarchisten. Bezüglich der Abrüstung soll vor allem Elsaß - Lothringen für neutral erklärt, alle Festungen dec Reichslande
Priester beträgt 30, wovon 15 Jesuiten, und in Klöstern leben 170 Nonnen, welche sich theilweise mit Unterricht, theilweise mit Krankenpflege beschäftigen. Man rechnet, daß durchschnittlich 200 dänische Protestanten jährlich zur katholischen Kirche übertreten.
* Belgrad, 26 Sept. Der König wird am 1. Oktober und die Königin Natalie Anfangs November wieder hier eintreffen. Sofort nach der Rückkehr des Königs soll die Verfassungsänderung vorgenommen und ein Koalitionsministerium unter der Führung deS
zusammengehalten werden; sie ist der völligen Vernichtung geweiht. Die schnöden Wahlmittel haben den Liberalen nichts genützt; all' die Verbrechen, mit denen sie sich befleckten, waren nutzlos, und zu der Schande der Wahlagitatton gesellt sich die Schande der Wahlniederlage." Daß dieses Urtheil nicht zu hart ist, beweist der Umstand, daß das liberale Wiener .Tageblatt' die Erwartung ausspricht, es werde sich ein Minister von der Gattung des Herrn Constans (dem ehemaligen Bordell-Eigenthümer, dessen großartige Wahlfälschungen durch einen Prozeß in Toulouse festgestellt wurden) finden, welcher wieder einen Umschwung herbei- führe.
* Eine interessante Enthüllung macht der bekannte Ministerialrath in der .Post'. Derselbe schreibt, daß es sich aus naheliegenden Gründen im Interesse der Finauzreform im Reiche empfehle, zunächst von der Vorlage von Steuergesetzen an den Reichstag abzu- sehen, abgesehen von dem Zuckersteuergesetz. — Also nur um das Durchkommen der Finanzreform, des berühmten Automaten, zu erleichtern, soll zur Zeit auf das Tabaksteuerprojekt verzichtet werden. Späterhin, so rechnet man, wird die Finanzreform mit automatischer Sicherheit schon selbst für die Erhöhung der indirekten Steuern im Reich und damit auch für die Einführung der Tabakfabrikatsteuer Sorge tragen.
* Die ,K ö l n. Ztg.' glaubt nicht, daß ein Gesetz zur Bestrafung der ärgernißerregenden Trunksucht Aussicht im Reichstage hat und fährt dann fort: „Unverkennbar ist heute auch unter den Juristen die Neigung für den Erlaß solcher Vorschriften, die nun einmal ihren biegsamen Charakter nicht verleugnen, eine geringere genyrben, und es dürfte manchen geben, welcher heute Bedenken trägt, einer solchen Bestimmung zuzustimmen, während er vor einem Jahrzehnt für sie eingetreten wäre. Die Neigung der Gerichte zu der bekannten uferlosen Ausdehnung der Strafgesetze, die damit verbundene Erweiterung des Rahmens der strafbaren Handlungen haben im Zusammenhang mit gewiffen bei der Handhabung der Anklagemonopols der Staatsanwaltschaft hervorgetretenen Erscheinungen manchen mit starken Zweifeln erfüllt, ob solche Strafvorschristen auch in Wirklichkeit ohne Ansehen der Person angewendet würden, ob man bei ihrer Uebertretung wie Carmen bei ihrer Liebe nicht nach Name, Rang und Stand fragen würde". Nicht so unberechtigt. Aber bedenkt die.Kölnische' nicht, daß sie als Anhängerin eines neuen Sozialistengesetzes mit diesen Ausführungen gegen sich selbst argumentirt?
* Für wen Herr Mellage gearbeitet hat, beweist folgende Stelle in der Abonnementseinladung des sozialdemokratischen ,Vorwärts':
»Der .Vorwärts' wird dann mit dem Abdrucke des in der Gegenwart spielenden, hochinteressanten Romans: „Der Ber- ruckte" beginnen, welcher die Vernichtung eines hoffnungsvollen Menschenlebens durchkirchlichenFana t i s m u s darstellt und
geworfenen Bemerkung, es sind Leuenstetten'sche Sachen darunter, in Wagner brennende Neugierde entzündet hatte, die dieser noch heute, bevor er sein Arbeitszimmer verließ, wenigstens theilweise zu befriedigen suchen werde, darüber hegte er keinen Zweifel. Er kannte seinen Mann.
Es war Abend geworden. Die herzogliche Familie pflegte um fünf Uhr zu Mittag zu speisen und hierauf in ungezwungener Unterredung noch beisammen zu bleiben. Auch das Gefolge wurde in der Regel hierzu zurückgehalten. Schon begann es zu dämmern und I die Diener zündeten die mächtigen Armleuchter an, welche theils auf den Tischen, theils auf dem Gesimse des großen, schönen Kamins sich befanden, der mit seinen architektonischen Verzierungen dis zur kunstreich bemalten Decke hinaufreichte.
Einer der Lakaien näherte sich Seewald und meldete leise: „Der Registrator Wagner ist im Dienstzimmer und wünscht den Herrn Doktor zu sprechen."
Seewald konnte nur mit Mühe ein Lächeln unterdrücken.
„Haben sie ihm nicht gesagt, daß wir noch bei Tafel seien?" frug er.
„Jawohl, Herr Doktor. Er will sich jedoch nicht abweisen laffen. Er scheint jin großer Aufregung zu
Deutsches Reich.
Berlin, 26 September.
sein und betheuert, er müsse den Herrn Doktor sprechen."
„Ich laffe ihn bitten, zu warten", erwiderte See- { wald.
Herzog Burkhard hatte das Zwiegespräch gemerkt und blickte fragend zu Seewald hinüber. Dieser näherte sich ihm und berichtete: „Registrator Wagner hat mir, wie eS scheint eine Mittheilung zu machen, die er für wichtig hält."
„Wenn sie es nur auch für Sie ist", entgegnete der Herzog lächelnd.
„Uebrigens," fügte er mit freundlich fragendem Tone zu seiner Gemahlin gewendet hinzu, „wenn es Dir recht ist, fahren wir noch zum Schloß hinüber."
Auf die bejahende Antwart der Herzogin reichte er Seewald die Hand und sagte: „Auf Wiedersehen! Sie sind doch 'wohl ein wenig neugierig, was Wagner Ihnen noch so spät zu berichten hat."
Seewald verbeugte sich schweigend und verließ den Salon.
Wenige Minuten später trat der Registrator in sichtlicher Aufregung ein. Die sonst farblosen Wangen brannten, die matten Augen funkelten, jede Fiber zuckte und bebte an dem Manne. Sonst von übertriebener Höflichkeit, vergaß er jetzt sogar zu grüßen,
ähnliche Zustände beleuchtet, wie sie jüngst durch einen sensationellen Prozeß ausgedeckt worden sind."
Trotzdem bleibt natürlich bei den Sozialdemokraten „Religion ist Privatsache", und trotzdem bleibt nicht minder bei Herrn von Eynern Herr Mellaae der „brave Mann"!
Erfchetut täglich, 8««*- eeb gtierlegt «Sgeuoum«. — Viertel jähtticher Abonuemeutsprei« ohne Brinqerlohn und BeSrllseld i» Kulda und airt'närH 1
koste« die einspaltige *mmmd-e,l- oder deren R-mu 15 Pf, Reklamen die Petitzeile NBeiSSX“ 9
Zwischen Pflicht und Peigung.
Preisgekrönte Novelle von A. Zingeler.
(22. Fortsetzung.,)
Langsam und bedächtig, als hätten die Urkunden und Pergamente kein Jntereffe mehr fü- ihn, schichtete Seewald die einzelnen Stücke wieder aufeinander Das so kostbare Dokument jedoch legte er mit Absicht an dritter Stelle von oben.
Dann wandte er sich zu Wagner und sagte:
„Herr Registrator, mit diesem gaieitel bin ich fettig; Sie können ihn wegen meiner wieder fort» kgen. Es sind übrigens", fügte er, nach Hut und Stock greifend, nachlässig bei, „einige Leuenstetten'sche Sachen dabei. Adieu, Herr Registrator."
„Ich empfehle mich gehorsamst, Herr Dottot", «widerte Wagner und begleitete Seewald zur Thüre. Dann eilte er rasch an sein Pult zurück und mit brennendem Eifer nahm er die unterbrochene Arbeit wieder auf. Drunten auf der Straße aber schritt Seewald mit zufriedenem Lächeln dahin. Wer ihn beobachtet, hätte wohl vermuthet, es muffe ihm etwas lehr Angenehmes begegnet sein. Es war jenes glück- lche Gefühl, das gute Menschen empfinden, wenn sie «nem Anderen recht heimlich einen wichtigen Dienst, «ne gute That geleistet haben. Daß er mit der hin-
* München, 26. Sept. Vor einigen Tagen hielt der unter dem Vorsitze des Centrumsführers Dr. Daller stehende Tuntenhausener Bauernverein seine Jahresversammlung ab. In der Erwartung, daß Dr. Daller sein politisches Programm für den kommenden Landtag entwickeln werde, hatte auch die liberale Presse ihre Berichterstatter nach Tuntenhausen entsandt, s Die Erwartung wurde indessen getäuscht. Daller betonte im Gegentheil ausdrücklich, daß er es unterlasse, ein Landtags-Programm aufzustellen. Man könne keine bindenden Versprechungen machen, denn Manches, was der Einzelne ersinne, scheitere an dem Widerspruche Anderer. Redner verlangt von der Reichsregierung die
öulunft best.he in dem Gegensatz zwischen dem Un- i der Einwohner von Deutschland und Frankreich auf-
ääää sä
S ÄMWXÄ sä'"
gar keinen Grund, denselben zu fürchten. Reichstags- | zugreifen. (?)' Um den polmfchen Kampf ein- Ä9Äbi,Aei*miä
1 1 ttlevergewahlt. I Herzogtümer Schleswig-Holstein und Lauenburg zu
” — ---------------— | Dänemark gehörten. In Kopenhagen mit Vorstädten
Ausland. I wohnen ungefähr 410,000 Menschen, somit annähernd
~ ± „ nr . „ i . I 18 pCt. der ganzen Bevölkerung Dänemarks. Bon
Evre», 2«. Sept. Zum Ausfall der Gemeinde-l der Bevölkerung werden 98.5 pCt der Staatskirche raths-Wah,en bemerkt die Arbeiterzeitung':'„Daß zugezählt. Die Zahl der Katholiken ist in stetem die Liberalen auch ihre angestammten Sitze in der Wachsthum begriffen (von 800 im Jahre 1860 auf inneren Stadt und in der Leopoldstadt verlieren wer- j 6000 jetzt), beträgt jedoch noch immer blos 1.69 per den, daß auch diese letzten Vesten des Liberalismus Mille der Bevölkerung: die der Israeliten ist buaJen nicht behauptet werben können, bas kommt selbst Jenen in Abnahme (im Jahre 1860 2 63 per Mille jetzt unerwartet, dievon dem Niedergange der Liberalen die nur 1.88 per Mille.) Die Zahl der katholischen ungünstigsten Vorstellungen hatten. Diese Partei be- * cn-:-n— "" — -- - - y - -
schämt ihre Gegner; sie ist bornirter und zerrütteter, als man je geglaubt hat. Die Niederlage der liberalen Partei ist so vollständig, daß sie sich von ihr niemals erholen wird. Sie hat abgewirthschaftet; über die Demüthigung dieser geradezu skandalösen Niederlage kann sie nicht mehr hinaus. Sre erntet jetzt, waS sie an Volksverrath von den Tagen der Koalition an ge- säet hat ... . Eine Partei, die so auf's Haupt ge= schlagen ist, wie heute die liberale, kann nicht mehr
* Die Kaiserin wird der ,Nordd. Allg. Ztg.' zufolge am nächsten Dienstag in Potsdam wieder ein» treffen, um Tags darauf der Einweihung eines Hospitals in Eberswalde beizuwohnen.
* Fürst Hohenlohe soll nach einer römischen Meldung der,Pol. Korr.' in einer Depesche an Ehren- CriSpi zu dem „glänzenden" Verlauf der Revo- lutionSfefte gratulirt haben. Wir erwarten, daß Fürst Hohenlohe als deutscher Reichskanzler und _, . „ . _ . - ,
Kcttholik diese Verleumdung energisch zurüch- Afrika-Vereins deutscher Katholiken, wkisen wird. ’ ----- — -