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Donnerstag, den 26. September 1895

22. Jahrgang

mit Urrterhaltrmgs-KrLLaAe „Sterne rrud Hlrrmrn".

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4. Guartal

wolle man sofort machen, damit in der Zusendung des Blattes keine Unterbrechung eintritt.

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Zeitung' mit der illustrirten Sonntagsbeilage

beträgt pro Quartal nur 1 Mk. 50 Pfg. excl. Be­stellgeld.

Die ,Fuldaer Zeitung^ behandelt die neuesten Tagesfragen in allgemein verständlicher Weise. Die politischen Nachrichten sind kurz und übersichtlich zusammengestellt, den lokalen und provinziellen Vorkommnissen wird große Sorgfalt gewidmet, und auf ein spannendes, sittlich reines Feuilleton besonders Gewicht gelegt. Zahlreiche zuverlässige Mitarbeiter in Berlin sowie in der Provinz setzen uns in den Stand, über alle wichtigen Er­eignisse bedeutend früher zu berichten, als die anderen hiesigen Blätter. Die __________

Fuldaer Zeitung ZSS

ist unter den in Fulda wöchentlich mehrmals erscheinenden Blät­tern das weitaus gelesen st e Blatt und eignet sich deshalb auch ganz besonders als Jnsertionsorgan. Anzeigen sind von sicherer Wirksamkeit.

„ Nrobenumnrern „ _ werden an uns aufgegebene Adressen mehrere Tage kostenlos und portofrei versandt.

MM- Wir laden unsere Leser z« recht zahlreichem Abonnement ein und richten zugleich an sie die Bitte, uns in der Gewinnung neuer Abounente» durch Empfehlungin Freundeskreisen nach Kräften zu unterstützen.

Fulda, im September 1895.

Redaktion »ud Verlag der ,Fuldaer Zeitung'.

I,

Die Anträge zum sozialdemokratischen Parteitag

werden fitzt im .Vorwärts' mitgetheilt. Sie bilden einen langen, langen Waschzettel; volle zwei Seiten des sozialistischen Centsalorgans füllen sie in kleinem Druck. Tas Mauserungsbedürfniß scheint noch immer innerhalb der Sozialdemokratie sehr groß zu sein, ja man hat den Eindruck, als wenn die Lust zum Mausern — Herr Bebel hat ja dieses Wort | selbst für seine Partei in Aufnahme gebracht — noch ! ständig im Wachsen wäre. Dabei tritt denn auch die \ für die Berliner Parteileitung sehr fatale Erscheinung hervor, daß diese Mauserungsbestrebungen nach recht verschiedenen Richtungen sich bewegen.

Da ist z. B. das Schmerzenskind der Sozialdemo­kratie, der Bauernfang, um mit einem Worte

Zwischen Pflicht und Ueigung.

Preisgekrönte Novelle von A. Zingeler.

(21. Fortsetzung.)

Bald aber war sein Gemüth von einem Hauch der Zuneigung für Seewaid durchweht worden. Seewald hatte ihn nicht so sehr durch Freundlichkeit und Wohl­wollen gewonnen, als vielmehr dadurch, daß er Wagner auf manches Interessante in den von ihm durchforschten Urkunden aufmerksam machte, ein Benehmen, dem der ' Registrator anfänglich mit Mißtrauen, dann mit Er- s staunen gegenüberstand; denn, daß der Mensch von | dem, was er auf diesem Gebiete gefunden, etwas ab- f geben könne, das war ihm geradezu unbegreiflich vor- : gekommen.

„Gehorsamster Diener, Herr Doktor", wandte sich ! Wagner mit ehrerbietiger Verbeugung zu dem jungen i Gelehrten. „Hier liegen die Urkunden, welche Sie > gestern in dem uralten Kasten ausfindig machten. Ob j was drinn steckt?" fügte er mit einem funkelnden !■ Blick und mit vorgestrecktem Oberkörper hinzu.

„Wie, haben Sie sie denn noch nicht durchgesehen?" j fragte Seewald lachend.

„Nur einige! nur einige! Es sind meistentheils > lateinische, auch ganz alte. Kam nur langsam voran, ! hatte noch zu wenig Zeit. Viele schwer zu lesen. !

alles daS zu bezeichnen, was die „Genossen" von der Landagitation, dem Agrarprogramm u. s. w. wünschen und fordern. Für die Landagitation geben die Anträge eine Menge von Rezepten an, die unter einander sehr verschieden sind. Die Herren Doktoren wissen also selbst offenbar nicht recht, wie den „dummen Bauern" der Staar zu stechen ist, und verzweifeln fast vor der „Dickfelligkeit" ihrer Patienten, die sich gar nicht nach dem roihen Zuchthausstaate sehnen wollen, in dem eS nur noch Knechte, aber keine freie Bauern mehr geben wird.

Etliche Genossen sind längst schon überzeugt, daß ■ auch mit dem Satze „Religion ist Privatsache" ' bei den Bauern keine Geschäfte zu machen sind, und ! sie wiederholen daher den so oft schon in der Ver- - senkung irgend einer Programm-Kommission ver- i fchwundenen Antrag, offen und ehrlich den Kampf : gegen alle Religion ins Programm aufzunehmen. i Zweifellos werden die „Führer" auch ferner in Bres- ■ lau wieder dafür sorgen, daß dieser allzu ehrliche | Antrag verschwinde.

lieber das Agrar Programm weisen die An- - träge eine ganze Musterkarte von Wünschen und Ver- * wünschungen auf. In Nordveutschland will man von ; der ganzen Geschichte nichts mehr wissen. Je mehr i man aber nach dem Süden kommt, um so mehr möchte man auch von den Arbeiten der Agrarkommission ' und diese selbst retten. Wenigstens soll letztere er- ! halten bleiben, weiter die ländlichen Verhältnisse f studiren und demnächst mit einem neuen Entwurf ihr i Heil versuchen.

In Breslau wird man sich auf dem Parteitag jedenfalls wegen des Agrarprogramms arg in die Haare fahren. Sodann aber werden namentlich wieder ' die hohen Gehälter der Parteibeamten und i Redakteure keinen geringen Skandal absetzen. Eine j ganze Anzahl von Anträgen bezieht sich auf diesen ; wunden Punkt. Theils wird verlangt, daß Partei- ; beamte, die schon als solche 3000 Mark Gehalt und s mehr beziehen, nicht auch noch Diäten als Abgeordnete bekommen sollen; theils sollen solche Beamte — das ! zielt speziell auf den Abg. Auer, der zwei besoldete f Parteiämter bekleidet — nicht auch noch für ein zweites ' Aemtchen honorirt werden u. s. w. Andere wünschen, j daß in manchen gut bezahlten Pacteiämtern häufiger i gewechselt wird; offenbar wollen die betr. Antragsteller | auch einmal aus der Parteikrippe fressen.

Groß ist auch die Zahl der Anträge, die von der i sozialdemokratischen Reichstagsfraktion imReichstag j gestellt werden sollen. Da sind z. B. Anträge auf ] Festsetzung des gesetzlichen Achtstundentags, eines gesetz- ! liehen Minimallohus, des 1. Mai als gesetzlichen i Feiertags, auf Verbot des Ammenhaltens im Hinblick i auf die Vorzüge der sterilisirten Kuhmilch u. s. w. ' u. s. w. Dieser Ueberblick dürfte genügen, um zu zeigen, \ daß die Herren Führer ihre Noth haben werden, um ' in Breslau die obligaten einmütigen Beschlüsse zu ? erzielen. Leider haben unsere Kartellpolitiker ihnen :

i wieder durch die Andiewandmalung eines neuen Sozia- • listengesetzes trefflich vorgearbeitet; sonst würde eS ; in Breslau wohl noch ganz anders zugkhen, \ als sich jetzt erwarten läßt.

Deutsches Reich.

Berlin, 25. September.

* Der Kaiser, welcher sich in Rominten fort­dauernd des besten Wohlseins erfreut, nahm gestern Nachmittag und heute Vormittag int Jagdhaus Ro­minten den Vortrag des Chefs des Militärkabinets entgegen. — Prinz und Prinzessin Heinrich von Preußen sind gestern Nachmittag über Vlissingen nach London zum Besuch der Königin von England ge­fahren. — Die Hubertusjagd im Grünewald wird in diesem Jahre am Montag den 4. November abge­halten werden. Zur Theilnahme an derselben werden der König Albert und andere Fürstlichkeiten er­wartet. Im vorigen Jahre wurde bekanntlich die Hubertusjagd wegen des am 1. November erfolgten Ablebens des Kaisers Alexander III. von Rußland abgesagt.

* Die ,Jndtpendance' meldet gerüchtweise, der König der Belgier werde sich nach der Rückkehr von Paris nach Berlin begeben.

* Fürst Hohenlohe läßt in der ,Nordd. Allg. Ztg.' erklären, daß die Erzählung des „Figaro" von einer Unterredung seines Korrespondenten mit dem deut­schen Reichskanzler „von Anfang bis Ende erfunden" ist. — Nach der ,Post' dürfte der Reichskanzler bis in den Oktober in Alt-Aussee bleiben und die nächste Sitzung des Staatsministeriums nicht vor Mitte Oktober ftattfinben.

* Hinter dem Frhrn. v. Ha mm erst ein hat nun­mehr, wie schon telegraphisch gemeldet, unterm 23. Sept, der Untersuchungsrichter beim Landgericht I Berlin einen Steckbrief erlassen, v. Hammerstein wird danach „wegen mehrfacher schwerer Urkunden­fälschung in Verbindung mit Betrug und Untreue" verfolgt.

* Hosprediger a. T. Stöcker veröffentlicht heute in der .Deutschen Evangel. Kirchenztg.' den zweiten Artikel zur Rechtfertigung seines bekannten Briefes. Der Artikel enthält vorwiegend Betrachtungen über die offiziöse und mittelparteiliche Presse. Der Schluß des Artikels lautet:

Man hat gemeint, daß die Walder see-Bersammlung ein großer politischer Fehler war. Wenn es so war, so ist es jedenfalls nicht die Stadtmission gewesen, die ihn beging. Wenig­stens ich bin nur freundlichen Anregungen gefolgt, die ich als Leiter der Stadtmission mit Freuden begrüßen mußte. Hätte man ahnen können, daß der Prinz (Wilhelm) in so kurzer Zeit den Thron besteigen sollte, so würde man vermuthlich von Seiten des Hofes eine so bestimmte Fürsorge für das Stadt- mifsionswerk nicht begonnen haben; aber als die Beziehungen sich anknüpsten, war der Prinz noch nicht Kronprinz, und man durste annehmen, daß ihm in unserem sozialen Zeitalter bie enge Berührung mit den Verhältnissen der Großstadt und ihrerBolks- massen von höchstem Werthe sein könnte. Selbst der nachmalige

Steckt am Ende sehr Interessantes drinn. Wünschen Herr Doktor noch etwas?"

„Nein, Herr Kauzleirath", erwiderte Seewald.

Er kannte die Schwäche des Mannes, der sich so gerne bei diesem ersehnten Titel nennen hörte. Heute aber lehnte Wagner zum ersten Male die Ehre ab.

„Ach, es ist sehr gütig von Ihnen, Herr Doktor, daß Sie mir diesen Titel geben, aber ich besitze ihn nicht und werde ihn nie besitzen. Ist ja alles nichts, was ich thue, gethan habe. Weiß wohl, andere Leute haben mehr Verdienste. Ich könnte noch Vieles bei­bringen; aber man will's ja nicht. Hat ja keinen Werth."

Mißmulhig ließ der allzeit unzufriedene Registrator den Kopf hängen und schlug heftig die großen Blätter seines Journals um, daß sie laut knatterten. In diesem Augenblicke war er wieder überzeugt, daß ihm das größte Unrecht geschehe und alle Welt ihm miß- wolle, auch Doktor Seewald.

Dieser hatte auf die Klagen des sonderbaren Mannes kein Wort erwidert; nur ein halb heiteres, halb mitleidiges Lächeln umspielte seinen Mund. Dann vertiefte er sich eifrig in das Studium der vor ihm liegenden Urkunden, die er mit geübtem Auge und scharfem Verständniß durchlief. Hierdurch und in Folge des Umstandes, daß er nur einen ganz be­

= stimmten Zweck im Auge hatte, ging die Arbeit rasch von Statten und die durchgesehenen Urkunden häuften sich immer mehr.

So oft er ein neues Pergament auseinander faltete, drehte der Registrator den Kopf und schoß einen Blick - hinüber, wie ein Raubvogel auf einen sicher hinter i Fenster und Glas geschützten Hänfling. Es gab ihm - jedesmal einen Stich ins Herz, wenn er sehen mußte, wie dieser Doktor Seewald alle die Urkunden durch­stiegen konnte, während er trockene Zahlen einschreibm mußte.

Seewald fand wenig für seine Zwecke. Nur ab und zu machte er kleinere Notizen. Der Stoß vor ihm war schon bedeutend zusammengeschmolzen, und ein Blick auf die Uhr sagte ihm, daß er das ganze Material, noch heute erledigen könne.

Einen Augenblick hatte er sich ausruhend in den Stuhl zurückgelehnt und griff dann wieder zu einem neuen Dokument. Ohne besonderes Interesse faltete er das knisternde Pergament auseinander. Es war bedeutend größer, als die bisher von ihm durchgelesenen Urkunden, und die Reste mehrerer am unteren Ende hängender Schnüre von Pergament ließen erkennen, daß verschiedene Siegel an dem Dokument einstmals befestigt gewesen waren. Jetzt hingen nur noch zwei graue wächferne Siegel daran.