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Dienstag, den 24. September 1895

22. Jahrgang

uldaerMZeitiing

mit Prrlerchalkmgs-HeUage Sterne n«d Diumrn".

Prschei»t täglich, 6we» enb Feiert»^ exigenomm«. — Vierteltähttichrr AbouaemeatSvrri» »hne Bcinqerlohn und BrstrLgekd in Fulda und auSwär« 1 Mark 50 Pfennig. Inserate kosten dir einspaltige »armondzcile oder deren Raum 15 Pf., Reklame- btt Petitzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Stehet«.

Bestellungen auf die IutötrerIeitung für das am 1. Oktober d. I. beginnende

4. Guartal

wolle man nicht bis auf die letzten Tage des laufenden Monats verschieben, damit in der Zusendung des Blattes keine Unterbrechung eintritt.

Der Post-Abonnementspreis auf die ,Fuldaer Zeitung' mit der illustrirten Sonntagsbeilage

beträgt pro Quartal nur 1 Mk. 50 Pfg. excl. Be­stellgeld.

Die ,Fuldaer Zeitung^ behandelt die neuesten Tagesfragen in allgemein verständlicher Weife. Die politischen Nachrichten find kurz und übersichtlich zusammengestellt, den lokalen und provinziellen Vorkommnissen wird große Sorgfalt gewidmet, und auf ein spannendes, sittlich reines Feuilleton besonders Gewicht gelegt. Zahlreiche zuverlässige Mitarbeiter in Berlin sowie in der Provinz setzen uns in den Stand, über alle wichtigen Er­eignisse bedeutend früher zu berichten, als die anderen hiesigen Blätter. Die __________

Fuldaer Zeitung

ist unter den in Fulda wöchentlich mehrmals erscheinenden Blät­tern dasweitausgelesenste Blatt und eignet sich deshalb auch ganz besonders als Jnsertionsorgan. Anzeigen sind von sicherer Wirksamkeit.

Ära hmMttteide Mnneutm AL'S tion (Fuldaer Aktiendruckerei, Harmonie) die Postquittung zusenden, die Zeitung vom Tage der Bestellung an bis Ende September unentgeltlich und franko unter Kreuzband.

Prolrennmmern

werden an uns aufgegebene Adressen mehrere Tage kostenlos und portofrei versandt.

JV* Wir laden unsere Leser zn recht zahlreichem Abonnement ein und richten zugleich an sie die Bitte, uns i» der Gewinnung neuer Abounente» durch Empfehlung in Freundeskreisen nach Kräften zu unterstützen.

Fulda, im September 1895.

Redaktion und Verlag der ,Fuldaer Zeitung'.

§ Die Korruption und der Liberalismus.

Den Nationalliberalen, die so viel Wesens aus dem Fall Hammerstein machen, hat Herr Stöcker ganz mit Recht den Erzschwindler vom Heede und andere seines­gleichen „unter die Nase gerieben." Es dürfte sich verlohnen, einmal an einigen Beispielen zu zeigen, daß der Liberalismus überhaupt stets die Korruption, die sittliche und politisch-soziale Fäulniß im Gefolge hat, wo er herrscht, und daß also unsere Liberalen alle Ursache haben, bei sich selbst Ein- und Auskehr zu halten, bevor sie vor anderer Leute Thüren kehren.

Zwischen Pflicht und Ueigung.

Preisgekrönte Novelle von A. Zingeler.

(IS. Fortsetzung.)

„Ich bin sicher der Letzte, der schlecht von ihm denkt und spricht, wenigstens schlechter als nöthig; denn ich habe ihn lieb wegen seiner Frische, Ehrlichkeit und Offenheit. Es gibt viele Dinge, über die sich manche seiner Kameraden leichtfertig Hinwegsetzen, die er aber, Dank seiner reinen, edlen Gesinnung meidet. Ich weiß, daß er viele gute Eigenschaften hat. Aber was nützt es, mein lieber Seewald, wenn wir diese guten Eigen­schaften nicht hegen und pflegen und sie nicht vor jedem Staub und Schmutz bewahren? Unsere Seele ist wie daS Versuchsfeld eines Gärtners und der Gärtner ist hier unser eigener Willes das eigene Wollen. Eine grundfalsche Humanität hat Spitzbuben, Verführer, Spieler und Mörder als unter dem Drucke einer un­widerstehlichen seelischen Anlage handelnd hingestellt und iyre Strafwürdigkeit nach dieser der Moral wider­sprechenden Anschauung betrachtet. In uns liegt die bessere Macht, in uns das Können und Vermögen, das Unkraut niederzuhalten und nicht Uebermacht gewinnen |u lassen. Aber wir müffen wollen, ernstlich wollen. Die sittliche Kraft muß gepflegt werden wie eine Blume, eine Pflanze, und wie dtefe wird sie auch erstarken.

In Wien ist die Niederlage des Liberalismus bei den Gemeinderathswahlen in der 3. Klaffe deshalb fo vernichtend ausgefallen, weil das Volk von der tiefften Erbitterung über die von der liberalen Herr­schaft gezeitigte Korruption erfüllt war. In Ungarn ist die herrschende liberale Regierung fo korrumpirt, wie nur möglich und mehr dem Wiener Rothschild, als dem König ergeben; wer Geld hat, der hat die Macht, und vor der Macht des Geldes beugen sich selbst die Richter. Frankreich, in welchem der Liberalismus seit mehr denn zwei Jahrzehnten herrscht, kommt aus den Skandalen gar nicht mehr heraus. Am meisten Aufsehen erregte der Panamaskandal, der zahllose Politiker — Minister, Abgeordnete, Journalisten — als bestochene Söldlinge der großen Spekulanten und als Ausbeuter der „kleinen Leute" überaus drastisch vor Augen führte. Seitdem gibt es fast täglich einen neuen Skandal, ohne aber noch sonderliches Aufsehen zu erregen — die Franzosen sind an den Schmutz nun schon gewöhnt! Vor uns liegt ein liberales Blatt, die ,Nat. Ztg.', die der herrschenden Partei in Frank­reich gewiß nicht gern auf die Füße tritt, denn diese ist ja Fleisch von ihrem Fleifche, Nationalliberale bei uns und Opportunisten bei den Franzosen — das ist ganz dasselbe. Selbst dieses nationalliberale Blatt, ein gewiß unverdächtiger Zeuge, ist empört über die französische Korruption. Sie erzählt den Fall eines armen Teufels von Soldaten in Algier, der zu Tode mißhandelt wurde, worauf das Gericht seine Mörder, Offizier und Unteroffizier, — freisprach, und sie er­zählt von einem anderen armen Teufel, einem Arbeiter aus der Umgegend von Nantes, der mehrere Tage in Untersuchungshaft verbringen mußte, weil ex sich einen neuen Anzug — nicht gestohlen, nein gekauft hatte, und obwohl er sofort nachwies, daß er das Geld hier­für geerbt hatte. Und daran knüpft die ,Nat. Ztg.' folgende beißende Anmerkung:

„Während Magnier (Senator!) jenseits der spani­schen oder sonst welcher Grenze die Früchte seiner Diebstähle und groben Schwindeleien in Ruhe genießt (seine Diebsgenossen sind soeben vom Gericht freige­sprochen worden!), während Alton und Cornelius Herz nicht im mindesten inkommodirt werden, während Dutzende und aberDutzende von Betrügern, Erpressern, Hochstaplern und Gaunern jeder Art dieBänke des französischen Par­laments zieren, beweißt die Polizei ihren Eifer und ihre „Findigkeit", indem sie den ersten Besten, der ihr nicht gefällt, von der Sttaße auf greift und ihn drei Tage lang hinter Schloß und Riegel steckt, blos weil die Größe feines Portemonnaies (anscheinend) in einem Mißverhältniß zu der Qualität seines An­zuges steht!"

Und — fügen wir hinzu — alle jene hochmögen­den Bettüger, Erpresser, Hochstapler und Gauner jeder Art sind Liberale vom reinsten oder vielmehr un­reinsten Wasser! Die Ironie wird vollständig durch die Begeisterung, welche dasselbe Blatt in jeder Nummer

Was für diese Licht, Wärme, Wasser sind, das ist für jene Willenskraft, Unterdrückung des allerschädlichsten Unkrautes der Seele, der Selbstsucht. Gewiß, Fritz ist, was man sagt, ein guter Kerl, aber ein schwacher; er tritt der Versuchung nicht energisch entgegen, und weil er die Willenskraft zur Bekämpfung derselben nicht geübt, unterliegt er im entscheidenden Augenblicke."

„Und wo wird gespielt?" fragte Seewald immer noch zweifelnd. „Es ist mir unbegreiflich, daß ich nie davon hörte."

„Die Herren kennen ihre Leute, desfen dürfen Sie sicher fein. Wie ich überzeugt war, daß Sie in dieser Beziehung nicht mit Fritz denselben Weg gingen, so wissen auch die Herren vom Spiel, daß Sie nicht zu ihnen gehören. Man hält Sie und Andere einfach fern."

„Aber wäre e8 denn nicht angezeigt, die Behörde zu veranlaffen, auf diskrete Weise vorzugehen, um dem Uebel entgegen zu arbeiten?"

„Gewiß, und wenn ich wüßte, wo das Nest sich befindet, so nähme ich keinen Anstand, Sorge zu tragen, daß es zerstört würde. Aber da sehen Sie auch wieder ein Beispiel verschrobener Begriffe von Ehre. Die Herren Spieler haben sich das Wort gegeben, den Ort ihrer Zusammenkünfte vor Uneingeweihten geheim zu halten. Ihre Existenz aufs Spiel zu setzen, das eigene Glück und das ihrer Angehörigen, das hält man nicht

für das revolutionäre Jung-Jtalien zur Schau trägt. Auch hier herrscht sett einem Vierteljahrhundert unumschränkt der Liberalismus, die Loge, gerade wie in Frankreich; und genau wie in Frankreich hat der Liberalismus in Italien alle öffentlichen Verhältnisse mit dem Fäulnißgiste der Korruptton durchttänkt, die Justiz verseucht, die Abgeordneten, die Minister und die Journalisten zu Söldnern und Ausbeutern des Kapitals zugleich gemacht. Hatte Frankreich sein Panama, so hatte Italien sein Panamino, den großen Bankskandal. Und Ehren-Crispi, der Kostgänger der Banca Romana und Ehebrecher, ist italienischer Ministerpräsident und hält am 20. September die Festrede auf das „unantastbare" Rom; das ist der Mann, der es unternimmt, im Namen Jung - Italiens gegen die Proteste der katholischen Welt — zu proteftiren! Daß ein solcher „Ehrenmann" eine solche Rolle spielen kann — nichts könnte bezeichnender sein für die Ver­kommenheit als Frucht des Liberalismus.

Deutsches Reich.

Berlin, 23 September.

* Der Kaiser verblieb am Samstag Vormittag im Rominter Jagdhause und unternahm Nachmittags einen Pürschgang. Am gestrigen Sonntag Vormittag wohnte der Kaiser dem Gottesdienste in der Kapelle ju Rominten bei. Es herrschte schönes, klares, aber recht kaltes Wetter; auch war in der Nacht bereits Reif gefallen. Zum ersten Male wird in diesem Jahre die durch die Rominter Haide gelegte, die einzelnen Ober­förstereien verbindende Fernsprecheinrichtungvon dem Kaifer in Gebrauch genommen werden. Der Oberpostdirektor Rehbock aus Gumbinnen machte An­fangs dieser Woche eine Revisionsreise, um die neuen Leitungen zu prüfen. Ein im Wagen befindlicher Apparat wurde an verschiedenen Stellen inmitten des Waldes mit dem Leitungsdraht in Verbindung gebracht und auf diese Weise einzelne Stationen angerufen. Wie man hört, wird auch der Kaiser einen solchen Ver­bindungsapparat auf seinen Pürschfahrten mit sich führen, um fo von beliebigen Punkten der Leitung aus von den einzelnen Förstereien und Oberförstereien schnellstens Erkundigungen einziehen oder Befehle dort­hin ertheilen zu können. — Die Kaiserin trifft, wie aus Flensburg gemeldet wird, am morgigen Diens­tag dort ein und begibt sich nach der Besichtigung ihres dorttgen Regiments zum Besuch ihrer Mutter nach Gravenstein und sodann nach Schloß Glücksburg. Der Aufenthalt der Kaiserin ist bis Ende dieses Monats in Aussicht genommen. In den ersten Tagen des Oktober wird die Kaiserin ihren Gemahl in Rominten besuchen.

* Die Nachwahl in Pletz-Rybuik für den Reichs­tag soll am 24. Oktober stattfinden. Kandidat des Centrums ist bekanntlich Frhr. v. Huene.

* Die Mittel für die Gewährung warmen Abend- brodes für die Soldaten fallen in den Etat pro 1896/97 eingestellt werden. Wie erinnerlich, wurde die von für eine Unehre, da? ist Sport, kavaliermäßig. Wer aber fein redlich Theil dazu beitrüge, das Spiel un­möglich zu machen, der wäre vervehmt."

„Weiß Perlag'S Vater von der Sache?"

„Mein Schwager? Kein Wort. Es gäbe einen Auftritt, dem ich nicht beiwohnen möchte, selbst wenn ich meiner Reffen bitterster Feind wäre, wenn sein Vater Kenntniß davon hätte. Er ist von unerbittlicher Strenge in diesem Punkte, und lieber würde er sich von seinem Sohne lossagen, als ihm durch Geldunter­stützung auch in schwerster Bedrängniß dieser Art bei­zuspringen. Sehen Sie, das ist's auch, was mir so große Sorge macht. Wohl hat mir Fritz versprochen, nicht mehr zu spielen, aber große Hoffnung setze ich nicht auf dieses Versprechen."

„Weiß Fräulein Elise davon?"

„Ja, und sie theilt meine Sorgen. Das gute Kind, gern hätte ich ihr den Kummer erspart. Sie liebt Fritz so sehr! Ein Zufall gab ihr Kenntniß von der Ver­irrung ihres Bruders und nun leidet sie empfindlich dadurch."

„Jetzt kann ich mir auch die Zerstreuung Ihrer Fräulein Nichte vom letzten SamStag, als ich hier war, vorstellen. Sie erinnern sich, daß während meiher Anwesenheit Fritz eintrat und Sie um eine Unterredung bat. Fräulein Elise mag gefürchtet haben, das Zwie-