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Samstag, den 21. September 1895

22. Jahrgang

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Fulda, im September 1895.

Redaktion und Vertag der .Fuldaer Zeitung

tholische Kirche in Dänemark schildert Barlhold (Ge­schichte von Rügen und Pommern IV., 2., 294) mit drei Worten: „Händige Leibeigenschaft lastet wieder auf den dänischen Bauern, und die Bürger, aller Ver­tretung beraubt, seufzen unter Zwangslasten und Sol- daten-Einlagen. Der Norden war lutherisch, aber König und Adel theilten die Herrschaft, und selbst die Kinder der Prediger und Küster blieben leibeigen." Und Dänemark hatte seine Revolution im Jahre 1660 und im März 1848.

„Revolutton und Anarchismus kommen stets aus katholischen Völkern" — höre ich wieder den unwissen­den Domherrn von Leipzig sprechen. Aber sind nicht die Revolutionen in Schottland und England in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts auch bekannt? Wo die lutherische Lehre allgemein herrschend wurde, sind meist Revolutionen eingetreten, weil die Fürste« und der Adel die kleinen Leute unterdrückten und aus- saugten; „nur da — sagt Döllinger (1. c. pag. 156) — wo der Protestantismus in der Form einer Staats­kirche nicht zur Alleinherrschaft gelangte, wo vielmehr ein beträchtlicher Theil der Bevölkerung katholisch blieb, ein anderer getrennte kirchliche Genossenschaften bildete, ging aus den dadurch erzeugten Reibungen und Be­schränkungen ein größeres Maß staatsbürgerlicher Frei­heit hervor."

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auf die

für das am 1. Oktober d. I. beginnende

4. Guartal

wolle man nickt bis auf die letzten Tage des lausenden Monats verschieben, damit in der Zusendung des Blattes keine Unterbrechung eintritt.

Der Post-Abonnementspreis auf die ,Fuldaer Zeitung' mit der illustrirten Sonntagsbeilage

beträgt pro Quartal nur 1 Mk. 50 Pfg. excl. Be­stellgeld.

Die ,Fuldaer Zeitung' behandelt die neuesten Tagesfragen in allgemein verständlicher Weife. Die politischen Nachrichten sind kürz und übersichtlich zusammengestellt, den lokalen und provinziellen Vorkommnissen wird große Sorgfalt gewidmet, und auf ein spannendes, sittlich reines Feuilleton besonders Gewicht gelegt. Zahlreiche zuverlässige Mitarbeiter in Berlin sowie in der Provinz setzen uns in den Stand, über alle wichtigen Er- eignifse bedeutend früher zu berichten, als die anderen hiesigen Blätter. Die __________

Fuldaer Zeitung .............

ist unter den in Fulda wöchentlich mehrmals erscheinenden Blät­tern das w e i t a u s g e l e s e n st e Blatt und eignet sich deshalb auch ganz besonders als Jnsertionsorgan. Anzeigen sind von sicherer Wirksamkeit.

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tion (Fuldaer Aktiendruckerei, Harmonie) die Postquittung zusenden, die Zeitung vom Tage der Bestellung an bis Ende September unentgeltlich und franko unter Kreuzband.

Zwischen Michl und Neigung.

Preisgekrönte Novelle von A. Zingeler.

(17. Fortsetzung.)

5.

Das, was am meisten verbreitet ist in der Welt, ist — Wohlwollen, einfaches Gut- * meinen, die Lust und Freude, daß der

Andere gedeihe, ihm etwas gelinge.

Mehrere Tage waren seit der Unterredung See­walds mit Hoftath Salmann, die die für Beide so überraschende Entdeckung herbeigeführt hatte, verflossen. Seewald wußte, daß Salmann mit fast väterlicher Liebe an seinem ehemaligen Zöglinge, dem Herzoge Burkhard hing und daß er jedes Unrecht, jedes Ver­fehlen gegen diesen weit unnachsichtlicher beurtheilte, als ihm selbst zugefügte Unbilden. Trotzdem aber konnte er er mit dem wohlwollenden Charakter des alten Herrn nicht vereinbaren, daß dieser seine Ent­deckung dem Herzoge mittheilen würde. Jedenfalls war eS bis zu dem heutigen Tage nicht geschehen, denn in dem Benehmen Herzog Burkhards zeigte sich auch nicht die geringste Veränderung gegen den Er­zieher feiner Söhne.

Seewald saß auf seinem Zimmer, mit einer wissen­schaftlichen Arbeit beschäftigt, die er in Lenzburg be­gonnen und mit Hilfe der ausgezeichneten herzogliche« Bibliothek, welche hervorragende literarische Schätze enthielt, die zum Theil noch ungedruckt waren, tüchtig förderte. Plötzlich vernahm er auf dem Korridor dm ihm wohlbekannten Schritt des Herzog« und noch bevor er sich erhoben hatte, klopfte eS, und Herzog Burkhard trat ein. ,

„Ich überfalle Sie in Ihrem Heim, lieber See­wald und habe sogar ein Attmtat auf Ihre Zeit im Schilde. Lasten Sie die Bücher und die Feder ruhen und begleiten Sie mich. Die Herzogin will mit Eber­hard und Ludwig eine Ausfahrt unternehmen. Machm wir unterdessen einen Spaziergang."

ES war nicht selten, daß Herzog Burkhard den Erzieher seiner Söhne in dieser Weise aufsuchte und zu gemeinsamem AuSgange einlud. Wiewohl Seewald noch immer die Möglichkeit nicht ganz auszuschließen vermochte, Salmann würde gesprochen haben, so fand er dennoch in der Aufforderung des Herzogs keium Grund, Argwohn zu schöpfen.

Dix beiden Männer hatten die alten Stadtthore durchschritten, allüberall von den ihnen Begegnenden in ehrerbietiger Weise gegrüßt. Seewald war schon seit länger überzeugt, daß Herzog Burkhard sich einer nicht gewöhnlichen Beliebtheit erfreute, die noch weit herzlicher und inniger war, als jene, welche man dem regierenden Herrn entgegenbrachte. In Herzog Eber­hard ehrte man den Gebieter und zollte ihm die schuldige Achtung und Verehrung, wo immer es ge­boten war, gerne und ungezwungen, dem herzoglichen Reffm jedoch brachte man sie freudig entgegen. Und

erfAriit Hatith grrm web feierte* ettSaenontmex. — Vierteljährlicher Abon-ementSvrei« eh«e «ringerloh» mtb BeltellyeS, m Fulda uwb auswärts l «»rk 50 Pfennig. Jnferate koste» dir einspaltige Aarmondzeile oder deren Raum 15 Pf., Reklame» die Petitzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender SMatt.

Naivetät, die bewunderungswürdig ist, wird von der neuesten Encyklika gesagt, daß Rom die Throne stütze, während die Revolution und der Anarchismus stets aus den katholischen Völkern kommt. Der Katholik ist nicht zur Freiheit erzogen, er kann sie nicht brauchen, nur mißbrauchen. Gerade die katholischen Länder leiben an den Zuckungen der Revolutton. In Ordnung sind nur die protestantischen Staaten (versteht sich und wie!). Und da will man unS einladen, hinüberzugehen? Ich gehe nicht mit!" (Huh!)

Es wäre doch bald an der Zeit, sagt treffend dazu die ,Augsburger Postztg.', daß man in unseren so ernsten und deS Heiteren so stark ermangelnden Tagen für jene Menschenfreunde, welche durch unfreiwillige Komik und Geschwätz für die nöthige Aufheiterung sor­gen, die Einrichtung von Diplomen oder Prämien träfe; der Herr Kirchenrath bekäme für seine obige Leistung eine hohe Auszeichnung. Doch Scherz bei Seite; der oben schon citirte Protestant Monod wirft in dem an- gezogenen Artikel die Frage auf, ob das Papstthum nicht vielleicht die einzige Autorität sei, fähig, die soziale Frage zu lösen, der Fluth von Entsittlichung, die dem Cynismus der modernen Literatur und Presse entspringt, einen Damm entgegenzusetzen und die mate­rialistische Wissenschaft durch erneute Betonung und Wiederbelebung der christlichen Wahrheit zu besiegen; Monod ist geneigt, diese Frage zu bejahen. Freilich setzt das voraus, daß man der Kirche volle Freiheit läßt. Wo sie aber geknechtet und geknebelt ist von einer verblendeten Staatsgewalt, wo ihr Einfluß zurückge­drängt, ja zu vernichten gesucht wird: ist da die Kirche schuld am Ausbruche der Revoluttonen? Wenn die Kirche verhöhnt und verfolgt wird, wenn die neuheid- nifchen Staaten abfallen von der Kirche und dann von Revoluttonen heimgefucht werden, liegt da nicht der Schluß nahe: der Abfall von der Kirche hat im wei­teren Gefolge die Revolution?

Als Vorsitzender des Centtal-VorstandeS des Gustav- Adolf - Vereins sollte der Herr Kirchenrath doch ein bischen informirt sein in der Geschichte Schwedens. In Schweden hatte Gustav Wasa die lutherische Kon­fession eingeführt und durch Beraubung der reichen Kirche ein starkes Königthurn und Reich gegründet. Die Wirkungen der ReligionS-Neuerung in Schweden mag der Herr Kirchenrath und Jeder, der. sich dafür inter- essirt, nachlesen bei dem klassischen Geschichtsschreiber Schwedens, Geijer, im zweiten Bande.

Die erste Wirkung war, daß die eigene Theilnahme der Gemeinde an den kirchlichen Angelegenheiten in demselben Grade, wie sich die Fürstenmacht befestigte, suspendirt wurde; die zweite Wirkung war ein neues Staatsrecht; Gustav erklärte das Gemeindegut der Dörfer, bald auch die Flüsse, Wasserwerke und Erz­gebiete, endlich sogar alle unbebauten Gründe für Eigenthum der Krone; damit war, wie Geijer sagt, eine für den Rechtsbesitz der Einzelnen gefährliche Willkür den Königen in die Hand gegeben. „Als dritte Folge der Reformation, sagt Döllinger (Kirche und Kirchen ic. pag. 103), trat jene Verrückung des natürlichen Verhältnisses der Stände, jene Disharmonie in der staatlichen Ordnung ein, welche der Geschichte Schwedens seit 300 Jahren ihren wechselvollen Cha­rakter gegeben, eine Reihe von Umwälzungen erzeugt hat, wie sie bis 1789 in keinem europäischen Staate vorgekommen, und als hervorragende nationale Eigen­schaften Rachsucht, Parteiung, Jnttigue, meuterisches Wesen, Bestechlichkeit und Leichffinn erscheinen läßt. Drei ihrer Könige haben die Schweden ermordet: Erich XIV., Kaki XII. und Gustav III., zwei sind abgesetzt worden: Sigismund und Gustav IV., und endlich haben sie ihre einheimische, angestammte Dynastie und ihr Land und ihre Krone an einen fremden Offi­zier, einen Napoleonischen General, verschenkt oder verkauft."

„Revolution und Anarchismus kommen stets aus katholischen Völkern" — behauptet trotzdem ein pro­testantischer Kirchenrath, Domherr und Doktor, von dem man keine solch krasse Unwissenheit erwarten sollte. Ein weiteres Exempel, um den famosen Satz des be­treffenden Herrn Lügen zu sttafen: In Dänemark hat die lutherische Lehre, so vollständig als es nur immer gewünscht werden konnte, gesiegt; ihr Einfluß, ihre Kraft ist weder durch Sektenwesen, noch durch Reste der alten Religion gestört oder gelähmt worden. Die socialpolitischen Folgen des Sieges über die ka­

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mit Unterhaltungs-Keitas« Sterne nab Klnmrn"

* Ist der Katholizismus revolutionär?

Je öfter die Unwahrheit ausgesprochen wird, desto öfter muß man die Wahrheit betonen. Bei Gelegen­heit der letzten General-Versammlung des Gustav- Adolf-Verens in Hannover sagte der Vorsitzende des Central-Vorstandes, Geh. Kirchenrath Domherr Prof. Dr. Fricke aus Leipzig, u. A.: „Der Katholizismus ist ein großer AnackroniSmus." Der Herr Kirchen­rath darf sich bald pensioniren laffen, denn er steht nicht mehr aus der Höhe der Zeit, er hat sich über­lebt, er gehört zu den Anachronismen. Das möge er sich gesagt sein lassen von seinem Glaubensgenos­sen, dem französischen Gelehrten Gabriel Monod, der sich kürzlich in einem längeren Artikel der ,Revue hiatorique1 also vernehmen ließ: „Eines der demer- kenswerrheften Zeichen unserer Zeit ist es, zu sehen, wie diese Institution (die katholische Kirche), deren Existenz man noch vor wenigen Jahren geneigt war, als einen Anachronismus zu bezeichnen, als das Ueber- bleibsel aus einem verflossenen Zeitalter — wie sie nun plötzlich von neuem kräftigem Leben durch­strömt wird und zu großartiger VolkSthümlich- keit gelangt, wie sie den Glanz der Jugendfr ische und Hoffnung vereinigt mit der Würde ehrfurcht­gebietenden Alters und der ruhmreichen Erinnerung vergangener Jahrhunderte." Die Bundesbrille läßt den Herrn Kirchenrath nicht klar und deutlich sehen, sie färbt etwas. Interessant ist auch die Begründung, womit in derselben Rede der Leipziger Domherr die Reunions-Bestrebungen Leo's XIII. zurück­weist; die Evangelischen wollen sich mit dem Papste nicht vereinigen, weil — man höre und staune — weil der Katholizismus revolutionär ist. „Das ganze römische System, so meint der Herr Kirchenrath, ist durch und durch unwahr. Mit einer