M 218
Samstag, den 21. September 1895
22. Zatzrgang
FutdlitrWZkitiiiil;
mit Unterhaltungs-Kettage .Lterne und Klnmrn".
ttalich 6*w ■* Rtteriee« «igenommee. — Vierteljährlicher Abon»eme»tspr»i« «h«e Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda und anSwär« 1 Mnrk SO Pfennig. Jnsernt« koste« die emfvaltig« Sarmondzeile oder deren Raum 15 Pf., Reklame« dir Petitzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Ä*ett.
Erstes Blatt.
Vm 15. September ab
nehmen alle Postanstalten Bestellungen auf die .Fuldaer Zeitung' für das vierte Vierteljahr 1895 an.
Neu hinzutretende Bezieher erhalten gegen Einsendung der Postquittung für das vierte Vierteljahr 1895 die .Fuldaer Zeitung' bis
Ende September kostenfrei
übermittelt.
* In Sachen des Bonifatiusvereins.
Das Augustheft des .BonifatiuSblatteS' veröffentlicht „Nachweise über die Einnahme und Ausgabe des Bonifatiusvereins für das Jahr 1894." Die Gesammt- einnahme beträgt 1,617,262 M. 77 Pfg., mit dem Kassenbestand aus dem Vorjahre 2,343,902 M. 38 Pfg- Es befinden sich darunter Schenkungen mit Zinsenvorbehalt auf Lebenszeit in Höhe von 390,626 M. 30 Pfg. Die Ausgaben betragen 1,531,517 M 17 Pfg. Es bleibt also ein Bestand von 812,385 M. 21 Pfg.
Die Einnahme ist in hohem Grade erfreulich, aber immer noch nicht hinreichend für die vielen und großen Bedürfnisse. Um so mehr ist es zu bedauern, daß gewisse Posten noch immer auf dem Etat des Bonisatius- Vereins stehen, für deren Zwecke entweder ganz oder zum Theil die erforderlichen Beträge von anderer Seite gezahlt werden sollten.
Zu diesen Posten gehören in erster Linie die Ausgaben für die Schulen. Es ist ja an vielen Orten in den letzten Jahren gelungen, die politischen Gemeinden dahin zu bringen, daß sie die Kosten der katholischen Schulen auf ihren Etat übernommen haben; aber die Zahl der Orte, an denen der Bonifatiusver- ein „für den Lehrer" oder „für die Schule" zahlt, ist noch immer sehr groß. Daß es im Allgemeinen sehr schwer ist, die protestantischen Gemeinden zur Ueber- nahme der katholischen Schulen zu bestimmen, ist nicht zu verkennen; nichtsdestoweniger muß verlangt werden, daß die Geistlichen und andere geeignete Persönlichkeiten an den betreffenden Orten ihre Bemühungen fortsetzen und keinen Weg unversucht lassen, das Ziel zu erreichen, das doch endlich erreicht werden muß. Leichter zu erreichen ist die Einrichtung eines bloßen katholischen Religionsunterrichts, die nach der Bestimmung des Kultusministers schon stattfinden soll, wenn die Zahl der katholischen Kinder zwölf bettägt. Und doch muß nach Ausweis des vorliegenden Rechenschaftsberichtes der Bonifatiusverein an so vielen Orten „für Ertheilung des Religionsunterrichtes" eine im Ganzen recht erhebliche Summe zahlen, z. B. in der Diözese Paderborn für Cochstadt 150 M., für Oebisfelde 300 M., für Wernigerode 120 M , für Tangermünde 1450 M., zugleich für Abhaltung des Gottesdienstes in der Diözese Hildesheim für Obheim 150 M., in der Diözese Fulda für Melsungen 205 M, für Sannerz 50 M., in der Dwzese Limburg für Espa 200 M., für Westerburg 40 M„ in der Diözese Kulm für Leip - Keresdorf 242 Mark, für Parntz 150 M. u. s. w.
Zu den Ausgaben, von denen wir den Etat des Bonifatiusvereins möglichst bald entlastet sehen möchte, gehören an zweiter Stelle die Reisekosten für Abhaltung des Gottesdienstes, für P ast oratio n an Orten, die von dem Wohnsitz des Geistlichen entfernt find. Wie vor längerer Zeit mitgetheilt worden ist, werden den protestantischen Konsistorien in den einzelnen Provinzen von dem Kultusminister Mittel zur Verfügung gestellt zur Entschädigung für solche protestanttsche Geistliche, welche zu den Zwecken der Seelsorge weitere Reisen machen müßten. Wir können hinzufügen, daß aus Staatsmitteln für die Provinz Brandenburg — ob auch für andere Provinzen, können wir nicht sagen — auch zwei protestanttsche Provinzialvikare mit zusammen 2700 Mark besoldet wurden, die, je nachdem sie geschickt werden, in der Seelsorge thätig sind. Es dürste demnach unzweifelhaft sein, daß der Minister auch den katholischen Kirchenbehörden Reisefonds zur Verfügung stellen wird zur Entschädigung für solche Geistliche, welche zur Abhaltung des Gottesdienstes oder zu anderen Zwecken der Seelsorge Auswendungen zu machen haben. Aber eS bedarf dazu
eines Antrages. Ohne Antrag gibt der preußische Staat wenigstens uns Katholiken nichts.
An dritter Stelle wünschen wir den Bonifatiusverein dadurch entlastet zu sehen, daß die Staatskasse Mittel gewährt zur Gründung und zur Unterhaltung von katholischen Kirchengemeinden für solche Katholiken, die unter Protestanten zerstreut wohnen.
Der preußische Staat hat seit etwa sechs Jahren besonders in den polnischen Landestheilen eine große Anzahl von protestantischen Kirchengemeinden ins Leben gerufen. Er kann den Katholiken nicht verweigern, was er den Protestanten gewährt, und, wie wiederholt vom Regierungsttsche aus im Abgeordnetenhause erklärt worden ist, will er es auch nicht. Aber, es müssen Anträge gestellt werden, Anträge auf Gewährung staatlicher MittA zur Errichtung katholischer Kirchensysteme in den katholischen Landestheilen. So lange das von unserer Seite nicht geschieht, bekommen wir nichts.
Anträge in Betreff der Schulen hat der betreffende Pfarrer zu stellen, Anträge aus Bewilligung von Reisefonds und auf Gewährung von Mitteln zur Errichtung von Kirchensystemen die betteffende Kirchenbehörde.
Deutsches Reich.
Berlin, 20. September.
* Der Kaiser hat am Donnerstag Abend seine Jagdreise nach Rominten angetreten. In seinem Gefolge befinden sich zweiEulenburge, derOber- hofmarschall dieses Namens und sein Bruder, der musikalische Wiener Botschafter Graf Philipp Eulenburg. Fürst Hohenlohe dagegen fuhr am Freitag Abend wieder nach Alt-Ansfee, von wo er, sobald seine Minister-Kollegen wieder alle in Berlin versammelt sind, hierher zurückzukehren gebenft. |
* Die Beurlaubung des Prinzen Heinrich unmittelbar nach seiner Ernennung zum Kontre-Admiral hat in der Presse zu allerlei Kombinationen Anlaß gegeben, insbesondere wurde in einem Berliner Blatte behauptet, die Beurlaubung sei auf gewisse Mißstimmungen zurückzuführen. Diese Meldung ist, wie der offiziöse ,Hamb. Korr.' schreibt, „für alle diejenigen unglaubhaft, welche Kenntniß davon haben, in wie herzlicher und anerkennender Weise der Kaiser die Beförderung des Prinzen den Betheiligten mitgetheilt hat."
* Von einer Reise des Reichskanzlers nach Italien zum Besuch König Humbert's und des Ministerpräsidenten CriSpi wurde jüngst in italienischen Blättern gesprochen. Der ,Hamb. Korresp.' sieht in dieser Meldung einen Wunsch gewisser italienischer Kreise, welche Angesichts der Jschl-Ausseeer Besuche und deS intimen Verkehrs deS Kaisers Franz Joseph mit dem Kaiser Wilhelm das ohne Zweifel unberechtigte Gefühl einer Zurücksetzung des italienischen Bundesgenossen nicht unterdrücken könnten. Das Blatt bemerkt dazu: „Eine persönliche Vorstellung des deutschen Reichskanzlers am italienischen Hofe ist bei wichtigeren Anläsien selbstverständlich nicht ausgeschlossen. Sie ist aber nicht die Regel, wie schon daraus hervorgeht, daß seiner Zeit Graf Caprivi bei seiner Ernennung zum Reichskanzler schriftliche Mittheilungen an den damaligen italienischen Minister deS AuSwärttgen, Marquis di Rudini, und an den österreichischen Minister Kalnoky gerichtet hat." — ES könnte Herrn Crispi wohl sehr paffen, wenn in den FesteStaumel, den gegenwärtig daS offizielle Italien zur Feier der Beraubung deS hl. Stuhles vollführt, auch der deutsche Reichskanzler erschiene; daraus wird aber nichts.
* lieber die Aufgaben des nächsten Reichstages schreiben die ,Berl. Pol. Nachr.': „Je näher die Zeit heranrückt, in welcher der BundeSrath wieder seine Sitzungen aufnehmen wird, um so häufiger werden die Kombinattonen über den Kreis der Aufgaben, deren Lösung dem Reichstage in der nächsten Tagung obliegen wird. Zunächst darf festgestellt werden, daß bisher noch bezüglich keiner Vorlage dieend- giltige Entscheidung darüber, ob sie in der nächsten Session dem Reichstage vorgelegt werden soll oder nicht, getroffen ist. Diese Entscheidung liegt in der Hand des BundeSraths, der erst wieder Ende des laufenden MonatS oder im Anfang des nächsten zusammentritt. Wahrscheinlich ist jedoch zunächst, daß diejenigen Gesetzentwürfe, welche vom Reichstage in
der vorigen Session nicht erledigt wurden, für die aber die damaligen Verhandlungen eine Mehrheit im Reichstage als sicher annehmen ließen, wieder vorgelegt werden. Hierzu würde namentlich die Gewerbeordnungs-Novelle gehören, bereit Hauptpunkt bie Umgestaltung bes Titels III ber Gewerbeordnung über den Gewerbebetrieb im Umherziehen ist. Sodann ist höchst wahrscheinlich, daß diejenigen Entwürfe, deren Vorlegung nur durch den früheren Schluß der vorigen Session verhindert wurde, nunmehr eingebracht werden. Zu dieser Kategorie zählen die Entwürfe zur Bekämpfung des unlauteren Wettbewerbs und der Börsengesetzentwurf. Beide haben bereit- einer Berathung im Bundesrathe unterlegen, und er ist anzunehmen, daß sie nunmehr keine allzu umfassen- den Vorarbeiten mehr nöthig machen werden. Etwas weniger sicher ist die Vorlegung schon in der nächsten Session bei derNovelle zu den Unfallversicherungsgesetzen. Diese ist gleichfalls schon seit längerer Zeit int Bundesrathe, ebenso wie der Entwurf zur Erweiterung der Unfallversicherung und die Novelle zum Jnvaliditäts- und Altersversicherungsgesetz. Jedoch berechtigen äußere Anzeichen zu der Annahme, daß man mit dem Vorgehen auf dem Versicherungsgebiete einstweilen noch warten dürste, um so mehr, als die industriellen sowohl wie die landwirthschastlichen Arbeitgeber, welche doch in erster Reihe an der Verwaltung dieser Versicherungszweige betheiligt sind, allgemein bett Wunsch nach einer einstweiligen Vertagung biefer Reformgesetzgebung ausgesprochen haben. Dagegen bürste alles daran gesetzt werben, eS zu ermöglichen, baß baß Bürgerliche Gesetzbuch uttb bie mit ihm zusammenhängenben Vorlagen zu ben in Aussicht genommenen Terminen ben gesetzgebenden Körperschaften des Reiches unterbreitet werden.' Danach würde also das Bürgerliche Gesetzbuch selbst in nächster Zeit schon an den BundeS- rath gelangen, so daß vielleicht in den ersten Monaten deS nächsten Jahres der Reichstag in die Lage gesetzt werden könnte, sich mit demselben zu beschäfttgen."
* Eine neue Tabakfabrikatsteuervorlage nur für die besseren Sorten von Cigarren (über 6 Pfg.) und dafür mit entsprechend höherer Besteuerung der impor- tirten Tabake wird, so erklärt die ,Post' int Gegensatz zu den ,Berl. Pol. Nachr.', bereits im Reichsschatzamt ausgearbeitet. Also doch! Auf eine Bestätigung möchten wir immerhin einstweilen warten.
* Die ,Nordd. Allg Ztg.' vertheidigt nochmal- die Leiter und Räthe des Reichsamts des Innern gegen den Vorwurf seiudlicher Gesinnung gegen das Handwerk, und bestreitet unter Berufung auf daS offizielle, von 2 Delegirten des Vorstandes deS Central- auSschuffeS der deutschen JnnungSverbände ausdrücklich „als in jeder Hinsicht korrekt" anerkannte Protokoll über die Handwerkerkonferenz von 1891, daß ber Unterstaatssekretär v. Rottenburg erklärt habe, die Handwerker möchten immerhin Sozialdemokraten werden. Sie wendet sich besonders gegen die Illg. D. Handwerkerzeitung', die trotz der früheren Artikel der ,R. A. Z.' die Angriffe gegen die Regierung „in demselben ungezogenen Tone" fortsetze, und gegen den Handwerksmeister Möller-Dortmund, der die Richtigkeit des Protokolls angezweifelt hat. Zum Schluß sührt sie aus, eS liege im eigensten Interesse des ehrbaren Handwerks, eine abwehrende Stellung gegen ein Organ zu nehmen, welches die Sache der Handwerker in leichtfertigster Weise vertrete. Das eigenste Interesse der Handwerker erfordere, daß Leute, welche ihre Sache in der Weise deS Herrn Möller-Dortmund und der Skribenten der Illg. D. Handwerkerzeitung' vertreten, ausgeschieden würden. „Im Reichsamt deS Innern wird der Handwerkerstand sicherlich richtiger und darum höher eingeschätzt, als jene Herren er thun. Dort hält man den Handwerkerstand nicht für ein vaterlandsloses Gesindel, welches um eines vermeintlichen materiellen Vortheils mit Jedermann zu pakttren bereit ist, und daher thäten auch die JnnungS- meister gut daran, zu der Regierung Zutrauen zu haben, und zwar zum mindesten ungeschickten Vertretern deS korporirten Handwerks den Laufpaß zu ertheilen. Unseres Erachtens ist daS die nothwendige Vorbedingung, um zu einem Verständniß zu gelangen."
* Eine starke selbstständige konservative Partei wird, so schreibt die ,Nordd. Allg. Ztg.', auch von der Regierung für erwünscht erachtet.