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Freitag, den 20. September 1895
22. Jahrgang
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ist genommen worden. Doch nicht blos ein
Zwischen Pfiicht und Neigung.
Preisgekrönte Novelle von A. Zingeler.
(16 Fortsetzung.)
Der Hofrath war aufgestanden und einige Male fchweigend durch den Raum geschritten, den die zahlreichen Alter thümer für freie Bewegung noch übrig gelassen. Er schien mit sich zu kämpfen, ob er Seewald eine Mittheilung machen sollte oder nicht Da sie aber einen Anderen, nicht ihn selbst, seinen Neffen betraf, so konnte er es noch nicht über sich gewinnen, Seewald zu seinem Vertrauten zu machen, so sehr er sich auch zu seinem weit jüngeren Freunde hingezogen silhlte.
„Quält Sie noch immer die Sorge, eS könnte Ihnen Jemand Ihren Assistenten rauben?" fragte Seewald scherzend.
„An sie dachte ich in diesem Augenblicke nicht. Sie scheinen mich übrigens wegen meiner Eigenliebe in dieser Beziehung necken zu wollen?"
„Ja, das war meine Absicht. Ich glaube, wenn Sie der Vater von Fräulein Elise wären, Sie wiesen Jedem, der Ihre Tochter heimführen wollte, die Thüre."
„Wenn Elise meine Tochter wäre?" sagte der alte Herr halb zu sich selbst gewandt. „Mir war eS nicht beschieden, selbst Kinder mein eigen zu nennen. Einst
Zum 20. September.
Heute vor 25 Jahren nahmen die italienischen Truppen die Stadt Rom ein und machten damit der weltlichen Herrschaft des Papstes einEnde. Wir glauben, die Bedeutung diefes Tages unseren Lesern dadurch am besten vor Augen zu führen, daß wir den Hirtenbrief zum Abdruck bringen, den der Hochw. Herr Bischof von Münster aus Anlaß dieser Tages erlassen hat. Dieser Hirtenbrief ist datirt vom Gnadenorte Kevelaer, 31. August, und lautet:
Am 20. September d. I. werden fünfundzwanzig Jahre verflossen sein, seitdem die ewige Stadt ihrem rechtmäßigen Herrn durch schmachvollen Ueberfall von jener Revolution entrissen wurde, die dem hl. apostolischen Stuhle schon früher jene Landes- theile geraubt, die er Jahrhunderte lang in Besitz gehabt, und deren der Papst zur freien und würdigen Regierung der auf der ganzen Welt verbreiteten katholischen Kirche bedarf. Bei der fünfundzwanzigjährigen Wiederkehr jenes Tages schicken sich nun die Feinde des Papstthums und der Kirche in Italien an, jenen traurigen Raub durch besondere Feste zu feiern. Gegenüber solcher Schmach, geliebte Diözesanen! die unserem beraubten hl. Vater werden soll, und mit ihm auch uns und allen treuen Katholiken, muß heilige Entrüstung unser Herz erfüllen und bewegen. Darum legen wir im Namen des Rechtes und der Gerechtigkeit, im Namen Aller, denen Raub ein Frevel — und das Eigenthum geheiligt ist, Einspruch ein gegen tue Beraubung des rechtmäßigsten aller Monarchen der Welt, unseres hl. Vaters. Wir erklären es für eine Schmach und Schande, jenen Raub feiern und den Tag der Einnahme Rom's als Fest begehen zu wollen. Wir erhoffen es von Allen, denen Gott der Herr dazu Macht und Stellung gegeben, daß durch ihre Vermittlung dem römischen Papste zurückerstattet werde, was ihm widerrechtlich
Anlaß zu solchem Einspruch soll dieser Jahrestag uns sein: er kann und soll uns auch eine Quelle der Erbarmung und trostreicher Erhebung werden. Gott der Herr hat einst dem Volke Israel aus rauhem Felsen süßen Honig verheißen und heilendes Oel aus hartem Kiesel. Er kann auch die Anschläge der Bosheit für sein gläubiges Volk zu einer Quelle der Erbauung und des Trostes werden laffen. Die Verfolgung unserer hl. Kirche, deren Jubelfeier mau jetzt begehen will, ist nicht die erste gewesen. Schauen wir nur rückwärts durch die Jahrhunderte: eine Verfolgung, eine Bedrängung recht sich an die andere. Und das darf uns wahrlich nicht Wunder nehmen. Christus der Herr kam als das Licht in die Fiusteruiß dieser Welt. Die Finsterniß aber hasset das Licht. Und dieser Haß des Reiches der Finsterniß muß sich vererben wider die Anstalt, in der Christus aus Erden fortlebt — wider seine hl. Kirche. Dieser Haß mußte sich ganz besonders richten gegen das Fundament, aus welchem diese Kirche ruht, gegen den Schlußstein, der diesen Bau zusammenhält, gegen das Haupt, welches die Glieder dieses Leibes lenkt und zu einem lebendigen Ganzen verbindet, gegen den hl. Petrus und seine Nachfolger, die römischen Päpste. Zu allen Zeiten sind sie von den höllischen Mächten mit dem grimmigsten Haffe verfolgt worden, mit Lüge und Arglist, mit Schmeichelei und Verleumdung, mit roher Gewalt und Bedrückung. Ein Blick über die christlichen Jahrhunderte genügt, um das zu zeigen. Aber er genügt auch, um zu zeigen, wie glänzend stets sich das Wort deS Heilandes bewährt hat: „Die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen," um zu zeigen, daß feine List und Luge der Hölle, daß nicht Schimpf und Verleumdung, nicht blutige Verfolgung und Unterdrückung das Papst- thum zu vernichten im Stande waren. Wie einst der Racheengel mit erhobenem Richtschwert schützend hinter dem hl. Papste Leo dem Großen stand und den Hunnenköuig Attila zur Umkehr trieb, so stand in allen Jahrhunderten der Engel Gottes hinter dem Nachfolger Petri und rief den Verfolgern das Drohwort entgegen : „A^meinen Gesalbten lege nicht deine Hand." (Pf. 104,15.)
Engels sich bewahrheitet hat: „An meinen Gesalbten lege nicht Deine Hand." Auch in Zukunft — deß dürsen wir unzweifelhaft gewiß fein — auch in Zukunft wird cs fo sein. Keine Revolu- tion, keine Kanonen und Kriegsschiffe im Eisenpanzer, keine Gewalt der Welt wird das Papstthum je zu vernichten im Stande sein. Was der Schooß der Zukunft birgt — wer mag es sagen? Ob die Propheten Recht bekommen, die da verkünden, daß Gesittung und Bildung von dem morsch gewordenen Europa sich demnächst wegwenden werden zu einem jugendfrischen Erdtheil, und daß dereinst Reisende aus fernen Landen in den Ruinen unserer großen Städte forschen und graben werden, wie jetzt unsere Gelehrten es in den Trümmern von Babylon und Ninive thun — wer kann es wissen? Eines aber wissen wir, und dies Eine halten wir Alle fest mit unerschütterlichem, felsenfesten Vertrauen : wie viele Fürstengeschlechter noch verschwinden, wie viele Throne noch zusammenstürzeu ober neu gegründet werden, der Stuhl Petri wird immer fest und unerschüttert stehen, und der letzte Papst wird seine Schlüssel nur dem zurückgeben, von dem der erste sie empfing, unserem Herrn JesuS Christus, wenn er erscheint mit großer Macht und Herrlichkeit — am jüngsten Tage.
Geliebte Diözesanen! Wie glücklich dürfen wir uns preisen, daß wir ohne unser Verdienst durch Gottes erbarmende Gnade in dieses feste schirmende Haus berufen sind, das Er auf Felsen gebaut hat. Die Regengüsse des Spottes und der Verlästerung mögen gegen dasselbe niederrauschen, die Stürme des Hasses und der Verfolgung mögen es umtoben, es stürzt nicht, es wankt nicht, cs ist auf Felfen gebaut. Wie glücklich dürfen wir uns Preisen, daß wir in dieses reiche HauS ausgenommen sind, in welchem das Licht der seligmachenden Wahrheit leuchtet, die GotteS Sohn vom Himmel gebracht hat, in welchem der reiche Quell der Gnade sprudelt, aus dem die Kinder des HaufeS, die Kinder der katholischen Kirche mit den 7 goldenen Schalen der Sakramente schöpfen können zur Reinigung und Heiligung, zur Stärkung und Erquickung ihrer Seelen.
Lasset uns denn auch, vielgeliebte Diözesanen, recht dankbar sein für das unschätzbare, unverdiente Glück, Kinder der kathol. Kirche zu sein. Mögen wir als treue Kinder unserer Kirche und unseres hl. Vaters uns allezeit und in allen Stücken bewähren. Die erste Pflicht deS braven Kindes ist, daß es für den bedrängten Vater bete: erfüllt diese Kiudespflicht gegen den bedrängten Vater der Christenhett. Als PetruS im Kerker lag, da betete ohne Unterlaß die Kirche für ihn zu Gott. (Apostelg. 12, 5.) Petras quidem servabatur in carcere: auch unfer hl. Vater, Papst Leo £in., wird in feinem eigenen Hause wie in einem Kerker gefangen gehalten, und auch für ihn steigen in allen Ländern — namentlich im bevorstehenden Oktober-Mouat wieder — aus Millionen von Herzen Gebete zu Gott empor. Betheiligt euch, geliebte Diözesanen, mit neuem Eifer und mit verdoppelter Inbrunst an den Rosenkrauz-Andachteu, welche der hl. Vater für diesen Monat angeordnet hat; und wenn die Umstände euch daS nicht gestatten, dann betet zu Hause in euren Familien gemeinsam den Rosenkranz nach der Meinung des Papstes. Flehet unablässig zur Mutter der Barmherzigkeit, damit sie durch ihre mächtige Fürbitte den harten Bedrängnissen der Kirche und ihres Oberhauptes gnädig ein Ziel setze; lasset vor Allem auch die unschuldigen Kleinen mitbeten, damit das Gebet der Unschuld durch die Wolken dringe und Hflfe bringe.
Zum Schluffe gibt der Hochw. Herr Bischof dann noch Anordnungen zur Ausführung des bekannten, auf der Bischofs-Konferenz in Fulda beschlossenen Erlasses des preußischen Episkopates für Sonntag, den 22. Sept.
Der erste in der Reihe der Päpste ist sogleich der erste in der Reihe der Verfolgten. Herodes Agrippa ließ den hl. Petrus ergreifen, um ihn zu tödteu. Kaiser Nero ließ ihn ans Kreuz schlagen. Jenen Herodes traf die Hand des Herrn, daß er lebendigen Leibes der Verwesung verfiel — Nero starb von seiner eigenen Hand — sein Name wurde der ganzen Welt zum Abscheu. Aber der Statthalter Christi ist an jenem Kreuze nicht gestorben. Er lebt fort und fort. Ueber den Gebeinen des ersten Papstes wölbt sich der Petersdom und taufende frommer Pilger aus allen Welttheilen strömen herzu, an feinem Grabe zn beten.
Dem hl. Petrus folgte eine lange Reihe von Päpsten im Marterihum. Ja. für die ersten Jahrhunderte der Arche gilt fast das Wobt: So viel Päpste, fo viel Märtyrer — fo viel Kaiser, so viel Verfolger. Aber, o Wunder! der grimmige Wolf erliegt dem geduldigen Lamme. An allen Orten und Enden bröckelt daS römische Weltteich zusammen, während die Herr- schäft der armen Nachfolger Petri, der Päpste, sich Wetter und weiter ausdehnt, vom Blute der Märtyrer befruchtet. —
Wohl ging mit Kaiser Konstantin die Verfolgung zu Ende, indeß seine Nachfolger, die griechischen Kaiser, bedrückten bald wieder die Kirche und vergriffen sich vielsach an der Person deS obersten Hirten. Aber das Papstthum ging darum nicht unter. Es blühte fort und fort und gewann bald in dem großen Frankenkönig Karl einen Schirmherrn, während das griechische Reich nach vielfachen Zerwürfnissen und Greuelthaten endlich den Türken anheimfiel. Unter den Hufen ihrer Rosse verdorrten die Fluren, auf das ganze Land senkte sich der Stempel des Fluches. —
Auch deutsche Fürsten vergaßen leider ihres Schützeramtes gegenüber der katholischen Kirche und ließen sich zu lieber« griffen und Gewaltthätigkeiten fortteißen. Heinrich IV. griff mit kirchenräuberifcher Hand in die heiligen Rechte des päpstlichen Stuhles. Doch fand er an Gregor VII. einen uner- schütterlichen Gegner. Wohl mußte dieser große Papst, vom Kaiser verfolgt, in der Verbannung sterben. Aber er starb mit den schönen Worten: „Ich habe die Gerechttgkeit geliebt und daS Unrecht gehaßt, und darum sterbe ich in der Verbannung", während sein Bedränger, flüchtig und verfolgt in feinem eigenen Reiche, als er zu Lüttich einsam starb, sich sagen mußte: „Ich habe das Unrecht geliebt und die Gerechtigkeit gehaßt und darum sterbe ich im Elend." Auch das herrliche Geschlecht der Hohen- (taufen, besonders Friedrich II., der undankbare Schützling der römischen Päpste, vergriff sich an den hl. Rechten der römischen Kirche. Aber schon 18 Jahre nach seinem Tode starb der letzte seines Stammes auf dem Markte zu Neapel unter HeukerShand. Das mächtige Geschlecht war dahin, die stolze Stammburg stürzte in Trümmer zu Thal. Den deutschen Landen blieb von dem reichbegabten Herrschergeschlecht kein anderes Erbe als die schreckliche Zeit der Gesetzlosigkeit und des Faustrechtes. Der Felsen Petri ober stand noch immer unerschüttert und unentwegt, und schaute mit gottverliehener Sicherheit in die verlosenden Finthen. Und unerschüttert und unentwegt sehen wir ihn stehen in all dem Sturm- und Wogengebraus der folgenden Zeiten, der so- genannten Reformation. Der korsische Eroberer mochte die Päpste in ihrem Paläste überfallen und mit Gewalt in die Gefangenschaft schleppen lassen; er mochte voll Uebermuttj rufen, als der Bann gegen ihn, den Räuber des Erbgutes Petri verhängt wurde: „Meint denn dieser Papst, daß wegen seines Bannes meinen Soldaten die Waffen aus der Hand fallen werden?" — Drei Jahre später berichtet man wörtlich aus den Eisfeldern Rußlands: „Unseren Soldaten fallen die Waffen aus den Händen." Der gefangene Papst zieht wieder in Rom ein; weinend und jauchzend streuen die Römer Blumen unter die Füße ihres Hirten und Fürsten. Napoleon aber geht den Weg der Verbannung, um auf fernem Felseneilande einsam zu ft erben. —
Sehet, geliebte Diözesanen! wie glänzend sich das Wort des Heilandes in den vergangenen Jahrhunderten bewahrheitet hat: „und die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen"; sehet, wie oftmals und offenkundig das Drohwort seines strafenden träumte auch ich von Glück uid Frieden in trautem häuslichem Kreise. Ja, ja, junger Freund, wenn Ehen im Himmel geschloffen werden, so müssen doch auch wohl welche mit besonderer Absicht vereitelt werden. Sie meinen wohl, ich sei zeitlebens ein Sonderling gewesen? ,
„Ich wollte sicher keine unfrohen Gedanken tn Ihnen wachrufen," sagte Seewald und fügte dann herzlich hinzu: «Daß Sie eine Gattin recht glücklich hätten machen können, davon bin ich überzeugt."
„Ich habe eS auch geglaubt, eS sollte jedoch nicht sein. Aber waS plage ich Sie mit den Erinnerungen eines alten Mannes! Und doch! Dreißig Jahre sind verflossen, seitdem ich mich einer damals beglückenden Täuschung hinab, und während dieser ganzen Zeit habe ich nur einmal meiner Schwester gegenüber den Schleier gehoben, hinter dem der Grund zu finden, warum ich ein einsamer Mann geblieben. Ich weiß nicht, warum ich von alten tobten Geschichten zu Ihnen spreche; ich folge einem inneren Drange. Vielleicht ist'S der, daß ich Sie liebgewonnen, daß Sie auffallender Weise denselben Namen führen und dem gleichen Lande angehören, wie ... ."
„Wie, wer?" fragte Seewald erstaunt.
„Wie Jene, der ich Herz und Hand so gerne für das Leben geschenkt. Kommt der Name Seewald häufig in Ihrer Heimath, der Schweiz, vor?"
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Deutsches Reich.
Berlin, 19. September.
* Der Kaiser unternahm heute früh einen längeren Spazierritt in die Umgebung deS Reuen Palais und erledigte hierauf Regierungsgeschäfte. Nachmittag« wurde Prof. Roese von der Reichsdruckerei vom
„Ja, eS gibt viele Seewald, theilS Verwandte, theils aber auch von ganz anderer Familie."
„Vor etwa dreißig Jahren war eS," erzählte der alte Hofrath, die Hände wie ergeben in daS Unabänderliche ineinander legend, „als ich in einer befreundeten Familie die Bekanntschaft einer jungen Schweizerin, Anna Seewald, machte. Vom ersten Tage, als ich in die klugen und doch so bescheidenen Augen deS Mädchens geschaut, war mir klar, daß ich an einem ernsten, wichtigen Wendepunkte meines Lebens angekommen fei. Es war mir nicht gegeben, jungen Damen den Hof zu machen, und so hielt ich meine von Tag zu Tag wachsende Verehrung füll in meinem Innern verschlossen. Es war nicht gut; denn Anna erfuhr dadurch von dem tiefen Eindruck, den sie auf mich gemacht, nichts, meine Liebe zu ihr blieb ihr bis heute, wenn sie noch lebt, verborgen."
Seewald lauschte mit wachsender Spannung der Erzählung seines alten Freundes. Wenn jenes Mädchen, von dem ver Hofrath erzählte, feine Mutter war, bann hatte Salmsnn nicht die geringste Ahnung, wer er felbst fei. .
Der Hofrath fuhr fort: „Endlich, nachdem ich mir vollständig klar geworden, daß ich an der Seite dieses Mädchens ein glückliches Familienleben, soweit cs von uns Menschen abhängt, finden würde, beschloß ich, ihr meine Neigung zu gestehen und um ihre Hand anzu«