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Probe-Nummer.

214 Dimstag, den 17. September 1895 22. Jahrgang

FuldierMZeitilng

mit Kuterhattuuss-Keilage »Lterne und Klrrrnen".

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Deutsches Reich.

Berlin, 16. September.

* Der Kaiser hat für daS Handschreiben des Kaisers von Oesterreich von Bord der „Hohen- zollern" aus sofort in einem längeren Telegramm seinen Dank ausgesprochen. Der Kaiser theilt darin dem Kaiser Franz Joseph mit, daß er die Würde eines Generals der Kavallerie als besondere Auszeichnung entgegennehme, und in dieser Ernennung nicht nur eine Auszeichnung für sich, sondern auch für die deutsche Armee erblicke, die mit der österreichischen durch un­lösliche Waffenbrüderschaft verbunden sei. — Auch König Humbert von Italien hat an den Kaiser Wilhelm ein herzliches Telegramm gerichtet, in welchem er dem Kaiser für die Ernennung des Prinzen Viktor, Grafen von Turin, zum Major dankt und von Neuem seinen freundschaftlichen Gefühlen für den Kaiser Aus­druck gibt. Auch auf dieses Telegramm hat Kaiser Wilhelm sofort erwidert.

* Verschiedene Anzeichen deuten darauf hin, daß eine neue Militärvorlage in der nächsten Session des Reichstages zu erwarten sei. Nach Beendigung der diesjährigen Herbst - Uebungen werden dem Kriegs­ministerium seitens der Truppen und Kommando- Behörden eingehende Berichte über die Ersahrungen, welche mit den vierten (Halb-) Bataillonen ge­macht worden sind, eingereicht werden. Wie erinnerlich, wurden die Halb-Bataillone am 1. Oktober 1893 bei Einführung der zweijährigen Dienstzeit errichtet und fanden sowohl während der vorjährigen Manöver, wie auch in diesem Jahre in verschiedener Weise Ver­wendung. Zum Theil wurden sie bei denjenigen KorpS, welche Kaiser-Manöver hatten, durch Einziehung von Reserven auf Voll-Bataillone gebracht, bei anderen Korps wurde dieses durch Kombinirung je zweier vierter Bataillone einer Brigade erreicht, zum Theil nahmen sie auch in ihrer etatsmäßigen Stärke an den Herbst-Uebungen theil. In einzelnen Fällen wieder wurden die vierten Bataillone für den Garnisondienst zurückgelassen. Die Berichte werden sich hauptsächlich darüber zu äußern haben, ob unter dem durch den vielfachen Arbeitsdienst, die Kommandirung von Burschen u. s. w. eingeschränkten Dienstbetrieb die kriegsmäßige Ausbildung dieser Bataillone leidet. Die bisher ver­lautbarten Urtheile über die vierten Bataillone sind in ihrer jetzigen Verfassung fast durchweg nichts weniger als günstig gewesen. Wie natürlich! Diese halben Bataillone für Herrendienst und Wachen waren von vornherein keine lebensfähige Einrichtung, abgesehen davon, daß der Regimentsverband durch sie zu schwer­fällig gemacht und das Avancement in die oberen Kommandeurstellen zu arg verschlechtert wird. Daß die Halb-Bataillone zu Voll-Bataillonen ergänzt und nun in neue Regimenter, Brigaden rc. eingetheilt werden, ist nur eine Frage der Zeit. Die vierten Bataillone, sagte der Demokrat Payer bei Berathung der letzten

Zwischen Pflicht und Neigung.

Preisgekrönte Novelle von A. Zingeler.

(13. Fortsetzung.)

An einem mächtigen Eichenholztische, der seine ge­schnitzten L-Beine patzig aber fest auseinander stemmte, saß der Herr dieser vielen Sachen und Sächelchen, originell wie diese in der äußeren Erscheinung, aber an Herz und Gemüth noch gediegener, wie das kost­barste Stück der Sammlung hinsichtlich seines Alters, kunstreicher Arbeit und werthvollen Materials war. Hofrath Salmanns Lebensalter war schlecht zu schätzen. Bon kräftiger Statur hielt er sich, eine Ausnahme bei Gelehrten, gerade und aufrecht. Das kurze, buschige Haar war schneeweiß und schien eines glättenden Kammes ganz entbehren zu können, denn jedes einzelne Haar stand eben senkrecht in die Höhe, was dem schön geformten Kopfe aber durchaus gut anstand. Unter dicken weißen Brauen glänzte ein Augenpaar so frisch und hell, wie das eines Jüngling- und so durch­dringend, als schaue es Jedem in das Herz hinein. Im Gegensatz zum greisen Kopfhaar stand ein voller, schwarzer Schnurrbart, der dem alten Herrn ein mili­tärisches Ansehen gab. Uebirhaupt lag in der äußeren Erscheinung des Hofrathes eine stark ausgeprägte Selbstständigkeit. Und dabei konnte es nicht leicht einen

Militärvorlage im Reichstage, schreien förmlich nach ihrer anderen Hälfte. Und die Kosten? Nun, wir haben ja Geld in Hülle und Fülle!!

* Bor Kurzem wurde berichtet, daß China durch eine sogenannte Konzession am Hafen von Tientsin einen Streifen Landes an Deutschland abgetreten habe. Eine andere Meldung ging dahin, China sei geneigt, an Deutschland die Chusan-Inseln abzu­treten. Demgegenüber ist die ,Post' in der Lage fest­zustellen, daß diese Auslassungen eines Berliner Blattes keineswegs Mitteilungen wiedergeben, die seinem Vertreter oder sonst einem Zeitungskorrespon­denten von irgend einer berufenen Stelle im Aus­wärtigen Amte gemacht worden wären. Richtig ist nur so viel, daß mit den chinesischen Provinzial­behörden vor einiger Zeit Verhandlungen zu dem Zwecke angeknüpft worden sind, den Deutschen in Tientsin in ähnlicher Weise, wie dies für die dortigen Engländer und Franzosen durch die sog. „Konzessionen" schon vor vielen Jahren geschehen ist, ein passendes Stück Land am Peiho zu sichern, auf dem sie sich unter einer Art von Selbstverwaltung niederlassen und von wo aus sie ungestört durch fremde Einmischung ihre Geschäfte betreiben können. Die wegen der zu berücksichtigenden örtlichen Verhältnisse ziemlich ver­wickelten und schwierigen Verhandlungen sind nach den letzten vorliegenden Nachrichten noch nicht abge­schlossen. Bon der Erwerbung von Hoheitsrechten über bisher chinesisches Gebiet ist dabei noch keine Rede.

* Das Geschrei der Kartellbrüder nach einem Umsturz- oder Sozialisten-Gesetz wird in der ,Weser-Zeitung' noch von einem Gesichtspunkte aus ge­würdigt , der allseitige Beachtung verdient. ^Das Bremer Blatt hervor, „daß gerade derjenige Frevel der letzten Wochen, jene ungeheuerliche Schmähung des Kaisers Wilhelm's I. und der deutschen Erhebung von 1870, die uns angeblich eine ganz neue furchtbare Situation gefchaffen haben foll, von der im Reichstage zuletzt verhandelten und abgelehnten Umsturz-Vorlage, falls diese Gesetzeskraft erlangt hätte, gar nicht ver­hindert oder getroffen worden wäre." Die ,Weser-Ztg.' bemerkt darüber noch weiter: „Als die Hetzartikel des .Vorwärts' durch den Toast des Kaisers zum Ziel­punkte der allgemeinen Aufmerksamkeit geworden waren, hörten wir sofort, daß diese Ruchlosigkeiten die Folge der ablehnenden Haltung des Reichstages seien, hätte man damals der Regierung die scharfen Waffen, die sie als nothwendig und wirksam bezeichnete, in die Hand gegeben, so wäre, sagt man, der schreckliche Skandal, der unser Nationalfest entstellt hat, vermieden worden, oder er hätte wenigstens durch Bestrafung der Schuldigen seine Sühne gefunden. Das wird so leichthin behauptet, als ob es eine ausgemachte Sache sei. Sieht man aber die alte Umsturz-Vorlage und sämmtliche zu ihr eingebrachten Abänderungs- und Zusatz-Anträge genauer an, so findet man, daß die Mann geben mit einem so wohlwollenden Herzen von Treue, Güte und Nächstenliebe und so leer an Hoch­muth, Ueberhebung und Selbstsucht, als wie berNdte Hofrath Salmann.

Als Seewald eintrat, rief Salmann, ohne seine Beschäftigung zu unterbrechen oder sich zu erheben, dem Besucher ein fast barsch klingendes und doch herz­liches: „Grüß Gott, Herr Doktor!" entgegen und fügte dann hinzu: „Wenn ich aufstehe oder Ihnen die Hand gebe, dann ist die mühselige Arbeit mehrerer Tage gefährdet. Also bitte um Verzeihung ob meiner Un­höflichkeit."

„Nur keine Umstände, Herr Hofrath!" wehrte See­wald. „Soll ich auch Hand anlegen?"

„Danke bestens, aber hierbei ist Hilfe eines Zweiten eher störend als unterstützend, sonst stände mein Assi­stent mir zur Seite. Für solche Arbeit muß man wenigstens 60 Jahre zählen, sonst mangelt die unbe­dingt nöthige Geduld, das merke ich sogar mit meinen 65 Jahren."

Der alte Herr war eifrig beschäftigt, die zahlreichen Scherben einer rothbraunen, roh gearbeiteten Urne an­einander zu stellen und mittelst Draht, Kitt und zehn geschickten Fingern war das wohl tausend Jahre alte Gefäß, in welchem ehedem die Asche eines Ureinwoh­ners geruht, zur ursprünglichen Form wieder hergestellt.

„Betrachten Sie einmal diese edlen Linien, diese

Berfaffer gerade den Fall, der wirklich ein­getreten ist, und der so riesengroße Gefahren in seinem Schooße tragen soll, ganz und gar ver­gessen haben. Nirgends finden wir in jenem schätz­baren Material eine Sttafvorschrist, die gegen Be­schimpfung großer Männer unserer Geschichte oder gegen Beleidigung der Nation, Verletzung ihrer heiligen Gefühle, Herabwürdigung ihrer teuersten Erinnerungen gerichtet wäre." — Daraus ergibt sich, daß die Sozial-Demokraten durch ihre Kritik des Sedanfestes und des Kaisers Wilhelm I. den Mittelparteilern nur einen willkommenen Borwand verschafft habm, Gesetze im eigenen Interesse zu beantragen.

* In den sozialdemokratischen Geschäften ist be­kanntlich öfter von den „Genossen" über zu lange Arbeitszeit und schlechte Bezahlung geklagt worden. Jetzt liegt ein neuer Fall vor. Der Reichstagsabgeodnete Herbert in Stettin, der Buchdruckereibesitzer ist, hatte einem 5 Jahre bei ihm in Arbeit stehenden Genossen gekündigt, weil er zu wenig gearbeitet habe. Der Genosse wandte sich an den sozialdemokrattschen Verband, es wurde eine Versammlung einberufen und Herbert zum Erscheinen aufgefordert. Er sandte aber nur eine Postkarte, in der er sich verbat, daß man ihm in feine geschäftlichen Angelegenheiten hineinrede. Nach heftigen Angriffen gegen Herbert wurde von der hierüber wüthenden Versammlung folgende Refolution angenommen: „Die Versammlung kann das Gebühren des Kollegen und Buchdruckereibesitzers Herbert gegenüber dem Kollegen Wolf nur als tarifwidrig bezeichnen, und bedauert, daß Herbert als Verbandskollege und sozialdemokratischer Reichstagsabgeordneter zu solchen Mitteln seine Zuflucht nimmt, um sich lange Jahre bei ihm arbeitender Kol­legen zu entledigen."

* An den Ausführuvgsbeftimmuugen znm Stempelsteuergesetz, welches am 1. April 1896 in Kraft tritt, wird int Finanzministerium, wie die ,Berl. Pol. Nachr.' melden, zur Zeit sehr eifrig gearbeitet. Es wird im Interesse der weitesten Kreise der erwerbs- thätigen Bevölkerung, die an dem Stempelgesetz be- theiligt sind, zu erwarten sein, daß die Ausführungs­anweisung so rechtzeitig bekannt gegeben werden wird, daß sich Handel und Verkehr werden darauf einrichten können.

* Nach amtlicher Nachweisung hat die Einnahme an Wechselstempelsteuer int Deutschen Reiche während der Zeit vom April bis Ende Aug. d. I. 3,521,692,60 M. oder 124,119,85 M. mehr als im gleichen Zeiträume des Vorjahres betragen.

* Herzog Ernst von Sachsen-Altenburg vollendete heute sein 69. Lebensjahr; er ist am 16. September 1826 geboren. Trotz des hohen Alters hat er unter den deutschen Fürsten noch vier, die älter als er sind. Es ist der Großherzog von Baden, geb. den 9. Sept. 1826, der Herzog von Sachsen-Memingen, geb. den 2. April 1826, der Großherzog von Mecklenbmg-

kühne Buchtung der Urne! Ein prächtiges Stück, nicht wahr? Aber ich weiß, Sie lachen auch über mich, wie so viele Andere. Wenn wir euch Herren von der Ge­schichtsforschung die Ergebnisse unserer Todtengräberei geputzt, gereinigt nnd geflickt vorsetzen, dann schreibt ihr hochgelehrte Abhandlungen darüber, aber unsere Freudean der Ausforschung solcher alter Gräber, unsere Mißerfolge und Täuschungen bieten euch willkommenen Stoff zum Spott."

„Und mich zählen Sie auch zu solchen herzlosen Menschen?" rief Seewald lachend.

„Es gibt wenige Menschen, welche sich dem Reiz der Spottsucht, der Schadensteude ganz zu entziehen wissen. Allerdings ist es eine lange Straße von der gutmütigen Necksucht und Freude an dem ungefähr­lichen Pech des Freundes bis zur lächelnden Schaden­freude des boshaften Feindes. Aber in der gleichen Reihe stehen sie doch, wenn auch fehr weit von ein­ander. Selbst mein Assistent kann fein nichtsnutziges Lachen nicht lasten, wenn ich auf die eine oder andere Weife hintergangen worden bin."

„Wo steckt denn Ihr trefflicher Afsistent, ich fehe ihn ja nicht?" fragte Seewald.

„Still, still! Steckt drüben im Atelier! Heute bin ich derjenige, welcher lacht. Kommt da vor einigen Tagen der Salomon mit einem Oelgernälde, fo unan» sehnlich, verräuchert und schwarz, daß selbst er meinte,