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Beilage jiw Wulöser Zeitung

ScrmsLag, den 14. September 1895.

Jahrgang

mit, der

| Herzog einen Brief, der ein härteres Herz, als Herzog Eberhard besaß, hätte rühren müssen. Wie ich aus zuverlässiger Quelle erfuhr, hat er denn auch wirklich den Herzog gereut, daß er sich von seiner Aufregung so weit hatte hinreißen lassen. Er bewilligte den Ab­schied des Vaters mit Zweidrittel seiner Gehaltes und unter Belassung seines Titels.

Das ist Alles, lieber Franz, was ich Dir mit­theilen kann. Ob es im Stande ist, Dich die Lösung des Räthsels finden zu lassen, wage ich kaum zu hoffen, Aber Gott hat schon öfter noch viel Geheimnißvolleres an den Tag treten lassen und wenn er will, daß die Ehre unseres Vaters wieder hergestellt werden soll, dann wird er Dir auch den Schlüssel zur Lösung geben. Noch eines muß muß ich beifügen. Zwei Jahre nach Entlastung des Vaters erhielt er zu unserer größten Ueberraschung die amtliche Mittheilung, daß Herzog Eberhard ihm von nun an das volle Ge­halt als Pension zahlen wolle. Der Vater dankte und fragte zugleich in freudiger Erregung an, ob seine Unschuld an das Licht gekommen sei. Er blieb ohne Antwort. — Herzog Burkhard wird von der Sache kaum etwas wissen. Er war damals noch ein Knabe. Daß Du Dich in warmer Freundschaft und Verehrung zu ihm hingezogen fühlst, freut mich sehr, es wird Dich milder gegen Jene stimmen, die zu ihm gehören und die uns wehe gethan. Wie es auch kommen mag, ich sehe der Zukunft ruhig und ohne Aufregung entgegen. Wir haben gelernt, das brennende Weh, den bitteren Schmerz, der uns mit Unrecht zugefügt wurde, ohne Klagen und Vorwürfe zu tragen. Kommt auch die fleckenlose Unschuld des Vaters nicht zu Tage, nun dann kennt sie doch Jener, auf dessen Urtheil Alles ankommt und dessen Schutze ich Dich in meinem Gebete täglich empfehlen werde.

rncyl von einer Dame begleitet wird, ihre Zettel ver­stohlen in die Hand zu drücken, und sie lernen niemals etwas größere Zurückhaltung und Vorsicht zu be­wahren, so oft sie auch, häufig recht unfteundliche, Abweisungen von solchen sich gefallen lasten müssen, welche die Natur ihrer Zettel bereits kennen und daher, nicht immer in stummer Verachtung, sondern nicht selten auch mit lauter Entrüstung, unwirsch die dar­gebotene Hand zurückschieben. Wer aber von meinen freundlichen Lesern Berlin noch nicht kennt und eS demnächst einmal aufsuchen möchte, dem sei hiermit empfohlen, derartige liebenswürdige Zettelangebote wenigstens in der Friedrichstraße und ihrer Umgegend' ebenfalls zurückzuweisen oder wenigstens, wenn er sie annimmt, ihren Einladungen niemals zu folgen.

Etwas genauer pflegen sich die Vertheiler der Möbel- und Kleider-Reklamen u. f. w. ihre Leute anzusehen. Einem hartnäckigen Junggesellen, der nicht an ein eigenes Heim denkt, Wohnungseinrichtungen anbieten oder billige Bezugsquellen für Butter u. dgl. empfehlen zu wollen oder einen Habenichts auf einen Kleiderbazar aufmerksam zu machen, wäre zwecklos: das weiß der Zettelvertheiler, und sein Scharfblick laßt ihn bei der Spende seiner Zettel selten einen Fehlgriff thun. Jedes Geschäft hat je nach Art seiner Maaren und seiner — Preise sein besonderes Pub- utttm und ganz so hat auch der Zettelveriheiler sein "Esouderes Publikum, das er ausschließlich bedenkt.

Man kann fünf Arten von Reklamen unterscheiden: die soeben geschilderte Sttaßenreklame, ferner die Rellame Aden Anschlagsäulen, die wandelnde und fahrende Reklame, die Reklame an Mauern, Wänden und Bretter­zäunen und endlich die Zeitungsreklame. Darüber ließe sich etn ganzes Buch schreiben, das gewiß einen inter- epanten Beitrag zur Kulturgeschichte unserer Zeit ab- r ®üröe. Ich muß diese Aufgabe einem Berufmeren uverlaffen, und zumal im engen Rahmen dieser Briefes muß ich mich darauf beschränken, einzelne Arten der Reklame, die sich in Berlin besonders großarttg ent-

J*a^en' hervorzuheben. Da ist z. B. die wan- oelnde Reklame durch Plakatträger, die fahrende Reklame

<0. Berliner Brief.

Berliner Blätter erzählen, daß sich kürzlich Leute, die viel Zeit haben, das Vergnügen gemacht haben, bei einem täglichen „Straßenbummel" von etwa l1/« Stunden in den verschiedensten Gegenden Berlins und zu den verschiedensten Tageszeiten die Reklame­zettel zu sammeln, die ihnen dabei in die Hand gedrückt wurden. Auf diese Art sollen sie binnen einer Woche über 600 Zettel zusammengebracht haben, von denen Vs Reklamen von Möbelgeschäften, 2/5 solche aus der Bekleidungsindustrie und 2/s Einladungen zu fast ausnahmslos „interessanten" Restaurationen ent­hielten. Die Geschichte kann wahr, kann aber auch gut erfunden sein. Jedenfalls erscheint die Zahl von 600 Zetteln, das Ergebniß einer siebentägigen Samm­lung von vielleicht einem halben Dutzend Theilnehmern, eher zu niedrig als zu hoch. Hätte sich die Samm­lung auf die Friedrichstraße und ihre Querstraßen beschränkt, so wäre sie zweifellos viel umfangreicher ausgefallen; allerdings würden dann die Einladungen zu den Kneipen gedachter Art nicht zwei, sondern mindestens vier Fünftel der ganzen Sammlung aus­gemacht haben. Im Uebrigen kann es seine Richttgkeit haben, daß die Reklamen fast nur von Möbel-, Kleider-, Schuh- und Hutgeschäften, sowie von Wirthshäusern ausgingen, denn es stehen — von letzteren abgesehen — die Möbel- und die Bekleidungsindustrie unter den Berliner Gewerben obenan.

ihm 15. September ab

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Neu hinzutretende Bezieher erhalten gegen Einsendung der Postquittung für das viette Vierteljahr 1895 die ,Ful- daer Zeitung' bis

Ende September kostenfrei

übermittelt.

Zwischen Pflicht und Neigung

Preisgekrönte Novelle von A. Zingeler.

durch die abenteuerlichsten Reklamewagen, ferner die I so schneidigem Schmerze, daß ihm die Stimme brach iauerreklame, die nachgerade einen unheimlichen Um- und er gleich einem Menschen weinte, dem Alles fang angenommen sich doch eine besondere Alles geraubt und zertrümmert worden ist Der Vater

Mnl^^^el.ausgebildet der eineganze Anzahl von reichte seinen Abschied ein und schrieb zugleich dem Malern, Anstreichern und Reklamegeschästen ausschließ- 1 «■-------— ™ ■ ' - ■ ~ 8 B ™

llch sich widmen! In und bei Berlin gibt es kaum noch eme einigermaßen geräumige Mauer-und Bretter­zaunfläche, die nicht von oben bis unten mit den buntesten Reklamen, mit und ohne Bilder bedeckt wäre.

„Esset Quäkeroats!" „Blooker'S Cacao ist der billigste und beste", „Ost-Dievenow, stärkster Wellenschlag der Ostsee" usw. ufo. Diese und zahllose andere Inschriften „zieren" alle Wände und begleiten uns insbesondere, wenn wir mit der Stadtbahn fahren, von einem Ende Berlin's bis zum anderen. Aber nicht genug damit! In der Stadtbahn sind auch die Wände aller Abtheile mit Reklamen der mannichfachsten Art bedeckt, und auf den Bahnhöfen selbst ist es vor lauter Reklamen längst unmöglich geworden, die Verordnungen und Bekannt­machungen der Eisenbahnbehörden wahrzunehmen. Das ist doch etwas zuviel des Guten! Der richtige Berliner hat es freilich gern, denn es dünkt ihm „welt­städtisch" und schmeichelt so seinem LokalpatriotiS- mus. Aber, um mit einer Berliner Redensart daraus zu antworten, „schön ist anders" und praktisch ist auch anders, denn unter dem Wust des Allzuvielen geht die einzelne Anpreisung unter, zumal für das eilige Bahn- hofspublikum, und verfehlt also ihren Zweck.

(11. Fortsetzung.)

Denke Dir den Schrecken unseres armen Vaters! Ich nahm den Brief und mein Blick fiel auf das Datum der Postausfertigung. Mein Gott, Theodor! rief ich, warum hast Du den Brief denn vier Tage hier liegen lassen, ohne ihn zu öffnen ? Er war ja von dem verhängnisvollen Sitzungstage hier! Der Vater schnellte in die Höhe. Hastig untersuchte er den Poststempel, sowie das Datum des Briefes. Kein Zweifel, das so ungemein wichtige Schreiben war schon Montag von der Post ausgeliefert worden; die Sitzung hatte Donnerstag stattgefunden. Dem Vater war bagegen der Brief erst heute mit einer Reihe anderer Sachen zugegangen. Ich will mich kurz fassen. Die vom Vater beantragte Untersuchung führte zu keinem Ergebniß. Der Herzog zeigte seine ungnädige Stimmung unverhohlen, — für Viele, die bisher gar freundlich gethan, ein genügender Grund, ihr Be­nehmen gegen den Vater zu ändern; denn schon wurde er für einen verlorenen Mann gehalten. Man steckte die Kopfe zusammen, die verschiedensten Gerüchte flüsterte man sich zu, und mit verständnißinnigem Lächeln und geheimnißvollem Achselzucken deutete dieser die unaufgeklärte Geschichte des Briefes so, der andere so, mancher Auslegung aber fehlte nicht Bosheit, ja bald mischte sich sogar Verleumdung zwischen die zweideutigen Bemerkungen. Ein auf den Rath deS Vaters sofort abgeschickter Kourier, der der Abgabe des Schreibens an die Verkäufer zuvorkommen sollte, kehrte ohne Erfolg um. Er brachte zudem die Nach­richt, daß der Erzherzog X. die Waldungen sofort zu einem noch höheren Preise, als sie dem Herzoge an- getragen worden, gekauft habe. Das gab den Aus­schlag. Der Herzog wüthete. Er ließ den Vater kommen und überhäufte ihn mit Vorwürfen. Der Schein war ja gegen ihn. Er konnte die Verspätung des Briefes nicht erklären, auf ihm blieb der Verdacht, er habe »erfäumt, ihn zu öffnen. Ach, wenn es nur bei diesem Vorwurf geblieben wäre! Aber was Bos­heit leise, vorsichtig, lächelnd gesäet, ausgestreut, eS hatte gehastet, wie die Widerhaken des zur Herbstzeit umherfliegenden geflügelten Samens; gehaftet, gekeimt und Wurzel geschlagen. In dem Laufe der Unter­redung hatte sich die Aufregung des Herzogs ge­steigert. Vergessen waren die bisherigen treuen Dienste, das tadellose Leben des Vaters, vergeffen, wie man mit Recht auf seine Zuverläffigkeit nach mancher Probe gebaut. Rur der Groll über das Scheitern eines LieblingSplaneS wog über, und die Worte deS Herzogs wurden immer bitterer. Mit aller geziemenden Ehr­erbietung, aber auch mit männlicher Würde ver- theidigte sich der Vater. Da ließ sich der Herzog jinreifjen zu der entsetzlichen Frage: „Was hat Ihnen denn nun die Hintansetzung meines Interesses, der geniale Streich, den Verkauf geschickt abzuweisen, ein- gebracht? Es muß doch ein nicht unbedeutender Wein­kauf gewesen sein!, für den Sie Ihrer Pflicht untreu wurden?" Ein Mal, nur ein einziges Mal hat der Vater mir diefe schreckliche Scene mitgetheilt, aber dieses eine Mal geschah es mit so bitterem Weh, mit

Mit herzlichem Gruße Deine treue Mutter.

Seewald faltete den Brief langsam und nach­denklich und legte ihn in seine Brieftasche. Eine Stunde später trat er bei dem Herzog ein. Sein Benehmen war förmlicher geworden. Mit einer Verbeugung blieb er vor seinem nunmehrigen Gebieter stehen und sagte: „Hoheit, ich habe mich entschlossen, Ihren ehrenvollen Antrag anzunehmen."

Herzog Burkhard erhob sich rasch, streckte Seewald die Hand hin und rief: „Das freut mich aufrichtig! Seien Sie mir nunmehr doppelt willkommen!"

4.

Sich in Bergang'nes liebend zu versenken, Mit klarem Geist die Gegenwart durchdenken, Auf's Nöthizste die Willenskraft beschränken, Die Zukunft fromm ergeben Gott vertrauen Heißt heiter-schön sein Leben auferbauen.

Monate waren gekommen und gegangen, seit See­wald in Begleitung Herzogs Burkhard zum ersten Male wieder die ehemalige Heimath betreten hatte. Als sein Vater vor vielen Jahren ben herzoglichen Dienst ver­lassen und Lenzburg, die Residenz der Herzoge von Lauenstetten, auf immer mit dem Geburtsort seiner Gatttn austauschte, da hatte Franz kaum drei Jahre gezählt. Es war begreiflich, daß er nicht ohne Span­nung der Stadt entgegensah, in die ihn nunmehr, gegen alles Erwarten, eine eigenthümliche Wendung seines Lebensgeschickes geführt.

Seewald gehörte keineswegs zu jenen sanguinischen Naturen, welche durch äußere Umstände oberflächlicher Art rasch zu weitgehenden Hoffnungen geneigt sind. Aber es berührte ihn doch angenehm und wie eine gute Vorbedeutung dünkte es ihm zu sein, daß der erste Eindruck, den er von Lenzburg erhielt, durchaus ansprechend und freundlich war. Auch die Folgezeit führte hierin keine ungünstige Aendernng herbei, er fühlte sich vielmehr immer heimischer in ben neuen Verhältnissen.

An erster Stelle trug hierzu baS Angenehme seiner Stellung bei. Wie Herzog Bnrkharb sich ihm als Graf Norbstein gezeigt, so war er auch als sein Dienstherr geblieben, unb, sofern es die weit auseinanbergehenbe gesellschaftliche Stellung gestattete, hatte sich zwischen ben beiben Männern eine geistige Annäherung ent­wickelt, bie auf ben Namen Freundschaft Anspruch er­heben durfte. Sicher fühlte Einer für den Andern warme Zuneigung, die auf gegenseitiger Achtung be­ruhte und volle Befriedigung fand in öfterem näherem Verkehr auch außerhalb der gewöhnlichen Gelegenheiten, wie die Stellung Seewald's als Erzieher der herzog­lichen Sohne und die Tagesordnung des HaufeS sie her­beiführte.

(Forlfttzung folgt.)

Die Zettelvertheiler spielen unter den zahllosen Berliner Straßenexistenzen eine ganz hervorragende Rolle. So ein Zettelvertheiler hat die Aufgabe, mög­lichst viele seiner Reklamezettel an den Manu, zu­weilen auch an die Frau zu bringen, aber er hat auch darauf zu achten, daß die Zettel an die rich­tigen Leute kommen. Und dazu gehört eine gute Portion Menschenkenntnis Allerdings nehmen nicht alle Mitglieder dieser eigenartigen Zunft ihren Beruf gleich ernst. Die Vertheiler der Anpreisungen jener dunklen Kneipen, die der Berliner bezeichnender Weise „Fremdenfallen" nennt, machen sich ihr Geschäft z. B meist sehr leicht: sie versuchen eS, jedem H< nicht von einer Dame begleitet wird, ihre Z<