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212 Samstag, den 14. September 1895 22. Jahrgang

FuldaerMZeitiing

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Erich«« ttgkich, 6m» ** Feiertag« «lSgeiromme». — Bierteljthrticher Abo»»eme»tSprei« »hae Bringerloh« tteb Bestellgeld m Fulda irnb onttoärM 1 Stert 50 Pfemng.

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□ Der Versucher geht um!

Die Stellung, welche die sozialdemokratische Presse und Führerschaft gegenüber der Gedenk­feierder großen Thaten des deutschen Volkes und Heeres vor 25 Jahren eingenommen hat, konnte nicht verfeh­len, in allen Kreisen, wo deutsches Fühlen und Empfinden heimisch ist, die lebhafteste Entrüstung zu erregen. Es mußte das um so mehr der Fall fein, als diesmal die Feier ohne Unterschied der Partei allent­halben mit der größten Begeisterung vor sich ging und sich zu einer nationalen Feier gestaltete, welche dem patriotischen Empfinden des Volkes den lebhaftesten Ausdruck verlieh. Schon diese Thatsache, daß die sozial­demokratischen Agitatoren, welche nicht der Ueberzeu- gung, sondern in erster Linie immer dem BerhetzungS- Triebe folgen, sich mit dem so deutlich zu £age tretenden Volksbewußtsein in einen so eklatanten Wider­spruch setzten, sollte unter normalen Verhältnissen ge­nügen, ihnen die Strafe angedeihen zu lassen, welche in der guten Gesellschaft als die schwerste gilt: die Strafe der Verachtung. Das Gefolge, welches die Rufer hinter sich hatten, war fürwahr nicht bedeutend; wenn es einer Gegenprobe bei den nationalen Festlich­keiten bedurft hätte, wurde sie gegeben durch den kläg­lichen Verlauf der „Protest-Versammlungen", welche diese Leute zu Ehren Lassalles oder eines sonstigen sozialdemokratischen Heros einberufen hatten.

Hierbei bleibt unter allen Umständen bestehen, daß eS eine Nichtswürdigkeit sonder Gleichen war, den ehrwürdigen Kaisergreis, der sein Volk von Sieg zu Sieg führte und trotz seines hohen Alters die Strapazen des Feldzuges auf sich nahm, sowie das deutsche Heer, die Absichten und Gefühle des deutschen Volkes schmählich zu verunglimpfen. Diese Art der Niederträchtigkeiten gehört aber zu denjenigen, welche man am wenigsten trifft, wenn man mit Gesetzes- Paragraphen gegen sie einschreitet; dadurch macht man, wie alle Erfahrung lehrt, aus Schwätzern Märtyrer, und ein großer Theil derjenigen, welche sonst über das Treiben solcher Individuen die Achsel zucken, be­ginnt sich ganz oder zum Theil mit ihnen solidarisch zu fühlen. Es ist das ein einfacher psychologischer Vorgang, den nur der Uebereifer und die Unbesonnen­heit unbeachtet lassen kann.

In diesen Tagen hat man von verschiedenen Seiten aus Anlaß jener Gemeinheiten der sozialistischen Hetzer laute Rufe nach einem neuen Sozialistengefetze gehört, und unter den Rufern finden sich manche, die lediglich durch ihr Gemüth fortgerissen sind, denen das Herz mit dem Verstände durchgegangen ist. Solche Leute passen aber nicht als ernste politische Berather, und auf ihre Worte, die zumeist in der sogen, farb­losen Presse ihren Ausdruck finden, Werth zu legen, ihren Rathschlägen zu folgen, wäre das Verkehrteste, was ein bedächtiger Staatsmann thun könnte.

Jedoch nicht nur diese rufen nach Knittel und Kerker, sondern auch eine zwar nicht wegen ihrer Zahl, wohl aber nach ihrer Meinung wegen „Bildung und Besitzes" bedeutsame Schaar, und gerade sie ist momentan die ge­

fährlichste. Es sind, um sie kurz zu charakterisiren, genau dieselben Leute oder ihre Nachkommen, welche im Kulturkämpfe die Anregung zu den Aus­nahme-Gesetzen gegen die Katholiken gaben, welche glaubten, mit Einkerkerung der Bischöfe, Sperre, Vertreibung der Priester, Maßregelungen polizeilicher und gerichtlicher Art die ihnen verhaßte kathol. Kirche bezwingen zu können; es sind dieselben Leute, welche in erster Linie das verflosiene Sozialisten-Gesetz durch­setzten und einer gesunden religiösen und sozialen Re­form noch heute mit Entschiedenheit gegenüberstehen, mögen sie dies Wort auch noch so ost im Munde füh­ren. Daß der Kampf gegen die Sozialdemokratie die Hauptaufgabe unserer Zeit ist, leugnen wir ebenso wenig wie sie; unsererseits ist dieser Kampf schon aus­genommen worden, als jene Parteien in der Sozial­demokratie nichts sahen, als einen Wasserschoß der alten bürgerlichen Demokratie von 1848. Ueber das Ziel sind wir einig, aber in Bezug auf die Mittel weichen wir grundsätzlich von ihnen ab; und gerade dies müssen wir im gegenwärtigen Augenblicke um so entschiedener und deutlicher betonen, je mehr jene Richtung die Ge­fahr heraufbefchwört, daß die Regierung wieder die Bahn betritt, welche sich bei der Bekämpfung des Sozialismus jetzt noch viel verhängnißvoller erweisen müßte, als es im vorigen Jahrzehnt der Fall war.

I Ein tonangebendes Blatt dieser Richtung faßte sein Programm kürzlich in folgendem Satze zusammen: „Der Todfeind ist mit allen Mitteln und rücksichtslos zu be­kämpfen, die Abwehrmittel, soweit die vorhandenen Ge­setze und Einrichtungen für den Zweck nicht genügen, sind entsprechend zu verstärken." Das erscheint als eine vage Phrase, aber ihr Sinn ist, daß gegen die Sozial­demokratie nunmehr neuerdings und ausschließlich mit polizeilichen und gesetzlichen Maßnahnren vorgegangen werden soll.

Wir müssen es von vornherein abweisen, daß ein lediglich repressives Borgehen von Nutzen sein könnte; dasselbe kann das Nebel in etwa aus der Oeffentlichkeit zurückdrängen, aber scheucht es damit in die Winkel, wo es sich um so tiefer und verderben- I bringender einfrißt; wenn jetzt der Sturm sich gegen das Dach wendet, wird dann die Fäulniß das Fun­dament untergraben. An sich weifen wir gesetzliche (Maßnahmen keineswegs ab; bei der Umsturzvor­lage hat man unsere Bereitwilligkeit dazu gesehen, aber wenn nun eine Seite des Umsturzes mit ledig­lich äußerlichen Mitteln gefaßt werden foll, wenn man obendrein, um ein umgekehttes Bild zu gebrauchen, einen Brand mit dem Blasebalg löschen will, dann müssen wir jetzt und für immer unsere Mitwirkung versagen, einfach aus dem Grunde, weil wir keinen Nutzen, sondern lediglich Schaden darin erblicken.

. Diejenigen Elemente, welche gegenwärtig am lau­testen nach dem Polizeistocke und dem Staaisanwalte rufen, sind dieselben, welche sich in Ironie nicht genug thun können über solche, die „mit Weihrauch die So­zialdemokratie ausräuchern wollen." Wir wissen sehr wohl, daß die soziale Frage mit Kirchengehen nicht gelöst werden kann, aber wenn wir erst die Ar­beiter — und die Arbeitgeber auch! — soweit haben, daß sie andächtig vor dem Allerhöchsten knieen, dann wird jene Schreier-Gesellschaft, die sich in dieser Zeit so schwer am nationalen Empfinden des deutschen Volkes versündigt hat, auch in dem Theile der „Ge­nossen", welche ihr jetzt etwa noch zustimmen, die ihr gebührende Zurückweisung und Verurtheilung finden. Würden diese Elemente, deren Ruf jetzt das Aus­nahmegesetz ist, gleichzeitig für die positive Re­form aus sozialem wie auf religiösem Gebiete ein­treten, dann wäre wenigstens in etwa mit ihnen zu reden; aber man macht jetzt wieder, wie schon so oft, die Erfahrung, daß sie es sind, welche der ernsten Sozialreform den heftigsten Widerstand entgegensetzen und außer sich gerathen, wenn sie von „Konzessionen an die Klerikalen" hören.

Je mehr Einfluß diese Richtung gehabt hat, desto bettübendere und dunklere Blätter weist die Geschichte des deutschen Reiches auf, und die Frist von 25 Jahren ist doch gar nicht zu lang, als daß Jedermann, der den gesunden Menschenversiand hat, sie übersehen und daraus sein Urtheil bilden könnte. Wenn deshalb jetzt der Versucher wiederum an uns herantritt, wenn er mit hochtönenden Redensarten unter Benutzung und

Mißbrauch der berechttgten nationalen Entrüstung unsere Gesetzgebung auf verhängnißvolle Abwege drängen will, dann müssen wir doppelt energisch ihm Wider­stand leisten und auf dar einzig mögliche Abwehr­mittel mit allem Nachdruck Hinweisen: nicht Polizei­stock und Staatsanwalt, sondern religiöse und so­ziale Reform, wie sie nur aus dem Geiste der praktischen Christenthums in seiner vollen Freiheit des Waltens entspringt und ins Werk gesetzt werden kann!

Deutsches Reich.

Berlin, 13. September.

* Der Kaiser begleitete, wie aus Stettin gemeldet wird, den Kaiser Franz Joseph zum Bahnhofe, wo auch der König von Sachsen erschien. Kaiser Wilhelm trug österreichische Husaren-Uniform, Kaiser Franz Joseph die Uniform der Kaiser Franz Garde- Grenadier-Regiments. Nach herzlichster Verabschiedung bestieg Kaiser Franz Joseph den Sonderzug zur Rück­reise nach Wien. Dann nahmen Kaiser Wilhelm und der König von Sachsen in inniger Weise von einander Abschied. Der Letztere reifte Nachmittags nach Dres­den ab, während der Kaiser sich sofort an Bord der „Grille" begab und nach Swinemünde fuhr. Auch der Graf von Turin, die Prinzen Leopold und Arnulf von Bayern, sowie die Prinzen Albrecht und Friedrich Leopold von Preußen verließen Stettin mit den nächsten Zügen.

* Graf Waldersee, der in den Kaisermanövern die Nordarmee geführt hat, ist vom Kaiser, wie schon kurz gemeldet, zum Generalober st en der Kavallerie (mit dem Range eines Generalfeldmarschalls) ernannt worden. Diese Beförderung hat wohl keinen politischen Hinter­grund, wiewohl Graf Waldersee wegen des Stöcker- briefeS augenblicklich wieder viel genannt wird/ Das ,Bolk' versichert bei dieser Gelegenheit nochmals, daß die sogen. Walderseeversammlung von' 1888 mit der Politik nichts zu thun hatte, sondern nur kirchliche Zwecke verfolgte, zu denen sich Leute verschiedener politischer Richtungen zusammengefunden. Graf Walder­see, der sich auch gegen das Volksschulgesetz ausge­sprochen, stehe den Mittelparteien näher als den Konser­vativen. Ferner erzählt das ,Volk': „Herr v. H ammer­st ein, der eine Zeitlang sich mit dem Kauf von Häusern beschäftigte, suchte überall Geld, wo er solches vermuthete. Bei einem solchen Hauskauf nahm er auch die Geldmittel des Grafen Walder­see inAnspruch. Als Letzterer indessen zu bemerken glaubte, daß eine Mißdeutung ober ein Mißbrauch (!) möglich wäre, suchte er — es war dies schon vor einigen Jahren — das DarlehenSverhältniß aufzuheben, frei- lich vergeblich." Und solche erbaulichen Dinge haben konservatwe Männer und Blätter gewußt und nicht nur verschwiegen, sondern sich noch Jahrelang die Führung des sauberen Freiherrn gefallen lassen!

* Einen geheimen Erlaß des Kriegsministerinms — aus jüngster Zeit, vom 15. 8. 95 batirt — ver­öffentlicht toieber einmal ber sozialdemokratische,Vor­wärts'. Darin wird, gegenüber gegenteiligen Ver­ordnungen einzelner Truppentheile, darauf hingewiefrn, * )aß es den Soldaten nur gestattet, nicht anbe- ohlen ist, sich über erlittene Mißhandlungen zu be- chweren.

* Der Mißbrauch, welcher mit dem Berich- ! igungsparagraphen des Preßgesetzesgegen­über den ZeitungSredaktionen getrieben wird, gelangt auch in der , Kreuzzeitung' an der Hand der neueren Judikatur zur Erörterung. Das konservative Organ schreibt: „Jeder Schwindler, jeder Gauner, vor dejsen gemeingefährlicher Thätigkeit zu warum doch eine der vornehmsten Pflichten einer anständigen Preffe ist, hat eS aus Grund dieser Judikatur in der Hand, in der Oeffentlichkeit glänzend gerechtfertigt da- zustehen. Sobald eine Redaktion fein dunkles Treiben in durchaus zutreffender Weise charatterisirt hat, kann er sie dazu zwingen, seine wahrheitswidrigen Behauptungen als Berichtigung aufzunehmen, und da­durch bet dem Publikum den Anschein erwecken, als sei einem Ehrenmann bitterböses Unrecht gethan. Das heißt nichts anderes, als dem Schwindel Thür und Thor öffnen, ihn mit dem Glorienschein der gekränkten Unschuld zu umgeben, die zu ihrer Warnung von den gesetzlich zustehenden Befugnissen nothgedrungm