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211 Freitag, den 13. September 1895 22. Jahrgang

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ö Das alte Reichstagsgebäude

bat so schreibt man uns aus Berlin, während seiner mehr als 25jährigen Dienstzeit manchen Sturm er­lebt; erhabene und sehr häßliche Scenen haben sich darin abgespielt. Was es aber in seinem Ruhestande bereits erlebt hat, das ist eines Hauses mit dieser Vergangenheit geradezu unwürdig. Wir empfinden nicht allzu pietätvoll und sentimental gegenüber einem alten Gebäude, welches demnächst niedergerissen wird, um dem Neubau des Herrenhauses Platz zu machen. Aber, daß man das Retchstagsgebäude zu einer ^ahr- marktbude machen ließ, war doch auch nicht schön. Die Regierung, pflichtgemäß auf die „Besse­rung der Finanzlage" bedacht, hat das Haus nicht leer stehen lassen wollen, sondern eS vermiethet. So wurden denn zuerst Vorträge in dem Sitzungssaale gehalten, kleine Ausstellungen veranstaltet; der bekannte SÄnellphotograph Anschütz demonstrirte seme Kunst darin; eine Jagdausstellung „schmückte" $oöen und Saal mit Hirschgeweihen u. s. w. Die Thurpfosten hatten damit allmählich das Aussehen von Anschlag­säulen erhalten; ein buntes Bild wurde neben und auf das andere geklebt. Schon damals ärgerten sich verschiedene Blätter über die „Entweihung" des Hauses. Es half aber nichts. Eines schönen Früh­lingstages wurden sogar mächtige Firmentafeln von Leinwand vorgefahren und in ellenhohen Buchstaben die ganze Front des Haufes entlang die Jnschnst an­gebracht: „Ausstellung des Nationalvereins zur Pflege der Volksgesundheit. Ueber dem Hauptportal aber brachte das Komitee der „Allge­meinen Ausstellung für Sport, Spiel und Turnm ein Gemälde an, welches ganz im Stile der Jahr- marktsbudrnbilder ■ „Sport, Spiel und Turnen ver­anschaulicht. An die. Thürpfosten wurden ebenfalls bunte Bilder geklebt, die zum Eintritt emluden. Durch das Hauptportal ging es zu „Sport, Spiel und Turnen" gegen Eintrittsgeld, durch das Nebenportal zur Hygiene-Ausstellung umsonst. .

Wir sind weder für Geld noch umsonst darin ge­wesen und haben auch nie Jemand hineingehen oder herauskommen sehen. Die Zeitungen hatten sich meist feindlich gegen dieses Vogelwiesenthum gestellt, was wohl mit an dem schwachen Besuche schuld war. Es gab eine Art Krach in dem Unternehmen und m Folge dessen auch zwischen den einzelnen Unter­nehmern Am Samstag hielt das Komitee der All­gemeinen Ausstellung für Spiel, Sport und Turnen eine Generalversammlung ab, in der es zu einer Aus- einandersetzung mit dem „Nationalverein zur Pflege der Volksgesundheit" kam, und diese Auseinander­setzung war sehr unerquicklich. Nach einem von dem Vorsitzenden des Komitees der Ausstellung für Sport, Spiel und Turnen, Dr. Gebhardt ver­faßten Bericht an die Regierung liegt die Sache folgendermaßen: Dem „Nationalverein zur Pflege

Zwischen Pflicht utiir Neigung.

Preisgekrönte Novelle von A. Zingel er.

(10. Fortsetzung.)

Sobald Seewald sich ungestört sah, öffnete er das für ihn so wichtige Schreiben. Rasch überflogen seine Augen den umfangreichen Brief und immer ernster wurden seine Züge. Nun war er zu Ende; aber die Briefe seiner Mutter las er stets öfter als einmal und den heutigen erst recht. Frau Finanzrath Lehrbach- Seewald schrieb:

Mein lieber Franz!

Dein Schreiben hat mich mehr als überrascht, es hat mich tief bewegt. Ich glaubte, die Vergangenheit ruhe und die Erinnerung an Zeiten und Verhältnisse, welche für uns nur schmerzlich sein können, würden nicht wieder so lebendig gufgeweckt, wie Deine merk­würdige Mittheilung es thut. DaS schmerzliche Ge­fühl, welches in meinem Herzen dadurch erregt worden ist, läßt mich ganz bestimmt für jetzt unserem guten Vater gegenüber von der Sache schweigen. Schon viele Jahre hatte ich mich bemüht, ohne Bitterkeit und Klage an die Vergangenheit zu denken, und doch mußte ich mich beim Lesen Deines Briefes erinnern, daß ich ja vergeben habe. Wie schwer aber ist vergessen, so ver­gessen, daß es vergeben gleichkommt. Aber fürchte nicht,

der Volksgesundheit" ist das alte Reichstagsgebäude zu gemeinnützigen Zwecken (Hygiene-Ausstellung u. st w.) für einen jährlichen Miethsprels von 6000 Mark überlassen worden. Der Generalsekretär dieses Ver­eins, der ehemalige Referendar und sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete LouiS Viereck, vermlethete nun einzelne Räumlichkeiten weiter, so an das ge­nannte Komitee, und wohnte mit seiner Familie dort. Aus diese Weise soll er Miethen von 60-70,000 Mark erzielen. Schon bald nach Eröffnung der Sportausstellung kam es zu allerhand persönlichen Reibereien wegen Zahlungen u. s. w. Dr. Gebhardt beanspruchte von Viereck eine vertragsmäßige Konven­tionalstrafe von 5000 Mark, weil die Beleuchtungs­anlagen nicht fertig waren. Als eines Abends in der Ausstellung Personen zu einer Festlichkeit versammelt waren, entzog Viereck das Licht und man mußte un­verrichteter Sache wieder nach Hause gehen. Angeblich wegen eines Zahlungsrückstandes beantragte Viereck die Exmission, die denn auch vom Gericht für vollstreckbar erklärt wurde, wie der Rechtsanwalt des Komitees behauptet, auf Grund von Jrrthümern.

Am 31. August sollte die Ausstellung geschlossen werden; der Schluß erfolgte eine halbe Stunde früher als angesetzt war, weil man von dem Kommen des Gerichtsvollziehers benachrichtigt war. Der finanzielle Mißerfolg wird vom Komitee auf die Haltung der Presse und diese auf die irrige Annahme zurückgeführt, daß die Ausstellung ein Unternehmen Vierecks sei. Ueber Viereck wurden in der Versamm­lung allerhand wenig schmeichelhafte Dinge erzählt. Dieser aber ließ daraufhin ein Flugblatt mit ferner Namensunterschrift vertheilen, worin er die Gründe der Exmission auseinandersetzte und Dr. Gebhardt überaus scharf angrifft Er erzählt darin auch, daß in einer Nacht ein großes Gasrohr im Keller durch­schnitten worden sei und mehrere hundert Kubikmeter Gas entströmten; wäre Jemand mit Licht in den Keller gegangen, so wäre das ganze Reichstagsgebäude in die Luft geflogen. Er scheint Dr. Gebhardt mit der Sache in Verbindung bringen zu wollen, was natürlich die Versammlung entrüstet zurückwies. Der Centralvorstand des Nationalvereins, dessen Vor­sitzender Frhr. v. Broich ist, erklärt in den Blättern, es könne ihm nur erwünscht sein, wenn die von etwa anderthalb Dutzend Personen, darunter mehrere Damen, besuchte „Generalversammlung" der verunglückten und wegen Miethsrückstände cxmittirten Ausstellung eine Vorstellung an die Regierung wegen nnan- qemessener Benutzung der Räume richte, da ihm dadurch Gelegenheit gegeben würde, den Sach­verhalt an maßgebender Stelle klar zu legen. Da er streng verttagsmäßig verfahren sei, könne selbstver­ständlich von einer Aufhebung des Vertrages mit der Regierung und von einer Schließung des Gebäudes ■ keine Rede sein.

Wir vermögen natürlich nicht zu entscheiden, wer daß ich Deinen Schritt mißbillige, mein lieber Franz. Das ist mehr als Zufall, dieses Zusammentreffen und der Antrag, den Herzog Burkhard Dir gemacht hat. So folge denn dem Wege, der sich ohne Dein, ohne unser Suchen vor Dir geöffnet hat, und war es eine höhere Hand, die ihn Dir erschloß, dann wird Dir auch der Segen nicht fehlen. In meinem Alter ist das Hoffen nicht mehr so lebendig, wie in der Jugend, wenigstens nicht das Hoffen auf Erreichung großer Ziele und die Erfüllung wichtiger Wünsche. Aber ich fühle doch mein Herz fteudiger pochen bei dem Ge­danken, Du erreichest das Ziel, welches Du im Auge hast und dem Du die eigenen Wünsche zum Opfer bringst. Ich weiß, daß Dich nicht der Glanz des Hofes anzieht, daß Du keine Luftschlöffer bauest auf Erwer­bung von Ruhm und Titel; dafür bist Du zu stolz, zu frei im Fühlen wie im Denken. Du bist stark ge­nug Dein Lebeusschiff, so weit es von uns Menschen abhängt, selbst zu lenken. Ich weiß daß es Dich Ueberwindung gekostet hat, zu dem Entschlüsse zu kom­men, mit Herzog Burkhard zu gehen, und well Du nur aus Liebe zu Deinem schwer gekränkten Vater handelst, deshalb muß Dich mein Segen begleiten und der Segen dessen, ohne den auch der Mutter Segen kraftlos ist, wird Dir nicht fehlen. Rur Eines ver­sprich mir, laß Dich nicht vom Mißerfolg bedri^en. Wenn Deine Menschenkenntniß in schmerzlicher Weise

Recht hat, möchten aber doch wünschen, daß der Ver- ttag nicht mehr lange laufe, damit die Regierung die ganze Gesellschaft, die so mit unerquicklichen Dingen das „historische" Haus kompromittirt, bald „ex- mittiren" kann. Hoffentlich ist sie in Zukunst vor­sichtiger bei der finanziellen Verwerthung des Baue«, und wenn es wahr ist, daß der „Nationalverein" 60—70000 Mark Miethe herausschlägt, während er nur 6000 Mark zahlt, so sehen wir auch nicht ein, warum der Fiskus so besonders großmüthig zu fern braucht. ___________________________

Deutsches Reich.

Berlin, 12. September.

* Der Kaiser wird, wie aus Danzig gemeldet wird, morgen srüh auf der Yacht „Hohenzollern" in der Danziger Bucht bei der Manöverflotte eintreffen. Nach­dem er die Parade abgenommen, wird die gefammte Flotte in See gehen, um am Freitag und SamStag Seemanöver in Gegenwart des Kaisers abzuhalten. Am Samstag Nachmittag kehrt die Flotte in die Danziger Bucht zurück, worauf der Kaiser die kaiserliche Werft besichtigen wird. Am Sonntag findet auf der „Hohenzollern" Schiffsgottesdienst durch den Kaffer statt, worauf die Auflösung der Manöverflotte und die Rückkehr des Kaisers nach Swinemünde erfolgt.

* Dem Kaiser Franz Joseph widmet der Reichs- anzeiqer' an der Spitze seines „nichtamtlichen Thelles zu seinem Scheiden aus Deutschland einen warmen Abschiedsgruß, in welchem seine Gegenwart bei den deutschen Kaisermanövern die „Verkörperung der treuen Bundesgenoffenschast" genannt wird, in der „Oesterrelch- Ungarn sich mit dem deutschen Reiche zu einem Boll­werk des europäischen Friedens zusammenge- schloffen hat." 'Italien, der dritte Bundesgenosse, wird hier also nicht genannt.

* Herr v. Lucanus, der „Mmfftertodter , hat nach dem ,Reichsanz/ das Großkreuz des Rothen Adler- Ordens mit Eichenlaub und der königl. Krone erhalten. — Dem Direktor der Deutsch Ostaftikanischen Gesell­schaft, Assessor a. D. Alex. Lucas, ist der Charakter als Kommerzienrath verliehen worden.

* In den Festen des kai,erlichen Berlin, so schreibt die gut konservative Wochenschrift .Sozull- Refornll, wird Niemand die warme Herzlichkeit ent­decken, die den echten Reiz, den geheimen Zauber wahrer Feste bildet, vergebens wird man nach der VolkSthümlichkeit suchen, die ihren Grund bilden muß. Es ist alles so unheimlich osfiziell, so hos- lieferantenmäßig und so uniformirt. Die Weihe des Denkmals für unferen unvergeßlichen elften Kaiser, für den Monarchen, der, wie keiner zuvor, em Volkskaiser war, wird zu einem Hoffest, die Kirche, die zu seinem Gedächtniß gebaut ist, erscheint von zahl- ' losen Hoffräulein und militärifchen Uniformen um­geben, aber das Volk — wo ist das Volk? Paraden gefördert wird, so werde nicht bitter, urtheile stets milde und halte den Schatz an HerzenSsteudigkett, den Dir Gott geschenkt hat, frisch und lebendig. Er wird Dir mannigfache Täuschungen und vereitelte Hoffnungen viel leichter tragen lassen, als es äußere Anerkennung, Titel und Ehren vermögen. Jene macht zufrieden und deshalb glücklich, diese erregen nur allzu leicht ine Sucht nach immer neuen Ehren, die Besorgmß, Allere mehr bevorzugt zu sehen und somit Unruhe deS Ge- müthes, Unzufriedenheit des HerzeuS. Doch ich weiß, Du wirst den rechten Weg zu finden wissen und mein Vertrauen auf Dich steht fest.

Ich glaube Deinem Schreiben entnehmen zu dürfen, daß es Dir unangenehm ist, dem Herzog Demen vollen Namen nicht genannt zu haben. Allerdings habe ich Dich von Kind auf gelehrt, ohne Scheu stets die volle Wahrheit zu sagen, und im Bewußtsein dessen fuW Du Dich jetzt vielleicht etwas unzufrieden. Aber Du hast ein Recht darauf, den Namen Deiner Mutter zu führen, und es 'entspricht dies ja auch einer in unserer Heimath öfter vorkommenden Sitte. Jetzt kannst Du es wohl nicht mehr ändern; denn wenn auch die Er­innerung an Jene, die vom Unglück getroffen wurden, sehr rasch bei den Menschen verschwindet, so würde der NameDeines Vaters doch noch in dem Andenken Vieler stehen, welche vielleicht nicht einmal gern an ihn er- . innert werden, und Deine Aufgabe würde jedenfalls