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Neilsge Mv Mulösev Aeitung.

JVo 200 Samstag, den 81. August 1895. 22. Jahrgang

42 Generalversammlung

-er Katholiken Deutschlands.

VIII.

AV München, 30. August.

Keneralversammlung der St. Bincentins-Vereive Deutschlands.

Der große Saal im kath. Kasino wies Dienstags einen für die schöne Nachmittagszeit, zumal zugleich mehrere Ausschüsse tagten, recht erheblichen Besuch auf. Der Präsident des Münchener Centralvereins, Herr Freytag, eröffnete die Versammlung mit dem Ver­einsgebete und dem katholischen Gruße. Er betont, daß es nicht genug sei, den Armen einige Gaben und Groschen zu geben, vielmehr sei die Hauptsache das geistige Almosen; es gelte, den Armen an sich heran­zuziehen, ihn zu besuchen, zu belehren und zu trösten, mit ihm in stetem Zusammenhang zu bleiben, so daß er zufrieden wird mit seinem Geschicke, wenn er sehe, daß noch Menschen rein uneigennützig sich seiner an­nehmen. Darin habe der Patron des Vereins das schönste Beispiel gegeben, und die Gründer hatten es auch so gehalten. So empfehle denn der Generalrath auch, lieber die Zahl der zu unterstützenden Familien zu vermindern, wenn die Zahl der Mitglieder nicht ausreiche, sie zu besuchen. Er ermahnt also Alle, dieses geistige Almosen zu üben und zu beten, daß alle Mitglieder in diesem Sinne thätig sein möchten. Er gibt dann mehrere Angaben über den Münchener Verein. Der Verein feiert am 8. Dezember d. I. sein 50jähriges Jubiläum. Er zählte 1894 14 Kon­ferenzen mit 547 ordentlichen und 1047 außerordent­lichen Mitgliedern und unterstützt 3843 Familien und einzelne Arme und gab 47,350 Mark an Brod, Lebensmitteln, Brennmaterial rc. aus. Der Verein sorgt auch für die Erziehung verwahrloster Kinder. Die Zahl der Kinder in diesen Kinderbewahranstalten beträgt 700. In einem Dienstbotenheim für solche Dienstboten, die nach mindestens 10 Jahren in bravem Dienst nicht mehr arbeitsfähig sind, befanden sich 43 alte Dienstboten; die Kosten beliefen sich auf 10,853 M Auch in München ist die Klage also berechtigt, daß der Mitglieder zu Wenige sind. 22 Vereine sind dem Centtal-Verein München angegliedert. — Ein Ver­treter des Pariser Generalrathes, Herr Rivisre, bringt in dessen Auftrage besten Gruß und Dank. Er selbst hat niemals bei wiederholter Anwesenheit in München zu Studienzwecken so viele Freude empfunden als jetzt, wo diese schöne zahlreiche Versammlung der Katholiken tage. Seine Bitte, die Form der Rede nicht beachten zu wollen, war beinahe überflüssig. Er legt dar, wie für den Vincentius-Bruder, den er als barmherzigen Samariter bezeichnete, der Spruch: „Gelobt sei Jesus Christus" besonders passe und weist hauptsächlich auf das Konkubinat als die Plage aller großen Städte hin im Zusammenhänge mit dem Anwachsen der Kriminalität und der Verwahrlosung der Kinder. In Frankreich, den Niederlanden u. s. w., auch in Köln und Berlin gebe es Franz-Regis-Bereine zur Revalidirung der wilden Ehen. Der Präsident dankte dem Redner und bittet ihn, dem Generalrathe Mittheilung zu machen davon und deutet hin auf den Beschluß der Delegirten-Versammlung des Vereins, dem Konku­binate entgegenzutreten und die Bemühungen des Klerus in dieser Hinsicht zu unterstützen.

Dr. LingenS (Aachen) empfiehlt wieder den regel­rechten wöchentlichen Besuch der Armen und empfiehlt Statistiken anzulegen über die Zahl der wilden Ehen zu der der kirchlich eingesegneten und die Zahl der Dausen zu der der Geburten. Er erzählt von den Be­mühungen tüchtiger Geistlicher in Frankfurt a. M. und Berlin zur christlichen Einsegnung wilder Ehen. Es sollen so auch die eventuell bestehenden Hindernisse, wie sie z. B. im Code Napoleon enthalten sind, wonach nicht ohne Erlaubniß der Eltern vor einem bestimmten Alter geheirathet werden soll, klar gestellt werden, damit es so möglich werde, auf die Reichsgesetzgebung einzuwirken, diese Hindernisse zu beseitigen. Er selbst als Vertreter des Präsidenten des RatheS der Rhein­lande, Herrn Rody, überreicht die Sammlung des Materials für die Rheinlande. Dem gegenüber wurde mehrfach betont, daß das Sache der Pfarrämter, nicht der Bincentius-Vereine sei. Von anderer Seite wurde dagegen wieder betont, daß die Vereine selbst es auch vielleicht durch eine Mittelsperson aus ihrem Kreise besorgen können und diese Statistik ein gutes Mittel zum Zweck sei, den der BincenüuS-Verein ganz wohl erfüllen kann und erfüllt hat und erfüllt. Es sprachen noch Herr Professor Wertheroen, der Herausgeber der 1896 erscheinenden Zeitschrift „Charitas", die er mit ihren Zwecken empfiehlt. Er bringt den Gruß des Erzbischofs von Freiburg und des örtlichen Berwaltungs-

rathes Freiburg und erwähnt, daß die Damenwelt von Freiburg durch einen Bazar 20,000 M. für den Verein gewonnen habe. Aus den Klagen der Straßburger Herren, besonders des Herrn Lehrers Merz, ergab sich die Berechtigung des Wunsches und der Aus­führungen des Herrn Dr. Lingens. Ein Luzerner Herr bringt Grüße aus der Schweiz, wo der Verein 1500 Mitglieder zählt. Er empfiehlt nach dem Rathe des hl. Vincenz selbst und des Generalrathes zur Kräftigung des Eifers der Mitglieder die Abhaltung von Exercitien. In Paris feien vor 10 Jahren bei 120 Konferenzen nur 10 Männer bei diesen Exercitien anwesend gewesen, heute müßten sie dreimal jährlich gehalten werden mit jedesmal 40—50 Mann. Er bittet alle Gäste, bei einer Schweizern ise, wenn mög­lich, die Konferenzen zu besuchen, zumal das auch zur Anregung der Mitglieder diene.

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Festkommers der sarbentragendc« deutschen Stu dentenverbindn »gen.

AV München, 27. August.

War das ein Heller Jubel gestern Abend in der großen Festhalle, wo der schöne Traum von der alten Burschen­herrlichkeit zum wenigsten auf flüchtige Stunden sich für so manches Philisterherz verwirklichte, das herbeigeeilt war, um des Lebens Plag und Sorge abzuwaschen im Jung­brunnen studentischer Sitte und Fröhlichkeit. Wie wogte es durch den endlosen Saal, hier ftöhliches Wiedersehen alter Freunde, dort ttäftiger Händedruck zur Besiegelung neuer Freundschaft. Hier das alte ehrwürdige Haupt, den Silber- fchnee des Alters gekrönt von der lustigen farbigen Mütze, und dort die munteren Burschen und Füchse, aus deren Mienen es deutlich spricht, daß ein ungetrübter Himmel ihres Lebens Sonne noch bescheint. Vergebens würde die Feder versuchen, das farbenprächtige Bild auszumalen, das sich der zahlreichen Menge bot, welche den weiten Raum bis zum letzten Stehplätzchen besetzt hielt. An erhöhter Stelle hatte in Vollwichs das Präsidium seinen Platz, während durch den ganzen Saal vertheilt etwa 30 Char- girte in den verschiedenen Wichsen der einzelnen Kartell- verbindungen die Ordnung aufrecht hielten. Von den Tribünen, von wo ein reicher lieblicher Damenflor dem luftigen Treiben zuschaute, grüßten die kostbaren Banner der einzelnen Korporationen und bereicherten so effektvoll die herrliche Dekoration der Festhalle. Die aufgestellten Ehrentafeln konnten die Zahl der hervorragenden Gäste kaum fassen und nur die Namen einiger Weniger seien hier hervorgehoben. Es beehrtrn den Kommers: Fürst Löwen­stein, Graf K. v. Preysing, der Präsident des Lokalkomitee's, der Präsident der Katholikenversammlung Justizrath Müller, die Abgeordneten Dr. Lieber und Dr. Porsch, Landgerichts­rath Kiene, die Professoren Dr. Grauert und Schnürer, die Grafen Fugger und Matuschka rc.

Den Vorsitz führte Herr Vorortspräsident Student Ledschbor von der Suevia-Berlin in schneidigster Weise, indem er den frohen Willkomm entbot all den verehrten Gästen, die durch ihr Erscheinen dem Verbände ihre Sym­pathien bekennen. In zündender Rede sprach sodann Aenanenphilister Dr. Weiß, zunächst gedenkend der wackeren Studirenden, welche 1870 durch ihr Herzblut und den Tod die Herrlichkeit des neuen deutschen Reiches mit erkauft haben. Den Zoll der Liebe und Ehrfurcht entbot er so­dann dem mildreichen Regenten des Bayernlandes Prinz- Regent Luitpold, dem starken Herrscher Deutschlands Wilhelm II. und dem erhabenen Fürsten und Lehrer auf Pettt Thron Leo XIII. Brausender Beifall folgte dem exakt ausgeführten Salamander. Ein treffendes Bild von dem Leben in den katholischen Studenten-Verbindungen entwarf in meisterhaften lebendigen Zügen der Festtedner Herr stuck, theol. Maier von der Saxonia-Münster i. W. Wir fahen das Füchslein ftohgemuth Haupt und Brust mit den Farben bedecken, wir hörten nach bestandener Prüfungs­zeit den Treuschwur des Burschen, der auf's Leben den jungen Mann an den Verband und seine Prinzipien kettet. Wir erblickten den alten Philister fteudig herbeieilen wiederum zur Verbindung, um das alte Herz neu zu beleben, wir standen endlich am Grabe, wo das katholische Band in die stille Gruft sich senkt als Begleiter zum andern Leben. Den reichen Beifall hat Redner schließlich dadurch in die That zu übersetzen, daß Alle dazu beittagen möchten, daß der Kartellverband zu einem größeren Gedeihen und Blühen gelange.

Von endlosem Beifall begrüßt, um die Brust das farbige Band, die Mütze auf dem Haupt, betrat Dr. Lieber die Rednertribüne, um mit seinem flammenden Worte die Ideale der studirenden Jugend zu feiern, die Ideale, welche das empfängliche junge Herz so fteudig aufgreift, die hinüber­helfen über alle die Fährnisse der Jugend wie des späteren Lebens. Allen Fuchsen des Verbandes, auf denen ja die Zukunft beruhe, bis zum jüngsten Spefuchsen in der Mütze der Kartellphilister herab kommandirt Redner einen kräf­tigen Salamander. Herr Rechtspraktikant Köllensperger, Philister der Aenania, feiert in vom Hauche einer an- muthigen Poesie durchwebten Worten die verehrten Damen. Wie die alten Ritter einst die Frauen zu hohem edlem Thun entflammt, so soll auch heute noch den Bruder Studio die holde Weiblichkeit zu bestem Streben im Dienste der Religion, Wiffenschaft und Freundschaft begeistern.

Herr Chefredakteur Jos. Grün au, Philister der Badenia- Straßburg, gedachte der gastlichen Stadt München, die so recht geeignet, den Schritt katholischer Männer nach ihr zu beflügeln, wohin die Mitglieder des Kartellverbandes aber doppelt fteudig geeilt, weil hier die Wiege des stolzen Verbandes gestanden. München, der Stadt, wo der große Görres gelebt und das katholische Deutschland zu neuem kräftigen Leben wachrief, galt sein Salamander. Professor Dr. Grauert feierte in warmen Worten die Treue, zu­nächst gegen das Elternhaus und den kostbaren Schatz, den es uns auf den Weg mitgiebt, dann gegen die Freunde und schließlich zum Vaterland und zum hl. katholischen Glauben.

Konsistorialrath Dr. Porsch, in den Farben der Guest- phalia-Tübingen, jubelnd begrüßt, verspricht als alter Bursche die Treue allezeit zu wahren und lenkte dann den Blick auf die österreichischen Kartellverbindungen, die so schön emporgeblüht trotz dem Kampfe, welchem sie, insbesondere die Carolina-Graz, ausgesetzt seien. Ein feierlicher Protest gelte der Vergewaltigung, infolge dessen der Carolina es verwehrt gewesen, sich ihrem Kaiser zu nahen, als er die Einweihung der Universität vollzog. Herr Justizrath Müller spricht von der Eintracht der katholischen Studenten-Korporationen und führt als schönes Beispiel an, daß er einen Sohu bei den farbentragenden Verbindungen, den anderen bei~ den Vereinen habe. Dieser schönen Einigkeit gelte sein Sala­mander. Auch Graf C. Preysing verfehlte nicht, dem .Vorstande in warmen Worten seine Anerkennung für das edle Streben im Dienste der katholischen Sache auszusprechen und ermahnte, auf diesem Wege zum eigenen, wie der Kirche und des Vaterlandes Heil fortzufahren., Humorvoll wie immer sprach Herr Dechant Hammer-Wolfstein (Pfalz) und nach ihm noch so mancher Andere, doch wir müssen schließen und wollen die letzte uns zu Gebote stehende Zeile benützen zu einem herzlichen vivat, floreat, crescat dem Kartell- verbande, der gestern eine so herrliche Probe seiner Lebens­kraft wiederum geboten hat.

Vermischtes.

N. Der neue Schnelldampfer der Amerika-Linie St. Louis, der nach den vor seiner Jnbetriebstellung veröffentlichten Be­richten der amerikanischen Zeitungen alle übrigen Schnelldampfer aus dem Felde schlagen sollte, hat auch auf der jüngsten Reffe den Erwartungen in Bezug auf feine Geschwindigkeit nicht ent- sprachen und ist'von dem Schnelldampfer des Nord­deutschen Lloyd „Lahn" um volle 6 Stunden übertroffen worden. — Der Dampfer „St. Louis" verließ New-York am 17 Juli 12 Uhr 47 Mm. Abends und erreichte Southampton am 25. Juli 8 Uhr 15 Min. Morgens; die Reisedauer beträgt somit unter Berücksichtigung des Zeitunterschiedes 7 Tage 14 St. 28 Min. — Die „Lahn" ging am 16. Juli 7 Uhr Morgens von New-York ab und traf am 23. Juli 8 Uhr 45 Min. Nach­mittags in Southampton ein, legte also die Ueberfahrt in 7 Tagen 8 St. 55 Min. zurück. Zu bemerken ist dabei, daß es sich bei der „Lahn" durchans nicht nur um eine besonders be­günstigte Reise handelt, sondern daß sowohl dieser Dampfer rote auch andere Schnelldampfer des Norddeutschen Lloyd die Strecke New-York-Southampton wiederholt in 6XU Tagen zurückgelegt haben.

* Ein seltsames Schriftstück ist seitens einer König!. Re- gierung vor Kurzem in einer Schulangelegenheit der Gemeinde Nieder-Schönweide zugegangen. Es handelte sich um die endgff- tige Anstellung einer Lehrerin, zu welchem Zwecke der Gememde- und Schulvorstand des Ortes die von ihm ausgefettigte Bestel- lungs - Urkunde der Regierung mit der Bitte um Behändigung derselben übersandt hatte. Hierauf erging nun an die Otts- behörden nach der ,Tägl. 9t.' wörtlich folgendes Schreiben: „Der Herr Minister der geistlichen rc. Angelegenheiten hat uns er- mächtigt, die Gemeinde in seinem Namen auf die Beschwerde vom 21. Juli d. I. wegen Nichtachtung des Patronatsrechtes ableh­nend zu bescheiden, weil es nicht um die Berufung der Lehrerin N. an die dortige Schule und der damit verbundenen Ausferti­gung einer Berufungs-Urkunde für sie, sondern um die feste An­stellung der bereits seit 2 Jahren berufenen Lehrerin sich gehan­delt hat, zu welcher nur die uns zustehende Aufhebung des in der ihr vor der Feststellung des Lehrer-Berufungsrechtes er­teilten Berufungs-Urkunde enthaltenen Vorbehaltes erforderlich war." Die Mitglieder der Gemeinde- und Schulbehörde von Nieder-Schönweide haben dieses Schreiben — bis heute noch nicht erfaßt.

* Der Herr Rittmeister. An einem der heißen Tage sandte eine Berliner Brauerei ein mit Flaschenbier beladenes Fuhrwerk nach Mittenwalde, wo das Bier von dortigen Gastwirthen bestellt war. Das Fuhrwerk war bereits einige Meilen von Berlin ent­fernt, als es auf der Chaussee einem auf dem Marsche begriffenen Infanterie-Regiment begegnete. Bald umdrängten die schweiß- triefenden Leute den Bierwagen, dem ein Entkommen m dieser Situation unmöglich war. Da sprengt der Regiments-Komman- deur heran und befiehlt einem Unteroffizier und 4 Mann, an dem Fuhrwerk Aufstellung zu nehmen und streng zu verhindern, daß Getränk gefordert oder verabreicht wird. Als das RegimeM vorüber ist, schließt sich das Kommando an und der Bierwagen fährt weiter, dem Orte seiner Bestimmung entgegen. Allein kaum eine halbe Stunde später kommt eine Kavallerie-Abtheilung desselben Weges; derselben weit voraus sprengt der Rittmeister. „Kutscher, ist Ihr Bier sehr kalt?" — „Gerade zum Trinken, Herr Rittmeisters — „Geben Sie mal 'ne Flasche her!" — Der Offizier trinkt, setzt die Flasche ab und ruft seinen langsam heranreitenden Husaren zu: „Eskadron halt! Abgeseffen! Kuffcher, geben Sie jedem Mann eine Flasche, aber nur jedem eine!" — Im nächsten Augenblicke befand sich die leichte Reiterei im dich­testen Handgemenge und nahm die Bierbatterie mit stürmender Hand. Nach einigen Minuten wurde gerechnet. „Wie viel ist getrunken?" — „Elf Kasten, Herr Rittmeister." — „Na ja, also 330 Flaschen! Ich dachte mir's doch gleich, daß wieder Ber- schiedene nicht bis eins zählen können!" Sprach'S, be­zahlte dem Kutscher 33 Mark und ritt weiter.