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Samstag, den 31. August 189b

22. Jahrgang

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Hirrr« eine Keilage

42. Generalversammlung der Katholiken Deutschlands.

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Letzte öffentliche Verfammlung.

AV München, 30. August.

Die letzte öffentliche Generalversammlung, die am Donnerstag Morgen um 10 Uhr eröffnet wurde, wieS noch eine ebenfo überaus zahlreiche Betheiligung auf, wie die vorhergehenden Versammlungen. Nach einigen geschäftlichen Mittheilungen erhielt das Wort Professor Schaepmann aus Holland: „Heber die Reunions­bestrebungen Leo's XIII." Es geht durch die heutige Welt ein unendliches Sehnen nach Frieden. Stets gewaltiger steigt der herzergreifende Schrei aus Millionen Menschenseelen empor Die Weisen und die Mächtigen unserer Tage aber sagen und verkünden laut: es sei Friede. Wenn in unserem Welttheil Friede durch die Gnade Gottes und die gerechte Weisheit der Fürsten schon herrschen blerbt, in anderen Welttheilen lodert das Kriegsfeuer blutroth empor. Und noch immer, wie es hieß in der großen Septennatsrede, starrt es überall von Gewehren.

Ist das der Friede? Das ist ein eiserner Friede, der langsamer, ja, aber auch tausendmal gewisser als der Krieg das Mark im lebendigen Gebein der Völker tobtet. Aber durch die Welt tönt das alte, erlösende und verheißende Wort: „Den Frieden gebe ich Euch!" Es kommt aus dem Munde dessen, der als Nachfolger des hl. Petrus die Stelle Christi auf Erden vertritt, aus dem Munde des römischen Pontifex, des großen und einzigen Brückenbaumeisters zwischen Erde und Himmel; aus dem Munde des Mannes, den man im eigenen Palast zum Gefangenen, im eigenen Reich zum Beraubten gemacht hat, der aber in wirklich uner­messener Majestät das Wort sprechen und erfüllen kann: „Den Frieden gebe ich Euch!" Welch eine Er­scheinung ! Der jüngste in der erhabenen Reihe der Päpste, tritt unser Leo XIII. in einer wunderbaren Eigenthümlichkeit hervor. In ihm und durch ihn hat sich an dem Papstthum das schöne Wort von der „Er­neuerung seiner Jugend wie der des Adlers" in groß­artiger Weise erfüllt. Als er das erste Mal die Stimme erhob, da ward es stille, und so oft später ein Wort ertönte, horchte die Welt mit immer größerer Aufmerksamkeit. Denn noch niemals war ihr die Wahrheit so jugendlich, ftisch und schön erschienen als in dieses Greises Wort. Noch niemals hatte die Ge­rechtigkeit für Alle, für Kleine und Große, mit so hehrem Klange ihre Gebote ertönen lassen. Noch nie­mals war die Liebe in der hohen Majestät ihres Rechtes so der Welt offenbart. Des Papstes Wort, Kar und hell wie Krystall, scharf und biegsam wie Stahl, war dabei von einer schönen Wärme durch­glüht. Worte des Friedens brachte er, Thaten deS Friedens verrichtete er. Dem heillosen Kampf, der die ganze Kultur des neuen deutschen Reiches bedrohte und die Zwietracht an die Stelle der hohen, ftied- lichen Einheit setzen möchte, hat er ein Ende bereitet. Mit dem glorreichen Kaiser hat er den Wunsch des katholischen Volkes nach Gerechtigkeit erfüllt. Herrlich klangen die Worte des Friedens durch die Welt. Alle kennen wir diese! In Herz nnd Geist tönen sie lebendig wieder. In allen seinen großartigen und klaren, ge­waltigen und liebevollen Rundschreiben hat der Papst seiner Liebe zum Frieden Ausdruck gegeben und die Wege zum Frieden gezeigt. Der Familie und dem Staat, der Wissenschaft und der Gesellschaft hat er die Mittel geboten' die Versöhnung herbeizuführen zwischen Autorität und Freiheit, zwischen Recht auf menschenwürdiges Leben, Eigenthum und Standes- unterschied. Welche sind diese Mittel und Wege? Ihren Reichthum und ihre Mannigfaltigkeit hat der Papst in seinen verschiedenen Encykliken offenbart. Alle kommen zusammen in das Eine: Die Einheit des Glaubens und der Liebe. In erhabener Sprache, in

lapidarischer Fassung, mit majestätischem Schwünge und prophetischer Begeisterung hat Leo XIII. der Nothwendigkeit dieser Einheit Ausdruck geliehen in der an die Fürsten und Völker gerichteten Encyklika,kras- clara gratulationis.“

Mit Sonnenklarheit und mit Sonnenwärme hat der Papst die hohe Herrlichkeit des katholischen Friedens verkündet. Sein Wort ist voll der Liebe. Er er­mahnt, er tröstet, er betet; in herzergreifender Weise fleht er den König des Friedens, den göttlichen Ver­mittler der Einheit an. „Laß Deine Stimme er­tönen!" so fleht er, „zeige Dich, Du, der Eine Hirte, und gib der Welt die Eine Heerde, die Du, o Herr, uns versprochen hast!" In Ehrfurcht und Bewunderung hören wir, Söhne der katholischen Kirche, dies Alles an. Und in menschlicher kleingläubiger Weisheit fragen wir: ob ein Erfolg und welcher wohl der Erfolg sein wird? Wir wären nicht die Kinder, die wir sind, wenn wir nicht fragten und der Papst wäre nicht der Papst, hätte er die Antwort nicht schon gegeben: „In großen und schweren Sachen steht Gott den Menschen bei; die Zukunft soll man nicht ermessen nach mensch­lichem Erwägen, sondern mit Gottes Liebe und Kraft." Zur Arbeit aber ruft uns der Papst, zur Mitarbeit in diesem hohen Unternehmen. Durch Beispiel und Gebet sollen wir unseren irrenden Brüdern helfen. Durch das Beispiel der fteudcvollen, fruchtbaren, lebendigen Einhett, durch das fromme, anhaltende Gebet. Hier ruht, wie mir scheint, auf den Katholiken Deutschlands eine Ehrenpflicht. Also auf zur Arbeit! Glänzend haben Sie bis heute die Einheit gehand­habt, der Welt ein glorreiches Beispiel gegeben. Bleiben Sie einig und beten Sie mit dem Papst und der ganzen Kirche! Dann wird die große Arbeit ge­lingen, dann werden Sie im schönen Kampf des Friedens unserem Herrn und Heiland den Sieg er­kämpfen. Zur Hand also das Gottesschwert, das nicht tobtet, sondern heilt! Und führen Sie es nicht mit dem bösen „furor teutonicus“, sondern mit ger­manischem Muth und katholischer Begeisterung, zur Ehre unseres Herrn und Königs Jesus Christus! (Stürmischer, langanhaltender Beifall.)

Präsident Müller: Wir haben die hohe Ehre, den Vorkämpfer der ungarischen Katholiken, Se. Excellenz den Herrn Grafen Zichy hier begrüßen zu können. (Lebhafter Beifall.) Die Sympathie für die ungarifchen Katholiken, die wir im voriger! Jahre durch eine besondere Resolution kundgegeben, ist seit­dem bei uns noch gewachsen. Ich bitte Sie, diesen Sympathien erneuten Ausdruck zu geben.

Von stürmischem Beifall begrüßt, nahm hierauf Graf Zichy das Wort, zunächst um im Namen der ungarischen Katholiken für die Sy mpathie-Bezeugungeu der deutschen Katholiken herzlich zu danken und dann kurz die Lage in Ungarn zu streifen. Diese sei für dm Katholizismus sehr schwierig, der dort noch vielfach im Mittelalter stecke, ohne daß auch der öffentliche Geist der des Mittelalters fei. (Sehr gut!) Er wolle sich aber lieber des Freudigen erinnern, dessen zumal, daß Gott den Ungarn ein wahrbast christliches Königs­haus bescheert habe. (Bravo!) Die ungarischen Katho­liken hielten fest an dem zuversichtlichen Vertrauen auf Gottes Beistand Sie kämpfen denselben Kampf, der in Deutschland, der in der ganzen Welt gekämpft wird: den Kampf des Katholizismus, zugleich den Kampf des Christenthums — denn dieses ist und bleibt ja in seiner Wesenheit katholisch. (Lebhafter Beifall.) Wenn der Staat alle Macht in seiner un­ersättlichen Hand vereinigen will, dann kann Friede nicht fein! (Lebhafte Zustimmung.) Friede kann nur die Kirche bringen, der Katholizismus! (Lebhafter Beifall.) Nur Christus bringt Frieden, Macht, Gerech- tigkeil! (Lebhafter Beifall.) Wir stehen für unsere Ueberzeugung ein, da gibt es keinen Opportunismus! (Brausender Beifall) Wir Christen alle müssen uns gegen das Freimaurerthum einigen. (Lebhafter Beifall), denn da handelt es sich nicht bloß um die Civilehe u. s. w., sondern um den Kampf des Christenthums gegen die gejammten destruktiven Tendenzen des Jahr­hunderts. (Sehr richtig!) Der Staat erlaubt, eine Kirche zu gründen der nichts Glaubenden (Heiterkeit). — Wo bleibt da die sittliche Grundlage der staat­lichen Ordnung? Errnnthigt werden wir durch euer Beispiel, durch eure Sympathie, und ich bitte euch, durch eure Manifestationen fort und fort nuferen

Kampf zu unterstützen. Ihr müßt mit uns einsteheu für die Wiederherstellung der katholischen Ehe, denn sie ist die Grundlage aller Ordnung in Familie, Ge­sellschaft, Staat! (Stürmischer Beifall.) Darum müssm wir eine Revision aller Gesetze anftreben, die dem Katholizismus schaden, wir müssen unverbrüchlich fest zusammenhalten (Lebhafter Beifall) — erlauben Sie, daß ich diese Manifestation für die katholische Ehe in Ungarn zum Ausdruck bringe. (Stürmischer Beifall.) Daun werde ich dem allmächtigen Gott dafür danken, daß er mir die Gnade gegeben hat, vor Ihnen zu sprechen. Behalten Sie ein freundliches Gedenken uns Ungarn und schließen Sie unsere Anliegen in Ihre Gebete ein! (Brausender, langanhaltender Beifall.)

Reichs- und Landtagsabgeordneter Dr. Lieber (stürmisch begrüßt): Thränenden Auges müssen wir München, dis Perle des herrlichen Bayernlandes, wieder verlassen! Noch einmal wollen wir uns da fragen: was ist es denn, das alle katholischen Herzen immer mit so großer Sehnsucht nach dem Bayernlande hin­zieht? Das sind die hohen Verdienste Bayerns um die katholische Kirche in Deutschland. Mögen Andere Anderes feiern — wir wollen Niemand heraus­fordern — aber uns muß es bann auch unbenommen sein, die Unseren zu feiern, denen wir Dank schulden für ihre Thaten für den Katholizismus. Gedenken muß ich bann Bayerns großer Kurfürsten, wie eines Wil­helm V., vor Allem aber Maximilian's L, des größten katholischen Staatsmannes des 16. und 17. Jahr­hunderts. (Lebhafter Beifall.) Man kann mit vollem Rechte sagen: ohne Maximilian I. stände nicht nur das herrliche Standbild der Ecclesia nicht hier in diesem Saale, sondern hätte die katholische Kirche selbst in Deutschland keinen Boden mehr. (Sehr richtig!) Diesem Ihrem großen Bayernfürsten und seinem opferwilligen Volke danken wir es, daß wir noch Generalverfamm- lungen abhalten können. (Bravo!) Und 45 Jahre später hat ein anderer Max, mit dem Zunamen Emanuel, vor jener Säule gekniet, er, der den Ansturm des Islam vom Osten her endgiltig von uns abge­wandt hat. (Lebhafter Beifall.) Man rühmt einen Karl Martell, einen Johann Svbieski — und wir sollten Max Emanuel von Bayern vergessen? Nein, niemals! (Lebhafter Beifall.) 30,000 Bayern haben in jenem Kriege ihr Leben gelassen, unsägliche Opfer hat das Bayernvolk auf sich genommen, um Deutschland zu retten! (Bravo!) Der Dritte ist König Ludwig I., der Held fürstlicher Wohlthätigkeit, der in 40 Jahren fast 8 Millionen Mark aus feiner Tasche zu Zwecken der Wohlthätigkeit in jeder Beziehung gab. Lappen, Süd­fee-Insulaner, Neger, sie Alle kennen seinen Namen und haben seinen Tod beklagt. Der Ludwigs-Missions- Verein zeigt seine Spuren sogar in den Vereinigten Staaten überall. Allerheiligen-Hofkirche, die Dome zu Bamberg, Regensburg, zu Köln, sie zeigen denWohl- thätigkeits- und zugleich Kunstsinn des Königs. Möhler, Görres, Phillips, Ringseis, Döllinger hat er berufen. Nach feinem Tode wären es neun männliche und zwanzig weibliche Orden, die ihre edle Thätigkeit auS- üben konnten. Und die Geschichte deS Kölner Domes erzählt laut von den Verdiensten Ludwigs; wer weiß, ob ohne Ludwig und ohne den Erzbischof Geissel, den Köln ihm verdankte, der Dom heute so dastände, wie er dasteht. Rückwärts blicken wir und schauen gleich­zeitig vorwärts, wenn wir Geschichte treiben. Wie recht hatte Windthorst mit seinen Worten in der Katholiken- Versammlung zu Amberg, die darin gipfelten: Bayern ist berufen, die katholische Macht in Deutschland zu sein, katholisch, ohne die Rechte zu schmähen, die den Protestanten zukommen. Im außerbayerischen Deutsch­land blicken die Katholiken mit Vertrauen auf Bayern, daß dieses die Gesammtinteressen der Katholiken in Deutschland vertrete. — Die Treue halten wir und bewahren wir denen, die unsere angestammten Fürsten sind. Aber wir dürfen nicht vergeffeu, daß wir auch heilige Pflichten als Katholiken haben, die wir im Herzen bewahrxn und niemals vergessen dürfen. Bon Boyern scheiden wir mit dem Wunsche: „Gott schütze und erhalte daS katholische Bayern."

Nach dem stürmischen Beifalle, der der Rede Lieber's folgte, theilt Vorsitzender Müller mit, daß die Gräfin Stainlein-Salenstein 3000 Mk im Angedenken : an ihren tobten Gemahl für Unterrichtszwecke und zur i Beschränkung weiblicher Fabrikarbeit spende. (Lebhafter ' Beifall.)