Einzelbild herunterladen
 

199 Freitag, den 30. August 1895 22. Javraarm

FuIdaerWZeitilNß

________ mit Untrrhaltimgs-KMagr „Kterne ««d Slnmnt“.

ettoeä“ ** ausgenommen. - BierteljähMcher Abouuernentsprei« ohne Bringerlohn und Bestellgeld m Fulda und auswärt- 1 Start 50 Pfennia

Inserate kosten die einspaltrge Aarmondzelle oder deren Raum 15 Pf., Reklamen die Petitzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt. $

42. Generalversammlung

-er Katholiken Deutschlands.

VI.

Dritte öffentliche Versammlung.

AV München, 29. August.

Die dritte öffentliche Versammlung wurde gestern Nachmittag 5 Uhr in der Festhalle eröffnet.

Domkapitular Danner-Salzburg spricht, nachdem er einleitend die österreichischen Verhältnisse gestreift, die hoffentlich recht bald die Abhaltung eines allge­meinen österreichischen Katholikentages gestatten würden, über die Autorität. Alle Autorität, so führte er aus, stamme von Gott. Ohne Gott kein Recht! Wie auch der Apostel sage: „Niemand kann einen anderen Grund legen, als der da ist in Christo Jesu" gebe es keine andere Rechtsquelle als Jesus Christus. Ohne ihn hätten die modernen Staaten auf Sand gebaut. Der Mensch werde nicht dauernd gehorchen, wenn er nur der Strafe, nicht des Gewissens wegen ge­horche. Ohne Gott kein Recht, keine Verpflichtung, keine Autorität! Wie stehe es denn heute mit der Autorität? Beginne nicht sogar schon die Autorität der Familie zu wanken? Zu wanken, weil man ihr die höhere Weihe, die von Gott kommt, genommen habe. Und wie stehe es mit der Autorität in der Schule? Dürfe man sich wundern, wenn die Studenten die Autorität ihrer Professoren mißachten, nachdem diese wohl ihre eigene Unfehlbarkeit anerkennen, die göttliche Autorität aber zurückweisen? Wie tief sei ferner die staatliche Autorität gesunken? Ja, selbst in das Heiligthum der Kirche dringe heute der autoritätsfeindliche Geist ein — hüten wir uns wohl vor dieser Gefahr! Ge­mehrt werde die Gefahr von den Universitäten. In Deutschland bildeten die Katholiken unter den Professoren eine kleine Minderheit — und, ach Gott! bei uns in Oesterreich erst! Wenn die Professoren keine Autorität anerkennen, darf man sich dann wundern, wenn auch der einfache Arbeiter keine Autorität mehr anerkennen will? Nur die Selbsthilfe könne uns gegen dieses Uebel helfen. (Zustimmung.) Wenn sich treue Pflichterfüllung verbindet mit der Opferwilligkeit, so können wir be­ruhigt der Zukunft entgegensehen. (Lebh. Beifall.)

Reichstagsabgeordneter Domvikar Wenzel-Bam­berg theilt mit, daß sein hochwürdigster Diözesan- Oberhirte am Donnerstag Abend die Wallfahrer in Altötting empfangen und am Freitag Morgen ein Pontifikalamt dort abhalten wolle. (Stürmischer Beifall.)

Reichs- und Landtagsabgeordneter Professor Dr. Schädler, lebhaft begrüßt, spricht hierauf über „die Arbeit im Lichte des Christenthums". Gegen­über der Auffassung des Kapitalismus, der keine Arbeiter, sondern nur noch Arbeitskräfte kenne, erhebe sich die andere Auffassung, daß der starke Arm des Arbeiters nur zu wollen brauche, um alle Räder stille stehen zu lassen. Mitten in diesen brandenden Wellen, die hinauf­streben zum Felsen der Autorität, stehe der leuchtende Pharus, das ewige, unüberwindliche Christenthum! (Lebhafter Beifall.) Wie weit ab liegt von der heidnisch­kapitalistischen Auffassung von der Arbeit, von ihrer Verachtung durch die antike Welt das Wort, das auf einer der ersten Seiten der Bibel steht: „Im Schweiße sollst Du Dein Brod essen," und das Wort des hl. Paulus: „Wer nicht arbeitet, der soll auch nicht essen." (Bravo!) Ja, mit und durch Christus, der aus der Werkstatt zu Nazareth heroorgegangen, sei auch der Arbeit die Erlösung gebracht worden. Und die Stunden der Arbeit im Leben des Erlösers gehörten gerade so gut zu dem großen Erlösungswerke, wie die Stunden der Leiden auf dem Oelberge. (Lebhafte Zu­stimmung.) Freilich, die Arbeit sei als Strafe der Sünde in die Welt gekommen, damals als der Mensch zum ersten Male den Liberalismus gegen Gott prokla- mirt. (Heiterkeit.) Die, welche die Arbeit als Selbst­zweck ausgeben, pflegen sich nicht gar sehr zur Arbeit zu drängen. (Heiterkeit.) Dem Christen ist die Arbeit eben keine verfluchte Nothwendigkeit, sondern eine heiligende Sühne. (Bravo!) Das Christenthum statuire die Arbeit als Gesetz, darum auch für Alle, wenn auch nicht Alle auf dieselbe Weise arbeiten müssen. „Wer nicht arbeiten will, der soll auch nicht essen!" Drohnen darf es nicht geben! Wer seinen Lebensberuf nur darin erblickt, Coupons abzuschneiden und dann in Trüffeln und Champagner umzusetzen, ist nicht besser

als der Stromer aus der Landstraße, nur daß des Ersteren Verantwortung viel größer ist. (Lebhafter Beifall.) Niemand braucht sich darum der Arbeit zu schämen. Sie ist hochgeehrt, geehrt durch nichts Ge­ringeres, als durch die Arbeit des göttlichen Zimmer­mannssohnes. (Bravo!) Und welche Verheißung ist den treuen Arbeitern gegeben! Ja, da höre ich wieder höhnisch: Ah, da ist ja wieder euer Wechsel auf das Jenseits! Jawohl, da ist er — ihr Rothen habt ja auch noch nichts Besseres geleistet! (Heiterkeit.) Ihr seid ja schon auf Erden mit euerem Zukunftsstaat pleite! (Heiterkeit.) Darum halten wir fest an dem süßen Himmelstroste und senken ihn den Arbeitern ins Herz — mögen Jene erst einmal etwas Besseres bieten! (Lebh. Beifall.) Dann wirst man uns auch „Sttmmen- fang" vor — ich brauche den Herren Bebel und Lieb­knecht nichts Anderes zu erwidern, als das etwas triviale, aber sehr ricbtige Sprichwort: „Man sucht Niemand hinter dem Ofen, wenn man nicht selber dahinter gesessen." (Lebhafte Zustimmung.) Wir erkennen es als eine Nothwendigkeit, einzutreten für den christlichen Arbeitsgedanken und für die Arbeiter selbst, wir fühlen es als unsere Pflicht, den Arbeiterschutz unablässig zu fordern! (Lebhafter Beifall.) Ich sehe, wie das Licht von jenem Kirchlein herabschaut, diesen Saal verschönernd, so soll auch die christliche Auffassung der Arbeit von der Kirche herableuchten und unser Leben verschönern und verklären! (Lebhafter Beifall.) Unser einziger Wahrspruch ist: Mit der Kirche für die Arbeit, mit der Kirche für das arbeitende Volk! (Stürmischer Beifall.)

Präsident Müller verliest sodann folgendes Tele­gramm :

Beatissimus Pater coetui Catholicorum ger- manorum fausta quaeque a Domino apprecatur et apostolicam benedictionem amantiaaime imper- titur.

M. Card. Rampolla.

Zu deutsch:

Der heiligste Vater erfleht für die deutsche Katho­likenversammlung alles Gute von dem Herrn und ertheilt ihr liebreichst den apostolischen Segen.

M. Kard. Rampolla.

Präsident Müller erinnert im Anschluß hieran an den erhebenden Moment, als Tausende katholischer Männer gestern bei der Rede des Herrn Professors Herrn v. Hertling über Rom und den Papst ihrer Liebe zum hl. Vater Ausdruck verliehen. Heute, da auch die Damen einstimmen können, wollen wir es wiederholen: Se. Heiligkeit Papst Leo XIII. lebe hoch! hoch! hoch! Jubelnd stimmte die Versammlung in das Hoch ein und gab dann ihrer Freude über das Telegramm durch donnernden Beifall Ausdruck.

Universitätsprofessor Dr. Grauert: Die Katho­liken sollen nach der Ermahnung des hl. Vaters sich betheiligen an den Arbeiten der Wissenschaft. Redner will nicht von der Königin der Wissenschaft, der Theologie, sondern von der weltlichen Wissenschaft sprechen. Diese hat in den letzten Jahren unbestreitbare und ungeahnte Erfolge erzielt; die Wunder der Elek­trotechnik in diesem Saale zeigen es. Die Erde hat sich geöffnet, um ihre Wunder zu zeigen. Auch die Geschichte hat an dem hervorragenden Fortschritte An- theil. Die Wissenschaft des Mittelalters stand in engem Zusammenhang mit der Kirche. Die Lehrer der Hochschulen von Paris und Bologna gaben einst in kirchlichen und weltlichen Fragen ihre Stimmen ab. Heute sind nicht blos die Fakultäten der welt­lichen Wissenschaft von dem Geist der Kirche unab­hängig, sondern es ist auch ihr Geist unkirchlich. Die materialistische Physiologie ist von der modernen Philosophie allerdings weit überholt. Redner be­leuchtet die Theorien Friedrich Nietzsche's, der seit mehreren Jahren geistig umnachtet sei, dessen Jünger sich aber überall mehren. „Das Leben Jesu" von David Strauß, in den Augen der Ungläubigen der „größte Theologe unseres Jahrhunderts", nennt er einen eitlen und müheleeren Müßiggang, Renan einen Hanswurst. Nietzsche erklärt es für unanständig, ein Christ zu sein (Bewegung und Pfuiruf?) und die einzige sympathische Figur des neuen Testaments ist ihm — Pontius Pilatus. (Hört! Hört!) Das Christen­thum ist ihm die höchste aller denkbaren Korruptionen, ein Schandfleck der Menschheit. (Bewegung.) Ueber kurz oder lang werden aber die Koryphäen der Wissen­

schaft wieder zu Ehren kommen, die sich ihres Glaubens' bekenntnisses nicht schämen und nicht geschämt haben' Er erinnere an Ernst CurtiuS, welcher die Erscheinung des Paulus in der Kirchengeschichte eine neue Epoche der Menschheit nenne. Redner nennt ferner Joseph Görres, den universellen königlichen Geist, Philipp- sohn, Mayer, Ringseis, Nußbaum, (Stürmischer Bei­fall), Hyrtl, Secchi, den demüthigen Jünger der Gesell­schaft Jesu, Johannes Janssen, (Anhaltender, stür­mischer Beifall), Lossen. Die Zahl der katholischen Gelehrten stehe gleichwohl mit der Zabl der deutschen Katholiken auch erst in entferntem Verhältniß. An alle deutschen Stämme ergehe sein Aufruf, an der Pflege der Wissenschaft, dieser Religion im anderen Gewände, mitzuwirken. Helfen Sie bauen in heiligem Eifer und heiliger Liebe an jenem Dom der wahren Wissenschaft, zu Ehren der Kirche und des deutschen Vaterlandes, daß sich erfüllt das Wort: Stat crux dum volvitur orbia. Fest steht das Kreuz, während der Erdkreis sich in den Sphären bewegt.' (Langanhaltender, wiederholter stürmischer Beifall.)

Schlosser Schirmer aus München erklärt im Eingang seiner Rede, den Beifall, der seinem Auf­treten entgegengebracht wird, als den Ausfluß der Be­geisterung für die arbeitenden Klassen auffassen zu dürfen. Die moderne Gesetzgebung hat aus unglück­seligen Voraussetzungen auch unglückselige Folgen ge­zeitigt. Die katholische Kirche war es, die in ihren Vorkämpfern für das Arbeiterwohl, einem Ketteler, einem Kolping, zuerst für die Besserung der Nothlage der arbeitenden Stände eintrat. Dazu muß aber auch die Selbhilfe kommen und so hat unser heil. Vater Papst Leo hingewiesen auf die Gründung von Arbeitervereinen. Wenn es den Mächtigen er­laubt ist, sich zu Syndikaten zusammen zu thun, um ihren Gewinn zu erhöhen, kann es den Arbeitern nicht verwehrt werden, sich ebenfalls zusammen zu thun. Er ist Pflicht der Arbeiter, in geschlossenen Reihen zu­sammen zu stehen. Dem Gedanken gibt auch Bischof Ketteler Ausdruck in seinem bekannten Buche. Viel­fach wird die Ansicht verbreitet, daß die christliche Charitas genüge, die Arbeiterfrage zu lösen. Ihr Gewicht ist nicht zu verkennen, aber die Arbeiter leben nicht von Almosen, sondern wollen ihr Brod ver­dienen. Mit der Entlohnung aber ist es übel bestellt. Das Kapital ist geneigt, den Antheil der Arbeiter, den Lohn, herabzudrücken auf das Mindestmaß. Da­gegen erhebt die Gerechtigkeit Widerspruch, denn Jeder hat das Recht zu leben. Als gute Schutzwehr gegen die falschen Lehren denke ich mir christliche Arbeiter­vereine. Eine starke Organisation genügt, arbeiter­feindliche Bestrebungen zurückzudrängen, weshalb sie auch wohl nie die Sympathien der Manchesterleute finden werden. Wenn man ihnen aber vorwirst, sie gingen mit den Sozialdemokraten, so erinnere ich blos an den Vorwurf, die Kirchenväter und Christus selbst seien revolutionär. Der Vorwurf schreckt uns also nicht. Die Arbeiterbewegung aber ist nicht mehr rück­gängig zu machen, sie muß nur in die richtigen Bahnen gelenkt werden, deshalb sind christliche Arbeitervereine nothwendig. Insbesondere ist eine eifrige Agitation einzuleiten. Die Massen allein thun's freilich nicht, sie müssen auch'geschult sein. Deshalb sind soziale Unterrichtskurse nothwendig in Fachabtheil- ungen und eine gute christlich-soziale Presse. Darum muß für diese gesorgt, und dies bestehende kräftigst unterstützt werden. (Bravo!) Um die Mit­glieder an die Vereine zu fesseln, empfiehlt sich die Gründung von Unterstützungskasien jeder Art, besonders Arbeitslosenkassen. Ob freilich die Mittel dazu sich finden lassen, weiß ich nicht. Das einzige Heil am letzten Ende ist allerdings die Rück­kehr zum Christenthum — trotz Hackel und Nietzsche (Lebh. Beifall) —, nicht nur unten bei den Arbeitern, sondern namentlich oben! (Lebh. Beifall.) Redner schildert dann die Münchener Arbeitervereins- Verhältnisse. Es beständen in München 9 Arbeiter­vereine mit 3000 Mitgliedern, und jüngst sei ein Ar­beiterinnenverein gegründet worden unter dem Pro­tektorat der Prinzessin Therese. (Lebh. Beifall.) Unter den weiteren Einrichtungen auf diesem Gebiete, die der Redner nennt, sind besonders hervorzuheben der Arbeiterwahlverein der Centrumspartei, und das Organ „Der Arbeiter," der es bereits auf eine Auflage von 10 000 gebracht hat. (Bravo!) Daraus sei zu ersehen,