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Beilage pv Wulösev Aeitung.

M 198 . Donnerstag, üen 29. August 1895. 22. Jahrgang

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42 Generalversammlung -er Katholiken Deutschlands.

v.

AV München, 28. August.

Der Bolksvereiu für das kathol. Deutschland hielt am Dienstag Morgens um 10 Uhr seine General­versammlung im Münchener-Kindl-Keller ab. Weit über 2000 Personen füllten den Saal. Unter den Anwesenden bemerkte man u. A. die Abgg. Prinz Arenberg, Dr. Lieber, von Lama, Gröber, Müller- Fulda, Hitze.

Der Präsident, Fabrikant Franz Brandts- M.-Gladbach, sprach in seiner Eröffnungsansprache die feste Gewißheit aus, daß auch München den Volks­verein freundschaftlich willkommen heiße. Denn dieser repräsentire nicht Tausende, sondern Hunderttausende katholischer Männer. (Bravo!) Der Volksverein kämpfe gegen die umstürzlerischen Bestrebungen aus Religion und Vaterlandsliebe. (Bravo!) Nicht nur beten, son­dern auch arbeiten heißt cs in dieser Zeit für die Er­haltung unserer höchsten Güter, Religion, Familie, Eigenthum Er kämpfe gegen alle Angriffe auf diefe höchsten Güter, mögen sie kommen von unten oder oben. (Bravo!) Sollen wir unseren Bischöfen, unseren Priestern allein die Arbeit überlassen? Umgekehrt wie unsere Gegner erklären wir: Nur durch das Christen- thum ist eine gesunde Reform möglich. Wir ver­langen, daß uns dabei vor allen die höheren Stände unterstützen, sie müssen durch Selbsteutäußerung das Meiste beitragen zur Behebung der sozialen Schäden. (Bravo!) Wir dienen der Religion, wie dem Vater­lande. Was wir thun, das thun wir für alle unsere deutschen Mitbrüder. (Bravo!) Ein Theil von ihnen hat heute leider noch nicht die Einsicht, daß Ernst gemacht werden muß mit einer wirklichen sozialen Reformarbeit. Ich rufe Alle auf, an unserem Kampfe gegen alles Unchristliche theilzunehmen, auch die, welche noch nicht in die Schlachtlinie eingerückt sind. Der Kampf ist unser, der Sieg ist Gott! (Lebhafter Beifall.)

Der zweite Vorsitzende, Rechtsanwalt Trimborn- Köln erstattete hierauf den Geschäftsbericht über das Jahr 1894. Am Schluffe des Jahres 1893 betrug danach die Mitgliederzahl 147,000, Ende 1894 war sie angeschwollen auf 160,000, in diesem Jahre hoffen wir auf 180,000 zu kommen. (Bravo!) Bayern zählt 20,340, die Diözese Augsburg allein 8500 Mitglieder, darunter 6000 neugewonnene. (Bravo!) Am glänzendsten steht Württemberg mit seinen 63,300 Mitgliedern da. (Bravo!) Wir arbeiten mit Wort und Schrift. Durch Wort: über 2500 Versammlungen hat der Volksverein bereits abgehalten, sie bilden unser Regimentsexerziren, die Vorbereitung auf die großen Korpsmanöver. Schätzen Sie diese Arbeit nicht gering! Es wird dadurch un­gemein Großes geleistet. Halten wir aber nicht nur Gegenversammlungen gegen die Sozialdemokraten, son­dern bauen wir ihnen vor durch Abhaltung solcher Versammlungen. An die Versammlungen muß sich die Arbeit der Vertrauensmänner und Geschäftsführer schließen. Mit ihrer organisatorischen Thätigkeit kommen dann auch die Leute! Auch durch die Schrift arbeitet der Volksverein. Er gibt eine Zeitschrift heraus, er vertreibt Flugschriften. Die Broschüre „Der rothe Doktor Quacksalber" z. B. ist in über 200000 Exem­plaren verbreitet worden. Im Jahre 1894 haben wir eine Schrift „WaS sagt Papst Leo XIII. über die Arbeiterfrage?" herausgegeben, denn Leo'S XIII. En- cyklika ist unser Programm. (Bravo!) An Flug­schriften sind 1894 über 150,000 heraus gegeben worden, ganz abgesehen von denjenigen für einzelne Bezirke. Auch Flugblätter haben wir verbreitet, besonders gegen die farblose Presse, diese Pest, die das ganze öffentliche Leben vergiftet. (Bravo!) Dieses Flugblatt ist 1894 in über 850,000 Exemplaren ver­trieben worden. Das ist von größter Bedeutung, denn auch die Sozialdemokratie gebraucht diese Flug­blätter als ihre zweitschärfte Waffe. Der Volksverein gibt ferner eine soziale Korrespondenz heraus, die an 240 katholische Zeitungen verschickt wird. Hochwichtig

ist sodann die Veranstaltung des jährlichen praktisch- sozialen Kursus. Unbemittelten wird die Theilnahme hieran durch besondere Stipendien ermöglicht. Der letzte Kursus in Freiburg i. B. wurde von 732 Mit­gliedern besucht. Jetzt wollen wir mehr die Einzel­gebiete der sozialen Frage bearbeiten, so auf dem nächsten Kursus in Dortmund möglichst praktisch die Arbeiterfrage. Aach wollen wir Spezialkonferenzen über einzelne praktische Fragen in Verbindung mit den Kursen abhalten. Daß wir mit unseren Kursen das Rechte getroffen haben, beweist ihre Nachahmung durch unsere evangelischen Mitbürger, durch die Katho­liken Oesterreichs und durch die Katholiken der Schweiz. (Bravo!) Wir haben Volksbureaus und Volksbiblio­theken gegründet und Volksmissionen mit Geld unter­stützt. Wie wichtig diese sind, lehrt die Thatsache, daß nach einer solchen Mission in einer rheinischen Stadt 54 Arbeiter ihren Austritt aus der Sozialdemokratie schriftlich ihrem Pfarrer erklärten. (Bravo!) — Redner schilderte dann die Friedensarbeit des Volksbureaus, deren Thätigkeit oft erstaunlich fei. Im Ganzen gebe es jetzt 21 Volksbureaus in Deutschland und diese sollten noch vermehrt werden. Auch die Agrarbe­strebungen der Sozialdemokratie verfolgen wir auf­merksam. Auf jeden Schlag wird von uns ein Gegen­schlag folgen. Einstweilen haben wir eine Flugschrift „Die neuen Bauernfreunde mit der rothen Kravatte" herausgegeben, die in 100,000 Exemplaren verbreitet worden ist. (Heiterkeit und Beifall.) Das neue Charitas- Organ werden wir mit Geld unterstützen. Möge Gott unsere Arbeit segnen, möge er uns mit jener Liebe zum Volke erfüllen, aus der er heraus er selbst das Kreuz bestiegen! (Stürmischer, langanhaltender Beisall.)

Generalsekretär Pieper gab sodann einen kurzen Rechenschaftsbericht, laut welchem im Jahre 1894 zu­sammen 145,870 Mark vereinnahmt worden sind.

Auf Vorschlag des Abg. Domvikars Wenzel- Bamberg wurde hierauf unter lautem Beifalle der bisherige Vorstand durch Zuruf wieder- gewählt und dessen Ergänzung durch mehrere neue Mitglieder gebilligt.

Domprediger Steigenberger-Augsburg: Wenn die Sozialdemokratie in vielen Orten zurückgegangen, in anderen, wie in Augsburg, zum Stehen gekommen ist, wenn man in weiten Kreisen über ihren Zukunfts­staat lacht, so ist das zum großen Theil das Verdienst des katholischen Volksvereins. Für die Kirche gegen alle Gegner der kirchlichen wie der weltlichen Autorität! In welchem Verhältniß aber steht der Volksverein zu den anderen katholischen Vereinen? Der Volksverein ist gewiß der Verein der Vereine, aber das ist doch in verschiedenem Sinne zu nehmen. Vereine, die ganz spezielle Zwecke verfolgen, wie die Arbeitervereine, die Gesellenvereine, die christlichen Bauernvereine ohne rothe Kravatte, (Bravo!), die Männervereine darf der VolkLverein nicht antasten; für sie ist er der Verein der Vereine wie der blaue Himmel, der sich über alle wölbt, der mit seinem Sonnenschein alle erwärmt und erleuchtet. Wie muß es sie alle heben und stärken, wenn sie wissen: Hinter uns stehen Hunderttausende, ein mächtiges Heer, das mit uns kämpft und mit uns strebt! (Stürmischer Beifall.) Der Volksverein gibt aber nicht nur den Sonnenschein, sondern auch den Regen. Zunächst einen Regen von Hunderttausenden der besten Schriften, ohne welche auch die einzelnen Vereine nicht so stark wären, wie sie sind. (Sehr richtig!) Kein anderer Verein wäre dazu im Stande. Wo irgend ein Verein einen guten Gedanken hat — der Volksverein nimmt sich seiner an, führt ihn aus, der Volksverein, die Mutter, der Verein der Vereine! Und dazu kommt der Silberregen des Volksvereins. Damit ist die Thätigkeit des Volksvereins noch nicht erschöpft. Leider sind wir in die Lage versetzt, am Ende anzufangen, denn die Sozialdemokratie ist ja das Ende aller Dinge, die letzte Konsequenz von Strömungen, die wir zu lange Zeit nicht geachtet haben. Sie waren wie der Teufel, der in Filzschuhen unhörbar herumgeschlichen ist und nun in der Sozial­demokratie laut und offen hervorgetreten ist. (Sehr gut!) Dieser materialistische Geist muß durch den christlichen Geist ersetzt werden. Und das ist die Auf­gabe des Volksvereins. — Moltke hatte den Grundsatz: Getrennt marschiren, vereint schlagen! Nun wohl, die einzelnen Vereine marschiren getrennt, aber durch den Volksverein schlagen sie vereint, er ist der Generalstab aller katholischen Vereine. (Bravo!) Diese können mit ihren speziellen Zwecken auch nicht allem dem dienen, was der Volksverein will und kann, sie haben also von ihm keine Konkurrenz zu befürchten, sie werden doch immer seine alte Garde sein. (Bravo!)

Die Sache des Volksvereins ist die Sache des Kreuzes wider Heiden und Türken! Sie brauchen kein

Schwert, keinen Gaul zu diesem Kampfe, sie brauchen nur — eine Mark! Sie mögen es als Buße be­trachten für so manche Mark, die nutzlos oder schädlich aufgewandt worden ist. Auch große Gaben freilich wird der Kassirer nicht zurückweisen. (Heiterkeit.) Auch die, welche keinem Vereine sonst beitreten wollen, mögen dem Volksvereine beitreten! Er will ja, daß wieder ein Hirt und eine Heerde werde, daß bald die Zeit kommt, wo man ihn nicht mehr braucht, wo nur noch ein Verein besteht, und das ist die große, un­überwindliche katholische Kirche! (Donnernder Beifall, Hochrufen und Händeklatschen.) Wer den Frieden will, der trete dem Volksvereine bei, zum Segen der Kirche und des Vaterlandes! (Stürmischer, langanhaltender Beifall.)

Reichstagsabgeordneter Gröber: Nach diesen be­geisternden Reden werde ich am besten schweigen. (Widerspruch.) Aber das Komitee hat gewollt, daß nach dem schweren Reiterangriff auS Bayern noch ein gröberes Geschütz aufgefahren werde. (Heiterkeit.) Der Volksverein ist das Testament Windthorst's, dessen wir in Dankbarkeit gedenken im Norden wie im Süden. (Bravo!) Der große Kampf zwischen Glaube und Unglaube ist in eine neue Phase getreten. Der Kampf mit der Staatsgewalt ist zum Stillstand ge­kommen; ob er wieder aufgenommen werden wird, weiß ich nicht, verlockend sind seine Erfolge aber für die Staatsgewalt wahrlich nicht. In dem Kampfe gegen die Sozialdemokratie stehen sich nicht einzelne Staatsmänner, sondern die großen Massen des Volkes gegenüber. Und für diesen Massenkampf gab uns Wiudthorst im Volksverein die Massenorganisation. (Sehr gut.) Jeder muß heute mitkämpfen, ob er will ober nicht. Der Volksverein ist kein politischer, son­dern ein sozialer und religiöser Verein, und nur so­weit politische Fragen auch nach der sozialen und religiösen Seite hin bedeutsam sind, zieht sie der Volksverein in den Kreis seiner Thätigkeit. An allen Orten richten wir uns nach den Verhältnissen; hier, wo es Noth thut, bekämpfen wir die Sozialdemokratie, und dort, wo erst andere radikale Strömungen in Frage kommen, bekämpfen wir diese, auch wenn sie sich „freisinnig" ober „liberal" nennen, bie Herren von ber Kelle, bie Freimaurer, bie doch nur bie Mörtelträger am Bau bes sozialbemokratischen Zu­kunftsstaates sinb. Die Befürchtung, baß ber Volks­verein bie christlichen Bauernvereine schäbigen könne, ist grunblos, beim Beide haben verschiedene Zwecke. Es ist sogar nothwendig, daß Beide neben ein­ander bestehen. Denn die einzelnen Vereine führen leicht zu einseitiger Interessenvertretung. DaS ist aber ein Unrecht gegen die anderen Stände, deren Interessen sich nicht bekämpfen, sondern ausgeglichen werden müssen. (Lebhafte Zustimmung.) Die beiden großen Stände werden nur zu einem Frieden gelangen, wenn die Fragen der Fruchtpreise und des Arbeiter-Minimal­lohnes gleichzeitig entschieden werden. Die Verbreitung des Volksvereins ist viel leichter, als man vielfach glaubt. Wir hoffen, daß auch der Klerus sich seiner Aufgabe voll und ganz bewußt wird und sich an die Spitze der Bewegung stellt.

Der Präsident dankte hierauf den Rednern und brachte in begeisternden Worten ein dreifaches Hoch auf die drei Autoritäten, Papst, Prinz-Regent und Kaiser ans. Damit schloß um halb 1 Uhr die überaus anregende Versammlung.

Die Sektion Presse beschloß folgenden Antrag Die 42. Generalversammlung der Katholiken Deutsch­lands erklärt im Anschluß an die Resolution früherer Katholikenversammlungen wiederholt den Kampf gegen die farblose Presse als eine der grundlegenden Auf­gaben deS katholischen Volkes. — Insbesondere möge unser hochwürdiger Klerus von ber Veröffentlichung ber Gottesbienstorbnnng, mögen unsere Kirchenvorstände und die katholischen Vereine von der Publikation ihrer Anzeigen in farblosen sog. „Generalanzeigern", in ge­wissen amtlichen Kreisblättern an Orten, wo schon ein Centrumsorgan besteht, überhaupt von der Benutzung farbloser Blätter, unter welchem Deckmantel dieselben auftreten mögen, unbedingt Abstand nehmen. — Das katholische Volk möge sich immer wieder ins Bewußt­sein rufen, daß cs nur durch Unterstützung und För­derung der entschieden und ausgesprochen katholischen Presse möglich sein wird, in Zukunst auch die Ber- theidigung der Rechte unserer Kirche durchzuführen, welche für uns als Katholiken, wie als Staatsbürger unumgängliche Nothwendigkeit ist.

CustodiS, Justizrath, Köln. Dr. Lieber.

Cahensly, Limburg. Gröber.

Joseph Grnnan, Neuß. Dr. Pichler.

Dr. Müller-Simonis, Straßburg. Dr. Orterer.