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Donnerstag, den 29. August 1895

22. Jahram

uldaer

mit Untertzaitnngs-Keilage „Sterne und KLnmen"

Erickxint täalich Som»- mtb Feierlagk ausgenommen. — Bierteljährlicher AbonnementspreiS ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig. Inserate kosten die einspaltige Sarmondzeile oder deren Raum 15 Ps., Reklamen die Petitzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Hier;« eine Heilage. u

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42. Generalversammlung der Katholiken Deutschlands.

IV.

Zweite öffentliche Versammlung.

AV München, 28. August.

Der Präsident eröffnete die Versammlung gestern Nachmittag 5 Uhr mit dem katholischen Gruße. Mit Rücksicht auf das bayerische Vereinsgesetz, welches die Anwesenheit weiblicher Personen bei Erörterung poli- üscher Angelegenheiten verbietet, waren die Damen, der Erklärung des Präsidenten entsprechend, nicht er­schienen. Gleichwohl sind Galerien und Saal überfüllt.

Als erster Redner führt Abg. Dr. C. Bach em aus:

Der Zweck des Sozialismus ist eine absolute Demo­kratie ohne Gott und ohne Glauben, lediglich gestützt auf den Rechtstitel des zahlenmäßigen Uebergewichtes der Industrie-Arbeiter. Vom Liberalismus übernahm der Sozialismus die Lehre von der absoluten Souveränetät des Volkes, eine Lehre, deren letzte Folgen einem ihrer Anhänger bereits die Beschwerde entlockt hat, daß sie die Macht der zufälligen Majorität bedeute. Wie der Liberalismus die bürgerliche Klasse, so hat der Sozia­lismus die Arbeiterklasse mit diesem Schlagworte von der Souveränetät des Volkes hintergangen. In der That ist Souveränetät des Volkes ein Appell an die Leidenschaft, an die Phrase und eine Schmeichelei der niedrigen Instinkte. Der Lehre von der absoluten Gleichheit oller Menschen, welche selbst vor den von der Natur gezogenen Grenzen nicht Halt macht, stellt die christliche Weltanschauung den Sonderberuf der beiden Geschlechter, den der verfchiedenen Stände und Begabung gegenüber. Konsequent ist der atheistische Sozialismus in dem Rufe nach Abschaffung aller Schranken des Glaubens, der Autorität und der Ord­nung. Das Christenihum ist ihm bei der Verwirklichung dieser Anschauung ein Hinderniß. Der Protestantismus ist zerrissen, der Katholizismus ist eine einige, große, weltumspannende Macht — ihm gilt daher sein Haß, er ist der Hauptfeind des Sozialismus, daher erscheint jenem alle Religion als Menichenwerk, Gott hält er für einen phantastischen Begriff, er leugnet jede Auto- rität in Staat und Kirche und rühmt sich sogar, keine „Parteigötzen" anzuerkennen, als ob es möglich wäre, ein Gemeinwesen zusammenzuhalten ohne den Glauben entweder an eine Unfehlbarkeit, oder an eine Unantast­barkeit der Führer. Die Parole von der Gleichheit und Brüderlichkeit bedeutet für die Sozialdemokratie den engherzigsten Klassen-Egoismus. Nach sozialistischer Lehre rst die Zufriedenheit ein Laster, ein Aulfluß der sogen, „verdammten Bedürfnißlvsigkeit". Der Atheis­mus und die Lebre von der freien Liebeswahl haben jedes Volk der Weltgeschichte in der Kultur zurückge­worfen und in Fesseln geschlagen. Diese Konsequenzen des Liberalismus endigen da, wo sie dem menschlichen Geiste entsetzlich werden. Jeder Versuch der Besserung der wirthschaftlichen Verhältnisse und der gesellschaft­lichen Ordnung ohne Gott ist eine Schale ohne Kern. Der Sozialismus spekulirt einzig „zielbewußt" nur auf die Leidenschaftlichkeit der Masfe; er regt die Leiden­schaft auf, um den Verstand zu verdunkeln. (Bravo!) Hundertmal ist der Nachweis von der Unmöglichkeit der Durchführung des sozialistischen Staates geführt ; worden, ohne daß er eine Widerlegung gefunden hat. ; Der Sozialismus steht vollständig ab von den natür­lichen Eigenfchaften der Menschen. Nach seinem System gibt es nur Menschen, die da gehorchen ohne eine Autorität, ohne einen Befehl; eine freie, wählbare Verwaltungs-Behörde, bei welcher der Einzelne selbst entscheidet; Niemand wird gehorchen oder befehlen, Alle aber werden das Richtige treffen. (Heiterkeit und Zu­stimmung.)

Die Sozialisten spekuliren auf die niedrigen und niedrigsten Leidenschasteu der Menschennatur. Unter stürmischen Beifallsbezeugungen citirt der Redner die krassen materialistischen und cynischen Aussprüche Heine's, I des sozialistischen Poeten. Wenn wir die Verheerungen ‘

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des Sozialismus betrachten, so könnte uns, menschlich gesprochen, bange werden. Wenn den romamschen Völkern in der Geschichte machtvolle Persönlichkeiten in großen Heiligen entstanden sind, so scheint es Bestim­mung der Germanen zu sein, daß sich das ganze Volk zu gemeinsamer Arbeit vereinigen muß, um Großes zu vollbringen.

Nun ist der erstarkte christliche Geist vor eine neue, größere Aufgabe gestellt worden: vor die soziale Auf­gabe unserer Zeit. Christliche Gesellschaft, hilf Dir selbst, so wird Goit Dich nicht verlassen. Auf allen Gebieten werden wir angegriffen, auf allen Gebieten müssen wir kämpfen Einexerzirt wird der katholische Arbeiter ebenso dem sozialdemokratischen überlegen sein, wie noch stets der christliche Geist dem unchristlichen überlegen war. Sagte Singer, die Sozialdemokratie werde nicht eher ruhen, als bis von allen Thürmen die röche Fahne weht, so setzen wir dem das andere Wort entgegen: Wir werden nicht eher ruh n, bis von allen Zinnen wieder die Kreuzesfahne weht! (Leb­hafter Beifall)

Inzwischen ist von Sr. Kgl. Hoheit dem Prinz- Regenten Luitpold von Bayern solg ndcs Tele­gramm an die Versammlung eingetroffen:

Se. Kgl. Hoheit der Prinz-Regent lassen für die anläßlich ter 42. Generalversannnlung dar­gebrachten Huldigungen Allerböchst Ihren Dank abstatten. Im Allerhöchsten Auftrage

von Widenmann, Flügeladjutant.

Fürst Löwenstein brachte im Anschlüsse an die Verlesung dieses Telegramms ein jubelnd aufgenom­menes dreifaches Hoch auf den Regenten aus.

Landtags-Abgeordneter Lehrer Wo er le, von warmem Beifalle begrüßt, sieht hierin eine Anerkennung der katholischen Lehrervereine (Beifall.) In der Schule entscheidet sich die Zukunft der Gesellschaft und des Vaterlandes. (Sehr richtig.) Windthorst hat dies be­zeugt, und Leo XIIi. bezeichnet den Kampf um d e Schule als den Kampf um Leben und Tod des Christen- thums. (Lebhafte Zustimmung.) Und mit Recht ist im preußischen Landtage vom Grafen Caprivi das Wort gesprochen worden: Hier handelt es sich um Christen- thum oder Atheismus. Die Schulftage ist in ihrem innersten Wesen eine religiöse Frage. (Sehr wahr!) Die Hauptaufgabe der Schule ist nicht, zu unterrichten, sondern zu erziehen, zu erziehen für ein christliches Leben und für den Himmel. (Sehr richtig!) Dann aber ist die Religion zweifelsohne das Lebenselement der Schule. (Sehr gut!) Darum fordern fllbst die modern-n Pädagogen „Religion" — aber was für eine?! Eigenes Fabrikat, meine Herren! (Heiterkeit und Beifall.) Die „Vernunft" fabrizirt sich eine „Religion" ohne positiven Inhalt, rur um jede posi­tive Religion zu vernichten. Sie richtet sich nicht nur gegen die katholische Kirche, sondern auch gegen die gläubigen Protestanten, die wir darum gern als Kampf­genossen begrüßen. Simultanschule — ein pädagogisches Ungeheuer! Denn sie widerspricht der Grundforder- ung aller Pädagogik: einheitlicher Schulgeist! Diester­weg selbst sagt klar, daß er und seine Anhänger die Simultanschule nur al; den Weg zur konfessionslosen Schule, zum „allgemein christlichen Religionsunterricht" betrachten. Ja, es gibt einen allgemeinen christlichen Religionsunterricht, aber der hat den Fehler, daß er — katholisch ist. (Heiterkeit und Beifall.) Jesu Leben und Lehren will man gebrauchen, aber nur mit Aus­wahl, keine Wunder und keine Erinnerung daran, daß er kommen wird zu richten die Lebendigen und die Todten. (Lebhafter Beifall.) Man gibt den Kindern einen allgemeinen Religionsbrei in nationalem Topfe, und das nennt man — „deutsch-christliche Weltanschau­ung". (Heiterkeit.) Nein, den katholischen Kindern eine katholische Schule und den protestantischen Kindern eine gläubisch - protestantische Schule! Die Modernen sprechen nun viel von der „Knechtung des Lehrers durch die Geistlichkeit" und darin sind der Vater Schul­liberalismus und der Sohn Schulsozialismus sich gleich. Warum? Weil sie Gott aus der Schule hinauswerfen wollen! Dagegen fordern wir: Die Konfessionsschule, nur die Konfessionsschule und ganz die Konfessions­schule, d. h. also für unsere katholischen Kinder eine wahrhaft katholische Schule. (Bravo.) Die Kinder haben ein Recht darauf und die Kirche hat das Recht zu lehren von Jesus selbst; sie ist die große ideale Schule und Erziehungsanstalt. (Bravo.) Welche Rechts­

verletzung liegt also darin, daß man in Preußen den katholischen Bischöfen nicht einmal das Recht der Be­aufsichtigung des katholischen Religionsunterrichts ge­währt! Auch die Eltern haben ein Recht auf katho­lische Schulen, es verstößt gegen die staatlich garantirte Gewissensfreiheit, wenn die^Eltern gezwungen werden, ihre Kinder in Simultanschulen zu schicken. Wollen Sie eine wahrhaft konfessionelle Schule haben, so brauchen Sie eine wahrhaft konfessionelle Lehrerbildung. Dazu taugen die simultanen Lehrerseminare nicht. Sre müssen konfessionell sein, und die Kirche muß ihren gebührenden Einfluß in ihnen ausüben. (Lebhafter Bei­fall ) Aber wir brauchen zur wahrhaft konfessionellen Schule auch konfessionelle Lesebücher. (Lebhafter Bei­fall.) Das Lesebuch soll nicht bloß katholisch sein, man soll aber nicht auch eine Lupe brauchen, um irgend etwas Katholisches zu finden. (Sehr gut!) Und über­haupt eine Reform der Lehrpläne unserer Volksschule, vor Allem Beschränkung des schädlichen Lehrstoffüber- flusses! Und dann die kirchliche Schulaufsicht! Fach- anfsicht ist eine beliebte Forderung, mit der aber schließ­lich nichts Anderes bezweckt wird, als Los­lösung der Schule von der Kirche. Dem Lehrer gebührt eine angemessene Mitwirkung und ein genügendes Einkommen. Doch fort mit den unge- messenen Forderungen, die nur die Herzen der Lehrer selbst vergiften. Für die Kirche kämpfen wir und für den Glauben, wir vertrauen dabei auf unser gutes Recht und auf ncch etwas Anderes — und das ist das Gebet! (Stürmischer Beifall.)

Präsident Müller spricht dem Vorredner für seine begeisternden Worte den wärmsten Dank der Versammlung aus und ertheilt dann das Wort dem

Landtags abgeord. Gymnasialrektor Dr. Ort er er zum Vorträge über „Umsturz in Wissenschaft und Schule." Nach einem, kurzen Rückblick auf die herrlichen Kölner Versammlung, deren Präsident er war, und auf die zunehmende Frequenz und Bedeu­tung der Generalversammlungen betont er die Wichtig­keit der Fragen, die auf ihnen behandelt werden, ins­besondere der Schulfrage. Der Gedanke des staatlichen Schulmonopols sei auf allen Katholikenversammlungen bekämpft worden. Der Staat habe kein Recht, als der allgemeine Schulmeister und Erzieher aller Kinder der Nation aufzutreten. Dieselben Erwägungen wie für die Volksschulen gelten auch für das weite und wichtige Gebiet der Mittelschulen Hier ist vieles faul im Staate Dänemark. Wohl lasse sich nicht überall die konfessionelle Scheidung der Mittelschulen durch­führen, wohl aber müsse ihr Geist überall ein wahr­haft konfessioneller, ein wahrhaft christlicher sein. Auch hier komme ans das gute Beispiel des Lehrers das Meiste an. (Lebhafte Zustimmung.) Hochwichtig sei eine richtige apologetische Art der Ectheilung des Religionsunterrichts. Wohl zieren viele treffliche Männer, welche wir mit Stolz die Unseren nennen, die deutschen, insbesondere auch die bayerischen Hoch­schulen, aber weitaus die meisten akademischen Lehrer stehen leider auf Seiten unserer Gegner. Selbst unter den protestantischen Theologen, und nun gar erst unter den Philosophen und Naturforschern! Kann es da Wunder nehmen, daß die einfachsten Gesetze der Sitt­lichkeit, die Ehe, ja die Institutionen des Staates selbst, der diese Professoren angestellt hat, von ihnen angegriffen werden? Meine Herren das ist Umsturz im schlimmsten Sinne des Wortes (Lebhafter Beifall), der schon so weit vorgeschritten ist, daß die Staats­allmacht bereits die Hoffnung auf erfolgreichen Wider­stand oufgegeben zu haben scheint. — Diese Gedanken müssen popularisirt werden im katholischen Volke, aber dem Umsturz muß auch der Aufbau entgegengestellt werden durch Unterstützung der wissenschaftlichen Ar­beiter und Vorkämpfer auf unserer Seite! Wer das erste Gebot, die Gottesautorität, untergräbt, der unter­gräbt auch die weltliche Macht und was dem gemeinen Manne nicht gestattet ist, die Staatsordnung zu unter­graben, das kynn unmöglich den Männern auf den Kathedern gestattet sein. Der sozialdemokratische Führer hat e& selbst bezeugt, daß das Kraut der Sozialdemo- Trotie erwachsen ist aus der Saat liberaler Professoren. (Stürmische Zustimmung.) Alle konservativen Männer müssen sich zusarnmenthun, um den Umsturz zu be­kämpfen, wo und wie er sich zeigt, namemlich auch Umsturz im Salon (Sehr wahr!) in der Wissenschaft, m der Kunst, den Umsturz auf der Bühne, in den