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Freitag, den 23. August 1895

22. Jahrgang

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mit Urrtrrhaltrwgs-Kettage „Sterne und Kjumen".

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& Ein Gruß nach München!

Die Augen aller deutschen Katholiken, denen es nicht selbst vergönnt ist, an der großen Heerschau der katholischen Vereine theilzunehmen, werden in der näch­sten Woche nach der Hauptstadt deS kathol. Bayern­landes gerichtet sein. Wir fragen uns heute: Wird die Münchener Generalversammlung die Großartigkeit und den Glanz des 1894er Kölner Katholikentages erreichen? Aber wir sind getrost, denn die Erfahrung hat gelehrt, daß mit jeder Katholikenversammlung die Größe und Bedeutung dieser „Paraden" unserer Wehr­macht — wie unsere Gegner sie neidvoll genannt haben — gewachsen ist, daß das unübertrefflich Scheinende doch im nächsten Jahre fast stets noch übertroffen wor­den ist. Außerdem bietet München alle Vorbedingungen zu einem glänzenden Gelingen. Ist Köln das Herz des katholischen Westens, so ist München die Hauptstadt des katholischen Südens; Millionen von Katholiken sehen in München ihren geistigen, viele davon auch ihren politischen und viele ihren kirchlichen Mittelpunkt. Sie alle werden zweifellos in stattlichen Schaaren in München vertreten sein. Aber auch aus weiterer Ferne und sogar aus dem entlegenen Osten unseres Vater­landes wird die Münchener Generalversammlung zahl­reich besucht sein. Denn ganz abgesehen von der starken Anziehungskraft, welche unseren jäbrlichenVersammlungen an sich schon innewohnt, übt München als größte katholische Stadt Deutschlands, als Residenz der kunst­sinnigen Könige von Bayern, als kirchliche Zentrale und als Sitz eines päpstlichen Nuntius, als welt­berühmtes Emporium der Wissenschaft und besonders der Kunst, die zu seinem Glanze so viel beigetragen hat, in ganz Deutschland und weit über Deutschlands Grenzen hinaus eine Anziehung aus, wie nur sehr wenige Städte der Welt.

Das Alles gibt uns ein Recht zu der frohen Er­wartung, daß der Münchener Katholikentag an Zahl der Besucher und äußerem Glanze hinter keinem seiner Vorgänger zurückstehen, vielleicht sogar sie alle übertreffen wird. Aber wir hoffen ganz besonders, daß dieser Erfolg nicht nur ein äußerer, sondern auch ein innerlicher sein, daß die Münchener Versammlung reiche Früchte tragen wird für Kirche und Vaterland. Wer seit Jahren im öffentlichen Leben steht und dennoch die große Bedeutung der Katholikentage leugnen wollte, der müßte ein durch und durch unehrlicher Mensch sein. Blicken wir zurück auf die lange Reihe der katholischen Generalversammlungen, so erkennen wir, daß sie nicht nur alle mächtig zur Hebung des katholischen Bewußt­seins, zur Stärkung unseres Glaubenseifers, zur Aus­breitung und Vertiefung unserer Ideen, zur Erhaltung der christlichen Weltanschauung und damit auch zum Segen unseres ganzen Vaterlandes beigetragen haben, sondern daß auch fast jede noch eine besondere schöne Frucht gezeitigt hat, deren schönste Windthorst's Ver- mäßtniß, der Volksverein für das katholische Deutsch­land, ist. Und so wird auch München uns neue An­

regungen, neue fruchtbare Gedanken und in jeder Hin­sicht reiche Früchte für das ganze katholische Leben bringen.

Wohl werden wir nicht mehr unsere alten großen Führer auf der Rednertribüne schauen; den Mallinckrodt, Frankenstein, Windthorst, Peter Reichensperger sind im verstossenen Jahre nun auch Schorlemer-Alst und August Reichensperger gefolgt, die noch int vorigen Jahre die Kölner Versammlung zierten, der eine als einer ihrer hervorragendsten Redner, der andere als ihr Ehrenpräsident. Aber ihr Geist ist nicht von uns gewichen. Noch lebt klar in uns das schöne Wort, das Schorlemer in Köln gesprochen: „Männer von klarenBegriffen und großemHerzen stören niemals die Einigkeit!" Schorlemer, auf den unsere Gegner einst ihre Hoffnung auf Zertrümme­rung der katholischen Einigkeit gebaut hatten, er selbst war es, der in Köln so großen Antheil daran hatte, daß die Kölner Generalversammlung zu einer so ge­waltigen Kundgebung der Einigkeit der deutschen Katholiken geworden ist. Auch den bayerischen Katho­liken hatten unsere Gegner unterstellt, sich von ihren anderen deutschen Brüdern zu trennen; und da war es auch wieder gerade ein Bayer, Dr. Orterer, der als Präsident der Kölner Versammlung sich nicht geringere Verdieitste als Schorlemer um diese Kund­gebung katholischer Eintracht erworben hat. Jetzt wird die Hauptstadt des katholischen Bayernlandes selbst die Generalversammlung der deutschen Katholiken in ihren Mauern tagen sehen, und so wird schon durch diese Thatsache allein aufs Neue bezeugt: „Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern!" Die Mainlinie wird uns niemals eine Grenze sein. Kein Unterschied der Länder und der Stämme, aber auch kein Unter­schied deS Standes kann und darf unS trennen, denn: katholisch fein, heißt einig fein! In der festen Ueberzeugung, daß auch die Münchener Generalver­sammlung diese Wahrheit aufs Neue bekräftigen wird, rufen wir allen unseren Glaubensbrüdern, die sich zu Tausenden in München vereinigen werden, zu: Grüß Gott in München! ___________________________

Deutsches Reich.

Berlin, 22. August.

* Der Kaiser reist morgen (Freitag) ftüh von Wilhelmshöhe nach Paderborn und kehrt am Samstag über Arolsen, wo er dem Fürsten von Waldeck einen kurzen Besuch abstatten wird, nach Wilhelmshöhe zurück. Am Montag früh begibt der Kaiser sich nach Mainz. Gegen 10 Uhr trifft er an der Gastell'schen Wagen­fabrik bei Mombach ein und reitet von dort auf den Sandbruch, um die Jnfanteriebrigaden 41 und 42 mit der Kavalleriebrigade 21 zu besichtigen und Gefechts­übung und Parade abzuhalten. Einer weiteren Meldung aus Mainz zufolge trifft am Montag zum Besuch des Kaisers der Großherzog von Hessen dort ein, auch der Großherzog von Baden wird in Mainz erwartet. Auch die noch in Darmstadt und Wiesbaden weilenden

Truppen haben Befehl erhalten, Montag früh in Mainz einzutreffen. Den Befehl über sämmtliche Truppen wird Generallieutenant v. Roon führen.

* Zu der Grundsteinlegung znm Kaiser Wilhelm- Denkmal war auch Graf Herbert Bismarck in Ministeruniform erfchienen. Ein merkwürdiger Zufall wollte es, daß Graf Bismarck sich immer fottwenden mußte, wenn der Staatsminister v. Bötticher, der als Chef des Reichsamts des Innern die Festlichkeit leitete, in seine Nähe gerieth, und ebenso merkwürdig war eS, daß Herr von Bötticher, wenn er auch den Grafen Herbert streifte, ihn gar nicht sah.

* Die .Germania' bringt einen längeren Auszug aus dem bekannten Artikel der .Köln. Volksztg.' über „Minister von Köller nvd die Selbstverwaltung" und bemerkt dazu: „Es liegt kein Grund vor für den Kreis Fulda, diese eigenthümliche Auffassung der Selbstverwaltung durch Herrn von Köller „willig hinzunehmen". Die Angelegenheit ist damit selbstverständlich noch nicht abgethan." — Die freisinnige Zeitung' bringt in dieser An­gelegenheit heute einen zweiten Artikel, in dem es heißt: „AuS dem Kreise Fulda wird uns von gut in- formirter Seite noch mitgetheilt, daß der vom Kreis­tage nahezu einstimmig vorgeschlagene und vom Minister v. Köller bei Seite geschobene Kandidat für den Land- rathsposten, Amtsrichter Greib, seit zwei Jahren dieses Amt bekleidet und früher Assessor in HilderS, Kreis Gersfeld, war, wo er sich das Vertrauen der Bevölkerung beider Konfessionen in so hohem Maße erwarb, daß er bei den Wahlen zum Abgeordnetenhause im Herbst 1893 als Kandidat aufgestellt tourbe. Er unterlag, weil der Wahlausfchuß der Centrumspattei schon vorher sich für die Wiederwahl des Abg. Dasbach erklätt hatte. Der Umstand, daß auch die protestan- tischen Wahlmänner der Kreise Hünfeld und Gersfeld ihre Stimmen auf Greib abgaben, beweist, daß er in politischer Hinsicht nicht als persona ingrata galt. Auch als Amtsrichter in Neuhof hat sich Herr Greib als tüchtiger, für das Wohl der Bevölkerung besorgter Beamter bewährt, sodaß man ihn mit voller lieber» zeugung als Kandidaten für den Landrathsposten auf­stellte. ' Daß ein fähiger, pflichttreuer Beamter deshalb für ein höheres Amt ungeeignet sein sollte, weil er „aus kleineren Verhältnissen hervorgegangen" sei, muß als eine ganz sonderbare Ansicht erscheinen. Für den von Herrn von Köller patronifirten Herrn Steffens, der nunmehr zum Landrath ernannt ist, wurde im Kreistage keine Stimme abgegeben. Ein Hauptgrund dafür war die Rede, welche derselbe ge­legentlich der Bismarckfeier im März d. I. gehalten, und die Art, wie er sich damals über den Reichstags­beschluß und die Ablehnung der Beglückwünschung des Fürsten Bismarck aussprach. Dazu kamen die wäh­rend seiner kurzen Amtsdauer eingeleiteten Preßprozesse und sonstige persönliche Differenzen. Die Mitglieder des Kreistages gehören, nebenbei bemerkt, vier ver­schiedenen politischen Parteien an."

481 Um Gut und Slut.

Roman aus den napoleonischen Kriegen. Bon M. Benno.

23.

DaS edelste Herz, das je für das Vaterland und bi» Freiheit geschlagen, das Herz Anbreas Hofer's, war von den welschen Kugeln durchbohrt. Die anberen in Mantua gefangen gehaltenen Tiroler würben theils begnadigt, theils in italienische und französische Re­gimenter gesteckt. Unter den Ersteren befand sich Cajetan Dönuinger, der nach dem Tode Hofer's spurlos aus S)tantua verschwand. Der Kampf in Tirol war ver­stummt. Die österreichischen Farben und Adler hatten bei schwerer Strafe überall wieder entfernt werden müssen; das Land war, um es recht empfindlich zu strafen und für einen abermaligen Aufstand unfähig zu machen, zerstückelt worden, aber im Innern ber Tirolerherzen glühte bie Liebe zum angestammten Kaiserhause trotz Allem ungeschwächt fort.

Als man erfuhr, daß ber Kaiser Franz seine Tochter Marie Louise bem stolzen Imperator zur Frau ge­geben, ba flössen aus's Neue toieber heiße Thränen in dem treuen Tirol, benn dadurch war, wie man fürch­tete, die Erlöfung in eine unabsehbare Ferne gerückt. Da erschallte von einer Seite, aus der man es am

wenigsten erwartet hatte, eine verheißungsvolle Kunde in die Berge herein. Zerschmettett lag baS Glück Napoleon's auf ben Eisfeldern Rußlands.

Wohl raffte er sich noch einmal auf, und errang einzelne Erfolge; dennoch hätte er selbst begreifen sollen, daß seine Lage eine verzweifelte war. Das ge­schah jedoch nicht. Wie ein Spieler setzte er seine Hoff­nung auf einen Hauptschlag.

In einem hitzigen Gefechte hatten die Franzosen in der Nähe von Leipzig die Deutschen trotz helden- müthiger Gegenwehr überwältigt und eine größere An­zahl Gefangener gemacht; darunter befanden sich viele Verwundete. Diese wurden mit den blessirten Fran­zosen nach einem benachbarten Dorfe geschafft und dott meist in öffentlichen Gebäuden, dem Rathhause, der Schule und in der geräumigen Kirche untergebracht.

Es war ein kühler September-Abend. Immer noch trug und führte man die braven Streiter von dem blutgetränkten Schlachtfelde in das Asyl. Sanbleute aus der Umgebung waren zu diesem Geschäfte requirirt worben unb auch bie weniger verletzten Soldaten legten Hanb an. In einer Gruppe von ländlichen Trägern befand sich eine hohe Frauengestalt im Ge­wände der Barmherzigen Schwestern. Ueberall, wo es nöthig war, spendete sie Hilfe und Trost.

Mehrere Bahren waren bereits wieder gefüllt. Die

Träger schickten sich zum Abgänge an; ba würbe bie Aufmerksamkeit ber Ordensschwester durch ein schmerz­liches Stöhnen geweckt. Sie wandte sich nach ber Seite, aus ber sie bie Laute vernahm. Da bvt sich ihr ein Anblick, daß sie, obgleich an traurige Szenen gewöhnt, Thränen vergoß. Den Stutzen noch fest in der Hand haltend, lag in einer Blutlache ein kaum sechzehn­jähriger Jüngling, der die Uniform der schwarzen Jäger trug. Das hübsche Gesicht war todesbleich. Die Nonne kniete neben dem jugendlichen Streiter nieder und schaute nach seiner Wunde. Sie sand sich an der Achsel. Bei der Berührung durch ihre zarten Finger floß das Blut aufs Neue und ein Seufzer entrang sich des Verwundeten Brust. Sie legte ihm einen Nothverbund an. Dann wurde er auf bie Tragbahre gehoben unb, von ber Schwester begleitet, kehrten die Träge« mit den Verwundeten nach dem Dorfe zurück. In der Kirche gab es noch Platz, dahin wurde auch der Jüngling gebracht. Man trug ihn in die Sakristei, wo auf Moos und Stroh schon eine ganze Reche Blessirter, Deutsche und Franzosen untergebracht war.

Neben zwei auf einem Lager ruhenden, augen­scheinlich nur leicht verwundeten deutschen Soldatm wurde der junge Jäger niedergelegt. Die Nonne er­neuerte den Nothverband und wollte sich zurückziehen,

*