M 192 Donnerstag, den 22. August 1895 22. Jahrgang
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Das Ende des Centrums.
Die .Kreuzztg.' ist jetzt, nachdem Herr Röder in Karlsruhe sich in dem Blatte auch noch einen fünften, fünf Spalten langen Artikel gegen die „Jungkonservativen" geleistet, wieder so weit, ihre „wohlwollenden" Betrachtungen über das Centrum wieder aufzunehmen. Sie beschäftigt sich mit dem bevorstehenden Münchener Katholikentage und äußert dabei die Erwartung, daß in München auch über die A g r a r- frage werde verhandelt werden. Sie meint, in den Ausschüssen werde man wahrscheinlich heftig über dieselbe debattiren, aber zuletzt für die Hauptversammlungen „eine dehnbare Formel finden, über die man sich vorläufig einigt". Der ,Kreuzztg.', die in ihrer eigenen Partei die Einigkeit nicht einmal mehr in Gänsefüßchen bestehen sieht, nehmen wir es weiter nicht übel, wenn sie, um sich darüber einigermaßen zu trösten, das Wort „einigt" hier in Gänsefüßchen setzt. Auch so ist es ihr noch nicht ganz nach Wunsch. Was sie eigentlich wünscht, das merkt man, wenn man ihre weitere Bemerkung liest: „Käme es auf der Katholikenversammlung zu einem Krach, so würde man allerdings sagen können: „Finis Centri“. Die ,Kreuzztg.' ist aber selbst nicht so kühn, zu hoffen, daß uns in München der Krach und das „Ende des Centrums" bevorständc. Sie glaubt nicht daran, „daß die Hoffnungen derer, die auf einen Bruch im Centrum rechnen, sich verwirklichen werden".
Dieses Eingeständniß verdient Beachtung. Denn die ,Kreuzztg/ selbst hat sich bis vor Kurzem ganz so geberdet, daß man von ihr in erster Linie annehmen mußte, sie rechne auf einen Bruch im Centrum. Mit heißem Bemühen hat sie jeden, auch noch so unbedeutenden Vorfall, den sie als Ausgangspunkt des ersehnten Centrumskraches glaubte betrachten und ver- werthen zu können, nach Möglichkeit aufgebauscht und breitgetreten, und auf's Liebevollste hat sie die Vorstöße der unruhigen Köpfe ä la Fechenbach unterstützt, doch offenbar in der Hoffnung und in dem Bestreben, den ersehnten „Bruch im Centrum" endlich herbeizuführen. Inzwischen muß sich die,Kreuzztg/ doch wohl überzeugt haben, daß jene unruhigen Köpfe — sie sind es immer gewesen — heute so wenig wie früher über einen Anhang verfügen, der ihren Vorstößen erst Nachdruck verleihen könnte. Sie mag auch erkannt haben, daß es, wie es zu allen Zeiten in allen Parteien der Fall war, auch im Centrum zuweilen Manche gibt, die zwar mit dieser oder jener Abstimmung nicht einverstanden sein mögen, die aber jeden Gedanken, deshalb der alten Fahne untreu zu werden, entrüstet von sich weisen. Deshalb hat sich die,Kreuzzeitung' darein ergeben, daß es mit dem „Bruch im Centrum" wieder einmal nichts ist.
Erinnern wir uns nur der voraufgegangenen Jahre. Es gab keines, in welchem nicht das „Ende des Centrums" als bevorstehend, ja als unmittelbar bevor-
471 Q Um Gut und Klrrt.
Roman aus den napoleonischen Kriegen.
Von M. Benno.
Der Kommissar gab Letzterem einen Auftrag. Der Diener entfernte sich und kommt nach einer Weile mit einem Beamten — dem Notar, wieder zurück. In der nächsten halben Stunde wurde das, wozu Haspinger den Kommissar früher in Innsbruck gezwungen hatte, von diesem freiwillig und in rechtskräftiger Form vollzogen — Stasi als Tochter anerkannt und in alle Rechte einer solchen eingesetzt----
Der Arzt erscheint und bis auf Weiteres zieht Haspinger sich mit seinen Begleiterinnen zurück —-
In dem Quartier, das für den Aufenthalt der Tyroler in Mantua gewählt worden war, brachen die Empfindungen, die kurz vorher das Gemüth Stast's durchwogt hatten, auf's Neue sich Bahn. Sie warf sich an Angela's Brust. „Schwester, Schwester," rief sie, „Schwester meiner unglücklichen Mutter, warum verschwiegst Du mir fo lange das Geheimniß, welches Du doch gekannt hast? O, nun weiß ich jenes Gefühl zu deuten, daS sich, als ich den Vater pflegte, ohne zu wissen, daß er es war, so oft in mir geregt hat!"
„Es war die Sprache der Natur," belehrte sie Angela, „die auch unter den verwickeltsten Verhältnissen
stehend von unseren Gegnern angekündigt worden war, und es gab keines, in dem sie nicht gründlich enttäuscht wurden. Am meisten glaubten sie dem Ziele bei der letzten Militärvorlage nahe gekommen zu sein. Aber es zeigte sich, daß das katholische Volk nicht gewillt war, denen zu folgen, die sich in einer so wichtigen Frage von der großen Mehrheit der Partei getrennt hatten. Und auch diese letzteren sind dadurch — bis auf ganz vereinzelte, die keine politische Bedeutung haben — nicht dauernd von der Partei getrennt worden. Das Centrum hat jene Krisis so gut überstanden, wie es keine andere Partei fertig brächte — die freisinnige Partei ist bei derselben Gelegenheit bekanntlich gänzlich auseinandergefallen. Die heutigen Schwierigkeiten auf dem Gebiete der Wirths chaft- lichen Fragen theilen wir mit allen Parteien, selbst diejenigen nicht ausgenommen, die einseitige wirthschast- liche Interessen vertreten. Gerade das Fortbestehen einer Partei, die wie das Centtum sich aus den verschiedensten Ständen rekrutirt und nach einem vernünftigen Ausgleiche ihrer Interessen strebt, bietet die einzige Gewähr dafür, daß wir aus den wirth- schaftlichen Kämpfen heraus auch wieder zu jenem Frieden gelangen werden, ohne welchen kein Stand gedeihen kann. Es ist schon von protestantischer Seite anerkannt worden und wird dereinst noch viel klarer erkannt und anerkannt werden, daß das Centrum, indem es die Stände und wirthschaftlichen Interessen fort und fort zu einigen bestrebt ist und den noth- wendigen Ausgleich zwischen ihnen fördert, den Eckstein unferer Kultur, das Bollwerk gegen die auflösende Kraft der einseitigen wirthschaftlichen Strömungen bildet. Es ist eine Nothwendigkeit, daß das Centrum bestehen bleibt, und darum wird es bestehen bleiben.
«e Sozialdemokratisches.
Am Samstag sind, wie unseren Lesern bekannt, in Essen mehrere sozialdemokratische Agitatoren, Führer der sozialdemokratischen Minderheit der Bergarbeiter, darunter der „Kaiser-Delegirte" Schröder, wegen wissentlichen Meineides zu mehrjähriger Zuchthausstrafe verurtheilt worden. Die Aussagen der Zeugen aus dem christlichen Gewerkverein und der Beamten auf der einen und der sozialdemokratischen Zeugen auf der anderen Seite standen sich schroff gegenüber. Der Gerichtshof entschied sich dafür, die Ersteren für glaubwürdiger zu halten, nicht zum wenigsten wohl auch deshalb, weil die „zielbewußten" Sozialdemokraten bekanntermaßen im Interesse der Partei auch einen Meineid nicht zu scheuen pflegen. Man sieht hier übrigens, wie diese frivole „Klugheit" sich bewährt: das Partei-Interesse, dem zu liebe man meineidig wurde, leidet jetzt darunter, weil die Richter den Sozialdemokraten nichts mehr glauben. Es gibt Leute, welche der Meineidsseuche dadurch ein Ende machen wollen, daß der Eid vor Gericht ganz oder doch in den meisten Fällen abgeschafft und durch eine
an ihrem Rechte festhält. Du hast Recht, Stasi! Ich wußte, daß Du das Kind meiner Schwester Euphemia bist, ich wußte es seit jener Stunde, wo ich in Folge Deiner auffallenden Aehnlichkeit mit der Mutter, die Wahrheit ahnend, den Sandwirth nach meiner Verwundung im Gebirge und dem Wiedererwachen aus meiner Betäubung zu jener geheimnißvollen Besprechung an mein Lager berief. Ich pflichtete jedoch den Gründen Deines Adopttvvaters bei, der mich bat, vorerst noch nicht den Schleier zu lüften, und ich hielt mein Wort. Nun ist ja der Knoten gelöst. Allerdings nicht, ohne daß gräßliche Ereignisse mit dieser Lösung verknüpft worden sind."
Der Diener Hofftetten's kam und holte die kleine Gesellschaft wieder in das Palais Arco. „Der Zustand Hofftetten's," berichtete er unterwegs, „habe sich nach anscheinend erfreulicher Besserung plötzlich wieder verschlimmert und im Bewußtsein dessen der Kranke ihn in das Quartier der Tyroler geschickt."
In der That erkannte Haspinger nach dem Einttitt in das Krankenzimmer sofort, daß es für den Spezial- Kommissar keine Hoffnung mehr gab. Der Tod hatte bereits sein Siegel auf die bleiche Stirn gedrückt. Auf ausdrücklichen Wunsch Hofftetten's schickte er nach einem Geistlichen, und unter den Gebeten der Tyroler und des Priesters wurde der Kranke mit der heiligen Weg
einfache Versicherung — „auf Ehre und Gewissen" und bergt. — ersetzt werde. WaS würde das den Gerichtshöfen nützen? Die Sozialdemokraten würden in dieser Form erst recht kein Hinderniß erblicken, um „im Partei-Interesse" zu lügen.
Der gläubige Christ wird auch vor der einfachen Lüge zurückschrecken, dem ungläubigen Sozialdemokraten ist es einerlei, in welcher Form er lügt: daraus ergibt sich, daß es in jedem Falle darauf ankommt, ob der Zeuge an Gott und fein ewiges Gericht glaubt oder nicht. Die Stellung der Sozialdemokratte zur Religion ist die Grundlage ihrer Stellung zum Eide und zur Wahrhaftigkeit überhaupt. Die sozialdemokratischen Meineide sind also ein neuer Beweis dafür, daß der Satz „Religion ist Privatsache" eitel Heuchelei ist. Von den Angeklagten in dem Essener Prozesse bezeichneten sich drei als Dissidenten, also Leute, die zu keiner Religionsgemeinschaft gehören wollen, drei als evangelisch und nur einer als katholisch, die ersten drei, und zwar alle drei „Führer" und im Prozesse die Hauptangeklagten, waren natürlich auch einst getauft ; sie geben jetzt auch nach außen zn erkennen, daß sie nicht mehr Christen sein wollen — die Anderen haben den Christennamen noch nicht abgelegt, entweder aus Gleichgiltigkeit ober aus Unehrlichkeit.
Wie gegen bie Religion, so stellt sich bie Sozialdemokratie auch gegen Vaterland und Vaterlandsliebe feindselig. Der ,Vorwärts' begleitet die gegenwärtigen patriotischen Feste mit Schmähartikeln, deren Gehässigkeit sich von Tag zu Tag steigert. In Sachsen droht allen „Genossen", die sich an den patriotischen Festen betheiligen, die Ausschließung aus der Pattei, und auch anderwätts arbeitet die Partei derartigen „Stegmüllereien" nach Kräften entgegen. Freilich kümmern sich viele sozialdemokratische Arbeiter, die den großen Krieg selbst mitgemacht haben, nicht um die Parteiparole, und die sozialdemokratischen Führer sind sehr ergrimmt über diese Lockerung der Disziplin und über die Verwirrung, welche dadurch unter ihrer Gefolgschaft entsteht.
Große Verwirrung bringt auch fort und fort der Entwurf zu einem sozialdemokratischen Agrarprogramm hervor. In Norddeutschland und theilweise auch in Süddeutschland ist man von diesem Programm nichts weniger als erbaut. Der „Theoretiker" Kautsky und fast alle sozialdemokratischen Zeitungen, sowie eine große Reihe von Versammlungen haben sich gegen das Agrarprogramm ausgesprochen. Das Schicksal desselben kann daher nicht mehr zweifelhaft sein: es wird auf dem Breslauer Parteitage in den Papierkorb wandern. Vollmar und seine Bayern werden dort nicht so zahlreich und mächtig sein, wie voriges Jahr in Frankfurt, und daher nicht verhindern können, daß ihre agrar- sozialistischen Bestrebungen in Breslau zurückgewiesen werden. Ohne Kampf aber werden sie sich zweifellos nicht ergeben und so läßt sich erwarten, daß der Breslauer Parteitag die Gegensätze innerhalb der deutschen Sozialdemokratie nur noch verschärfen wird.
zehrung beglückt. Es dauerte dann nicht mehr lange. Mit Gott und den Menschen versöhnt, denen er so manches Leid angethan hatte, starb Theodor v. Hofstetten am gleichen Abend noch in den Armen Stasi'S und Angela's, und sein letztes Flüstern waren Worte der Versöhnung und des Dankes für sie.
Es war ein paar Wochen später. Vom Jselberge herab senkte sich langsam der Nebel auf das liebliche Thal und die Stadt Innsbruck. Bon den Thürmen schallten die Abendglocken und mahnten die Tiroler zu frommem Gebet. Sie folgten diesen Mahnungen gern. Hatten sie doch dem lieben Gott so viel anzuvertrauen und ihn um so Vieles zu bitten, dem Einzigen, der ihr Helfer und Beschützer war, ihre letzte Hoffnung in der nicht endenden Roth. Gruppenweise oder einzeln standen und gingen sie, die Hüte in den Händen ttagend, und theilweise laut beteten sie den englischen Gruß.
Zu dieser andächtigen Stimmung paßte nicht diejenige eines einsamen Wanderers, der den Weg nach dem Jselberge einschlug und schon eine ziemliche Strecke aufwärts zurückgelegt hatte — des Zigeuners Agil.
Ein düsterer Schatten lag auf seinem gebräunten Antlitz. Die Glockentöne drangen vernehmlich bis zu ihm herauf. Er schien sie jedoch nicht zu hören. Ohne ihnen eine Beachtung zu schenken, ging er weiter.