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M 191

Mittwoch, dm 21. August 1895

22. Jahrgang

mit Untrrhaltuugs-KeUage „Sterne «ud Klumen".

Erscheint täglich, See* und Feirrtage ausgenommen. — Bicrteljührlicher AbounementspreiS ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig. Inserate kosten die einspaltige Sarmondzeile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen die Petitzeile 25 Pf., bei Wiäerholungen entsprechender Rabatt.

Minister v. Köller und das Recht der Selbstverwaltung in den kommunalen

Körperschaften.

Unter dieser Überschrift bringt die ,Köln. Bolks- ztg/ einen Artikel, den wir, da er sich mit Angelegen­heiten des Kreises Fulda befaßt, im vollen Wortlaute zur Kenntniß unserer Leser bringen wollen. Der Ar­tikel lautet:

„In dem Artikel der ,Köln- Volkszt/ in Nr. 491, betitelt „Zum Kapitel der Parität in Preußen", wurde auch die Besetzung des Landraths-Amtes des zu etwas 90 pCt. der Bevölkerung katholischen Kreises Fulda durch einen protestantischen Landrath erwähnt. Wir waren damals der Anschauung, daß es sich nur um einen der zur Zeit in Preußen üblichen Fälle von Paritäts-Verletzung handele. Inzwischen find uns jedoch die Einzelheiten der bei der fraglichen Besetzung in Betracht kommenden Vorgänge bekannt geworden, und diese werfen so grelle Streiflichter nicht nur auf die Beobachtung der Parität, sondern auch auf die Rücksicht, welche in den Regierungskreisen der vielgepriesenen Selbstverwaltung der kommu­nalen Körperschaften erzeigt wird, daß eine weitere öffentliche Besprechung dieser Angelegenheit auch im Interesse der letztgenannten Körperschaften angezeigt sein dürste.

Rach § 24 der Kreis-Ordnung für Hessen-Nassau vom 7. Juni 1885 wird der Landrath vom König ernannt; „der Kreistag ist jedoch befugt, für die Besetzung des erledigten Landraths-Amtes geeignete Personen, welche seit mindestens einem Jahre dem Kreise durch Grundbesitz oder Wohnsitz angehören, in Vorschlag zu bringen."

Auf diesem Vorschlagsrecht fußend und in Berück- fichttgung des Umstandes, daß im Interesse einer glatten Erledigung der Angelegenheit die Regierung bei Be­setzung eines Landraths-Amtes den jeweils von ihr mit der provisorischen Versetzung des Landraths-Amtes Betrauten in Vorschlag gebracht zu sehen wünscht, baten die sämmtlichen Kreistags-Mitglieder, als Ende vorigen Jahres der bisherige Landrath Fliedner als Ober- Regierungsrath nach Kassel berufen wurde, in einer Eingabe an dm kgl. Regierungs-Präsidenten in Kassel, es möge schon bei der commissarischen Besetzung auf die Wünsche der Kreistags-Mitglieder Rücksicht genommen werden. Diese Wünsche wurden dahin präcifirt, daß man einen Herrn zum Landrath wünsche, der ein Mal ein tüchtiger Verwaltungsbeamter, sodann mit den Verhältnissen des Kreises aus eigener Anschauung bekannt und dann Katholik sei. Letztere Bitte war um so begründeter, als der, wie bemerkt, zu etwa 90pCt. katholische Kreis Fulda sowohl in der letzten Zeit der kurhessischen Regierung, als auch seit seiner Einverleibung in den preußischen Staat keinen Katholiken an seiner Spitze gehabt hatte.

Die Eingabe blieb unberücksichtigt, weil — wie der Herr Regierungs-Präsident den Kreistags-Mitgliedern

461 & Um Gut und Kirrt.

Roman aus den napoleonischen Kriegen.

Bon M. Benno.

Die schwere Kerkerthüre fällt ins Schloß, und der Tiroler eilt mit seinen Begleiterinnen nach dem Palaste Arco.

Dort findet er große Austegung. Man hat den bewußtlosen Spezialkommissar gefunden und nach seinem Lager gebracht. Der schnell herbeigerufene Arzt er­weckt den Ohnmächtigen zwar wieder zum Leben, aber eine Seite ist gelähmt und auch das Allgemeinbefinden gibt zu ernstlichen Besorgnissen Raum. Nach und nach erholt er sich doch wieder. Auch die Fähigkeit des Sprechens kehrt zurück.

Der Tiroler betritt mit seinen Begleiterinnen das Palais und geht die Treppe hinauf. Man will ihn zurückweisen, aber in Voraussicht dessen hat er bereits Vorsorge getroffen. Er übergibt dem Bedienten einen beschriebenen Zettel mit der Bitte, ihn dem Kranken einzuhändigen. Dieser zögert anfangs, entspricht aber dann doch diesem Wunsche.

Hofstetten liegt mit verstörten Zügen in seinem Bette. Er ist sich der Bedenklichkeit seines Zustandes bewußt und noch mehr peinigt lhn der Gedanke an

mittheilen ließ — der Hr. Minister v. Köller be­stimmt hatte, daß der bei der Polizei-Direktion zu Frankfurt a. M. beschäftigte RegierungSrath Steffens, welcher s. Z. unter dem damaligen Polizei-Präsidenten v. Köller thätig war, als kommissarischer Landrath nach Fulda gehe.

Von den Wünschen, welche die Kreistags-Abgeord­neten zum Ausdruck gebracht hatten, wurden durch die Persönlichkeit des Hrn. Steffens zwei nicht erfüllt. Hr. Steffens ist nämlich Protestant und hatte bis dahin den Kreis Fulda noch gar nicht gesehen, da er als geborener Westpreuße, abgesehen von seiner Thätig- keit in Frankfurt a. M., hauptsächlich im Osten der Monarchie beschäftigt war.

Dennoch empfing man ihn in Fulda ohne Vor- urtheil. Allein schon bald, gleich in den ersten Wochen seiner Anwesenheit in Fulda, nahm Herr Steffen» verschiedentlich, z. B. bei einer Rede zur Feier des achtzigsten Geburtstages des Fürsten Bismarck, eine Stellung ein, die ungemein viel Aehnlichkeit mit gewissen Vorkommnissen in der Siedehitze des Kulturkampfes hatte. Nicht genug damit, mischte er sich in eine Zeitungs-Polemik über die. Gründung des in Fulda errichteten Kreis-Siechenhauses, in welcher er nicht die Interessen dieses ihm unterstellten Instituts wahr­zunehmen schien und schließlich jede Antwort schuldig blieb, nachdem einige einschlägige Aktenstücke veröffent­licht waren, welche die Unrichtigkeit seiner Behaup­tung darthaten.

Als nun im Mai l. I. der Kreistag von der Re­gierung aufgefordert wurde, wegen der Neubesetzung des Landrathsamtes Beschluß zu fassen, war die über­wiegende Mehrzahl der Kreis-Abgeordneten darüber einig, daß der kommissarische Landrath für den Kreis nicht paffe. In der enffcheidenden Sitzung vom 26. Mai l. I., in welcher von den 23 Kreistags-Abge­ordneten 19 anwesend waren, wurde mit 17 gegen 2 Stimmen beschlossen, nicht — wie dieses früher geschehen war — zu Gunsten der Regierung, d. h. des Herrn Regierungsrathes Steffens auf das Vor­schlagsrecht zu verzichten, sondern den katholischen Amts­richter G r e i b zu Neuhof dem Könige zur Ernennung als Landrath vorzuschlagen. Herr Amtsrichter Greib erfüllte in seiner Person sämmtliche in § 24 der Kreis- Ordnung vorgeschriebenen Bedingungen und ist auch mit den Verhältnissen des Kreises, in welchem er er­zogen war und nun schon mehrere Jahre als allgemein geachteter und beliebter Richter gewirkt hatte, sehr genau vertraut.

Um die königl. Regierung über die Gründe zu unterrichten, welche den Kreistag bestimmt hatten, sich für Herrn Greib auszusprechen, wurde eine Depu­tation nach Kassel zu dem Regierungs-Präsidenten entsendet. Die beiden Deputirten theilten in der be­reitwilligst ertheilten Audienz rückhaltlos Alles mit, was gegen die Ernennung des Herrn Regierungsrathes spreche, brachten nochmals die Wünsche des Kreistages zum Ausdruck und baten um Berücksichtigung derselben.

Da die von dem Herrn Regierungs-Präsidenten

das, was Agil ihm gesagt hat, sowie die Erinnerung an die gräßliche Scene, der er beigewohnt hat.

Er selbst hat seinen Sohn in den Tod getrieben, er selbst, der eigene Vater, alle Hebel in Bewegung gesetzt und nicht geruht, bis der vermeintliche Todfeind, sein zum Rachewerkzeug gegen ihn erzogenes Fleisch und Blut, vom Berhängniß ereilt war.

Der Diener erscheint und gibt ihm den Zettel. Der Spezialkommissar liest ihn. Seine Augen be­kommen auf einmal einen eigenthümlichen Glanz. Halb Schrecken, halb Spannung liegt in dem unruhigen Blicke. „Führe ihn herein," befiehlt er, „und lasse uns, bis ich Dich wieder rufe, allein."

Eine Minute später steht der Tiroler vor Hof- ftetten's Lager, dessen Hand er mit Theilnahme ergreift.

Betroffen hat der Kranke diesen angeschaut. Dann irrt ein Lächeln über fein bleiches Gesicht. „Pater Haspinger", flüstert er, „ich begreife, warum Sie in dieser Maske erscheinen. Fast hätte ich Sie nicht erkannt!"

„Ich mußte Abschied nehmen von dem Freunde," sagte der Pater, „der von dem Hasse des grausamen Imperators zum Opfer bestimmt ist, und erreichte auch, ohne daß Jemand Anders als meine Begleite­rinnen eine Ahnung davon hatten, daß der von den

ertheilte Antwort ausweichend lautete, so machte wenige Tage später ein Mitglied des Kreistages im Auftrage der Mehrheit desselben dem Herrn Minister v. Köller seine Aufwartung, um denselben gleichfalls zu bitten, bei Sr. Majestät dem Könige die Wünsche des Kreis­tages zu befürworten. AbW

Diese Audienz hatte nun, nach den Mtttheilungen des betreffenden Kreistags-Deputirten, einen höchst interessanten Verlauf. Gleich nach den einlei­tenden Worten wurde nämlich der betreffende Deputirte durch die Mittheilung überrascht, daß der Herr Minister in der Sache nichts mehr thun könne, da sie schon im Ministerrathe erledigt fei. Herr Regierungsrath Steffens werde Landrath. In Fulda habe man in dieser Sache von vorn herein Unfug getrieben. Er, der Herr Minister, könne es sich nicht von dem Kreistage bieten lasten, daß er ihm einfach seinen Kommissar ablehne; soweit gehe das Vorschlagsrecht nicht. Ueberdies könne er den Amtsrichter nicht zur Ernennung Vorschlägen, zumal sich Herr Greib zum Landrath gar nicht eigne. Derselbe sei ja aus ganz kleinen Verhältuisten hervor­gegangen ; sein Vater sei nur ein kleiner Besitzer. Außerdem wisse er, der Minister, ganz genau, daß mehrere Kreistags-Mitglieder sich gern für dm Herrn Regierungsrath Steffens ausgesprochen haben würden, wenn sie nur gedurft hätten.

Alle Einwendungen des betreffenden Deputirten, daß der Herr Minister gerade über den letzten Punkt nicht richtig informirt fei, daß mit Ausnahme von zwei Herren alle Kreistags - Mitglieder darüber einig seien, daß Hr. Regierungsrath Steffens für dm Kreis nicht paffe, daß der Kreistag nur in Ausübung eines ihm nach § 24 der Kreis-Ordnung zustehenden Rechtes gehandelt habe, daß der in Vorschlag gebrachte Amts­richter den Anforderungen genüge usw., waren erfolg­los. Der H?rr Minister blieb dabei, daß er in der Sache nichts mehr thun könne.

Hierauf suchte der Deputirte des Kreistages um eine Audienz bei dem Reichskanzler Fürsten Hohen­lohe nach, erhielt dieselbe auch am 29. Juni und bat in derselben den Fürsten in feiner Eigenschaft als Präsident des Staatsministeriums um seine Vermit­telung. Der Fürst erklärte in erster Linie im Gegen­satz zu Herrn v. Köller, daß die Angelegenheit im Staatsministerium noch nicht zur Sprache gebracht sei, und versprach sodann, er wolle sich die Akten kommen lassen und über den Fall sich informiren.

Als der Bericht über die beiden Audienzen an die Kreistags-Mitglieder gekommen war, beschloß die Mehr­heit der Abgeordneten, eine Eingabe an den Herrn Minister-Präsidenten zu machen, in welcher alle Vor­gänge eingehend geschildert und die Verhältnisse klar­gelegt wurden.

Diese Eingabe wurde nicht nur von 17, sondern sogar von 19 Mitgliedern des Kreistages unterzeichnet, der beste Beweis dafür, daß die Behauptung des Herrn Ministers von Köller, ein Theil der Kreistagsmitglieder habe nur gezwungen für Herrn Amtsrichter Greib ge­stimmt, unrichtig war.

Welschen so gefürchtete Pater Haspinger sich unter dem Tirolerkleide und der schwarzen Perrücke verbirgt, meinen Zweck. Die Vorsehung wies mir noch eine weitere Aufgabe zu. Ich war Zeuge, wie der Zigeuner Agil Sorbet sich für seine ruchlose That die Aner­kennung Hofers holen wollte. Der rachsüchtige Mensch hat sich getäuscht. Mit Entrüstung wies der edle Freund ihn von sich. Einer solchen Handlungsweise wäre daS Gernüth des Märtyrers für fein Vaterland auch dem grimmigsten Feinde gegenüber nicht fähig. Er verurtheilte vielmehr die sträfliche That, und ich bringe fein tiefes Bedauern, Vergebung für Alles und Versöhnung für Sie! Sie erlitten einen schrecklichen Verlust, Herr Kommissar, Sie sind in furchtbarer Weise heimgesucht worden, — denken Sie, daß dadurch vieles Unrecht, dessen sie sich im Leben schuldig gemacht, gesühnt wird, und daß sie einen barmherzigen Richter finden werden', wenn Gott Sie ins Jenseits abruft. Einen Trost hat er Ihnen schon für hienieden Vorbe­halten: Sie verloren Ihren Sohn, der gute Himmel schenkt Ihnen eine Tochter dafür."

Haspinger winkt Stasi, die sich mit Getrud und Angela im Hintergründe der Zimmers aufgestellt hat, an das Lager heran.

In begreiflicher Aufregung nähert sich das Mädchen,