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Freitag, den 9. August 1895
22. Jahrgang
lildiier
mit Unterhaltungs-Beilage «Sterne und Klumen".
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V Zur politischen Lage.
Während der deutsche Kaiser ruhig in England der Erholung pflegt, stellen sich auf dem Festlande viele Leute an, als wäre jeden Augenblick der Ausbruch des gefürchteten „Weltkrieges".zu erwarten. Schon der Umstand, daß der deutsche Kaiser im Auslande weilt, müßte die Schwarzmaler eines Besseren belehren. Es ist nicht üblich, daß das Staatsoberhaupt auf Reisen geht, wenn schwarze Wetterwolken am politischen Himmel stehen, und zumal im Deutschen Reiche, wo die „kaiserliche Politik" auch in ruhigen Zeiten, zwar nicht nach dem Willen der Verfassung, aber doch thatsächlich eine so große, vielfach entscheidende Rolle spielt, ist es einfach ausgeschlosfen, daß der Kaiser, seinen Rathgebern die Leitung und die Sorgen überlassend, in kritischen Zeüläuften außer Landes geht.
Wenn von Aussee und Ischl, wo sich jetzt der deutsche Reichskanzler mit dem österreichischen Minister des Auswärtigen und der österreichische Kaiser mit dem rumänischen Könige begegneten, wirklich Haupt- und Staatsaktionen ausgehen sollten, so würde Kaiser Wilhelm es sich gewiß nicht nehmen lassen, an den dort-gen Zusammenkünften thätigen Antheil zu nehmen. Es versteht, sich ja von selbst, daß die Monarchen und Staatsmänner, die sich in jenen Kurorten getroffen haben, nicht bloß vom Wetter und dgl., sondern auch über politische Fragen sich unterhielten, und es mag aus Siefen Besprechungen ja auch manche neue Anregung sich ergeben: aber daß dort ohne Theilnahme des deutschen Kaisers und ohne Betheiligung des dritten Dreibundstaates, Italiens, Dinge vorbereitet werden sollten, welche die europäische Politik enffcheidend beeinflussen könnten, ist sehr unwahrscheinlich. Wahrscheinlicher würde dies schon, wenn die Meldung sich bestätigte, wonach auch der junge Serbenkönig nach Ischl zu reisen im Begriffe stehe, aber so lange diese Bestätigung nicht vorliegt, wird man gut thun, den Sensationsnachrichten von einem Beitritte Rumäniens zum Dreibunde und dgl. keinen Glauben beizumessen.
Es ist möglich, daß solche Nachrichten, auch wenn sie nicht wahr sind, nicht direkt amtlich widerlegt werden, denn es kann ja schließlich nichts schaden, wenn man in Rußland und Frankreich mit der Möglichkeit zu rechnen beginnt, daß zwischen dem Dreibunde und Rumänien und vielleicht auch Serbien Abmachungen darüber getroffen werden, wie diese Staaten im Falle eines Angriffes Rußlands auf einen der Dreibundstaaten oder eines russischen Eingreifens in die bulgarischen oder macedonischen Wirren sich verhalten werden. Nöthig sind derartige Abmachungen allerdings kaum, wenigstens nicht mit Rumänien, denn dieses Land würde durch ein bewaffnetes Vorgehen Rußlands so wie so schon genöthigt werden, zur Aufrechterhaltung seiner Neutralität seine Truppen an der rumänisch-russischen Grenze aufzustellen, um Rußland
381 Q Um Gut und Klut.
Roman aus den napoleonischen Kriegen. Bon M. Benno.
Die Frau sank, schmerzlich aufstöhnend, auf einen Sefsel und rang die Hände. Auch Elise war bleich wie der Tod. Keine von Beiden brachte vor Schrecken ein Wort über die Lippen hervor.
„Ihr braucht den Muth und die Hoffnung noch nicht zu verlieren", fuhr Agil fort; „Anton wird gerettet werden, und zu diesem Zwecke kam ich hierher. Er muß jedoch außer Landes, womöglich nach Wien, wo man ihn sicher gut aufnehmen wird. Es ist bereits für Alles gesorgt. Ein Engel in Menschengestalt weilt gegenwärtig in Tirol, ein trener Schutzgeist, der, um den verfolgten Landsleuten zu helfen und zu rathen, die eigenen Gefahren nicht scheut. Ihr kennt ihn wenigstens dem Namen nach, da Poldl Euch ohne Zweifel schon Manches von ihm erzählt haben wird: Es ist Angela v. Haynald. Sie hat sich in unsere Berge hereingewagt, obgleich ihr vielleicht noch ein schlimmeres Schicksal droht, als den Tirolern. Jetzt weiß ich nämlich, auf wessen Befehl damals die Entführung Angela's und Stasi's ins Werk gesetzt worden ist. Kein Geringerer, als Napoleon selbst, war der Auftraggeber, der dem schönen Fräulein schon lange nachgestellt hat.
den Durchmarsch durch sein Gebiet zu verwehren. Rußland weiß auch selbst sehr wohl, welchen Gefahren es bei einem bewaffneten Vorgehen entgegenginge und wird schon deshalb kaum von seiner gewohnten Politik, lieber mit dem „rollenden Rubel" als mit den Waffen die Entwickelung auf der Balkanhalbinsel zu beeinflussen, abgehen.
Die französischen Kriegshetzer werden also ihre Ungeduld schon zügeln müssen. Die famosen „Enthüllungen" des ,Figaro' und des ,New Jork Herold' über das russisch-französische Bündniß — der Bündnißfall sollte danach schon gegeben sein, wenn eines der beiden Reiche in irgend einen Krieg, also nicht bloß in einen VertheidigungSkrieg verwickelt würde — sind denn auch schleunigst von den russischen Offiziösen als Erfindungen abgethan worden.
Ob andererseits der russische Rubel den Zweck, auS Bulgarien den Fürsten Ferdinand durch eine innere Revolution zu vertreiben, erreichen wird, ist auch sehr ftaglich trotz der Unterstützung, die er von der liberalen deutschen und österreichischen Presse durch deren Hetze gegen den katholischen Fürsten erhält. Die Russen haben erklären lassen, daß sie nur dann sich mit den Bulgaren aussöhnen würden, wenn Fürst Ferdinand sich einer Neuwahl durch eine „legitime", d. h. russenfreundliche Sobranje unterzöge und den Erbprinzen Boris schismatisch erziehen wollte. Fürst Ferdinand wird keine von beiden Forderungen erfüllen können, er hat das aber auch gar nicht nöthig. Denn trotz der Russenfteundlichkeit der gegenwärtigen Sobranjemehrheit und trotz der bulgarischen Abordnung nach Rußland haben die Feinde des Fürsten bis jetzt noch, nicht erleben können, daß auch nur der kleinste Putsch, ja nicht einmal der Ruf nach Unterwerfung unter die russischen Hauptforderungen in Bulgarien sich erhoben hat. Aussöhnung mit Rußland, ja das wollen die Bulgaren in ihrer Mehrheit, und das will auch der Fürst, aber Unterwerfung um jeden Preis, das will nur das kleine Häuflein der Zankovisten, und selbst diese wollen das nicht offen zugeben. Gäbe es in Bulgarien wirklich eine große Partei, die selbst für den Preis der Opferung ihrer mühsam gegründeten Dynastie Rußland zufrieden stellen wollte, so hätte sie die beste Gelegenheit dazu gehabt während der Verwirrung, die Stambulow's Ermordung im ersten Augenblick hervorrief, und damals hätte sich auch in den Dreibundländern kaum eine Stimme zu Gunsten des Fürsten erhoben, wenn dieser entthront worden wäre — zumal er gar nicht im Lande war.
Deutsches Reich.
Berlin, 8. August.
* Der Kaiser bethätigt sich, wie die englische.Allgemeine Korrespondenz' meldet, mit dem größten Eifer und dem lebhaftesten Interesse bei der Cowes - Regatta. Diesmal hat er zwei Preise gestiftet und zwei feiner Boote starten mit. Der erste Kaiserpreis, der
Ich hörte es aus Hofstetten's eigenem Munde, der in der Weinlaune den Streich feinen Freunden erzählte und der sich dabei auch über den Vertrag lustig machte, in welchem er dem Pater Haspinger die Herausgabe des vorenthaltenen Vermögens seiner ersten Gemahlin versprach. Angela steht in Verbindung mit manchen hohen Persönlichkeiten in Tirol, und so ist es ihr möglich gemacht, Vieles zu erfahren, das sonst nicht bekannt wird. So bekam sie auch Kunde von dem Anschläge gegen Wallner und hat augenblicklich für dessen Rettung gesorgt. Ich bin von ihr gesandt. Einem Teppichhändler kaufte ich seine Maaren ab und erhielt dazu diesen auf ihn und seinen Buben lautenden Paß. Dieser paßt so ziemlich auf Wallner's Gestalt und Eueren Franz!. Der Kleine soll mit mir auf die Alm, die in ein paar Stunden erreicht ist. Anton nimmt den Pack auf den Rücken und eilt, von dem Buben begleitet, der Grenze zu. Wenn dann morgen die Franzosen kommen, finden sie das Nest leer und Wallner hat einen so großen Vorsprung, daß eine Verfolgung nichts hilft."
Das Gesicht der Frau hatte sich nicht aufgehellt. „Ja, wenn der Franz! nur da wäre", bemerkte sie düster, „aber Poldl, der vorige Woche hier war, ha: ihn mit fortgenommen und wir wissen nicht, wohin."
Elise hatte das Zimmer verlassen. Während der
kostbare „Meteor" - Schild, war bei der vorjährigen Regatta der „Britannia" des Prinzen von Wales zugefallen. Der Schild muß zweimal hintereinander gewonnenwerden, ehe er in den Besitz des Siegers übergeht. Der neue Schild, den der Kaiser jetzt auf den Gabentisch des Royal Squadron Klubs niedergelegt hat, ist mit denselben Bedingungen verknüpft. An der Konkurrenz dürfen sich alle Jachten betheiligen, welche in Europa gebaut sind und einem irgendwie namhaften Klub angehören. Der zweite Preis des Kaisers ist ein kostbarer Becher, der für Schooner und Jollen bestimmt ist. Das neue Boot des Kaisers, die „Vineta", wird an der Regatta ebenfalls theilnehmen. — Bei dem Diner in Osborne am Mittwoch Abend brachte die Königin Viktoria das Wohl des Kaisers Wilhelm und der Kaiser das Wohl der Königin aus. Außer den in Osborne anwesenden Mitgliedern der englischen Königsfamilie nahmen Prinz Heinrich, die Kronprinzessin Stephanie von Oesterreich und Herzog Friedrich Wilhelm von Mecklenburg an dem Diner Theil. - Am 6. d. M., dem Gedenktage der Schlacht bei Wörth, hat der Chef des Militärkabinets, General der Infanterie v. Hahuke, im Auftrage des Kaisers am Grabe des Kaisers Friedrich im Mausoleum zu Potsdam einen Kranz niedergelegt.
* Die ,Kreuzztg.' schreibt: Die in einigen auswärtigen Blättern enthaltene Nachricht, Serbien habe sich in gleicher Weise wie Rumänien dem Dreibünde angeschlossen, kann in dieser Form unmöglich richtig fein. Auf unsere Anfrage theilt man uns mit, daß darüber an unterrichteten Stellen nichts bekannt ist. Die Meldung kann vielleicht einen Versuchsballon bilden. Es wäre nicht unmöglich, daß man sich in Belgrad die Frage vorlegt, ob das Königreich im Hilcklick auf die Balkanereignisse nicht am klügsten thäte, eine Anlehnung bei den konservativen Mächten zu süchen.
* Eine Meldung der ,Times', daß der englische Botschafter in Washington Sir Julian Paunccfote in gleicher Eigenschaft nach Berlin versetzt werden soll, wird von der ,Post' als „wenn überhaupt begründet, unter allen Umständen verfrüht" bezeichnet. An maßgebender Stelle fei über die Wahl des Nachfolgers von Sir Edward Malet noch nichts bekannt.
* Graf Pseil-Burghauft, Mitglied des preußischen Herrenhauses, fordert in einem „An die Konservativen aller Parteien" überschriebenen Artikel in den großkapitalistischen ,Berl. Reuest. Nachr.' zur Abschaffung des geheimen Reichstagswahlrechts auf. Wollten die Konservativen solche Anträge nicht stellen, so sollten die Regierungen Abgesandte der Einzellandtage ; einberufen und ihnen einen Reformplan für den Reichstag vorlegen. — Das ist eine merkwürdige Idee. Vorläufig hat noch der Reichstag selbst über fein Wahlrecht zu befinden.
* Die Stiirkeverhältniffe im deutsch-französischen Kriege 1870/71 sind in einer von der kriegsgeschichtlichen Abtheilung des großen Generalstabes heraus-
Zigeuner und die Mutter sich noch rathlos weiter besprachen, ging die Thüre wieder auf und ein schmucker Tirolerbursche erschien. Betroffen schauten die Beiden ihn an.
„Allmächtiger Gott", rief die Frau plötzlich, „Elfte, Wie hast Du mich erschreckt. Was fällt Dir denn ein?"
„Der Vater", entgegnete das Mädchen ruhig, „braucht einen Buben, und für den hab' ich gesorgt. Komm nur, Agil", wandte sie sich an den Zigeuner, „wir wollen keine Zeit mehr verlieren, der Mond ist soeben aufgegangen und bescheint unseren Weg."
Die Mutter war zu der Tochter getreten. Sie schlang ihre Arme um sie. „Du hast Dich in das Sonntagsgewand von Franzl gesteckt, und man könnte fast glauben, er wär's", sagte sie, „aber wirst Du auch aushatten, was dem Buben vielleicht nicht schwer fiele, mein liebes Kind?"
„Warum Nicht", entgegnete Liesl mit blitzenden Augen. „Eö gilt das Leben des theuren Vaters! Da ist mir keine Nacht zu dunkel und kein Weg zu steil."
„So gehe denn in Gottes Namen", flüsterte die Mutter. „Die Mutter Gottes und alle Heiligen mögen Dich beschützen!" Sie machte das Zeichen des Kreuzes über die Tochter und besprengte sie mit Weihwasser aus dem zinnernen Behälter, der neben dem Haus- altare hing.