jg 179 Dienstag, den 6. August 1895 22. JahrgMg
mit Unterhaltungs-Keilage „Sterne und Klnmen".
iilbncr
grfdietnt täalich Son» und Feiertage ausgenommen. — Vierteljährlicher Abonnementsvreis ohne Brinqerlohn und Bestellgeld in Fulda und auswärts 1 Marl 50 P-ennig. a Inserate kosten die einspaltige Garmond-,eile oder deren Raum 15 Ps., Reklamen die Detitzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
rt Nur ruhig Blut!
Wenn man gegenwärtig die liberalen Zeitungen lieft, so sollte man glauben, wir ständen unmittelbar vor dem Ausbruche des so ost vorhergesagten „Weltkrieges." Nur wenige unter ihnen machen eine Ausnahme, die weitaus meisten aber scheinen es darauf abgesehen zu haben, ihren Lesern das Gruseln beizubringen oder ihnen die erwünschte Nervenabspannung und Erholung in den Bädern und Sommerfrischen zu Hintertreiben. Auch fteisinnige Blätter betheiligen sich thörichter Weise an diesen Schwarzmalereien, als hätten sie alle Erfahrungen aus früheren Sommern vergessen, in denen es auch von Krieg und Kriegsgeschrei wiederhallte, bis im Winter — eine saftige Militärvorlage kam. Heute find es freilich gerade die Offiziösen, die vor übertriebener Beunruhigung durch die orientalischen Wirren warnen. Aber sie haben es ja auch ihrerseits gar nicht nöthig, in die Unkenrufe einzustimmen; die liberalen Blätter einschließlich der freisinnigen besorgen das Beunruhigungsgeschäft aufs Beste, und wenn im nächsten Winter der Militär- oder Marineetat neue große Summen fordern werden, so dürfen sich die Freisinnigen rühmen, ben Herren v. Bronsart und Hollmann die Wege hierzu trefflich geebnet zu haben.
Damit wollen wir nicht sagen, daß das Treiben der liberalen Presse so ganz zweck- und planlos wäre. Sie verfolgt einen klar erkennbaren Zweck, soweit insbesondere Bulgarien in Betracht kommt: die katholische Dynastie in Bulgarien soll gestürzt werden! Rur vergißt die fteisinnige Presse hier über die auswärtige ihwe innere Politik. Es könnte ihr leicht passiren, daß sie in der auswärtigen Politik ihren Zweck nicht erreicht und dafür in der innern Politik demnächst vor der kitzlichen Aufgabe stehen wird, ihren jetzt durch das Kriegsgeschrei geänstigten Lesern klar zu machen, daß — trotzdem der Militär- und Marineetat keiner Erhöhung bedarf.
Wir können unseren katholischen Wähler« jedenfalls nur rathen, sich nicht ins Bockshorn jagen zu lasten, einerseits weil das ganze Kriegsgeschrei schließlich für den Geldbeutel der Steuerzahler sehr unangenehme Nachwirkungen haben könnte, andererseits weil der Lärm doch nur, wie erwähnt, einen antikatholischen Zweck verfolgt, Für Stambulow waren unsere Liberalen trotz seiner ganz und gar nicht liberalen, vielmehr sehr gewaltthätigen Regierungsweise stets sehr eingenommen. Als Stambulow die Aenderung der bulgarischen Verfassung, wodurch es dem Fürsten ermöglicht wurde, den Erbprinzen Boris katholisch zu erziehen, durchsetzte, wurden unsere katholikenfeindlichen Liberalen allerdings schon etwas stutzig und prophezeiten vielfach alles mögliche Unheil, sie stellten sich aber doch wieder auf Stambulows Seite, als dieser seine Entlastung erhielt, weil der Fürst seinem tyrannischen Regiment Einhalt gebieten mußte genau so
351 K> Um Gut und Klut.
Roman aus den napoleonischen Kriegen.
Bon M. Benno.
Schleicher ergriff ihre Hand. „Soweit ist es noch nicht," erklärte er. „Denn vorerst weiß nur ich, wo sein Versteck ist, und ich werde keinen Gebrauch davon machen, wenn Ihr eine von mir gestellte Bedingung • erfüllt. Ihr kennt meine Wünsche, Gertrud. Auch Stasi sind sie bekannt. Wir wollen nicht viele Worte machen. Willigt Stasi ein, meine Frau zu werden, so soll Hofer in seinem Schlupfwinkel vorerst unbelästigt bleiben, und bald will ich dafür sorgen, daß ihm kein Haar gekrümmt wird. Andernfalls wird er morgen aufgehoben, und was dann seiner wartet, ist Euch bekannt. Ich rathe Euch auch, nicht etwa einen Warnungsversuch zu machen. Ich habe bereits Fürsorge getroffen, daß ein derartiger Schritt nicht nur nichts Hilst, sondern die Katastrophe herbeisührt. Die Zeit drängt. Wir müssen eilen. Sprecht mit Stasi, und wenn sie ihr Jawort gibt, wird am nächsten Sonntag Hochzeit gehalten, nnd zwar in aller Stille. Ich liebe es nicht, daß man von der Sache viel Aufhebens macht." Er entfernte sich wieder und ließ die in ungeheuere Verwirrung versetzte Gertrud allein. In der folgenden Nacht schliefen weder Stasi noch Gertrud. Die Mutter hatte Erstere von dem, was Schleicher ihr gesagt hatte,
gut, wie 1890 Bismarcks Entlassung im deutschen Reiche eine polittsche Nothwendigkeit geworden war. Da kam Stambulow's grausame Ermordung, gewiß eine Schandthat, vor der sich die gesammte gesittete Welt mit Abscheu abwandte. Aber die Liberalen waren sofort bei der ersten Nachricht von dem schrecklichen Ereigniß bereit, gegen den Fürsten Ferdinand und seine Rathgeber die ebenso furchtbare wie leicht- fertige Anklage zu schleudern, den Mord veranlaßt oder doch mit Absicht nicht verhindert zu haben. Die Anhänger Stambulows in Bulgarien — nur eine kleine Minderheit des Volkes — suchten auf dieselbe Weise Rache für Stambulow's Entlassung zu nehmen, und in ihrem Sinne waren alle Berichte der liberalen Presse aus Sofia abgefaßt. Thatsächlich aber hat sich bis heute auch nicht der geringste Beweis für eine Mitschuld des Fürsten oder der bulgarischen Regierung ergeben.
Um diesen Mangel zu verdecken, wurde die Reise der russophileu, ganz privaten bulgarischen Abordnung nach Petersburg als ein Akt der Demüthigung des Fürsten vor Rußland hingestellt. Und um den Fürsten noch verächtlicher zu machen, wurde behauptet, er werde diese Demüthigung so weit treiben, seinen katholischen Glauben mit dem russischen Schisma zu vertauschen. Daran ist kein wahres Wort. Fürst Ferdinand, der, ohne den Zorn der schismatischen Geistlichkeit Bulgariens und der Russen zu scheuen, von Stambulow das Zu- geständniß der katholischen Erziehung für seinen Sohn erzwang, kann jetzt erst recht nicht gewillt sein, vor dem Schisma sich zu beugen. Die liberalen Blätter arbeiten mit ihren Ausstreuungen nur den schismattsch- russischen Wühlereien in Bulgarien in die Hände.
Zu einem Kriege aber wird es deswegen schwerlich kommen, auch kaum zu einer Revolution in Bulgarien selbst. Bei der Zusammenkunft des Fürsten Hohenlohe mit dem österreichischen Minister Grafen Goluchowski in Aussee handelte es sich lediglich um einen Höflichkeitsbesuch des Letzteren, und von der Politik war dabei kaum die Rede. Und auch die Reise des rumänischen Königs nach Ischl hat keinen politischen Zweck, denn der König kommt jedes Jahr nach Ischl zum Kurgebrauch. Selbst die liberale ,Nat.-Ztg/ gesteht jetzt ein, daß die bulgarische Angelegenheit zu Monarchen- und Diplomaten-Konserenzen keinen Anlaß biete. Gleichwohl werden die Kriegsschreier und Schwarzmaler sort- fahren, aus diesen Dingen Kapital zu schlagen. Wir aber bleiben dabei, daß die Lage nicht so schlimm ist, daß man sich deswegen zu beunruhigen brauchte.
Deutsches Reich.
Berlin, 5. August.
* Der Kaiser ist heute im Solent eingettoffen, und beabsichtigt, morgen an dem Jahresbanket der Mitglieder des königlichen Yacht-Geschwaders theilzunehmen. An einem Abende der nächsten Woche giebt der Kaiser an
Bord der „Hohenzollern" ein Festmahl. Am Samstag gedenkt der Monarch Cowes zu verlassen. Er wird den Solent in der königlichen Yacht „Albert" passiren und in Gosport den Salonzug besteigen, der ihn nach Penrith führt. Am Sonntag Morgen trifft er auf Lowther Castle ein, dem wundervollen Landsitz des Earl von Lonsdale, wo ein Aufenthalt von 4 Tagen beabsichtigt ist.
* Von den diesjährigen Kaisermauöver« berichten die ,Berl. Reuest. Nachr.': Aus den vier Armeecorps, welche an den diesjährigen Kaisermanövern theilnehmen (Garde, II., III., IX.), werden während der Tage vom 9. bis 12. September zwei Armee-Abtheilungen nebst zugetheilten Cavallerie-Divisionen gebildet werden, wie man selbständige Heerestheile bezeichnet, welche stärker als ein Armee corps sind, jedoch zu klein, um die Bezeichnung „Armeen" zu verdienen. Da für die zu diesem Zwecke zu bildenden höheren Stäbe sowie für die umfangreiche Thätigkeit von Schiedsrichtern dieses Mal besonders viele Stellen zu besetzen sind, hat man eine große Zahl von Generalstabsoffizieren aller Grade hierfür in Aussicht genommen, die aus Berlin in das Manövergelände entsendet werden. Das Amt als oberster Schiedsrichter wird der Kaiser selbst aus- üben. Für den Fall, daß der Kaiser den Oberbefehl persönlich übernimmt, wird Prinz Albrecht von Preußen, Inspektor der 1. Armee-Jnspection, den Kaiser in der Funktion des obersten Schiedsrichters vertreten.
* Der Gedenktag der Schlacht bei Weißenburg und der Erstürmung der Spicherer Höhen ist am Sonntag in vielen Orten Deutschlands festlich begangen worden, namentlich auch in Weißenburg selber und in der unweit der Spicherer Höhen gelegenen Stadt Saarbrücken. In letztgenannter Stadt waren in 25 Extrazügen gegen 40,000 Fremde angelangt. An die Gedenkfeier auf dem Krieger- Friedhofe in Sankt Johann schloß sich ein großer historischer Festzug; 1000 der ehemaligen Kämpfer von Spicheren nahmen daran Theil, die auf dem ganzen Wege überall mit stürmischem Jubel begrüßt wurden. Außerdem marschirten etwa 15000 Kriegstheiluehmer in dem Zuge. Daran reihten sich historische Gruppen, darunter die Reitergarde Friedrichs II., die Nassau-Saarbrücker Garde, die Lützow'sche Freischaar, die Landwehr von 1813, die Er- stürmer der Düppeler Schanzen und Gruppen, welche das gegenwärtige Heer darstellten. Nachmittags fand bei ungünstigem Wetter eine ergreifende Gedenkfeier auf dem Krieger-Friedhof im Ehrenthal beim Schlachtfelde statt, wo General v. Francois und 500 Deutsche und Franzosen begraben sind. Zur Feier hatten sich etwa 1000 Krieger, die bei Spicheren gekämpft hatten, sowie 25000 andere Festgäste eingefunden. Der Präsident des Saarbrücker Kriegervereins, Siebisch, hielt die Festrede, an welche sich der gemeinsame Gesang des Liedes: „Nun danket alle Gott" schloß. Hierauf folgte unter Begleitung von 50 Musikkorps der Abmarsch zum Festplatz am Fuße der Spicherer Höhen, wo Ansprachen gehalten wurden und acht Militärkapellen gemeinschaftlich spielten. Abends wurden auf den Saarbrücker und Spicherer Höhen Freudenfeuer angezündet und die Stadt wie die Umgegend durch elektrische Scheinwerfer beleuchtet. Am Montag Nachmittag traf der Groß-
in Kenntnitz geseßt und der Tochter die Entschließung anheimgestellt.
Stasi war anfangs fast in Verzweiflung gerathen. „Nein und tausendmal nein!" hatte sie gerufen, aber allmählich erwachten doch andere Gedanken in ihr. Der Vater! Seine Freiheit, ja sogar sein Leben lag in Schleicher's Hand! Und daß dieser, wenn man ihn abwies, schonungslos vorgehen würde, daran zweifelte sie nicht. Gab es unter solchen Umständen für sie überhaupt noch eine Wahl? Nein! Und wenn das Opfer noch zehnmal größer gewesen wäre — sie mußte es bringen, dem Vater zu Liebe! Sie hatte ja ohnehin nichts mehr zu hoffen. Poldl war tobt. Mit ihm hatte man ben besten Trost ihres Herzens, ihre Hoffnung, ihr Alles begraben — ihr Entschluß war gefaßt.
Sie warf sich vor bent Bilde des Gekreuzigten nieder und betete lange. Ruhig und ergebungsvoll betrat sie am anderen Morgen die Stube, wo die Mutter von ihr das Jawort erhielt.
Sie wiederholte es dem bald darauf eintreffenden Förster gegenüber, konnte aber doch nicht verhindern, daß bei der ersten Liebkosung desselben sie ein Gefühl durchschauerte, als habe sie eine Schlange berührt. Mit größter Eile beschleunigte der Förster die Verbindung. Er setzte sich über alles Herkommen und die gesetzlichen Bestimmungen hinweg, wobei ihm sein besonderer Gönner, Hofstetten, der das Regiment wieder
in die Hand genommen hatte und mit größerer Rücksichtslosigkeit als jemals auftrat, bereitwillig an die Hand ging. Nur fünf Tage trennten den Förster noch von der Erfüllung seiner Wünsche. Gäste wurden zu der Hochzeit gar nicht geladen. Als Trauzeugen hatte sich der Spezialkommissar mit einigen Beamten zur Verfügung gestellt, und auf besonderen Wunsch Stasi'S nahm deren Freundin Elise Wallner an der Feierlichkeit Theil.
Trotz der möglichsten Geheimhaltung wurde die Verbindung Stasi's mit dem Förster doch unter den Landleuten bekannt und rief Ueberraschung, noch mehr aber Bedauern hervor. Wußte doch Jeder, daß dieser Schritt des braven Mädchens ein neues Opfer für das bedrängte Vaterland war.
Sogar in die Höhle der Kellerlahn mar die Kunde davon gedrungen, wo sich Andreas Hofer verbarg. Hier war soeben Cajetan Döninger durch einen zweiten Eingang angekommen, dec die Mündung zu einem unterirdischen Gange bildete, der sich zwischen den Felsen bis zum Saume eines Waldes hinzog.
Hofer saß auf einem Felsblocke, der sich einige Fuß hoch über den Boden der Höhle erhob. Eine Talglampe brannte und verbreitete spärliche Helle in dem kleinen Raume. Seitwärts war längs der Steinwand mit Moos und dürrem Grase eine Lagerstätte