Jts. 178
Atontag, den 5. August 1895
22. Jahraana
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mit Unterhaltungs-KriLage „Sterne nud KLumen".
□ Die Statistik der Arbeitslosen, welche aus der am 14. Juni d. I. erfolgten Berufsund Gewerbezählung gewonnen wird, soll nach Anordnung des Bundesraths erst nach Abschluß und in Verbindung mit den Ergebnissen der bei der gewöhnlichen Volkszählung am 2. Dez. d. I. zu wiederholenden Erhebung veröffentlicht werden. Diese Anordnung ist, wie es in der offiziösen Mittheilung heißt, getroffen worden, „um voreilige und falsche Schlußfolgerungen aus den Ergebnissen der einen Aufnahme zu verhüten, und den beiden sich ergebenden Erhebungen den Charakter der wissenschaftlichen Objektivität zu wahren."
Als in der letzten Reichstagssession über den Gesetzentwurf, betreffs die Vornahme einer Berufs- und Gewerbezählung im Jahre 1895 verhandelt wurde, hat Niemand die Nützlichkeit des vorgeschlagenen ersten Versuchs der Ermittelung der Arbeitslosigkeit bezweifelt; darin war man aber einverstanden, daß bei der Berufszählung am 14. Juni im besten Falle nur ein Augenblicksbild gewonnen werde und daß dieser Termin zur Beobachtung der Arbeitslosigkeit so ungeeignet wie nur denkbar sei. Man war deshalb der Ansicht, daß dieses eine sommerliche Augenblicksbild mindestens durch ein zweites winterliches Bild eine Ergänzung finden müsse, und man beschloß daher, daß die Frage nach der Arbeitslosigkeit bei der Volkszählung am 1. Dezember zn wiederholen sei. Man verkannte dabei nicht, daß auch dieser Termin nicht ganz geeignet sei, daß vielmehr die geringste Arbeitslosigkeit etwa in den Juli oder August, die höchste in den Februar falle; aber seit 1875 findet die Volkszählung alle fünf Jahre Anfang Dezember statt und man konnte der Arbeitsstatisttk zu Liebe diesen Termin nicht verlegen. Wenn mit der Bekanntgabe des am 14. Juni gewonnenen „Sommerbildes" gewartet werden soll, bis am 2. Dezember auch das ergänzende „Winterbild" gewonnen sein wird, so kann man dem nur beistimmen, da andernfalls leicht irrige Schlüsse aus dem Sommerbild gezogen werden können. Für sich allein sind die Ergebnisse der Arbeitslosenstatistik vom Juni sozialpolitisch und zur Verwerthung für die soziale Praxis völlig werthlos.
lieber die Arbeitslosigkeit enthalten übrigens auch die Berichte der preußischen Gewerbe-Inspektoren für 1894 einige Angaben, leider keine vollständigen. Da aber ein Theil der Aufsichtsbeamten ausdrücklich betont, daß die vorhandenen Arbeitsnachweise bei weitem nicht allen Arbeitsuchenden Arbeit verschaffen konnten, so ist anzunehmen, daß wir mit dem sozialpolitischen Problem der Arbeitslosigkeit ernstlich zu rechnen haben. Es kann das auch gar nicht anders sein, da unsere ganze moderne Wirthschaftsordnung naturnothwendig beständig Arbeitslosigkeit erzeugt. Da haben wir die verschiedenen Arten von Saisonarbeiten, mit deren Beendigung Arbeitskräfte freigesetzt werden. Dann kommen die regelmäßigen Schwankungen des Wirthschaftslebens,
341 ß Uw Gut und Kirrt.
Roman aus den napoleonischen Kriegen.
Bon M. Benno.
Cajetan that noch mehr. Er ging rastlos von einem Ort zum andern und stellte die Verbindung zwischen den zerstreuten Landesvertheidigern her. Dabei mußte er jedoch mit aller Vorsicht zu Werke gehen, denn allenthalben gab es Aufpasser und Spione, und namentlich der Förster Schleicher, der mit vielen anderen bayerischen Beamten wieder nach Tirol zurückgekehrt war, hatte ihm jenen Streich nicht vergessen, durch welchen der Anschlag gegen Angela Haynald und Stasi Hofer vereitelt worden war.
Da der Förster sich wieder in dem Wirthshaus „am Sand" einfand, wurde dieses von da an von Cajetan gemieden, und nur zuweilen schlich er sich nächtlicher Weile, um über den Gatten und Vater Botschaft zu bringen, ins Haus.
Schleicher besaß wirklich die Frechheit, in der Sandwirthschaft Einkehr zu halten, obgleich er wußte, daß weder Gertrud, noch der Tochter seine Betheiligung an jenem mißlungenem Bubenstücke unbekannt war. Er benahm sich, als wäre gar nichts vorgefallen, und sprach sogar sein Bedauern über die Gefahren aus, von denen Hoker wegen seiner Führerschaft in dem
welche von Zeit zu Zeit, bald in dieser, bald in jener Branche Arbeiter auf den Markt hinauswerfen. Die allgemeinen WirthschastSkrisen, die periodisch austreten und sich immer mehr dem chronischen Charakter nähern, fordern Massenopfer an Arbeitslosigkeit. Dabei hat auch in guten Zeiten der industrielle Produktionsprozeß die Tendenz, durch Verbesserung der Arbeitsmethoden, Einstellung neuer Maschinen rc. Arbeitskräfte überflüssig zu machen. Berücksichtigt man, daß die europäischen Industriestaaten mehr und mehr mit dem Wettbewerb Amerikas, Indiens, Ostasiens und Australiens auf dem Weltmarkt zu rechnen haben werden, so ist es nicht zn viel gesagt, daß demnächst die Arbeitslosigkeit das Hauptproblem unserer Gesellschaftsordnung bilden wird.
Deutsches Reich.
Berlin, 3 August.
* Der Kaiser nahm heute Vormittag im Neuen Palais die Vorträge der Chefs des Civilkabinets, des Generalstabs der Armee und des Militärkabinets entgegen. Heute Abend ist der Kaiser nach Brunsbüttel abgereist, von wo er an Bord der Yacht „Hohenzollern" unmittelbar die Fahrt nach Helgoland fortsetzte, wo er nach den von der Hamburger Börsenhalle' mitge- theilten Reisedispositionen im Laufe des Sonntag Vormittag eintreffen wird. Der dortige Aufenthalt wird nur wenige Stunden dauern, während welcher der Kaiser mit den Herren des Gefolges bei dem Kommandanten, Kapitän zur See Stubenrauch, das Frühstück einzunehmen beabsichttgt. Nachmittags setzt die „Hohenzollern" die Fahrt nach Cowes fort, wo der Kaiser eine Woche verbleiben wird, um dann einer Einladung folgend über Portsmouth nach Lowther Castle zu reisen. Die „Hohenzollern" begibt sich inzwischen nach Leith, von wo der Kaiser an Bord derselben am 15. August nach Brunsbüttel zurückfährt, um von dort direkt nach Berlin zurückzukehren.
* Eine feldgottesdienstliche Feier zur Erinnerung an die Kämpfe von 1870 soll bekanntlich am 19. August auf dem Tempelhofer Felde in Gegenwart des Kaisers von den in den drei Kriegerverbänden Berlins und der Umgegend vereinigten ehemaligen Theilnehmern an den Feldzügen und ehemaligen Soldaten abgehalten werden. Das Programm ist jetzt fertig und enthält besondere Vorschriften über die Kleider rc., in der die Theil- nehmer zu erscheinen haben. Bei dem Festakt sollen auch Ansprachen von Geistlichen gehalten werden; Armeebischof Aßmann und Hofprediger Frommel haben abgelehnt, die Anfprachen zu halten.
* Nach Beendigung der diesjährigen Manöver soll nach dem ,Fränk. Kur', eine Anzahl preußischer Offiziere zum vorübergehenden Eintritt in die bayerische Armee im Dienst vor der Front ab- kommaudirt werden, während ein Austausch bayerischer Chargen gleichen Ranges nach Preußen stattfinden werde. Die darauf bezüglichen Abmachungen seien in Kampfe gegen die Franzosen und die Bayern bedroht war.
Stasi hätte blind sein müssen, wenn sie nicht bemerkt hätte, was im Hintergründe von dem Benehmen des Försters lag. Sie wurde dadurch mit Abscheu und Entsetzen erfüllt. Gleichwohl durfte sie ihre wahren Gesinnungen nicht offen aussprechen, da sie wohl begriff, welche gefährliche Persönlichkeit Schleicher war, und wie am Ende der Vater es zu büßen haben würde, wenn sie den heimtückischen Menschen nicht wenigstens einigermaßen bei guter Laune erhielt.
Ein anderer, fast täglicher Gast war der Bauer Raffl, dem es, obgleich er ein „Aushauser" war, ganz vortrefflich zu gehen schien. Er besaß immer Geld und sparte es nicht.
Da man von den Tirolern fast niemals mehr einen in dem Wirthshause sah, so bildeten Schleicher und Raffl so ziemlich die einzige Einkehr, mit der Gertrud und Stasi sich eben öertragen mußten, wenn es ihnen zuweilen auch noch so schwer fiel ... .
ES war ein schöner Herbsttag; das Laub begann sich bereits zu färben, und mit mattem Todeslächeln grüßte der Wald von den Höhen herab. Stasi hatte sich mit einer Handarbeit vor das Haus gesetzt und schaute träumerisch vor sich hin. Ihre Augen wurden allmählich feucht. Sie dachte an ihren Poldl. Sie -
Kiel zu Ende geführt worden. Ein engerer Anschluß des bayer. Contiugents sei für späterhin nicht ausgeschlossen. Die ,Augsb. Abendztg'. erklärt, sie sei ermächtigt, diese Meldung als erfunden zu bezeichnen. In Bayern hat die Nachricht viel böses Blut gesetzt, und es wäre daher eine offizielle Darlegung des Sachverhalts sehr am Platze.
* Die Aufzählung der gegenwärtigen Reichstagsmitglieder aus dem Cent rum, welche am Kriege von 1870/71 theilgenommen haben, ist in der Zusammenstellung, wie sie dieser Tage durch die Blätter ging (vgl. ,Fuld. Ztg.' Nr. 175), nicht vollzählig. So kann die ,Cobl. Volksztg.' noch drei weitere Mitkämpfer aufführen: Major v. Szmula, Fuchs, der sich als Artillerist das Eiserne Kreuz erwarb, und Wellstein. Ferner nennt die ,Schl. Volksztg.' den Abg. Nadbyl. Voraussichtlich ist damit die Zahl noch nicht erschöpft. Außerdem war eine Anzahl Mitglieder als Malteserritter im Felde thätig.
* Der ,Reichsanzeiger' veröffentlicht das Gesetz, betreffend die Bestrafung des Sklaveuraubes und des Sklavenhandels; desgleichen das Gesetz, betreffend die Abänderung des Gesetzes vom 12. März 1893 über die Einführung einer einheitlichen Zeitbestimmung (Reichs-Gesetzblatt S. 93).
* Zur Haudwerkerkonferenz wird berichtet, daß über die Verhandlungen ^ein stenographisches Protokoll ausgenommen worden fei', das nach seiner Drucklegung veröffentlicht werden soll. Ein derartiger authentischer Bericht erscheint allerdings nothwendig, nachdem trotz des verttaulichen Charakters der Konferenz unrichtige und widersprechende Berichte über dieselbe in die Oeffentlichkeit gelangt sind. Der Vorsitzende des Berliner Centrälausschusfes der deutschen Jnnungs- verbände, Herr Faster, welcher der Konferenz präsi- birte, theilt außerdem mit, daß die Konferenz alle Betheiligten befiiedigt habe und daß befriedigende Erklärungen auch seitens der Vertreter des Reichsamts des Innern und des preußischenHandelsministeriums abgegeben worden feien. Auch die Berliner antisemitische ,Staatsb.-Ztg.' bestätigt, daß die Konferenz einen allseitig befriedigenden Verlauf genommen habe. Von einem Fallenlassen des Befähigungsnachweises sei aber keine Rede gewesen; es habe über diesen Punkt gar keine Debatte stattgefunden. Die Konferenz habe einen sehr günstigen Eindruck gemacht, da das Fortbestehen der Innungen gesichert erscheine.
* Das Ende einer sozialdemokratischen Gründung wird aus Hamburg gemeldet. Die Hamburger sozialdemokratische Vereinsbäckerei, als eingetragene Genossenschaft mit beschränkter Haftpflicht gegründet, beschließt dem Berichte des Konkursverwalters zufolge nunmehr mit einem Verluste von 110,000 Mark ihr Dasein. Angemeldet sind 93,882 Mark Forderungen, worauf vielleicht 12—13 Prozent Dividende entfallen; die Gläubiger — von denen die mit größeren Summen betheiligten meistens in Berlin wohnen — verlieren also etwa 82,000 Mark. Die dem Unternehmen treu ge
wußte von Döninger, daß derselbe sich bei den kämpfenden Tirolern befand, und kannte auch die Gefahren, von welchen der unerschrockene und todesmuthige Bursche bedroht war. Eine wachsende Angst peinigte sie. Sie hatte seit längerer Zeit nichts mehr von Poldl gehört, und auch Cajetan hatte bei seiner letzten heimlichen Anwesenheit nichts von ihm gewußt. Lebte der Bräutigam noch, oder hatte vielleicht das Vaterland das Opfer auch seines Lebens gefordert, wie so vieler braver Tiroler, von denen das Blut für die Befreiung Tirols verspritzt worden war? Ein paar heiße Tropfen fielen auf das Stück Leinwand, welches sie in der Hand hielt.
Da sah sie den Bauer Raffl gegen das Wirthshaus herankommen, der sich seit mehr als einer Woche nicht mehr gezeigt hatte. Der Mann setzte sich zu Stasi und ba$ Mädchen holte ihm auf seinen Wunsch eine Erfrischung; dann nahm fie wieder Platz. Raffl betrachtete sie. Er sah ihre gerötheten Augen und ein heimliches Grinsen zuckte um seinen Mund.
„Du bist arg traurig, Stasi," begann er nach einer Weile. „Es ist freilich kein Wunder; hast wohl schon erfahren, was an der Mühlbacher Klause geschah? Es ist schrecklich, wenn man so plötzlich feinen Bub'n verliert."
Stasi schnellte auf. Sie war blaß geworden wie