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Freitag, den 2. August 1895

22. Jahrgang

Wallung, gewohnt an den Anblick des Elends, immer die Dürftigsten und Würdigsten nicht mit Geld, sondern mit dem nöthigsten Lebensbedarf zu betheilen und so streng nach den Grundsätzen der Gerechtigkeit und Liebe mit geringen Mitteln vieles und großes Gutes zu stiften.

Und drittens noch: Wie gibt die christliche Charitas?

Und darin liegt eine weitere, wichtige Schattenseite der modernen Humanität, die sie von vorneherein un- besähigt macht, an der Lösung der sozialen Frage in erfolgreicher Weise mitzuwirken. Ein Doppeltes ist es, was ihre Wirksamkeit lähmt: die moderne, äußerliche, auf den Schein berechnete Wohlthätigkeit theilt Wohl- thaten aus, die gar oft nicht das Gefühl des Dankes, sondern das der Erbitterung und der Verachtung in der Brust des Empfängers wachrufen, da ihm das Verdemüthigende seiner Lage in der empfindlichsten Weise zum Bewußtsein gebracht wird, weil dem Geber das Geheimniß der Liebe fehlt, die dem Geschenke den Stachel benehmen könnte, und zweitens steht die moderne Wohlthätigkeit deshalb ohnmächtig und rath­los an dem Krankenbette des todtkranken Gesellschafts­körpers, weil sie unfähig ist, geistige Roth zu ver­stehen, noch weniger zu heilen und zwar deshalb, werl sie dann — Arzt heile dich selbst! — bei sich vor allem beginnen müßte.

Denken wir da an die in Seidenkleidern ernher- rauschende Dame, die mit abgewandtem Blicke das Almosen in den Hut des Krüppels wirst, dessen An­blick ihr ein Greuel ist, oder an den protzigen Wirths- hausbesucher, der aus seiner Gewohnheit, ein Trink­geld zu geben, das Recht deduzirt, mit Kellner und Burschen grob sein zu dürfen oder an beliebige andere Beispiele des täglichen Lebens, überall dieselbe Er­scheinung, überall dieselbe Ursache, überall dieselbe Wirkung.

Und wie gibt die christliche Charitas? Sie gibt anders. Sie gibt gerne, gibt freundlich, gibt jubelnden Herzens, sie gibt theilnahmsvoll, sie gibt schnell, sie gibt Werke leiblicher und geistiger Barmherzig­keit: die Hungrigen speisen, die Fremden beherbergen, die Unwissenden lehren, den Zweifelden rathen .... der verachtete, verspottete Katechismus läßt unsere vielgepriesene moderne Wohlthätigkeit zu Schanden werden.

Deutsches Reich.

Berlin, 1. August.

* Der Kaiser nahm heute Vormittag den Vortrag des Chefs des Civilkabinets Dr. v. Lucanus entgegen und empfing die Meldung des Militär-Attaches bei der Botschaft in Paris, Oberst-Lieutenants v. Schwarz­koppen. — Der Kaiser besichtigte gestern Nachmittag die Kaiser Wilhelm - Gedächtnißkirche und ordnete dabei auch das Geläut der Glocken an. weil er am Erscheinen zu dem vor einigen Wochen stattge- genehm sind. Aber ich kann sie Ihnen nicht ersparen, da wenigstens das Mögliche Ihres damaligen Ver­brechens gesühnt werden muß. Almhuber ist tobt. Er hat mir jedoch reumüthig vor seinem Hingange Alles gestanden, und mit der Bitte, zu sühnen, um Vergebung gefleht. Die Stunde für diese Sühne ist nun gekommen. Sie werden sich nicht weigern, Herr Kommissar, eine Pflicht zu erfüllen, welche von Ihnen schon so lange in gewissenloser Weise verhöhnt worden ist. Vielleicht sind jene Vorkommnisse theilweise aus Ihrem Gedächtnisse entschwunden. Ich will Ihnen zu Hilfe kommen, denn ich bin in Alles genau einge- weiht. Nicht Liebe hat Sie veranlaßt, eine Ver­bindung mit Euphemia von Haynald zu suchen, son­dern die Habgier, da damals schon die Kunstreiterin, welche Sie später auch verstießen, zu Ihnen in Be­ziehung stand. Sie waren jedoch rücksichtslos genug, das unschuldige Wesen zu einer voraussichtlich unglück­lichen Ehe zu veranlassen. Sie gingen noch weiter. Durch ein teuflisches Verbrechen wollten Sie sich den Weg offen halten, die unbequemen Feffeln zu brechen, sobald es Ihrer Neigung enffpreche. Deshalb be- stimvtten Sie Euphemia aus irgend einem erfundenen Grunde zu einer heimlichen Vermählung, die dann auch vor sich ging. Die Zeugen waren von Ihnen bestochene Leute, und den Priester hätte Ihr Diener

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habten Probeläuten verhindert war. — Einem Berliner Telegramm des ,Daily Telegraph' zufolge hat der britische Botschafter in Berlin Sir Maltet sei« Entlassungsgesuch eingereicht, er tritt im Oktbr. zurück. Der Kaiser drückte sein Bedauern über den Rücktritt aus; dieser ist nicht durch polittsche Gründe veranlaßt worden.

* Wie die .Franks. Oder-Ztg.' aus gut unterrich­teten militärischen Kreisen hört, werden während der Kaisermanöver sehr wichtige Versuche dahin gemacht werden, wie weit wohl die Beobachtungs - Linie der ausklärenden Kavallerie am besten vorzuschieben sei, denn ein Zuviel kann auch hier vom Nebel sein. Weiter werden eingehende Versuche bezüglich der Durch­führung der Zusammenziehung einer Armee gemacht werden, um die wünschenswerthe Verkürzung der Ar­meefront zu erreichen, was mit sehr großen Schwierig­keiten verbunden ist. Sodann soll kräftig auf die Ver­bindungen des Gegners gewirtt und hierbei von neuen Gesichtspunkten ausgegangen werden. Das wird ganz gewiß höchst interessante Momente, die den Beschauer fesseln werden, geben. Auf der Oder werden im Uebrigen von der dem zweiten Korps zugetheiltm Kavallerie-Division große Schwimmübungen vorgenom­men werden. _ ,

* Der deutsche Botschafter iuWiev, Graf Eulen­burg, ist von seinem Gute Liebenberg am Dienstag auf seinen Posten zurückgekehrt. Es heißt, er werde sich von Wien zum Fürsten Hohenlohe nach Aussee be­geben, Bon dort aus, wenn nicht schon vorher, wird er wahrscheinlich nach Ischl gehen, um sich dem Kaiser Franz Joseph vorzustellen. Bon einer Unterbrechung seines Urlaubs sei keine Rede und seinen Reisen von Wien aus keine besondere Bedeutung beizulegen. In den Ereignissen auf der Balkan-Halbinsel hat nach offi­ziöser Versicherung kein Grund vorgelegen, warum der Botschafter schon in den verfloffenen Wochen hätte auf seinen Posten zurückkehren müssen. Auch die,Nordd. Allgem. Ztg.' betrachtet diese Ereignisse heute wieder sehr kühl und nüchtern.

* Ueber die Verwaltung des Nordostsee-Kavals erhält die ,Post' aus Kiel eine Zuschrift, in der leb­haft Beschwerde darüber geführt wird, daß die Ver­waltung und der Dienst am Kanal nicht nach handels­politischen, prakttsch bewährten Gesichtspuntten ausgeübt werde, sondern nach bestimmter Dienstschablone vom grünen Tisch aus, ohne genügende Würdigkeit des Urtheils von Fachleuten. „Die wenigen den Kanal benutzenden Schiffsführer klagen, abgesehen von der Höhe der Gebühren, besonders über Verkehrs-Erschwerungen, über unpraktische, zeitraubende und unnöthige Arbeit erfordernde Verwaltungsmaßnahmen. Bestimmte, ziel­bewußte Einheitlichkeit der Verkehrsregelung wird ver­mißt. Die Lootsen lassen es an Zuvorkommenheit, die Subalternbeamten an wohlwollender Handhabung ihrer Jnsttukttonen fehlen. Die obern Verwaltungsorgane aber sind für das Publikum unerreichbar. Mit einem Worte gesagt, die Fahrt durch den Kanal ist für viele Almhuber spielen sollen, den aber das Gewissen noch rechtzeittg von diesem Frevel abhielt. Sie sind von einem rechtmäßigen Geistlichen getraut worden, Herr v. Hofstetten," fügte der Pater mit erhobener Stimme hinzu, „von einem Priester, der sich zwar durch frühere Vergehm schon seiner heiligen Aufgabe un­würdig gemacht hatte, der aber dennoch kraft der ihm ertheilten Vollmacht eine gütige Ehe zu schließen ver­mocht hat. Durch Almhuber wurde er zum Vollzüge der Trauung bestimmt, ohne daß der Tausch von Ihnen bemerft worden ist."

Hofstetten's Augen waren bei dieser Erklärung wett aus ihren Höhlen hervorgetreten. Er athmete schwer. Auch jetzt war er noch keines Wortes mächtig.

Sie lebten in dem Glauben," fuhr Hasprnger fort," „daß Euphemia nicht Ihr rechtmäßiges Weib sei Sie führten absichtlich jene Scene herbei, wo Die arme Frau Sie mit Ihrer Buhlerin überraschte. Sie schleuderten ihr hohnlachend den gespielten Betrug ins Gesicht und Sie haben dadurch die Unglückliche zur Verzweiflung gebracht. Das war ohne Zweifel Ihre Absicht. Es siel Ihnen nicht ein, nach der Ver­schwundenen zu forschen, obgleich Sie wußten, daß sie ein Kind — Ihr Kind — unter dem Herzen trug. Mit roher Gleichgiltigkeit drangen Sie darauf, und I wußten es auch durchzusetzen, daß Euphemia für tobt

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mit Unterhalt««-» Beilage „Sterne n«d Slumrn".________________

? Christliche Charitas und moderne Wohlthätigkeit.

(Schluß.)

Zum Glück ist bie moberne Wohlthätigkeit beim doch noch nicht allgemein geworden. Besonders bei unserem katholischen Landvolke in Deutschland und Oesterreich, zumal in den österreichischen Alpenländern kann der Fremde lernen, was christkatholische Charitas ist und wie sie aussieht. Wenn er länger im Lande weilt und Land und Leute kennen und verstehen ge­lernt hat, wird er jenen echten, aufopferungsvollen Sinn christlicher Wohlthätigkeit in unzähligen Fällen in einfacher, ungekünstelter Weise sich bethättgen sehen. Und er wird in der Regel auf die Frage, warum sie das letzte Stücklein mit dem Armen theilen, die gleiche Antwort bekommen: „Um Gotteswillen", wieder Volksmund sich so schön und trefflich ausdrückt. Diese Leute rechnen nicht auf Bezahlung der gereichten Gabe von Seite des Empfängers, kommt er doch vielleicht nie mehr in diese Gegend, sie haben auch nichts zu fürchten von rochen Umstürzlern, an die sie wenig zu verlieren hätten, und dennoch geht ihr Leben aus im Wohlthun in ihrem Kreise und nach ihren Kräften.

Sie haben einen Gott und Herrn Und eines Leibes Glieder, Drum hilf den Armen und Kranken gern, Denn wir sind alle Brüder.

Und wie viele Schattenseiten hat unsere moderne Wohlthätigkeit, wenn wir von ihren Beweggründen absehen. Wir möchten gar nicht sagen, daß sie halbes Werk sei, sie ist oft gar nichts, ja nicht selten etwas Negatives, etwas Schädliches: sie unterstützt bte Faulheit, selbst das Laster unb erfüllt bie wirkliche, bie verschämte Armuth mit Bitterkeit unb Haß gegen die bestehende Gesellschaftsordnung und treibt sie m die hohnlachenden Reihen der Sozialdemokratie. „Wo Menschen wandeln, ein menschlich Handeln", sagt ein Sprichwort. Aber die Fürsorge für Arme, Kranke und Bresthaste verträgt kein allzu großes Ausmaß des „menschlich Handelns", d. h. menschlicher Schwachheit, Thorheit und Hinfälligkeit, menschlicher Fehler und Jrrthümer, deshalb ist gerade für sie so nothwendig die christliche Wohlthätigkeit, jene Charitas, die nicht menschlichen Motiven entspringt, nicht Menschenlaune folgt und ihr unterworfen ist, sondern in ihrem Ur­sprünge und Wesen erhaben über die Wechselfälligkeiten menschlicher Schwäche ist. Das hindert jedoch nicht, auch in ihr menschliche Klugheit walten und regieren zu lassen; müssen doch selbst indifferente und der Reli­gion und ihren Werken feindliche Nationalökonomen und Soziologen die treffliche, von wahrer Weisheit zeugende Einrichtung der Bincenzkonferenzen anerkennen. Da kommen ernste, erfahrene Männer zu­sammen, um mit Gebet und gewissenhafter, unparteiischer Ueberlegung an ihr selbstübernommencs, sreiwillig ge­wähltes und mit Liebe versehenes Amt zu gehen, frei von Engberzigkeit oder unmännlicher Gefühlsüber-

32] Q Uw Gut und Hink.

Roman aus den napoleonischen Kriegen.

Bon M. Benno.

Der Pater half Hofstetten aufstehen und führte ihn nach dem Sopha, wo er ihn niederließ. Dann {teilte er sich mit ernster Miene vor ihn. „Es war nicht klug von Ihnen, Herr Spezialkommissar", nahm er das Wort, „in Innsbruck zu bleiben, nachdem von Ihren Freunden, den Bayern und Franzosen, das Weite gesucht worden ist. Der Beweis hierfür ist Ihnen soeben geliefert worden, den ich freilich nicht billigen kann. Sie sind jedoch selbst daran Schuld, daß die Erbitterung der Tiroler sich gegen Sie kehrt. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, warum. Zu etwas Anderem will ich diese Begegnung benutzen, welche von der Vorsehung selbst herbeigeführt worden ist. Erinnern Sie sich noch eines gewissen Almhuber, Herr Kommissar, und dessen, was sich an diese Persönlich­keit knüpft?" ,

Wie von einer Viper gebissen, war Hofftetten bei Nennung dieses Namens zusammen gezuckt. Er senkte den Kopf. Kein Wort kam über seine Lippen.

„Ich glaube es wohl," fuhr Haspinger fort, „daß Ihnen bie Erinnerung an biesen Mann unb bie Vor­gänge, welche sich an seinen Namen knüpfen, unan­