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Donnerstag, den 1. August 1895
22. Jahrgang
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mit Unterhaltrmgs-Kettage „Sterne und Hlnmen".
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? Christliche Charitas und moderne Wohlthätigkeit.
An einem Armenhause im Tirolerlande fanden wir folgende sinnige Inschrift:
Sie haben einen Gott und Herrn Und eines Leibes Glieder, Drum hilf den Armen und Kranken gern, Denn wir sind alle Brüder.
Wir möchten die einfachen, schlichten Worte das Programm der christlichen Charitas nennen. Heute von der Charitas, der Tugend der christlichen Wohlthätigkeit gegen den Nächsten, zu reden, ist nicht leicht. Es besteht die Pflicht, zwei Extreme sorgfältig zu meiden. Durch Wohlthätigkeit allein das Elend der Zeit beseitigen zu wollen, hieße wohl der sozialdemokratischen Lästerzunge reichlichen Stoff zu gegründetem Tadel geben. Wohlthun und Nächstenliebe als soziale Tugenden sind zwar ein wichtiges und bedeutsames Hilfsmittel, aber auch immer nur ein Mittel zur Besserung der Verhältnisse, zur Lösung der brennenden Wirthsschaftsftagen. Sie allein genügen heute nicht. Und das vor allem aus dem Grunde, weil durch das Schwinden christlicher Grundsätze im öffentlichen Handel und Wandel überhaupt auch das Gesetz der christlichen Liebe für Tausende und Abertausende einfach nicht existirt, denen gegenüber bloß die Forderungen strikter Gerechtigkeit zur Geltung gebracht werden können und eventuell auch mit Anwendung von Zwangsmaßregeln zur Anerkennung gebracht werden müssen. Ferner geht es gerade im Interesse und im Namen der christlichen Liebe nicht an, dem Manne der Arbeit, der der Frucht seiner Mühe würdig, vollen Anspruch auf den ihm gerechterweise gebührenden Lohn und damit auf die menschenwürdige Erhaltung seines Lebens hat, dieselbe nur gnadenweise in Gestalt eines Almosens zu gewähren.
Andererseits stehen wir auch nicht an, die Noth- wendigkeit — wir sagen ausdrücklich Nothwendig- keit — der christlichen Wohlthätigkeit und werkthätigen Nächstenliebe zu betonen, ja wir erkühnen uns zu behaupten, daß es die Pflicht jeder christlichen Familienmutter und Hausfrau wäre, bei der Feststellung des HaushaltungSbudgets auch für den entsprechenden, den Kräften deS Hauswesens angepaßten Almosenbetrag einen eigenen Posten in Voranschlag zu bringen. Für die Berechtigung dieser Behauptung spricht wohl unwiderleglich der Umstand, daß für eine große Anzahl von bemitleidenswerthen Menschen, denen es durch angeborenen oder unverschuldet erlittenen Mangel an physischen und geistigen Fähigkeiten und Kräften unmöglich ist, auf Grund übernommener Pflichten Rechte für sich zu beanspruchen, wahrlich schlecht gesorgt wäre, wenn auch diesen gegenüber die Grundsätze der Gerechtigkeit und nicht der Liebe in Anwendung gebracht würden.
Es wird gut sein, heute, da man oft geradezu gar
321 <Q> Um Gut und Kl«t.
Roman aus den napoleonischen Kriegen.
Von M. Benno.
Indessen rückten auch die österreichischen Truppen unter Chasteller in Tirol ein. Sie kamen jedoch zu spät, die Arbeit war bereits durch die Tiroler Schützen gethan. Auf die erste Nachricht von dem Siege der Landleute sandte Kaiser Franz ein Handschreiben an seine lieben und getreuen Tiroler, in welchem er seinen Dank und die Hoffnung, daß Oesterreich und Tirol, wie immer so auch fürderhin vereinigt bleiben, aussprach. Dieses Handbillet ihres Kaisers Franz rief eine unbeschreibliche Begeisterung unter den Tirolern hervor. Sie waren wieder österreichisch, Franz ihr Vater, sie seine Kinder. Nun wurde mit den bayerischen Beamten aufgeräumt, deren feindselige Gesinnung gegen Oesterreich bekannt war.
Gerade noch zur rechten Zeit hatte der Förster Schleicher sich aus dem Staube gemacht. Mit einer Anzahl Schützen erschien Leopold Wallner wenige Stunden nach seiner Flucht in dem Forsthause, das man zwar unverschlossen, aber leer fand. Poldl hatte Mühe, zu verhindern, daß das Haus von feinen erbitterten Leuten in Brand gesteckt wurde.
Auch Hans Graff, dessen zweideutige Handlungs-
nicht mehr weiß, wie echte, christliche Nächstenliebe aussieht und sich bethätigt, da die Blicke und die Ur- theile so getrübt sind, daß man den Glimmer moderner Humanität und deS oberflächlichen Pharisäismus für daS echte Gold wahrer Charitas hält, an den U n t e r s ch i e d dieser beiden himmelweit von einander abstehenden Dinge zu erinnern.
Ein unterscheidendes Merkmal bildet zunächst einmal der innere Beweggrund der Wohlthätigkeit. Die moderne Humanität entspringt leider nur zu oft nicht reinen, unselbstsüchtigen Beweggründen. Man gibt, um in der Zeitung gelesen zu werden, um von der „Gesellschaft" gepriesen zu werden; man gibt mit einer gewissen Hastigkeit und Eile, um nur die Szenen deS Elendes nicht länger mit ansehen und mit anhören zu müssen, und glaubt damit schon des Guten zu viel gethan zu haben, man gibt aus Furcht, aus Eitelkeit, aus Ruhmsucht, aus Standesrücksichten, aus Langeweile — im besten Falle noch aus natürlichem Mitgefühl, menschlichem Mitleid, nicht aus christlicher Nächstenliebe, nicht mit jenem herzlichen Mitgefühle, jener wohlthuenden Theilnahme, welche die kleinste Gabe groß erscheinen läßt und ohne welche die größte Gabe klein ist.
In unserer „modernen" Welt ist gerade in dieser Hinsicht von christlicher Charitas fast nichts zu finden. Blumenkorsos, Wettrennen, Liederfeste, Frühlings- und Sommerfeste ohne End' und Zahl — alles zu „wohlthätigen Zwecken!" Man tanzt für die Armen, singt für sie, prunkt für sie, mehrt die Erbitterung, steigert den Klassenhaß, alles — „für die Armen." Die wohlthätige Vergnügungssucht feiert in unseren Tagen wahre Orgien. Man hat es vielfach gänzlich verlernt, den Beutel zu öffnen für gute Zwecke, ohne ein Vergnügen, eine Unterhaltung dafür zu haben, ohne wenigstens in der Zeitung zu stehen oder von sich und seiner Wohlthätigkeit reden zu lassen — das ist die wahre Liebe nicht.
(Schluß folgt.)
Deutsches Reich.
Berlin, 31. Juli.
* Der Kaiser nahm gestern nach seiner Ankunft im Neuen Palais Vorträge des Staatsministers v. Bötticher und des Chefs des Civilkabinets entgegen. Heute ließ sich der Kaiser durch den Chef des Militärkabinets und den Unterstaatssekretär im Auswärtigen Amte, Frhr. v. Rothenhan, Vortrag halten. — Der Kaiser besuchte gestern zum ersten Male den Döberitzer Truppenübungsplatz, um zunächst die baulichen Anlagen in Augenschein zu nehmen. Später hielt das seit einigen Tagen dort anwesende 4. Garde-Regiment z. F. eine Gefechtsübung vor dem Kaiser ab. — Der Kaiser hat, wie polnische Blätter melden, dem Kardinal Ledochowski zu seinem Priester-Jubiläum durch den Gesandten v. Bülow seine Glückwünsche übermittelt. — Wie aus Helgoland gemeldet wird,
weise man erfahren hatte, entging dem Volkszorne nicht. Er wurde, obgleich er als Konsul den österreichischen Adler an seinem Hause aufgesteckt hatte, verhaftet. Seine Freunde beförderten ihn jedoch ebenso wie Hofstetten und andere höhere Beamte zum Lande hinaus. Man kann sich denken, in welche Stimmung durch diese Erfolge der französische Imperator versetzt wurde, er, der bis zu dieser Stunde noch niemals besiegt worden war. Er befahl, mit aller Macht gegen die widerspenstigen Rebellen, wie er die Tiroler nannte, vorzugehen, während er sich selbst zu seinem gegen die Oesterreicher vormarschirenden Heere begab.
Die bayerischen und französischen Generale handelten nach dem Gebote ihres Meisters. Mit grenzenloser Rücksichtslosigkeit gingen sie in Tirol vor. Mord und Brand bezeichnete ihre Spuren. Schwaz wurde bis auf den Grund niedergebrannt. Das reguläre österreichische Militär vermochte sich gegen die erdrückende Ueber- macht nicht zu halten, und kämpfend zogen sich die todesmuthigen Tiroler zurück. Abermals zogen die Franzosen und Bayern in Innsbruck ein.
Doch damit war blos die Hauptstadt gewonnen; im Lande selbst sah es ganz anders aus. Besonders Andreas Hofer war es, der trotz allem den Muth nicht verlor. Er war zwar schon wiederholt schwer ins Gedränge gekommen, aber sein Gottvertrauen verließ ihn
trifft der Kaiser Wilhelm am Samstag auf seiner Jacht „Hohenzollern" dort ein. Am Sonntag wird er das Diner beim Kommandanten einnehmen. — Kaiser Wilhelm hat dem König Oskar von Schweden auf drahtlichem Wege in den herzlichsten Worten seine Freude über die Reise in Schweden, über die Sehenswürdigkeiten, die Schönheit des Landes und den außerordentlichen Empfang, den ihm die Bevölkerung bereitet, ausgesprochen.
* Heute sind 25 Jahre verflossen, seit König Wilhelm am 31. Juli 1870 die Landeshauptstadt Berlin verließ, um sich zur Armee an den Rhein, zunächst nach Mainz zu begeben. Ein Extrablatt der .Norddeutschen Allgemeinen Zeitung' und Säulenanschlag verkündigte damals folgendes Abschiedswort des Monarchen.-
An Mein Volk!
Indem Ich heute zur Armee abgehe, um mit ihr für Deutschlands Ehre und für Erhaltung nuferer höchsten Güter zu kämpfen, will Ich, im Hinblick auf die ein» müthige Erhebung Meines Volkes, eine Amnestte für politische Verbrechen und Vergehen ertheilen. Ich habe das Staatsministerium beauftragt, Mir einen Erlaß in diesem Sinne zu unterbreiten.
Mein Volk weiß mit Mir, daß Friedensbruch und Feindschaft wahrhaftig nicht auf unserer Seite war.
Aber herausgefordert, sind wir entschlossen, gleich unfern Vätern und in fester Zuversicht auf Gott den Kampf zu bestehen, zur Errettung des Vaterlandes.
Berlin, den 31. Juli 1870.
gez. Wilhelm.
Der hierin angekündigte Amnestieerlaß, der vom gesammten Staatsministerium gezeichnet ist, erging dann von Mainz aus am 3. August 1870.
* Von den Reichstags-Abgeordneten ist ein beträchtlicher Theil an dem Jubiläum des Krieges 1870/71 betheiligt. Mehr als der 7. Theil der Volksvertreter zählt zu den aktiven Theilnehmern des Feldzuges. Die Konservativen, unter denen sich die meisten hohen Militärs befinden, stehen mit 23 Kriegstheil- nehmern an der Spitze. Bekannte Namen sind Frhr. v. Manteuffel, Graf Roon, v. Plötz und Graf Douglas. Hierauf folgen die Nationalliberalen mit 9 Theilnehmern (v. Cuny, Placke, Wamhoff, Dresler, Münch- Ferber, Pieschel, Walter, Krüger undHaffe). Von der Reichspartei haben 6 Mitglieder den Feldzug mitgemacht : Frhr. v. Stumm, Goltz, Hanke, Engels, Baumbach, Arnim, vom Centrum sind 5: Euler, Braubach, Schättgen, Klose und Hubrich, dieser ein Mitkämpfer der Schlacht bei Sedan. Von den weiter links stehenden Parteien haben die freisinnigen Volksparteiler Lenzmann und Bohm, die Sozialdemokraten Kühn, Klees, Seifert, Jöst, Zubeil und v. Vollmar am Kriege theilgenommen. Von den „Wilden" sind Prinz Schönaich-Carolath und Graf Herbert Bismarck zu nennen. — Von den Reichstags - Mitgliedern der Kriegsjahre gehören noch jetzt dem Parlamente an: v.Levetzow, Graf Kanitz, v. Kar- dorff, v. Stumm, v. Bennigsen, v. Benda, Dr. Ham- macher, Glugowsky, Bock (Centr.), Graf Hompefch, Eugen Richter, Bebel und Liebknecht.
niemals. Ein besonderer Schutzgeist schien ihn in seine Obhut genommen zu haben. Auch die Mittel waren ihm zuweilen ausgegangen. Jedesmal aber hatte man rechtzeitig Briefe und Unterstützung gebracht und zwar auf eine so geheimnißvolle Weise, daß Hofer über die Persönlichkeit des Gebers gar keine Ahnung besaß. Von Zeit zu Zeit kam der Zigeuner Agil zu ihm und brachte ihm einen Beutel voll Geld. „Von einem treuen Tiroler", erklärte der Zigeuner jedesmal nur, der, ehe Andreas weiter in ihn dringen konnte, verschwand. Unter dem Einflüsse der sich drängenden Ereignisse hatte Hofer keine Zeit, dem geheimnißvolle» Spender nachzuforschen; er nahm die Gabe an zum Besten Tirols.
Mit seinem Adjutanten Eisenstaken sammelte er die Getreuen und zog mit denselben nach Innsbruck, wo man von diesen Vorgängen noch nicht das Geringste in Erfahrung gebracht hatte.
Am Morgen des 25. Mai erschien Hofer mit seinen Leuten auf dem Jselberge. Die ersten Treffen führten zu keinem Resultate und erst am 29. Mai erfolgte die Hauptschlacht. Die Bayern und Franzosen kamen gleich zu Anfang schwer ins Gedränge und suchten durchzubrechen, aber von dem Pater Haspinger geführt, warfen die Tiroler sie immer wieder zurück. Am Hartnäckigsten war der Kampf im Centrum, wo