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Umlage jin* Miüöaev Weitung.

Jß 171 Samstag, öen 27. Zull 1895. 22. Jahrgang

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KikchtuWKuWn Zußruwous - Kursus.

IV.

Heiligenstadt, 25. Juli.

Am Dienstag, Nachmittags um 1/a3 Uhr begann der hochw. Herr Kursleiter die praktischen Aus­führungen und Uebungen.

Dr. Hab erl hehandelte und entwickelte die ein­fachste und zweckdienstliche Gesangmethode, wie sie ähnlich im Mag. chor. angedeutet ist. In der Ein­leitung sagte er, daß die Musikfähigkeit jedem Menschen wie die Sprachfähigkeit gegeben sei. Sprache und Gesang besitzen Tonfarbe, Stärkegrade, Zwischenräume usw. Der beste Gefangunterricht wird der sein, der die Gesetze der Sprache auf den Gesang überträgt. Musik ist ein allgemeines Mittel der Volksbildung, aber nur gute Musik! Das Volk soll singen, Gesang liegt in der Natur; dabei hängt aber sehr viel von Text und Melodie ab. Der allgemeine Hebel für die Musikkunst des Volkes ist gute, ernste Kirchenmusik. Redner hält die Tonleiter für Klavierübungen überaus werthvoll; für ben Gesang wünscht er hingegen vor­läufig nur Intervalle von 1—5. Die Töne sind nur Material; hieraus wächst der Bau der Melodie! Red­ner zeigt alles an praktischen Beispielen. Für die Gesangsschulung sei das Erste und Nothwendigste die Unterscheidungskrast des Gehörs. Dieses Element muß also zuerst geübt werden: Erst hören, dann sprechen, dann singen. Es wird mittelst Einer geraden Linie und 3 Noten die Veranschaulichung der geschichtlichen Entwickelung und für uns das Material mannichfaltiger Uebungen gegeben und sofort praktisch verwerthet: Halbton, Ganzton, Terz. Dann wird die zweite Linie hinzugefetzt, und man erhält 5 Töne und deren In­tervalle. Diese Uebungen sind der Grundstein zum musikalischen Können im Gesang. Größere Intervalle hat selbst der Choral nicht. — Nun wurde das Meß­formular vom künftigen Samstag vorgenommen, näm­lich die 5. marianische Votivmesse.

Nach kurzer Pause führte der Dirigent seine Sänger in das interessante Gebiet der Solfeggieu. — Des weiteren ward von der Missa tertia von Haller das Kyrie und Gloria geübt, ebenso Sanctus und Bene- dictus, Agnus dei.

Mittwoch, 24. Juli, früh 9—10 Uhr. Der hochw. Herr Domchordirigent Müller sprach über liturgische Bestimmungen, den Kirchengesang betreffend, und gab die Fortsetzung der prakttschen Erläuterungen zur „Pro­grammrede" des Hochw. Herrn Bischofs. Es wurde betont, daß die liturgischen Bestimmungen für jede ge­sungene Messe gelten. Die strengen Vorschriften der Kirche hierin sind nicht etwa ein Konglomerat, sondern ein ganzer Organismus. Die Regeln sind enthalten: 1. im Missale, 2. im Ceremoniale Episcoporum, 3. in den Dekreten der Ritenkongregation. Redner verliest hierauf die nothwendigsten Regeln, die in jedem Hand­buch nachgelesen werden können.

Hierauf wurde zur Fortsetzung der praktischen Er­läuterungen der Programmrede gegangen. Die Hemm­nisse seien: 1. Mangel an Erkenntniß von der Pflicht­mäßigkeit lit. Bestimmungen; 2. die Macht der Gewohn­heit steigert ost die Furcht vor der Reform bis in's Ungemeffene. Nur der erste Schritt koste zuweilen Mühe und Ueberwindung; das Alte mit seinem Segen wollen wir gewinnen, das unsere Väter besessen haben. Die Gewohnheit erzeugte 3. die Unfähigkeit, die liturgische Musik a) zu würdigen, b) sie entsprechend und gut aufzuführen. Wie hochfeierlich und anziehend ist ein liturgisch rechter Gottesdienst! Der geistreiche Pfarrer Beda Weber-Frankfurt, der doch sicher das Volk lieb hatte, erinnerte daran: „Ein Volk, das immerfort singt, lernt nie beten." Wie schwer ist's einem Diri­genten, seinen Chor in andächttgem Beten zu erhalten! Aach die Orgel soll nicht immerfort spielen; wie wohl- thuend ist eine stille Pause für die Andacht der Gläubigen.

Norddeutschland hat das Kirchenlied einseittg ge­pflegt; den Sängern ging musikalische Fähigkeit stets mehr ab, und die Kunst der Musik hat dadurch schwer gelitten. Der Geistliche braucht kein Palestrinasänger zu sein; zeigt er Liebe, Interesse, Wohlgefallen, hat

der Chor gewonnen und es wächst die Lust. Der Organist muß fortwährend Harmonielehre tteiben, bis sie „im kleinen Finger steckt", nie ohne Tatt und Sinn phantasiren. Piels Harmonielehre thut die besten Dienste. Für den Gesang gibt Hallers „Vade mecum“ beste Fingerzeige. Die Schule muß mithelfen. Man nehme auch nicht zu viel Mitglieder auf; klein, aber fein sei der Chor! Bsp. der Regensburger Domchor. Redner bittet dringend die Herren Lehrer, doch einig zu sein und fteudig mitzuhelfen, wenn auch der Dirigent einige Jahre jünger ist. — Nicht allein Choral soll gesungen werden, sondern es können 1, 2stimmige Messen geübt werden. — Geistliche und Kirchenvor­stände werden gebeten, doch zur Bücheranschaffung be­hilflich zu sein.

Redner protestirt laut und öffentlich gegen die Be­schuldigung, die Cäcilianer seien Feinde des Kirchen­liedes. Haben wir Cäcilianer nicht eine reiche Lite­ratur in diesem Gebiete geschaffen, gerade in letzter Zeit? Wir lieben das Lied wie andere, ja noch mehr und auftichtiger. Aber die rechte Stelle! — Ein guter Volksgesang ist schwer zu erreichen, schwerer zu erhalten, Hauptsache ist für uns, das Schreien abzu­stellen; hunderte von Kehlen müssen leise-andächtig singen, begleitet von noch leiserer Orgel. Dazu gehört gute Deklamation! Man spiele doch ja nach Vorlage. Welch geometrische Progression, wenn Volk und Or­ganist eins umS andere wächst in der Stärke des Tones.

(Den auswärtigen Interessenten zur erfreulichen Mittheilung, daß die Theilnehmerzahl stetig wächst. Der Referent.)

28] <0, Uw Gut und Mut.

Roman aus den napoleonischen Kriegen.

Bon M. Benno.

Die Männer erhoben sich und traten auf den Marktplatz hinaus.

Hier standen die drei Beamten, in weitem Kreise von den Tirolern umringt. Eine lautlose Sülle war auf einmal eingetreten. Finster blickte der Amtmann umher. Plötzlich schritt er auf einen jungen Burschen zu, der, den Hut aus dem Kopfe, sich ganz vorne auf­gestellt hatte.

Mit einem mächügen Faustschlage drängte er dem Burschen den Hut bis über die Nase herab.

„Schurke", zischte er, „kennst Du mich nicht? Diese Tiroler sind doch ein widerspenstiges Gesindel, mit dem man nicht streng genug umspringen kann."

Der Gemißhandelte zog verlegen den Hut wieder in die Höhe und ttat, glühend roth vor Wuth, aber ohne ein Wort zu sagen, in den Kreis der murrenden Männer zurück.

Aus diesem drängte nunmehr Wallner sich vor.

„Geschieht Dir ganz recht, Seppel," sagte er zu dem Burschen, „warum mußtest Du gerade der Vor­derste sein. Euch aber, Herr," wandte er sich an den Amtmann, „möchte ich entgegenhalten, daß wir Tiroler kein Gesindel sind, sondern Männer, die in allweg ihre Pflicht thun. Ihr selbst habt die Frist für die Rekrutenaushebung bis morgen früh verlängert und ich fehe nicht ein, warum dieselbe nun heute schon vor sich gehen soll. Schimpfen lassen wir uns unter keinen Umständen, das sage ich Euch."

Der Beamte stieß ein höhnisches Lachen hervor. „Drohen wollt Ihr auch noch," rief er, „das ist wirklich lustig. Ihr braucht Euch nur zu mucksen, daun gebe ich den Soldaten droben auf dem Weißen­stein ein Signal und Ihr werdet zusammengeknallt oder als Rebellen nach Kufftein geschickt."

Wallner ließ sich nicht einschüchtern. Er lachte. „Vor dem Schießen, Herr Amtmann," erwidette er, „fürchten wir uns gerade nicht so arg, denn das können wir auch. Wir sind sehr gute Schützen, wir Tiroler, vielleicht habt Ihr schon davon gehört."

In diesem Augenblicke fühlte Wallner sich von einer Hand im Rücken berühtt. Er drehte sich um und schaute in das erhitzte Gesicht des Zigeuners Agil, welcher ihm nicht unbekannt war. Dieser gab ihm einen verstohlenen Wink. Wallner folgte ihm und kehtte in die leere Gaststube zurück. Hier zog Agil ein Schreiben aus der Tasche und überreichte es Wallner. „Andres Hofer schickt es Dir mit herzlichen Grüßen," berichtete er, „ich wäre schon bälder einge- ttoffen, aber ein Zwischenfall in Schwaz hielt mich gegen meinen Willen einige Stunden lang auf."

Wallner öffnete den Brief. Er laS die offene Ordre des Sandwirthes. Sein Antlitz leuchtete wie in Verklärung. „Dank Dir, lieber Herrgott im Himmel," jubelte er mit gefalteten Händen, „nun geht's endlich los. Run wollen wir den Bayern und Franzofen geigen, daß wir kein Gesindel sind, sondern Männer,

von denen jeder für sein liebes Tirol zu streiten und, wenn es sein muß, zu sterben bereit ist."

Er eilte mit Agil wieder auf den Marktplatz hin­aus. Kaum waren die Beiden verschwunden, als die Thüre des kleinen Schankzimmerchens geöffnet wurde und Elise unter deren Rahmen erschien. Ohne, daß sie es wollte, hatte ein Zufall sie zur Zeugin der kurzen Verhandlung zwischen dem Vater und Agil gemacht. Sie war bleich. Eine tödtliche Angst sprach aus ihren Augen. Seufzend sank sie auf einen Stuhl nieder und verhüllte das Gesicht mit der Hand.

„Heilige Mutter Gottes," betete sie, „hilf Du mir! Gib mir einen Rath, was ich thun soll. Darf ich ihn denn warnen? Wer weiß, ob ich dadurch nicht zur Verrätherin werde und daß unser armes Landl meine That büßen muß."

Ein wildes Geschrei tönte von Außen herein. Sie sprang auf und eilte ans Fenster.'' Da sah sie, wie ihr Vater den Amtmann am Arme hielt und wie eine Anzahl von Bauern den Gerichtsdienern ihre Waffen entriß.

„Jesus, Maria und Joseph!" schluchzte Elise, „es geht wirklich schon los. Nun darf ich nicht mehr zögern. Es kann ja nichts mehr schaden, und unge­warnt meinen Hermann hinmorden lassen — das kann ich nicht." Sie warf ein Tuch um, schlüpfte durch die Seitenpforte des Hauses und eilte durch den Garten davon.

Elise hatte recht gesehen. Es war wirklich loS- gegangen. Die Ankunft des fast in ganz Tirol be­kannten Zigeuners Agil Sorbet war nicht unbemerkt geblieben und die Männer hatten daran sofort allerlei Schlüsse geknüpft. Als sie diesen und Wallner zurück­kehren sahen, als sie das strahlende Gesicht des Letz­teren erblickten, da erwachte eine beglückende Ahnung in ihnen, die sich unwillkürlich nach außen kund that. Ungestümer als vorher drängten sie sich gegen die Beamten heran. Einer der Gendarmen glaubte dem Beispiele seines Vorgesetzten folgen zu müssen. Er schlug dem nächsten besten Bürger den Hut vom Kopfe. Gleichzeitig flog aber auch seine Kopfbedeckung auf den Boden und er fah den vor Zorn bebenden Anton Wallner vor sich.

„Schurke," rief dieser, „nun geben wir den Titel Gesindel Euch heim. Jetzt ist Euere Rolle ausgespielt, jetzt geht es aus einem anderen Ton!"

Ein Aufschrei mächtiger Freude begrüßte diese kühne That Wallner's, und alle Männer drängten sich wie zum Schutze des unerschrockenen Landsmannes heran. Der Amtmann schien das vor seinen Augen begangene ungeheuere Verbrechen gar nicht begreifen zu können. Ganz entsetzt starrte er auf den Frevler hin, dessen Mienenspiel nicht das geringste Bedauern über sein Vorgehen verrieth.

„Was soll das bedeuten?" brachte er endlich mit bebender Stimme hervor. „Wie könnt Ihr Euch unter­stehen, gegen die hohe Obrigkeit . . . ."

„Ich will es Euch sagen, gestrenger Herr," ent­gegnete Wallner — „das soll bedeuten, daß das Maß der Schändlichkeiten, die Euere Schergen an uns be­gingen, endlich voll ist, und daß der heutige Tag es zum Ueberlaufen gebracht hat. Fünf Jahre lang sind wir nun von Euch gequält und drangsalirt worden. Es ist genug. Die bayrische Herrlichkeit in Tirol ist zu Ende; wir wollen wieder gut österreichisch sein!"

Mit begeistertem Jubel nahmen die anderen Männer den letzten Satz auf.

„Hurrah," jubelten sie, „der Franzi soll wieder unser Kaiser und Herr sein! Hoch lebe der Kaiser Franz!"

Die Gendarmen hatten schon wiederholt Miene gemacht, einzuschreiten; nun senken sie ihre Waffen und drangen vor. Im Nu jedoch fiel ein ganzes Dutzend von Tirolern über sie her, und ehe eine Minute verging, waren sie entwaffnet und wehrlos gemacht. Wallner packte den Amtmann, der ebenfalls den Degen gezogen hatte, am Arme, enttiß ihm die Waffe und schleudette sie weg.

„Euere Herrschaft ist aus in Tirol," rief er. „Ihr habt nicht mehr zu befehlen! Ihr seid unser Gefangener, Mann, und die Beiden dort auch. Nehmt sie tu Euere Mitte, Leute, und wenn sie nicht gutwillig folgen wollen, behandelt Ihr sie gerade so, wie man es uns gemacht hat. Mit Eueren furchtbaren Soldaten auf dem Weißenstein droben soll nachher ein Wörtlein gesprochen werden. Ich denke, daß man mit diesen grimmigen Blauröcken auch fertig wird." Unter aber­maligen Jubelrufen führten die lawinengleich an- schwellenden Haufen der Pustetthaler, Tefferecker und Virgenthaler Schützen den bayerischen Amtmann und dessen Gerichtsbeamte als Gefangene ab.

♦ * ♦

(Fortsetzung folgt.)