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Freitag, den 26. Juli 1895
22. Jahrgang
FMaerMZeitilng
mit Unterhaltungs-Keilage „Kterne und Klumen".
Erscheint täglich, Sonn« und Feiertage ausgenommen. — Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig. Inserate kosten die einspaltige Garmondzeile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen die Petitzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
Deutsches Reich.
Berlin, 25. Juli.
* Der Kaiser verweilte gestern in Nyland. Heute wurde ein Wettrudern zwischen den Booten der „Hohenzollern" und der „Gefion" veranstaltet, und heute Abend erfolgte die Rückreise direkt nach Saßnitz. — Für den Besuch des Kaisers in England werden jetzt bereits große Vorbereitungen getroffen. Mehr als dreihundert Arbeiter haben die letzten Wochen Lowther Castle für den kaiserlichen Besuch in Stand gesetzt. Am 10. August wird der Kaiser wahrscheinlich das Lager von Aldershot besuchen.
* Zur feierlichen Grundsteinlegung des Kaiser- Wilhelm-Denkmals am 18. August ist den Mitgliedern des Abgeordnetenhauses bereits eine Einladung zugegangen.
* Die Ergebnisse des Reichshaushalts für das Etatsjahr 1894/95 haben sich nach dem Finalabschluß der Reichs-Hauptkasse so gestaltet, daß im Ganzen an ordentlichen Einnahmen, soweit sie dem Reich verbleiben, im Vergleich zum Etat 7,092,374.78 Mark mehr zur Reichskasse geflossen sind, und es hat sich nach Hinzurechnung der Ausgabe - Ersparnisse von 79,858.30 Mark für den Reichshaushalt des Etatsjahres 1894/95 ein Ueberfchuß von 7,172,233.08 M. ergeben.
* Eine kirchliche Feier des Sedautages wird aus Anlaß der fünfundzwanzigjährigen Wiederkehr der deutschen Siege in Frankreich dem Vernehmen der ,Kreuzzeitung' nach von den zuständigen Behörden angeordnet werden. Es bestehe die Absicht, diese Feier am 1. Septbr., am Sonntag abzuhalten. Für katholische Kirchen kann die Feier natürlich nur von der bischöflichen Behörde angeordnet werden.
* Ueber die Volkszählung, die am 2. Dez. d. I. vorgenommen wird, bringen die ,B. P. 9t' einige Mittheilungen, wonach der Volkszählung 10 Tabellen zu Grunde gelegt werden sollen. Die erste soll den Flächeninhalt, die Haushaltungen und die ortsanwesende Bevölkerung umfassen und nach Provinzen und größeren Verwaltungsbezirken aufgestellt werden. In der zweiten sollen die Reichsangehörigen und Reichsausländer und zwar die letzteren so, daß die einzelnen fremden Staaten unterfchieden werden, behandelt, auch sollen in ihr die Personen ersichtlich gemacht werden, deren Staatsangehörigkeit nicht ermittelt ist. Die dritte Tabelle wird die Bevölkerung nach kleineren Verwaltungsbezirken, den preußischen Kreisen, bayerischen Bezirksämtern u.sw. darstellen. In der vierten Tabelle werden die Gemeinden bezw. Wohnplätze, welche entweder am 1. Dezember 1895 mindestens 2000 Einwohner hatten, in der fünften die Bevölkerung nach den Direttionsbezirken für die Verwaltung der Zölle und gemeinschaftlichen Steuern, sowie die Bevölkerung der Zollausschüsse, in der sechsten Begrenzung und Bevölkerung der Armeekorpsbezirke, in der siebenten Begrenzung und Bevölkerung der Oberlandesgerichtsbezirke
271 Q Um Gut und Klnt.
Roman aus den napoleonischen Kriegen.
Bon M. Benno.
Ferdinand verhüllte sein Gesicht mit der Hand. Er schluchzte laut auf und Thränen brachen aus seinen Augen „Du weißt nicht, was man mir gethan hat, Vater!" brachte er stockend hervor. „Zenzi, die mir Treue geschworen, die mir versprochen, dereinst mein Weib zu werden — o, das ist kaum zu ertragen, das ist zu viel!"
Hofstetten hatte sich indessen wieder gefaßt. Er schob das ebenfalls weinende Mädchen zur Thür hinaus, raunte ihr ein paar Worte zu und stellte sich dann vor Ferdinand.
„Du wirst noch mehr ertragen lernen müssen, Bürschlein," drohte er mit cynischem Grinsen, „ich werde dafür sorgen, daß Dir die Lust zum Spioniren und die Hand gegen mich zu erheben vergeht."
In diesem Augenblicke eilten zwei Gendarmen durch den Garten der Laube zu. Militärisch grüßten sie den Kommissar.
„Nehmt diesen Burschen vorläufig in Haft", befahl dieser, „und verwahrt ihn gut, bis ich entschieden habe, was weiter mit ihm geschieht. Er hat einen thätlichen
und in der achten die Bevölkerung nach den Wahlkreisen ersichtlich gemacht werden. Die neunte Tabelle wird den beschäftigungslosen Arbeitnehmern gewidmet sein. In der zehnten Tabelle endlich sollen die Landsturmpflichtigen nach ihrer militärischen Ausbildung dargestellt werden. ?
* Münster, 25. Juli. Die hiesigen Stadtverordneten haben gestern mit 16 gegen 8 Stimmen den Antrag des Bauernvereins, ein Standbild des Freiherrn v. Schorlemer-Alst auf dem Domplatze auf Kosten des Vereins aufzustellen, abgelehnt, sie erklarten jedoch, ein anderer Platz fei ihnen genehm.
Ausland.
* Brüssel, 25. Juli. In Folge der Jnsultirung der Königs beschloß der Ministerrath eine Reihe von Maßregeln zum Schutze des Monarchen. Der König sprach den Bürgermeistern von Brüssel und der Vorstadt Saint Gilles sein Bedauern über die Beleidigungen aus, denen er während der National- feste ausgesetzt war. Er bedauerte vornehmlich, daß die junge Prinzessin Clementine Zeugin derartiger Austritte war. Die Regierung beschloß eine Verstärkung der Wachtposten in den königlichen Residenzen. Während die sozialdemokratische Parteileitung jede Schuld für die Jnsultirung des Königs ablehnt, feiert ihr Hauptblatt ,Peuple' jene Vorgänge als Sieg der republikanischen Bewegung.
* Sofia, 25. Juli. Die Vermuthung, daß die russischen Jntriguen in Bulgarien auf die „kostenlose" Beseitigung des FürstenFerdinand hinauslaufen, gewinnen von Tag zu Tag mehr an Wahrscheinlichkeit. Der ,Standard' meldet aus Konstanttnopel, daß das bulgarische Kabinet demisfionirt habe, weil es ohnmächtig sei, sich dem russischen Einfluß zu widersetzen. In den Telegrammen heißt es weiter, daß der bulgarische Thron in allernächster Zeit mit einem russenfreundlichen Fürsten besetzt würde. Am Dienstag hat sich, wie berichtet wird, die Gemahlin des Fürsten, bekanntlich eine Prinzessin von Parma, welche in Schwarzai weilte, plötzlich nach Karlsbad zu ihrem Gemahl begeben. Der Zweck der Reise soll sein, den Fürsten Ferdinand vor die Wahl zu stellen, entweder allein nachBulgarien zurückzukehren oder abzudanken. Die Fürstin sei entschlossen, mit ihrem Sohn Boris vorläufig nicht nach Sofia zurückzukehren. Wir lassen es dahingestellt, ob in der That die Gemahlin des Fürsten Ferdinand ihn in eine so grausame Zwickmühle zu zwängen willens ist. Jedenfalls aber zeigt der Vorgang selbst, daß die Familie des Fürsten von Bulgarien die Ereignisse in Sofia nicht mit so viel Gleichmuth betrachtet, wie es bisher das Oberhaupt des Fürsteuthums selbst für gut befunden hat. Eine andere Meldung aus Wien behauptet allerdings, die Fürstin habe ihre Abreise noch im letzten Augenblicke verschoben. Was richtig ist, können wir nicht entscheiden, aber es ist sicher, daß man Ereignisse als nahe bevorstehend erwartet. — Die F a m i l i e Stambulows will in Oesterreich sich niederlassen.
Angriff auf jmich gemacht, ein Verbrechen, das nach seiner ganzen Schwere gesühnt werden soll."
Trotz seines Sträubens wurde Ferdinand gefesselt und durchaus wehrlos gemacht.
Agil war während der ganzen Szene anscheinend theilnahmslos bei Seite gestanden. Ein unbeschreiblicher Ausdruck lag auf seinem Gesichte.
Als er den flehenden Ruf seines Sohnes vernahm: „Vater, Vater, um Himmelswillen, rette mich!" fuhr er wie aus einem Traume empor. Er lachte bitter. „Was kann ich thun?" sagte er, „bin ich doch selbst Zeuge Deiner wahnsinnigen That gewesen, die Du nun in Gottes Namen verantworten mußt."
Entsetzt über diese kalte Abwehrung zuckte der Bursche zusammen. Er sprach nicht mehr und die Gendarmen führten ihn ab.
Hofftetten und Agil waren allein. Nun legte der Zigeuner auf einmal seine Theilnahmslosigkeit ab. Er sprach längere Zeit eindringlich mit dem Kommissar und entfernte sich schließlich mit der Miene eines Mannes, dem ein Wunsch erfüllt worden ist.
Es dämmerte schon, als Agil das Gefäugnißgebäude bettat und nach Vorweisung eines mit Bleifeder beschriebenen Zettels in die Zelle geführt wurde, wo sein Pflegesohn untergebracht war. Ditzser war nicht wenig
* Rio de Janeiro, 25. Juli. Diebrasiliauische Regierung richtete eine Note an die englische Gesandtschaft, um Einspruch gegen die Besetzung der Insel Trinidad zu erheben. Die Regierung bezieht sich dabei auf eine Ordre der englischen Admiralität vom 22. August 1783, auf Grund welcher die Insel zu räumen und an Portugal zurückzugeben sei. Zu derselben Angelegenheit berichtet das Reuter'sche Bureau aus London, daß der Besitztttel Englands auf die Insel Trinidad aus dem Jahre 1700 herrühre. Damals wurde die Insel besetzt ohne Einspruch von Seiten Portugals. Auch Brasilien habe bisher von Amtswegen keine Vorstellung erhoben. Die englische Regierung sei jedoch bereit, in freundschaftlicher Art über irgendwelche Vorstellungen Brasiliens in dieser Angelegenheit in Verhandlung zu treten.
MchemMiWtt IMMim - fiurfis. III.
Heiligenstadt, 24. Juli.
Am zweiten Tage (Dienstag) eröffnete Herr Seminar-Musiklehrer Wisniewski- Heiligenstadt die Reihe der Vorträge, indem er über Einrichtung, Bestandtheile der Orgel, Bau derselben und nothwendige Reparaturen u. s. w. sprach. Redner hebt in der Einleitung hervor, daß er sich dieser Arbeit nicht glaubte entziehen zu dürfen, da die langjährige Thätigkeit als Musiklehrer und Orgelbau - Revifor viele Erfahrungen auf diefem Gebiete gebracht habe, die zu Aller Nutz und Frommen dienen. Sodann verbreitet er sich des Weiteren über die Bedeutung der Orgel als die Königin der Instrumente. Leider fei jedoch der Orgelbau ost von so viel schädlichen Einflüssen bedroht — Markt- schreien, Betrügereien, Zeugnissen von Personen, die keine Fachkenntniß haben — so daß das Amt eines Revisors zwar ehrenvoll, aber auch sehr verantwortungsvoll und gefährlich sei. — Redner geht nun an die Beschreibung der einzelnen Orgeltheile, gibt ihre Einrichtung, ihren Zweck, ihre Bedeutung an und zeigt an kleinen Episoden aus der Erfahrung, wie unverständig und voreilig man mitunter mit Reparaturen vorgehe, während eine ruhige Ueberlegung oder genaue Beobachtung die kleinen Fehler entdecken und verbessern können. Die eingeftreuten ergötzlichen Erzählungen riefen wahre Heiterkeit hervor, verloren aber nicht ihr belehrendes Element. Allgemein interessirend war die Mittheilung, daß die Orgel in der Martinikirche in Heiligenstadt ein Musterwerk aus dem Jahre 1821 sei, von dem damals berühmten Meister Schulze- Paulinzella stamme und von Prof. Töpfer-Weimar geprüft fei. Von den neueren und neuesten Einrichtungen ist Redner kein Freund und sagt, daß die „Ec- findungswuth" der Orgelbauer oft zum Schaden der Kirchenkasse, des Organisten u. A. gereiche. Die alten, vielbewährten Einrichtungen, das sind die besten; hierin können die Bauer Vollendetes leisten. Röhrenpneumatik mit Kegellade wird für die beste Errungenschaft gelten
überrascht, als er den Vater bei sich eintreten sah. Er schnellte auf und fiel Agil um den Hals.
„Du mußt kaltblütiger werden, Ferdinand," mahnte dieser, „und darfst Dich nicht himeißen lassen, denn damit wird eine böse Sache in der Regel nur noch schlimmer gemacht. Ich kann mich jedoch in Deine Lage versetzen; Dein Schmerz wurde auch mir seiner Zeit nicht erspart. Doch Deine Freiheit habe ich wenigstens erwirtt, aber nur unter der Bedingung, daß Du Zenzi ihr Wort zurückgibst und auf das Mädchen nie mehr einen Anspruch erhebst. Ich sagte in Deinem Namen bereits zu, was für Dich das Vernünftigste und unter den geschaffenen Verhältnissen einzig Richtige ist. Du mußtest, wie schon viele Andere, eine bittere Erfahrung machen — wirf sie von Dir und denke nicht mehr an die Unwürdige, die mit Deinen Empfindungen so schnöde gespielt hat."
Ferdinand schaute eine Zeitlang stumm vor sich hin.
„Vergessen soll ich und vergeben", murmelte er bann, „vergeben dem Ruchlosen, durch den ich um den schönsten Traum meines Lebens gebracht worden bin — damit, Vater, verlangst Du zu viel — ich werde ihn hassen mein Leben lang und ich hoffe, daß einst die Stunde schlägt, wo ich ihm die an meinem Herzen begangene Schuld heimzahlen kann."